Category Archives: Essen & Trinken

Allgemein Essen & Trinken Menschen

„Tante Mimser“ Teil 1

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Die kleine Stadt Oberkirch liegt am Eingang zum Renchtal. Das Haus meiner Großeltern steht dort noch heute. Es liegt schräg gegenüber der evangelischen Kirche. Dieses Haus hatten meine Urgroßeltern gekauft, die, tüchtig wie sie offensichtlich waren, in Schildigheim bei Straßburg eine Metzgerei betrieben hatten und schon bald zwei Häuser besaßen. Dann ging der  1. Weltkrieg verloren und das Elsass gehörte wieder zu Frankreich. Plötzlich hörte mein Urgroßvater, im Elsass drohe den Deutschen die Enteignung. Es wäre besser, er würde beide Häuser verkaufen. Tatsächlich war Matthäi am letzten. Eines der Objekte konnte gerade noch veräußert werden. Ein Freund, Lokführer bei der Eisenbahn, schmuggelte ihm das Geld aus dem Verkauf ins Badische. So kam es, dass meine Familie mit diesem Geld das Haus der ehemaligen Poststation in Oberkirch erwarb und darin ein Hotel nebst Restaurant betrieb, das sie den ‚Schwarzen Adler’ nannte.

Das Haus liegt an der Hauptstrasse, direkt in einer scharfen Kurve. Dort erlebte ich als Kind, aus dem Fester lugend, wie sich ein kleines Auto, ein Simca voller Elsässer, diese Kurve wohl etwas zu schnell genommen hatte, sich dann pendelachsenbedingt zur Seite legte, worauf die Insassen den Wagen durchs Fenster verließen, den Simca schnell wieder auf die Achsen stellten und die Fahrt fortsetzten. Doch war das nicht das einzig Bemerkenswerte an meiner Kindheit. Da gab es noch ein Faktotum namens ‚Schwab’, der aus Urloffen stammte und als Knechtsfigur irgendwie zum Inventar gehörte. Er soll, so die Erzählung, mich als Kind unbändig geliebt haben. Weiter verwöhnte mich ein älteres Hausmädchen namens ‚Wieg’, nicht zu vergessen auch der erste Freund meiner Kindheit, der Uhrmacher Müller, bei dem ich auf dem Boden sitzend, von Zeit zu Zeit glücklich einen alten Wecker auseinanderschrauben durfte.

Seinen Vater nannte man damals aus heute nicht mehr nachvollziehbarem Grund ‚Quatre Vingt’. Ihm ging der Ruf voraus, er könne aus dem Fluss, der Rench, Forellen mit bloßer Hand fangen. Soweit hatte es sein Sohn, mein erwachsener Uhrmacherfreund, noch nicht gebracht. Der hatte sich vorerst einmal die dunkelhaarige Bedienung meiner Großmutter gefischt, mit der er ein Techtelmechtel pflegte. Sie hieß Elisabeth und muss wohl als irgendwie rassig gegolten haben, denn sie trug, wie die Zigeunerinnen auf zeitgenössischen Ölgemälden, große goldene Ohrringe und zudem noch schwarze Unterwäsche, die zu meinem knabenhaften Entzücken, allwöchentlich zum Trocknen an der Wäscheleine hing. Weiter gab es da noch eine ältere Dame, die – ich erinnere mich schemenhaft – auf dem riesigen Speicher des ‚Schwarzen Adler’ wohl eine Wohnung, tatsächlich aber eher eine Art Verschlag, bewohnte.

Das war Wilhelmine Rösch, auch die ‚Röschin’ genannt.

Diese Frau Rösch, von anderen auch noch Mimi genannt, betrieb in den frühen Sechzigerjahren eine Art Kiosk im ‚Städtl’. Dieser Kiosk lag eher versteckt in einer Gasse, die zum Kirchplatz führte. Der Kiosk bestand aus einem kleinen Raum, der ein Fenster nach draußen besaß. Dort, im Halbdunkeln, verkaufte sie neben allerlei Krimskrams vor allem Zeitschriften, darunter die ‚Bunte’, ‚Burda Moden’, auch die ‚Praline‘ und jede Menge Kreuzworträtselhefte. Unter den vielen Journalen, die dort zu haben waren, gab es bereits auch schon den ‚Spiegel’, was Wilhelmine Rösch bei den Honoratioren, die sich im Schwarzen Adler zum allwöchentlichen Stammtisch trafen, den Ruf eintrug, eine Intellektuelle zu sein.

