Category Archives: Kultur

Allgemein Essen & Trinken Kultur

Das flüchtige Glück

Published by:

In Baden-Baden: Rauchzeichen an der Oos

Nicht auszuschließen, dass kürzlich jemand gesehen hat, wie überm ‚Atlantik’ Rauch aufsteigt. Das wäre an jenem Abend gewesen, an dem in Baden-Baden das Zigarrengeschäft Barbarino zur – nun ja, man kann es so sagen – Verkostung von Zigarren ins gleichnamige Hotel geladen hat.

Der Rahmen, in dem das Event stattfindet, ist irgendwie englisch, eine Art Herrenzimmer. Das Ganze also überaus passend. Der Raum präsentiert sich distinguiert; an den Wänden aus getäfeltem Holz hängen Ölgemälde. Es ist, als blickten Ahnen auf die hier Sitzenden herab, die, tief in ihren Lederfauteuils versunken, sich auf den nächsten Zug aus der Zigarre zu freuen scheinen.

Gabriele Peters ist seit zwei Jahren im Barbarino angestellt. Sie hat den Abend initiiert, eine Art diskretes Arrangement, mit dem sie den zunehmenden Trend zum Genussrauchen entschlossen befeuern will. In diesem Kreis hat das Rauchen von Zigaretten etwas zunehmend grundschichtiges. Vorbei die Zeit, da Oscar Wilde schrieb, die Zigarette sei der vollkommenste Ausdruck eines vollkommenen Genusses. „Sie ist köstlich und lässt unbefriedigt“, formulierte er. Doch es scheint, als hätte die Zigarre deren Platz eingenommen. „Mit Stil rauchen“, postuliert Gabriele Peters als Genussziel und schließt die Frauen erfreulicherweise gleich mal mit ein.

Denn je mehr die Zigarette verteufelt wird, desto mehr positioniert sich die dicke, große Schwester mit ihrem Deckblatt am ganz anderen Ende. Da beschäftigen einen ganz wichtige Themen wie etwa: wie schneidet man eine ‚Piramide’ an, eine ‚Torpedo’ oder gar eine ‚Belicoso’? Und was macht man mit einem „Ringelschwänzchen“? Wie steuert man die Geschmacksintensität, wie das Zugverhalten?

Mehr als verständlich, dass man den gesetzlich vorgesehen Aufdruck auf den Zigarrenkisten („Rauchen erblindet“) mit großer Nachsicht übersieht. Allenfalls merkt man an, dass man froh ist, nicht noch vom Krebs befallene Organe aufs Auge bedrückt zu bekommen. Es ist der entschlossene Wille zum Genuss, der an diesem Abend das Auge lenkt. Allfällige Warnungen fallen da nicht mehr ins Gewicht. Man raucht in einer anderen Welt.

Wer sich an diesem Abend zu genussvollem Tun zusammenfindet versteht sich als Wertegemeinschaft, wie etwa diese zehn in einer Runde sitzende Herren, die sich so formlos wie eisern in regelmäßigen Abständen im Zeichen des Rauches treffen, und, befeuert vom eben diesem, die Weltlage oder weißgottwasnochsoanliegt erörtern und sich ansonsten weiteren Beitrittswünschen verweigern.

Immerhin treten sie an besagtem Abend vor eine kleine rauchende Öffentlichkeit, die eines der Mitglieder dann allerdings nutzt, sich engagiert dem dichterischen Schaffen Wilhelm Buschs zu widmen, in dem er dessen Verse zum Vortrag bringt. Ein kurzes Intermezzo, um sich danach umso lustvoller den Verführungen des Abends zu widmen. Z.B. einer ‚Casagrande’ aus Costa Rica oder etwa der ‚Per Domo’ aus Nicaragua, die, achtzehn Monate lang in ausgemusterten Bourbonfässern gelagert, das Recyceln von Wertstoffen als lust- und geschmacksvolle Erfahrung vermittelt.

