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Allgemein Auswärts Essen & Trinken Kultur

Zwei Täler weiter

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Noch blüht er im Verborgenen: der Kraichgau. Ein Besuch.

Im Badischen gibt es Landschaften, die findet man nicht so einfach. Nach denen muss man eher ein bisschen suchen. Obwohl zentral gelegen, kann man sie leicht übersehen. Anders als z.B. der Kaiserstuhl, die Ortenau oder das Markgräferland liegen sie sozusagen im Windschatten der touristischen Aufmerksamkeit. Der Kraichgau ist eine solche. An der Landschaft kann’s nicht liegen, denn die, zwischen Karlsruhe und Sinsheim gelegen, ist sanft hügelig und wunderschön, also eine traumhafte Cabrio Strecke. Ihren südlichen Anfang nimmt die Landschaft in Karlsruhe, dessen Ortsteil Durlach bei der Expedition in die Heimat ein gutes Basislager bietet. Hier z.B. der „Blaue Reiter“, der, obwohl ein ‚Business Hotel’, mit einer komfortablen Bleibe aufwartet. Der Service ist überaus freundlich und individuell. Das Haus liegt in einer ruhigen Nebenstraße und hat zudem noch den Vorzug, neben sich noch einen Biergarten zu beherbergen, der, nicht übermäßig laut, zum Bierimperium ‚Vogelbräu’ gehört. Ins Bett danach ist’s nicht allzu weit…

Kloster Maulbronn

Doch sollte man sich nicht zu früh festsitzen. Es wartet – eh man’s vergisst! – der Kraichgau, den man sinnvollerweise zunächst einmal vom Süden her anfährt. Hier wartet auf den kunst- und historienbeflissenen, vielleicht auch frommen Besucher das Kloster Maulbronn, das als das kompletteste und besterhaltendste Kloster nördlich der Alpen gilt. Ein Film über Hildegart von Bingen wurde dort, in historischer Kulisse, gedreht.

Lässt man die wahrhaft beeindruckende Anlage schweren Herzens hinter sich, geht’s jetzt tief ins Herz des Kraichgaus, nach Knittlingen, ganz in der Nähe von Bretten gelegen. Ein historisch bedeutendes Städtchen, das sich zudem noch rühmen darf, der Geburtsort eines allseits bekannten Kraichgauers zu sein: Johann Georg Faust, Dr. Faust also, was soviel heißt wie ‚der Glückliche’.

Dr. Faustus. Noch vor der Explosion.

Die Handygeneration dürfte ihn nicht mehr kennen. Dieser Dr. Faustus jedenfalls war der Alchemie verfallen und diente ansonsten Johann Wolfgang von Goethe als Urgestalt seines ‚Faust’. Er starb 1541 in Staufen, vermutlich durch eine Explosion, was uns stets daran erinnern sollte, mit Böllern sorgfältig umzugehen. Die ‚Zimmer’sche Chronik sagte denn auch, er sei ein gar „wunderbarlicher

Das Faust Museum in Knittlingen

nigromanta gewest“, was auf andere bedeutende Kraichgauer nur eingeschränkt zutrifft. Hier wären zu nennen die beiden dort lebenden Mitglieder der Flippers („Weine nicht, kleine Eva“ & „Die rote Sonne von Barbados“), Bernd Hengst und Olav Malolepski. Der Dritte im Bunde, Manfred Durban, ist leider bereits verstorben. Seine Frau aber hat in Knittlingen ein Flippers Museum gegründet. So viel erst mal zur Musik.

Doch muss hier noch ein weiterer bedeutender Kraichgauer, Dietmar Hopp, erwähnt werden. Bei ihm handelt es sich um einen der Mitbegründer der Firma SAP, der sich zudem noch als Mäzen des Fußballvereins TSG Hoffenheim verdient gemacht hat.