Einer ihrer Kunden war der Obstgroßhändler Langenmeier, der, so stellte ich beim Sichten des Nachlasses meiner Großmutter fest, den ‚Spiegel‘ abonniert hatte und eigentlich jeden Artikel – mit seltenen Ausnahmen – von vorne bis hinten unterstrich, um nach abgeschlossener Lektüre das üppig bemalte Journal anschließend dem Hause großmütig zur allseitigen Erbauung zu überlassen. Dort lagen dann die Hefte im sogenannten Frühstückszimmer, und jeder Gast sah sich vom Obstgroßhändler Langenmeier also intellektuell an der Hand genommen, galt es, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Frau Rösch hatte sich, soweit mir erinnerlich, nie zum Inhalt des ‚Spiegel’ geäußert. Deutlich in Erinnerung ist mir aber noch ihr Parfum, das damals wohl ‚4711 Kölnisch Wasser’ war und das in der den älteren Damen gemäßen Geruchsrichtung ‚Tosca’ entweder durch tupfen aufgetragen oder aus einem Flacon versprüht wurde. Hier vermischt sich rückblickend die Erinnerung an ihren schon deutlich gefältelten Brustansatz. Da könnte ich jetzt auch noch an das Spitzentaschentüchlein denken, das, mit Klöppelrand, den Eau de Cologne Duft aufgenommen hatte, um ihn an entlegenerer Stelle zu konservieren.

Was damals noch aktuell war, ist, rückblickend betrachtet, der Duft von Gestern, der da vom Speicher herunterzog und in Person der Röschin allwöchentlich präsent war. Denn der Stammtisch der älteren Herren – von denen man sich nie vorstellen konnte dass sie je jung gewesen waren – rief immer nach Wilhelmine Rösch. Besuchte ich meiner Großmutter, war es an mir, Wilhelmine Rösch als eine Art kindlicher Emissär zur Teilnahme an der abendlichen Gesellschaft zu bitten. Sie war die einzige Frau, die, ohne je die Eifersucht der daheimgelassenen Gattinnen zu erregen, an den runden Tisch gebeten werden durfte. Die Glückliche.

 

 

Allgemein Essen & Trinken Menschen

„Tante Mimser“ Teil 2

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Im Amerika der 50er Jahre  gab es eine Gesellschaftsdame namens Elsa Maxwell. Sie war, wie aus alten Illustriertenfotos ersichtlich, von ähnlicher Statur wie die Röschin. Ebenso altfüllig, sah man sie meist im Kreise prominenter Amerikaner und Amerikanerinnen. Sie war wohl, wie zu lesen war, die Beichtmutter einer ganzen Promigeneration. Sie war gebildet und unterhaltsam. Von einem reichen Gönner gefragt, womit er ihr eine Freunde machen könnte, hatte sie ‚Kreisler’ gesagt, worauf sich Tage später ein chromblitzender Chrysler Straßenkreuzer von ihrer Tür fand, nicht ahnend, dass die beschenkte Adressatin den Geiger Fritz Kreisler gemeint hatte. Jedenfalls war man in Amerikas High Society froh um ihren Rat und ihre Diskretion.

Es muss sich aber auch in den damals von Wilhelmine Rösch vertriebenen Zeitschriften Hinweise auf ebendiese Elsa Maxwell gegeben haben, denn eines nicht so schönen Tages fand sich, was damals noch völlig unüblich war, an der Hauswand des Schwarzen Adler hingeschmiert der Satz: „Wilhelmine Rösch, die Elsa Maxwell vom Renchtal“.

Dies führe ich nur an, um die Bedeutung der Mimi zu bebildern. Jedenfalls freuten sich die älteren, den Krieg überlebt habenden Herren, sie in ihrem Kreis zu wissen, sie, mit ihrem Geist und ihrem Gespür für Klatsch und Tratsch. Da sie nie und nimmer genug Geld gehabt hätte, sich den abendlichen Klingelberger leisten zu können, durfte sie sich immer als eingeladen betrachten. Gegenteiliges ist jedenfalls in der Chronik des runden Tisches, dem sie angehörte, nicht verzeichnet. Wer hatte bezahlt? Davon ist nichts vermerkt. Man hatte es gern diskret.