Abgerundet wird das Ganze durch einen „97er und 98 Island Single Malt Scotch Whisky“, der, sitzend genommen, manch einer der älteren Genussjünger noch weiter in die Sessel rutschen lässt. Von hinten betrachtet erweckt das bisweilen den Eindruck, als würde der Rauch aus der Sessellehne kommen, kurz bevor er sich endgültig aufmacht, den Raum zu verlassen, ins Freie zu ziehen, um dann überm ‚Atlantik’ kurz stehen zu bleiben.  

Und manch einer blickt dem Kringel sinnierend nach, als schaute er zu, wie ein Traum sich in Rauch auflöst.

 

Allgemein Blättern & Rauschen Kultur Menschen

„Es spricht nicht!“ – Neues von der Reinigungskraft !

Published by:

Also diese Reinigungskräfte…!

Frau Herta Gebert heißt die unsere, und wir hatten verschiedentlich über sie berichtet. Vielleicht ist durchgedrungen, dass ihre Fähigkeiten am Wischmop eine merkwürdige Entsprechung finden im Geschriebenen, das sie uns von Zeit zu Zeit auf den (abgestaubten) Tisch legt. So erst jetzt wieder, als sie mit einer – nun ja – kleinen Kurzgeschichte aufwartete, die uns so gefallen hat, dass wir sie hier gern auf unserer Website platzieren. Es scheint sich um eine Geschichte aus dem Leben ihrer Familie zu handeln, was umso erstaunlicher ist, als dass sie über ihre Familie bis dato nie ausführlich gesprochen hatte. Da kann man mal sehen!

Hier also die kleine Geschichte:

 

 

 

Es spricht nicht                                                                                                           

Vater spricht, Mutter spricht, aber das Kind spricht nicht. Da hilft auch kein aufmunterndes Lachen; weder Musik, Rufen, Scherzen – keine Reaktion. Das Kind, das demnächst drei Jahre alt wird, bleibt stumm. Zwar hat man den Eindruck, dass es mit seinen dunklen Augen die Welt draußen durchaus wahrnimmt. Besonders wenn es Bobbycar fährt meinte man von ihm schon leise, an ein Motorgeräusch erinnernde Geräusche gehört zu haben. Das wohl. Nur sprechen tut das Kind nicht.

Das ist umso bemerkenswerter, als dass seine zwei Jahre ältere Schwester in ihrer sprachlichen Entwicklung einen altersgerechten Verlauf verzeichnet. Sie ist lebendig und aufgeweckt undredet mit allen. Mitunter wird es einem fast schon zu viel, weshalb die Nachbarin einmal anmerkt, das Mädchen plappere ständig. Man kann es halt niemandem recht machen, denkt die Mutter und schweigt.

Und doch bleibt das Schweigen des anderen Kindes ihr eine ständige Sorge. Dabei lässt sie nichts unversucht.

So hatte das Kind erst neulich einen bunten Plastik-Laptop von „Toys are us“ geschenkt bekommen. Als dessen herausragende Eigenschaft erweist sich seine Fähigkeit zu einer Art Kommunikation mit dem Menschen. Dabei handelt es sich um eine Art ‚Frage – Antwort’ Spiel. Das in kindgerechten Farben gehaltene Gerät vermag auf eine vom Kind gestellte Frage weitestgehend sinnvolle Antworten zu geben. Diese liegen im Inneren des Gerätes auf einer Festplatte bereit.   Fragt das Kind z.B. seinen Laptop: wo ist deine Mutter? Dann erhält es zur Antwort: in der Küche. Die Frage nebst dazugehöriger Antwort wird sodann von dem Spielzeug mit einem jauchzenden Geräusch belohnt.

 

Aber auch andere Fragen sind möglich. Etwa nach dem derzeitigen Aufenthaltsort des Vaters. Bei dieser Frage wartet das Gerät sogar mit zwei möglichen Antworten auf. Entweder sagt eine quäkende Stimme: „Er ist im Kontor“ oder aber „Das Auto ist in der Werkstatt“. Auch dann gibt’s wieder ein jauchzendes Geräusch zur Belohnung. Offensichtlich alles richtig. Kurz: eine Fülle von Möglichkeiten könnte einem jungen dialogbereiten Menschen den Weg aus der sprachlichen Isolation weisen. Das ist viel Aufwand; das Gerät war ja auch nicht billig.