Erst durch diesen Kraftakt gelang es, diese wunderbare Landschaft so recht ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu rücken. Wer bisher gefragt wurde: Kraichgau wo? musste fortan nun nur noch sagen: Hoffenheim, und es ward Licht. So gesehen, könnte man   diese   wunderbare   Landschaft   mit   einem   schlum-mernden Dornröschen vergleichen, dessen Schlaf bislang ihre Schönheit verbarg. Doch hat sich in den letzten Jahren auch noch ein anderer dran gemacht, an der Bettstatt der schönen Jungfer zu rütteln: Heinz Heiler. Auch er, ein erfolgreicher Unternehmer, hielt es für geboten, seinem Kraichgau etwas zu geben. Eine ‚Genusswelt’ sollte es sein, die, tief im Inneren der sanft hügeligen Landschaft gelegen (fast hätten wir ‚versteckt’ gesagt), als eine Art Leuchtturm fungieren könnte.

Neben einem Hotel mit 31 Zimmern und ambitionierter Gastronomie finden wir denn auch einen großzügigen Golfplatz, der mit seinen 18 Löchern internationalem Standart entspricht. Und in der Tat sind es nicht selten beruflich erfolgreiche Bewohner schöner, aber eben noch nicht so bekannter Landstriche, die sich für ihre Heimat engagieren und stark machen. Es hat den Anschein, als wäre es ihnen ein Bedürfnis, an der Schönheit ihrer Gegend auch andere teilhaben zulassen.

Tatsächlich aber gibt es da noch einiges zu tun. Wer um die Mittagszeit auf der Suche nach einem offenen Wirtshaus durch die malerischen Dörfchen fährt, braucht eine geraume Zeit und ein gutes Auge, um eine offene Gaststube zu finden. So scheint es nicht zu weit hergeholt, die „Heitlinger Genusswelt“ als den Anfang eines Bemühens zu sehen, dies zu ändern. Anfänglich noch eher bescheiden, hat sich dies alles zu einem gastronomischen Zentrum erster Güte entwickelt, was ohne ein entsprechendes Engagements des Initiators so nicht möglich geworden wäre. Dies „Genusswelt“ umfasst zunächst eben diesen Golfplatz, der, seit 1996 im Familienbesitz, auch von der Familie selbst betrieben wird. Ebenso verhält es sich mit dem zeitgemäß modernen Hotel mit seinen 31 Zimmern nebst Gastronomie; dies gibt es seit 2014. Und dann das Weingut Heitlinger, ein Winzerbetrieb mit stolzen 120 Hektar, eine Fläche, die man für Biertrinker vielleicht dahingehend etwas bebildern sollte, dass ein durchschnittlicher Weinbaubetrieb mit 10 ha schon eine beachtliche Größe aufweist. Die Größe jetzt noch in Fußballfelder umzurechnen, ersparen wir uns hier als Freunde des Weingenusses taktvoll…

Weingut Schloss Ravensburg

Die gesamte Rebfläche war auch mehr geworden durch eine Gelegenheit, die sich dem Betriebsbesitzer 2009 ergab. Da nämlich stand das nicht zu weit entfernt gelegene „Weingut Burg Ravensburg“ (Vorsicht: hat mit dem oberschwäbischen Ravensburg nichts zu tun!), seit 770 Jahren und 23 Generationen im Familienbesitz, zum Verkauf. Wer hätte da nicht zugegriffen…

Da bot es sich an, den Geschäftsführer des dortigen Betriebs, Claus Burmeister, als Garant der Qualität mit einzubinden; so fügte sich alles auf’s Beste. Weshalb seit geraumer Zeit der gesamte Winzerbetrieb geadelt wird mit der Auszeichnung VDP, also mit der Mitgliedschaft im Verband der deutschen Prädikatsweingüter. Die renommierte Weinfachfrau, Natalie Lumpp bescheinigt denn auch dem hochkarätigen Weinmacher, er habe „das absolute Gespür für die richtigen Reben am richtigen Standort. Hier zahlt sich aus, dass er sich überaus intensiv mit dem Rebmaterial beschäftigt“. Und was die Roten betrifft, hier könnten die Heidlinger Weine den Franzosen absolut die Stirn bieten.