Wer aber waren diese spendablen, damals schon etwas älteren Herren? Mir als Kind waren sie jedenfalls so erschienen. Ich kann mich aber täuschen. Früher war man früher alt. Jedenfalls waren sie alle Mitglieder eines honorigen Herrenstammtisches, um dessen Rund sich Angehörige der besseren Stände versammelten. Ihre Namen sind alle verzeichnet in drei massiven Bänden, die, von dunkelbraunen Schubern geschützt, pünktlich und detailliert auflisten, wer wann da war, wo er saß und über was gesprochen wurde. Die Bücher waren Teil des von mir angetretenen nicht eben großen Familienerbes, das ich allerdings gern noch um das Rezept der von meiner Großmutter alljährlich gebackenen Weihnachtsplätzchen namens ‚Nussnester’ ergänzt gesehen hätte. Was aber nicht der Fall war. So blieben mir, neben wenigen anderen Dingen, nur diese drei Bände, in denen ich blättere und deren letzter Band der Beginn einer Ära einläuten sollte.

Am 3.11.1966 z.B. hatte man über dieses und jenes gesprochen. Es war der Geburtstag „unserer lieben Frau Schirmann“, meiner Großmutter. So trank man „auf ihr Wohl mit ihrem Sekt“. Da traf es sich gut, dass die Herren Langenmaier, Egelhaaf, Lehrke und Rhein da waren, eine eher kleine Besetzung. Dr. Bohrmann blieb entschuldigt „als krank“ fern („gestern konnte er noch massieren“), und Herrn Apelt, der in der Regel die Chronik führte, weilte im 40 Km entfernten Baden-Baden. Dort machte man, konnte man sich’s leisten, gern im ‚Brenner’s Parkhotel’ ein paar Tage Urlaub. Die Woche drauf aber war er wieder da, und so konnte die Kladde vermerken, dass es „Gute Unterhaltung gegen Schluss 11 h mit Apelt“ gegeben hatte. Empörung äußerte man allenthalben, dass die FDP mit ihren vier Ministern aus der Regierung Erhard ausgeschieden sei, und man bescheinigte ihr damals einen „Mangel an Gesinnung und Charakter“.

Frau Rösch ist als ‚anwesend’ nie gesondert vermerkt, aber am 17.11.1966 widerfährt ihr große Beachtung. Leider, muss man sagen. Der Band Nr. 3 vermerkt tatsächlich ihren Namen, der ausnahmsweise wie all die anderen Namen über die Jahre, am runden Tisch mit eingezeichneter Position vermerkt worden war. Eine Ausnahme, wie es scheint, denn der Anlass war ein traurig Besonderer. „Von 21h-23h in Frische und bei guter Unterhaltung, sank unsere liebe gute Frau Rösch unerwartet zur Seite. Gestützt von mir und Dr. Bohrmann (offensichtlich war Dr. Bohrmann an besagtem Tag wieder zum Massieren gekommen d.V) – konnte sie sich nicht mehr erheben. Der Tod hatte sie ereilt“.

Man wird nicht umhingekommen sein, auch die Scherben ihres Glases aufzulesen, denn wie mir meine Großmutter Jahre später noch erzählte, hatte die eben Verblichene, bevor sie fiel, noch den halbvollen Römer erhoben. Aus der Nachbarschaft herbeigerufen war dann ein Herr Dr. Kessler erschienen, dem aber nicht mehr zu tun blieb, als den Heimgang der doch irgendwie glücklich aus dem Leben Geschiedenen zu konstatieren.

So kam es denn auch noch, dass durch die Todesanzeige, geschalten von einer Verwandten namens Martha Riese-Weingart, die meines Wissens nie zuvor in Erscheinung getreten war, alle Welt erfahren sollte, dass Frau Wilhelmine Rösch im Leben offensichtlich auch noch ‚Tante Mimser’ genannt wurde.

 

 

Allgemein Essen & Trinken Menschen

Die gelbe Gefahr

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Der Ortenauer – ein Opfer der Globalisierung?

Die Ortenau gilt im Allgemeinen als ein gesegneter Landstrich. Die Felder fruchtbar, der Wein stark. Von den saftigen Äpfeln und von Birnen  hier gar nicht zu reden. Auch die Erdbeeren werden allseits geschätzt, man findet sie sogar auf dem edlen Viktualienmarkt in München. Fülle und Wohlgeschmack wohin man schaut. Fünf Jahre Frieden, heißt es, und der Bauer fährt mit einem goldenen Pflug durch Feld. Kein Wunder, dass sich auch die Einwohner dieses gesegneten Landstrichs in einem behaglichen Wohlstand gefallen.