Doch alles vergeblich. Das Kind bleibt stumm.

Einmal versucht es die Familie mit einer aufwändig inszenierten Geburtstagsfeier. Doch zeigt es sich, dass die Anwesenheit so vieler möglicher Spielkameraden in der Wohnung das Kind eher verschreckt, als es zum Sprechen zu verleiten. Auch während der Feier, in Anwesenheit unzähliger Spielkameraden, geht eine seltsame Stille von ihm aus.

Eines Tages aber bemerkt die Mutter, dass der Kleine mit großem Interesse in einer Modezeitschrift blättert. Offensichtlich hat die dort abgebildete Trachtenmode seine ganze Aufmerksamkeit erregt. Doch selbst der Besuch von Loden-FREY und der Ankauf eines kleinen putzigen Trachtenanzugs vermag die Situation nicht nachhaltig zu verbessern. Angesichts der nach wie vor unbefriedigenden Situation rät der Kinderarzt, das Kind in eine Kinderkrippe zu geben. Doch sollte es nicht eine x-beliebige sein. Er hat das ‚was im Auge, wie er sagt..

Und in der Tat scheint es sich dabei um eine Einrichtung zu handeln, die ihren exzellenten Ruf auch verdient. Helle, freundliche Räume, zudem pädagogisch geschultes Personal, kurz: eine Umgebung, der man sein Kind gern anvertraut. Zudem – sagt die Krippenleiterin – stünde immer ein Arzt bereit, falls die Situation es erfordere, was aber noch nie vorgekommen sei. Sie ist eine diplomierte Sozialpädagogin. Aber, fügt sie hinzu – man weiß ja nie. Und: sicher ist sicher. Darüber hinaus empfiehlt sich die Einrichtung durch einen wirklich großen Parkplatz, ist also mit dem Fahrzeug leicht anzufahren. Aber auf eines, sagt die Leiterin, muss sie jetzt aber noch unbedingt hinweisen, und sie wisse nicht, ob sie, die Mutter des Kindes, das schon weiß: es ist eine englischsprachige Einrichtung, d.h., man spricht mit den Kindern ausschließlich englisch.

Nach Rücksprache mit ihrem Mann entschließt man sich, das Kind in die Hände des Hortes zu geben, wo es dann auch aufs freundlichste aufgenommen wird. Selbst nach einer Woche vermag die Leiterin der englischsprachigen Krippe auf Nachfrage nichts Verhaltensauffälliges an dem Kind feststellen. Nur sprechen tut es halt noch nicht.

Durchaus nicht unwillig, lässt es sich täglich von seiner Mutter morgens in die Krippe chauffieren und gegen Spätnachmittag nach Hause verbringen. Auch spielt es fleißig mit den anderen Kindern. So weit wäre also alles in Ordnung.

Leider aber bleibt das Kind auch weiterhin stumm.

Bis an einem hellen, kalten Sonntagmorgen. Die Sonne wirft ihre klaren Strahlen durch das noch mit Weihnachtssternen dekorierte Fenster des Kinderzimmers. Träumerisch an einem Faden von der Decke hängend, baumelt vor dem Fenster ein geschliffener Glasstein. Er bündelt die Sonnenstrahlen und projiziert regenbogenfarbene Lichtflecken an die weiße Wand. Alles ist still.

Da kann man deutlich hören, wie der Kleine sagt: „Yes, Sir“.

Die Mutter blickt auf, aber sie versteht nicht. Sie kann kein Englisch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

/

 

 

Allgemein Kultur Malen & Schnitzen

„…ich sei ein genialer Schweinehund…“

Published by:

Pinakothek der Moderne, Wittelsbacher Ausgleichsfonds, München © Georg Baselitz, 2018 Foto: © Bayer&Mitko – ARTOTHEK

…sagte der Lehrer zu Georg Baselitz. Jetzt ist der Künstler 80 Jahre alt geworden und präsentiert sein Werk  in der Fondation Beyeler in Riehen

Immer wieder eine Reise wert, die kleine Stadt Riehen, gleich bei Basel. So auch jetzt wieder in diesen vorfrühlingshaften Tagen am Oberrhein, wo einmal mehr die Fondation Beyeler mit einer Ausstellung lockt, die im vorliegenden Fall Georg Baselitz gewidmet ist, dessen Ruf sich in der Ausstellung spiegeln darf. Einfach groß.