Hat man sich dann in konzentrischen Kreisen und behutsam von außen dem Inneren des Kraichgau genähert, öffnet sich plötzlich eine ganz eigene Welt, die von außen so garnichts ahnen lässt, von ihrer landschaftlichen Schönheit, von ihren sanften Weinbergen. Die erzählt noch von ganz anderen Dingen als von SAP und Cloud. Wenig auch vom TSG Hoffenheim mit seiner Fähigkeit, die Räume eng zu machen und mit köperbetontem Offensivspiel die Fans zu begeistern. Auch lassen wir zunächst mal die ‚Rote Sonne von Barbados’ untergehen und lauschen auch nicht der weinenden „Kleinen Eva“.

Nein. Es ist Zeit und Gelegenheit, einen langen Augenblick lang das stille Zentrum einer Landschaft zu genießen, die so viel mehr zu bieten hat, als Markenzeichen und Aushängeschilder. Denn dort, im Kraichgau, lohnt es sich wirklich, die vielbeschworene Expedition in die Heimat.

Denn dort gibt es viel mehr zu sehen. Kucken wir’s uns an!

 

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Bewegung im Ruhestand Teil 1

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Endlich daheim! Zu Gast in der Pfalz  

Dort, am südlichsten Zipfel der lieblichen Pfalz, liegt das kleine Winzerdorf Schweigen – Rechenbach, da, wo die ‚Deutsche Weinstraße’ ihren Anfang nimmt.

Eigentlich sollte dieser ca 100 Km lange, sich nach Norden hinziehende Landstrich  ‚Pfälzer Weinstraße‘ heißen, doch wer im mächtigen Schatten des 1937 von den Nazis erbauten protzigen Weintors steht, ahnt, warum aus einem gemütlichen ‚Pfälzer Weintor‘ ein monumentales ‚Deutsches Weintor‘ und dann folgerichtig aus einer ‚Pfälzer Weinstrasse’ eine ‚Deutsche Weinstraße’ wurde.

Wer sich heute hier als Besucher einfindet, wird sich daran nicht stören. Der Sommer liegt heiß über der 1500 Einwohner  Gemeinde. Noch zirpen hier überall die Grillen. Aus der Ferne hört man die Stimmen der Veranstaltung „Chor am Tor“. Tritt man näher, entdeckt man eine singende Gemeinschaft vorwiegend mittleren Alters, die sich, geschmückt mit regenbogenfarbenen Schals, der Pflege multiethnischen Liedgutes verschrieben hat.

Nicht weit davon, mitten im Zentrum des Ortes und im Schatten der kleinen mittelalterlichen Kirche, liegt  fast versteckt, ein Weingut mit seiner Weinwirtschaft, dessen gastronomisches Angebot den geschmacklichen Vorlieben der durstig-fröhlichen Rentnerschar umfassend Rechnung trägt. Es ist eine Gemütlichkeitslandschaft, dekoriert mit vielen üppigen Sträuchern, bunten Blumenkübeln und heimelig dekorierten Winkeln.  

Denn unter den vielen schönen Dingen, die das Leben eines Ruheständlers so recht lebenswert machen, ist nicht das Unwichtigste, dass der Rentner sich seines Lebens freut,  wozu halt auch gehört, dass er sich in seiner Weinwirtschaft wohl fühlt. Freilich braucht es dazu gewisse Voraussetzungen. Zunächst sollte es dort ruhig und schattig sein. Dann die Sitzgelegenheit! Hier wäre eine gewisse Stabilität wünschenswert. Die Breite der Sitzfläche sollte kundengerecht etwas üppiger bemessen sein. Auch nicht schlecht, böte die Armlehne situationsbedingten Halt. Kleine, in lustigen Farben gehaltene Sitzkissen, könnten das Ganze farblich auflockern. Verständlich, dass in einem solchen Umfeld eine etwas festere Figur kein Thema einer nachhaltigen Erörterung ist. Allenfalls leitet sich daraus eine Daseinsberechtigung für Sitzzuteilung ab.

Und dann erst die Weine!