Doch Vorsicht – natürlich gibt’s auch in der doch an sich so reichen Ortenau Zeugnisse von Armut. Auch hier, zwischen Lahr und Karlsruhe, gibt’s Menschen, mit denen das Leben, wie man so sagt, es nicht immer gut gemeint hat. Auch hier finden wir Menschen, die widrige Umstände wie Arbeitsplatzverlust, Trennung vom Partner usw in die Armutsfalle getappt sind. Und dann gibt’s hier natürlich auch noch die sog. Armen im Geiste. Auf diese soll hier aber nicht näher eingegangen werden.

Natürlich ist es ein bisschen verpönt, jemanden einfach so als ‚arm’ zu bezeichnen, und doch sollten wir eine bestimmte Personengruppe hier gesondert anführen. Diese müssen wir ausdrücklich als arm bezeichnen. Ja, vielleicht gehören sie zu den allerärmsten.

Das ist insofern verwunderlich, als dass diese Menschen auf keinem Fall wirklich arm genannt zu werden verdienen, und schon gar nicht sind sie arm im Geiste. Und dennoch sind sie es trotzdem. Wir müssen das so ausführlich sagen, denn sie verdienen im Schnitt außerordentlich gut. Sie sind tüchtig und können sich – wie man so sagt – durchaus etwas leisten. So gesehen also Stützen der Gesellschaft. Warum also nennen wir sie dann arm? Besser sollte man vielleicht sagen: sie sind arm dran.

In der Tat können sie einem Leid tun. Denn was sie dort treiben ist – man wird uns diesen Ausdruck nachsehen – ein Scheissgeschäft. Aber einer muss es ja machen. Und da man ihnen dieses Geschäft offensichtlich zutraut, habe sie es nun mal halt an der Backe. Im Moment ist dieses Geschäft wg des derzeit in China grassierenden Virus zurückgegangen, aber sobald der Virus besiegt ist, sieht man den wieder im Dienste des Geschäfts bei Edi Baier sitzen. Normalerweise sitzt man dort gern, vor allem im Sommer, wenn der Biergarten mit seinen Platanen den Gästen beim Trinken Schatten bietet. 

Doch was den normalen Gast erfreut, sieht manch einer ganz anders. Denn er ist sozusagen zwangsverpflichtet. Er sitzt dort im Dienste des Geschäfts. So gesehen ist er der einzige, für den der Besuch des Gasthauses ein Muss ist. Wo andere freundlichen Nachbarn zuprosten, ist sein Los ungleich härter. Er ist in Gesellschaft von chinesischen Geschäftspartnern, mit denen sein Betrieb geschäftliche Kontakte pflegt. In China hat es sich nun mal rumgesprochen, dass es so etwas wie eine ‚German Beer Culture’ gibt. Da man diese Geschäftskunden bei Laune halten muss, gehört der Besuch des Bierlokals zum festen Programm der Chinesenbespassung. Wer bei unbegrenztem Etat in Gesellschaft von stundenlang nickenden und immer lächelnden Menschen seinen Feierabend verbringt, weiß, wie hart es sein kann, um globale Märkte zu kämpfen.

Da gehört die Schweinshaxe zu so einem Abend wie, sagen wir mal, die Kopfwehtablette zum Junggesellenabschied. Selbst die an sich recht zierlichen Chinesinnen stellen sich mit ihren kleinen, weißen Zähnchen der Herausforderung einer brutal harten Kruste, nicht ohne sich zuvor lang und breit rund um die Schweinshaxe versammelt zu haben, bis das Selfie vielleicht heiß, die Haxe aber garantiert kalt ist. Macht nix. „German Sake“ sagt unser Geschäftsführer und ermuntert seine Gäste zum fleißigen Zuspruch. Jetzt gibt es erst mal eine Runde ‚Himbi’. „You must try“, sagt er und schaut sich schon mal nach einem Blumenstöckchen um, in das er unbemerkt seinen Schnaps schütten kann. Er muss Gas geben. Denn er weiß, dass nur der kräftige Alkoholgenuss seiner Gäste ihn vor dem Martyrium einer endlosen, in quälendem Pidgin English geführten Konversation erlösen wird.