Wie oft bei solchen Pressekonferenzen ein frappierend sich ähnelndes Bild des großen Feuilletonauftriebs. Leicht verwirrt dreinschauende Altersmänner, im Dienst an der Kunst und deren Deutung grau geworden. Dann auch Damen aus fernen Redaktionen, die, den Notizblock in Händen, beim Sichten der Bilder spontan Auffallendes festhalten. Dann die schlanken Frauen, Kunstelfen, die ihre Jugend gekonnt in überaus geschmackvoller Kleidung präsentieren. Sie achten sehr darauf, dass neben dem kundigen Betrachten des Gebotenen, der Blick der anderen Besucher auch sie streift. Bella Figura. Und manch eine glaubte man später an der Seite eines in Ruhm ergrauten Malerfürsten als Muse gesehen zu haben.

Geht’s um die heute so wichtige mediale Vermittlung eines solchen Ereignisses dürfen auch die Kameraleute und Fotografen nicht fehlen, die meisten von ihnen auch im kulturbedingt ansprechendem Schwarz, allerdings etwas nachlässiger gekleidet; letztere mit chic zerzaustem Haupthaar. Sehr souverän auch der Großkritiker der WELT, der in seinen weinroten Cordhosen und mit Schal sich ebenfalls sehen lässt. Zudem ist er noch Textchef des Sonderheftes BLAU, das in diesen Tagen den Jubilar mit einer Sonderausgabe ehrt, wobei gesagt werden sollte, dass das Wort ‚Jubilar’ nie und nimmer vom Künstler geschätzt würde, denn dazu ist er, wie aus seinen Äußerungen hervorgeht, bei allem verständlichen Selbstbewusstsein zu selbstkritisch, zu selbstironisch. Er hat es nicht nötig. Und der Anlass war ja auch entsprechend.

Foto: Matthias Willi

Georg Baselitz, am 23. Januar in Deutschbaselitz, Sachsen, geboren, wird 80 und erfährt eine Würdigung, die seinem Rang gemäß ist. Vergleichbar allenfalls mit den großen englischen Malern Lucien Freud, Francis Bacon und Frank Auerbach, bildet Georg Baselitz, zusammen mit Gerhard Richter und Markus Lüperts ebenfalls eine Art klassisches Triumvirat der großen deutschen zeitgenössischen Maler.

Jetzt also Baselitz, den die Fondation Beyeler bis zum 29. April in einer großen Schau – das Feuilleton würde ‚Retrospektive’ sagen – präsentiert. Zu sehen sind 90 Gemälde von 1959 bis 2017, angefangen von dem 1963 der Öffentlichkeit zum ersten mal gezeigten „Die große Nacht im Eimer“, das einen Gnom zeigt, mit übergroßem Phallus, dessen damalige Präsentation einem ‚Rums‘ gleicht. Hier hatte einer die Szene betreten, der sich keineswegs zu bescheiden gedachte, der um seinen Wert und um die Wirkung seines Auftritts wußte. Viel anderes folgte.

Herausgegriffen werden sollte das bekannte Bild „Fingermalerei – Adler“ von 1972, das zu seinen bekanntesten zählt. Ganz wichtig auch die Bilder, die, auf dem Kopf stehend, eine Periode umreißt, die man

Privatbesitz, © Georg Baselitz, 2

mit Baselitz geradezu in Verbindung bringt und deren Beginn man etwa 1969 ansetzen kann. Fast wäre man geneigt, dies zu seinem Markenzeichen zu erklären. Es ist, als emanzipierte sich die Malerei vom Gegenstand, als würde das Objekt sich in neuer Form präsentieren und erfahre dadurch eine neue Daseinsform. Ein bisschen irritierend ist das schon, vor allem, wenn der eine oder andere Besucher, in der Absicht, sich dem Bild konventionell zu nähern, den Kopf schief hält, um doch erkennen zu müssen, dass die menschliche Anatomie dieser Betrachtungsweise eine klare Grenze setzt…

In der Ausstellung dann aber auch zu sehen die Helden- und Frakturbilder, großformatige Holzskulpturen und auch die Bilder aus der Remix-Serie.