Trocken sollten sie sein, aber auch wieder nicht zu trocken. Nur wenige greifen in diesen Tagen zu einem Riesling, der in der Karte ausdrücklich als ‚forzdrogge‘ ausgewiesen ist. Sowas muss man mögen. Davon nimmt unser Gast aber gern Abstand, denn ist der zu Wein trocken, bekommt er ihm nicht. Dann kann es passieren, dass die ‚Mamma‘ am nächsten Morgen sagt, „d’r Babba hätt nachts gedampft“.  

Ansonsten ist das dort Gebotene fein auf die Bedürfnisse der Zecher abgestimmt. Der Wirt kennt die Seinen. Er weiß: solang der männliche Gast, auch schon mal ‚Babba‘ genannt, gut sitzt, ist alles in Ordnung. Hauptsache, dass er die ‚Mamma‘ neben sich und einen Schoppen Wein vor sich hat. Schweigen-Rechtenbach ist ein Rentnerparadies. Verständlich, dass man da auch an die denkt, die nicht mehr so gut zu Fuß sind. In unmittelbarer Nachbarschaft zum elsässischen Wissembourg liegend, verkehrt zwischen den Ortschaften ein ‚Grenzland-Bähnchen‘, das kundengerecht über „60 Sitzplätze mit Rollstuhlabteil“ verfügt.

Dies also ist die Landschaft, in der sich befreit auftrinken lässt…

Teil 2 demnächst. Hier!

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Bewegung im Ruhestand Teil 2

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Endlich daheim! Zu Gast in der Pfalz

Dies also ist der Klangteppich, vor dessen Hintergrund sich befreit auftrinken ließe. Dabei haben wir es hier mit einem Eldorado des Rentnerwesens in seiner rechtschaffendsten Form zu tun. Wer hier, am südlichsten Zipfel der Pfalz freundlich sitzt, vermittelt einem das Gefühl, am Ende des beruflichen Lebens angekommen zu sein. Jeder Schluck erzählt davon, sich den Ruhestand verdient zu haben. Handwerker, Angestellte, Gewerbetreibende. Natürlich könnte man einräumen, dass die Genussfähigkeit der Anwesenden eine absehbar endliche ist. Umso lustvoller trinkt man hier seinem fernen, doch unbestimmtes Ende entgegen.

Hätte man früher vielleicht seinen Schrebergarten gepflegt, so hat es die innnerstädtische Verdichtung besorgt, dass diese Oasen des unmittelbaren Naturerlebens zu Bauplätzen für Fertighäuser im Toskanastil umfunktioniert wurden. So bleibt dem Rentner nur, sich andersweitig zu orientieren. Hier hilft die Regiokarte der Bahn, die zu überschaubarem Preis den Bewegungsspielraum der Früh-verrenteten sicherstellt, und als dessen fröhliches Ergebnis wir in Schweigen-Rechtenbach eine beachtliche Anzahl von Gästen finden, die aus Heidelberg, Mannheim oder Ludwigshafen angereist sind.

Doch sind es nicht allein die Weine, der Saumagen oder die saisonal angebotenen Russischen Eier, die die Gäste hierher locken. Es ist mehr als das.    Gaststätten, die gerade dem älteren Gast mit einer gewissen Fürsorglichkeit begegnen, gibt es in der Pfalz viele. Und doch wird punktuell offensichtlich, dass das allein nicht immer ausreicht.

Der Rentner von heute will mehr geboten bekommen. Würde mit den Gästen stets pfleglich umgegangen, erinnerte das Gebotene an betreutes Wohnen. Im vorliegenden Fall trifft das nur eingeschränkt zu. Hier ist die gelegentliche Ansprache eine andere. Ja, man könnte von einer Erlebnisgastronomie sprechen.

So kommt man nicht umhin, das Personal mit seinen je verschiedenen durchaus unterhaltenden Charakteren näher zu betrachten. Da wäre zunächst mal der Chef. Er ist eine Persönlichkeit, die in ihrer Komplexität verstanden werden will, und die mit ihrem etwas schrägen Humor Neuankömmlinge manchmal verstört. Doch tut man gut daran, die laut aufbrausenden Worte des Wirts als Teil einer Show zu begreifen, dessen vermeintliche Ruppigkeit meist wundersam in einem Lachen endet. Er ist halt, wie er ist, sagen die Stammgäste und registrieren amüsiert die Irritation der Neuankömmlinge.