Doch hat die Braukunst dem klugen Gastgeber noch eine weitere Waffe in die Hand gegeben hat. Der bereits jetzt schon ziemlich aufgekratzte Chinese oder – in seiner weiblichen Form – die Chinesin hatten sich bis dato bei einem Pils schon mal warm getrunken. Jetzt regt der spendable Gastgeber an, dass die Gäste aus dem fernen Lande noch unbedingt die Spezialität des Hauses probieren sollten. Der Außenstehende erkennt natürlich sofort die Absicht: um das Ganze nicht unnötig in die Länge zu ziehen, soll hier noch einen Gang hochgeschalten werden. Und in der Tat sind die Chinesen von Starkbier so angetan wie weiland die Indianer vom Feuerwasser. Es ist der Ulmer Bock, der in je verschiedenen jahreszeitlich abgestimmten Geschmacksrichtungen aus dem Zapfhahn fließt. Mal gibt’s das Bier als Maibock, mal als Winterbock. Und dann auch noch als Eisbock, der mit seinem Alkoholgehalt von 7,5% dazu führt, dass der Alkohol dem an sich schon freundlichen Chinesen das Lächeln förmlich ins Gesicht meißelt.

Im Laufe des Abends wird dieses Lächeln dann zunehmend maskenhafter. Zudem fällt auf, dass die Gäste aus dem fernen Lande verstärkt die Toilette aufsuchen. Auch wenn man allseits bestrebt ist kulturbedingt das Gesicht zu wahren, so erkennt der erfahrene Mittelständler, dass sein Leiden bald ein Ende haben wird. Gottseidank! Draußen vor dem ‚Bauhöfer’ dann ein letztes Winken, wobei der arme Ortenauer hofft, dass das Winken der Gäste seine Fortsetzung findet im verdienten Winken von Aufträgen.

Dann hätte sich wenigstens ausgezahlt, dass er einen ganzen Abend lang arm dran war.

 

 

 

Allgemein Essen & Trinken

Heiße Marke

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Es ist nun schon eine ganze Weile her, dass hier berichtet wurde, dass aus der Pfalz mal wieder ein richtiger Knaller kommt. Es begab sich nämlich, dass man dort, jahreszeitgemäß, also im Sommer, ein Leberwursteis entwickelt hatte.

Nun wollen wir hier ausdrücklich nicht auf diesen blöden Witz Bezug nehmen, der da lautet: „Es ist 15 Meter lang und riecht nach Leberwurst – was ist das?“ Um dann alle rufen zu hören: „Ein Bus voll Pfälzer“. Solche Kalauer lehnen wir ab, wenngleich sie uns schon zu denken geben. Mit so einem geschmacklosen Gag ist in diesen Tagen Gottseidank auch kaum zu rechnen, wenn wir – ebenfalls aus der Pfalz – gemeldet bekommen, dass dort auch in diesen Tagen wieder eine GLÜHWEINKÖNIGIN vor ihr Volk tritt.

Sie heißt Sarah Schmitt und kommt aus Konz. Der Glühwein hat also auch dieses Jahr wieder  ein Gesicht bekommen. Diese famose Marketingaktion gibt es allerdings schon seit 2008, ist mithin nicht ganz neu. Seit 2008 kämpft man in der Pfalz gegen das liederliche Image des Glühweins, von dem viele glauben, er sei von Haus aus „süß, klebrig, pappig“. Lassen wir jetzt mal weg, dass wir nicht so recht wissen, was ‚pappig‘ meint. Wahrscheinlich aber dürfte das schlechte Image des Glühweins darin begründet liegen, dass es sich häufig genug bei dem ausgeschenkten Wein um gepanschte, minderwertige Ware handelt. Das würde darauf hinauslaufen, dass wir bisher einen rechten Weinbastard im Weihnachtsmarkt-Becher hatten.

Das mag überall so sein. Nicht aber in der Pfalz. Dort weist jede Glühweinkönigin in jedem einzelnen Interview, also immer wieder darauf hin, dass die wirkliche Basis dieses warmen Schoppens aus einem soliden, guten Pfälzer Wein bestehen sollte. Und da sie als Repräsentantin dieses vorweihnachtlichen Genussmittels im Auftrag der ‚Arbeitsgemeinschaft Trierer Weihnachtsmarkt‘ unterwegs ist, ahnt sie sicherlich auch, dass sie selbst mittlerweile eine beim Bundespatentamt eingetragene Marke ist. So vergisst sie auch nie hinzuzufügen, dass man als Wein am besten den Pfälzer ‚Dornfelder‘ nehmen sollte. Denn auch der ist beim Bundespatentamt eingetragen. Noch nicht eingetragen ist der obligatorische Interviewzusatz, dass sie als Glühweinkönigin nach einem Becher des ‚alkoholischen Heißgetränks‘ immer ‚auf Kinderpunsch umsteigt‘.