Wollte man sagen, dass es EIN wichtiges Zeichen eines großen Künstlers ist, dass er in seinem durchaus umfangreichen Schaffen nicht immer ein und dasselbe Thema variiert, sondern sich gleichsam häutet – dann ist das künstlerische Versprechen hier, in dieser großen Baselitz Schau, aufs Nachdrücklichste eingelöst.  

Allgemein Kultur Musik

„Freude in das Kinderland“

Published by:

Wie die Hohner Melodica einmal die deutschen Kinderzimmer zum Klingen brachte

Ein Herr Dr. Dorner war 1958 Leiter der Abteilung Metallbau-Akkordeon bei der Firma Hohner.  Um die Firma zukunftssicher zu machen, kümmerte er sich vorrangig um die  Entwicklung neuer Instrumente. Das Gestalten der Zukunft – eine durchaus verantwortungsvolle Aufgabe.

Und doch: wer Zukünftiges denken soll, darf den Blick ruhig auch einmal auf die Vergangenheit richten. Dort richtete sich sein Blick womöglich auf den  Urahn der Dynastie, Matthias Hohner, der 1833 geboren war und mit seiner Gattin Anna dreizehn Kinder hatte. Vielleicht war es gerade diese Vorstellung, dass in grauer Vorzeit – das Land war arm – auf der Baar dreizehn junge Münder am selben Blockflötenmundstück nuckelten? Jedenfalls reifte in dem Ingenieur, neben der Erfindung der Melodica, auch die Idee, das Instrument mit unterschiedlich farbigen Mundstücken auszustatten. So konnte man  drohende innerfamiliäre Verwerfungen vermeiden. Ein Kind, ein Mundstück.

So war es das Jahr 1958, als Hohner das erste Instrument der neuen Instrumentenreihe, die SOPRANO MELODICA, auf den Markt brachte. Ein Instrument mit „Stummeltasten“ aus der Familie der Blasharmonikas, das „den eingeblasenen Luftstrom durch Drücken einer Taste in eine Kanzelle fließen“ lässt, so der damalige Prospekt. Ihr Klang ähnelte schon damals dem Klang eines Akkordeons. Ansonsten liegt man nicht falsch, wenn man in einer Melodica die neuzeitliche Fortschreibung der Idee ‚Flöte‘ sieht. Nicht zu teuer, leicht zu transportieren, einfach zu spielen. Das Plastikinstrument schlug damals ein wie die sprichwörtliche Bombe. Das war schon mal ein guter, ein sehr guter Anfang.

Doch ließ der schöne anfängliche Erfolg die Entwickler nicht ruhen. Schon 1961 schob man eine neue Variante nach. Die PIANO MELODICA. Sie bot zum ersten Mal eine vollwertige Klaviertastatur, war also irgendwie ‚erwachsen‘. Und doch war 1975 die Konkurrenz noch hart wie Holz. 4,3 Millionen Menschen hatten sich der Blockflöten verschrieben, die mit ihrem freundlich frömmelnden Holzton vergleichsweise bieder tönte. Alsbald aber lagen über eine Million Melodicas in deutschen Kinderzimmern. Entweder vom Christkind gebracht oder vom Vati gekauft. Das deutsche Kind war jetzt im Melodica Rausch. Orchester bildeten sich, Kinder musizierten; in Kindergärten, in Schulen, in den Wäldern. Überall wurden jetzt Mundstücke fröhlich eingespeichelt.