Wie in der Commedia d’ell Arte, agiert auf dieser südpfälzischen Bühne auch noch ein Tolpatsch, der, vom Chef täglich malträtiert, doch um keinen Preis der Welt irgendwo anders arbeiten wollte. „Lakai, Lakai, Lakai“, stößt er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, wenn der Oberste ihn üblerweise mal wieder als solchen bezeichnet hatte. Letztlich versöhnt mit seinem harten Los zeigt er sich erst, wenn ihm Stammgäste beim Verlassen des Hauses ein ordentliches Schmerzensgeld zustecken. Es ist eine Bühne mit durch die Bank charaktervollen Darstellern

Doch beschränkt sich das nicht allein aufs Personal.

Drüben, nahe beim großen Strauch, sitzt eine Frau in Begleitung ihres Mannes. Sie ist – wie man so sagt – „gut beieinander“. Ihr großer Busen wird nur mit Mühe gefasst von einem giftgrünen, mit feinen Goldfäden durchwirkten Pullover. Als die Bedienung an den Tisch kommt, um die Bestellung aufnehmen, bestellt die Dame einen ‚Pfälzerteller‘. Von der Bedienung gefragt, was es denn für den Herrn sein dürfe, wird sie von der Gattin knapp beschieden: der esse heute nichts; der müsse das „Gebiss schone“.

 

 

 

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Leben in Zeiten von Corona

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Genießen will gelernt sein. Also raus aufs Land.

Was für ein Hauen und Stechen. Was für ein Hämmern und Sägen. Der Biergarten nebenan rüstet sich für die Zeit der Öffnung. Noch sind die Trennscheiben zwischen den einzelnen Biertischen mit bläulicher Folie beklebt. Noch sieht es aus, als würde der künftige Gast in einem Aquarium trinken. Aber das wird sich demnächst ändern. Dann wird man dem Nebenmann und seine Nebenfrau durch klare Plastikscheiben beim Trinken zusehen  können. Kein schlechter Moment raus aus der Stadt zu fahren, um in einer Ortenauer Winzergenossenschaft Wein zu kaufen.

Man hatte mich per Mail wissen lassen, dass nicht nur in diesen außergewöhnlichen Zeiten, nein auch in Zeiten der Spargelernte der von mir so geschätzte Weißburgunder von € 6,70 auf € 6 reduziert sei. Für den Riesling gälte das gleiche. Also vorgefahren, eingeparkt. Auf die Weinprobe muss ich in diesen Zeiten verzichten. Egal. Ich weiß ja, wie der Wein schmeckt.

Der Eingang war gefährdungsbedingt ziemlich verrammelt. Die Dame, der man in den Krisenzeiten den Verkauf  anvertraut hatte, gehörte allerdings offensichtlich zur Risikogruppe, war also jenseits der gefährdeten Fünfzig. Sollte aber kein Problem sein, denn man hatte sie in eine Art Hochsicherheitstrakt gepackt, wo sie gut geschützt gegen wild marodierende Viren war. Beim letzten Besuch, also zu Normalzeiten, hatte ich drei Flaschen Riesling und drei Weißburgunder bestellt, dann allerdings die Ware nicht kontrolliert, weshalb ich zum ersten mal den dortigen Sauvignon Blanc verkosten musste. Nachdem die drei Flaschen konsumiert waren, hatte ich den Wein begriffen.