Falls sich nun eine Leserin berufen fühlen sollte, in die Fußstapfen der diesjährigen Glühweinkönigin zu treten, gilt es zu beachten, dass für die Glühweinkönig dasselbe gilt wie für den Basiswein: auch sie sollte das Prädikat ‚sortentypisch‘ tragen.

Allgemein Auswärts Essen & Trinken Menschen

Jetzt aber mal ernsthaft – Teil 1

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Kürzlich widerfuhr mir in einem Telefonat wirklich Seltsames. Als ich einen Unternehmer anrief, um zu fragen, ob ich über ihn und sein durchaus interessantes Unternehmen einen Beitrag schreiben dürfe, ging er auf die Homepage des BADENBLOGGER und sah da unser Motto: „radikal und objektiv“. Daraufhin schien er nachhaltig verstört. Kann uns egal sein, dachte ich. Wir brauchen keine Werbung. Wir sind ein durch und durch unabhängiges Medium. Und doch machte es uns nachdenklich, und wir beschlossen, immer mal wieder etwas zu schreiben, was nicht unbedingt ‚radikal‘, trotzdem aber ‚objektiv´ ist. So recht wissen wir noch nicht, was wir damit meinen, aber uns wird schon etwas einfallen. Lass Sie sich das gesagt sein!

So. Jetzt fangen wir schon mal an.

Wer wollte bestreiten, dass die Südpfalz ein durch und durch liebenswerter Landstrich ist. Die Menschen sind voller Herzlichkeit, die Hänge voller Wein. Wenn dann noch, wie kürzlich in Rhodt unter Rietburg, alle gemeinsam das ‚Fest des neuen Weins’ feiern, ja, da kann einem so richtig das Herz aufgehen. Dazu gehören der Riesling und die Leberknödel, das Sauerkraut und die Krumbeere! An so einem wunderbaren Spätsommersonntag hockt man dann in einer gemütlich dekorierten Hofeinfahrt und lässt beim Trinken und Schwätzen – wie man so sagt – den lieben Gott einen guten Mann sein. Dieser Ansicht sind auch die mit mir am Tisch sitzenden zwei befreundeten Ehepaare, die nun schon im elften Jahr aus Aachen hierher kommen, um immer wieder in derselben Pension Ferien zu machen. Langweilig wird das nie, erzählen sie. Alle sind begeistert, vor allem, da man durch die jüngst in Mode gekommen E- Bikes seinen Vergnügungsradius massiv erweitern konnte. Glück ohne Ende, jedenfalls soweit der Akku reicht.

Man spricht also über dieses und über jenes, z.B. auch über den Karneval daheim, über die Jecken, die ausgelassene Freude, den ‚Zoch’ (Karnevalumzug) und natürlich auch über die Kamellen, die von den Wagen Kiloweise auf die Jecken geworfen werden. Aber, und jetzt kommen wir zum ernsthafteren Teil unserer Ausführungen, es ist nicht mehr so wie früher. Etwas hat sich geändert. Der plötzlich ernsthaft gewordene Jecke nimmt noch einen Schluck. Ja, es hat sich was geändert. Die Leute wollen keine Kamellen mehr. Keiner hebt sie mehr auf. Früher – ja, früher, waren die Straßen leer von Kamellen. Keine Kamelle blieb liegen, jede einzelne wurde aufgehoben. Heute hingegen wollen die Leute Schokolade, Mars und all das ganze Zeug. Kurz: es klang nach Werteverfall. Mein Gott, dachte ich: was soll aus dem Karneval werden, wenn die Menschen nur noch ‚Ritter Sport’ glücklich macht? Man kennt den Rheinländer ja eher so aus der Ferne und so bot sich die eine Frage geradezu an: warum bleibt die rheinische Kamelle neuerdings liegen?

Der Grund, sagt mein Mittrinker und nimmt noch einen Schluck, der Grund (jetzt blickt er fast so traurig wie ich) liegt an den Ausländern, den Asylanten. Sie wollen sich nicht bücken. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sie von uns – er sagte ‚von uns’, mich also mit eingerechnet (Volksgemeinschaft) – „alles vorne und hinten“ reingeschoben bekommen.

Er meint doch hoffentlich nicht die Kamelle?

 

 

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