Und wie immer mal wieder, hatte die Firma Hohner das Glück des Tüchtigen. So etwa, als eines Tages Stevie Wonder das Hohner Clavinett für sich entdeckte und der Firma einen wahren Verkaufsboom verschaffte. In den 80er Jahren war der Funk ohne das Clavinett kaum vorstellbar. Ob Stevie Wonders ‚Superstition‘, Tina Turners ‚Nutbush City Limits‘ oder Pink Floyd ‚Shine On You Crazy Diamond‘ – wenige Produktionen kommen zu dieser Zeit ohne das Produkt aus Trossingen aus. Selbst dann, als die westdeutschen Kinderzimmer eine gewisse Melodica – Sättigung erreicht hatten, wurde kräftig weiterentwickelt. Nun aber für gehobene Bedürfnisse. Es entstand das ‚Piano 36 Professional‘ und andere, denn jetzt – oh Wunder! – hatte die die Popwelt das Instrument entdeckt. UB 40, Joe Jackson und die Bots, die Hooters und Depeche Mode, sie alle sahen in der Melodica eine willkommene Abrundung ihrer Klänge. Glückliche Zeiten!

Heute ist die Produktlinie auf drei Sparten zusammengeschmolzen, darunter das Modell ‚Airboard‘ in seiner bunt-ansprechenden Farbgebung ‚Rasta‘. Andere sind hinzugekommen. Mittlerweile gibt es auch einen sog. Anblasschlauch, der das kinderverbindende Mundstück überflüssig macht – obwohl es noch auf Lager ist! Selbst die Firma Hammond, bekannt durch Ihre legendäre Hammond Orgeln, hat nunmehr ein ähnliches Instrument im Angebot, freilich ungleich teurer.

Die Firma Hohner aber, jetzt in taiwanesischem Besitz, entwickelt weiter. Neue Produkte kommen auf den Markt, aber man kann fragen, ob die Melodica zu alter Blüte findet. Neue Instrumente wurden seither entwickelt. Keyboards wurden billiger, in ihren Möglichkeiten vielfältiger. Heute werden pro Jahr noch etwa sechzigtausend Melodicas hergestellt, ein deutlicher Rückgang. Warum ist nicht mehr alles so wie früher?

Darüber haben schon viele räsoniert. Z.B. der kaum entnazifizierte Chronist des Hauses, August Lämmle. Der machte schon Mitte der sechziger Jahre in seinem Band „Matthias Hohner – Leben und Werk“ den „Rückgang der Kinderzahl in allen Kulturstaaten“ für derlei Trends verantwortlich. Dadurch sei das Geschäft nicht einfacher geworden, denn schließlich will die Industrie „doch mit ihren Erzeugnissen in erster Linie vor allem Freude in das Kinderland tragen“.

Allgemein Blättern & Rauschen Kultur Texte / Poesie

Der Dichtungsring – dritter Teil

Published by:

appllon-mit-lyraUm ehrlich zu sein: wir fanden das gestrige Gedicht von Frau Gebert über die Feiertage zwar vom Zeitpunkt her passend, zugleich aber auch wenig aufbauend. Im Übrigen haben wir uns gefragt, ob Frau Gebert das Gedicht selbst geschrieben hatte. Immerhin kennen und schätzen wir sie eher als Teetrinkerin denn als Freundin von starken Festtagsbieren. Jedenfalls baten wir sie, gerade auf das kommende Wochenende hin, uns lieber ein Zeugnis ihres eher heiteren Schaffens vorzuschlagen. Was sie denn auch gerne tat. Also hier ein neues Gedicht. Fröhlich, wie wir meinen, und gut konsumabel.

Ein schönes Wochenende!

 

 

Blüte und Kolibri

 

Die Blüte sieht den Kolibri

Und denkt, heut’ fliegt der Kurven so wie nie:

‚Der fliegt vielleicht ‚nen heißen Reifen,

als Blüte kann ich’s kaum begreifen.

Als gäb es Schwerkraft nicht und Wind;

Ich schätze mal, der Vogel spinnt’.

 

So spricht die Blüte inhaltsschwer –

Heut mag sie keinen Flugverkehr.

 

  • Archive

Visit Us On Facebook