Jetzt also neue Bestellung. Aber diesmal ganz deutlich: drei mal Riesling, drei mal Weißburgunder. Die Dame tippte ein. Als sie dann mit der Lieferung aus der Tiefe des Raumes auftauchte, den Wein auf einem Wägelchen, sagte sie: das wären also jetzt sechs Flaschen Riesling und sechs Flaschen Weißburgunder. Als ich sie darauf hinwies, ich hätte nur die Hälfte kaufen wollen, tat ihr das leid. Aber sie könne nun leider nicht mehr rückbuchen. Dasselbe galt offensichtlich auch, als ich sie darauf hinwies, dass ihr Betrieb saisonbedingt die Weine etwas reduziert habe. Davon wisse sie nichts. Ansonsten gälte auch hier, dass das, was gebongt sein, nicht zurückzubuchen wäre. Spätestens jetzt realisierte ich, was es heißt: Risikogruppe. Netterweise schenkte sie mir dann aber noch ein Flasche Grauburgunder. Das war zwar nett, aber ich mag Grauburgunder nicht so. Vielleicht spende ich den Wein für die nächste Weihnachtstombola der Katholischen Frauengemeinde.  Jetzt also erst mal die doppelte Menge zum nicht versprochenen Preis. Schwamm drüber. In diesen Zeiten müssen wir alle zusammenhalten.

Leicht gefrustet gedachte ich dann vor der Heimfahrt einen kleinen Umweg über Appenweier zu nehmen. Dort, an der Hauptstraße, gibt’s ein tolles Eis. Auch dort wieder vorgefahren, Wagen abgestellt und den gefrorenen Traum bestellt. Drei Kugeln im Becher. Mit Sahne. Man kann das Eis ja nicht trocken runterwürgen. War soweit auch alles bestens. Während sich hinter mir eine Schlange vor dem Eiskaffee bildete – hübsch in 1,5 m Distanz voneinander, teils mit, teils ohne Mundschutz – schlenderte ich gemächlich zu meinem Auto, lehnte mich an die Tür und wollte mich dort gerade der zartcremigen Sorte ‚Rumba’ widmen, da drang ein Schrei an mein Ohr.

Der ging von der Chefin der Eisdiele aus, die, hinterm Tresen hervorgekommen jetzt derartig auf mich zuschoss, dass ich situationsbedingt zum ersten mal ein Gefühl dafür bekam, wie es sich im 2. Weltkrieg angefühlt haben muss, wenn ein Kamikazie Jäger auf dem Flugdeck eines Flugzeugträgers einschlägt. Auch dort wurde maximale Zerstörung dadurch erreicht, dass es sich bei so einem Geschoss um eine menschliche Bombe gehandelt hatte. So etwa muss man sich die Wirkung vorstellen, die der Auftritt dieser entfesselten Geschäftsfrau auf mich ausübte. Fragend brüllte sie mich an, ob ich zu blöd sei, das Schild da vorne zu lesen, auf dem doch deutlich – sie sagte es zwei-, ich glaube sogar dreimal – ‚deutlich’ jedenfalls, geschrieben stünde (und dort auch zu lesen sei!): dass man sein Eis erst in fünfzig Meter Entfernung zu essen habe, also keineswegs VOR der Eisdiele!

Meine Gegenwehr war denkbar schwach. Mit der ungebremsten Wucht dieser Eismaschine hatte ich in dieser Situation nicht  gerechnet. Immerhin durfte ich sicher sein, dass die Warteschlange nicht annahm, ich hätte mich der Dame des Hauses unsittlich genähert. Ein schwacher Trost, immerhin. Und so entschloss ich mich – angesichts der vorzüglichen Qualität des Gebotenen – die Eisdiele auch weiterhin zu besuchen. Zum Verzehr würde ich allerdings versuchen, mich ins nahegelegene Renchen durchzuschlagen, um von dort aus, also in weiter Entfernung, zu verfolgen, wie es einem anderen ergehen mag, der sich, wie ich, nicht vorstellen kann, wie es ein Corona Virus schafft, über fünfzig Meter sein Opfer zu finden.

Allgemein Essen & Trinken Menschen Stadtstreicher

In aller Stille

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Mahlzeit!

Baden-Baden in der Klammer des Corona Virus

Ich weiß ja: der Virus wütet überall. Auch hier in Baden-Baden. Der ‚Backpeter‘ musste seine elsässischen Bedienungen bitten, daheim zu bleiben. Filialen werden geschlossen. In der Dengler Klinik, so hört man, gibt’s in der Cafeteria keinen Kaffee mehr. Die Verpflegung wird ab sofort nur noch mittels Essenpaketen sichergestellt. Seit mehreren Tagen gibt’s im DM- Markt keinen Reis mehr. Das weiß ich, weil ich gern Reis gehabt hätte. Nicht als Notration, eher zum Essen. Klopapier ist genügend da, obwohl alle sagen, es sein neuerdings immer aus. Kann man aber nicht kochen.

Alles Corona, oder was?

Doch hat das Virus jenseits von ‚kein Kaffee im Dengler‘ und elsässerfreien Filialen vom ‚Backpeter‘ noch weitere Auswirkungen. Die Innenstadt ist wie leergefegt. In der Fußgängerzone findet man seit einer Woche keine Chinesen. Die gelbe Gefahr scheint einstweilen gebannt. Dabei waren die Chinesen – als hätten sie es geahnt – schon lange zuvor mit Mundschutz hinter ihrem Führer hergelaufen. Irgendwie kommt’s einem vor, als gäbe es im Moment auch weniger Russen. Deren Begleiterinnen mit stark blondiertem Haar und aufgespritzten Lippen gehörten irgendwie zum innerstädtischen Bild. Wie sie über das unebene Pflaster stöckelten, im Gleichgewicht gehalten nur durch eine Einkaufstüte von ‚Bogner‘ in der Linken und einer ‚Hermes‘ Tüte in der Rechten.

Auch am Sonnenplatz herrscht schon länger Ruhe. Nach dem Brand wird derzeit das mächtige Haus renoviert, weshalb der türkische Gemüsehändler  den Handel  bis auf Weiteres einstellen musste. Dies ist einerseits zwar bedauerlich, andererseits aber auch beruhigend. So gibt’s dort seit längerer Zeit kein Muttirennen mit Porsche Cayennes mehr. Direkt vor dem Geschäft rangelten üblicherweise die SUVistinnen um die besten Parkplätze für den Einkauf. Jetzt transportiert Mutti ihre Prinzen und Prinzessinnen mit 500 PS unter der Haube halt ohne Gemüse direkt zum Pädagogium, wo man sich seit Jahren redlich bemüht, die  Kinder der besseren Stände zum Abitur zu führen. Deshalb also am  Sonnenplatz bis auf weiteres  kein störendes Falschparken mehr.

Kein Gast. Nirgendwo.

Ähnlich am Platz vor dem Löwenbräu, wo man sich durch die lebensmittelanliefernden Lastwagen bislang vorkam, als stünde man am Hafenbecken von Ostende und müsste brexitbedingt lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Auch kein Lärmen mehr durch die Motoren der Kühlaggregate auf den Fahrerkabinen. Sie sollen verhindern, dass im Inneren des Trucks die Kühlkette unterbrochen wird. Auch hat man die übliche ganztägige Beschallung des  Biergartens mit volkstümlicher Musik erst einmal eingestellt. Jetzt  also Ruhe. Stille.

Nix los. Oder doch?

Auf einmal sehen wir wieder Badenerinnen, die sich gemütlich zum Schwätzchen finden. Sie grüßen sich freundlich und bleiben stehen. Ihnen zugesellt sich ein ziemlich großer, schlanker Mitarbeiter des Ordnungsamtes, der das Verteilen von Strafmandaten schon bislang als willkommenen Vorwand nutzte, möglichst gutaussehende Damen in längere Gespräche zu verwickeln. Aufgrund des morgendlichen Kleinlasterverkehrs sah er sich bislang immer mal wieder genötigt, sein Lachen & Scherzen kurz zu unterbrechen und zur Seite zu treten. Diese Störungen fallen jetzt erst mal weg. Ja, man könnte sagen: weniger Transport, dafür mehr Verkehr. 

Vor dem Capri sitzen jetzt in aller Stille die älteren, besseren Herren, trinken Kaffee und wissen alles besser. Aber das machen sie schon länger.

Doch scheint es jetzt, als wäre die Zeit der Flaneure angebrochen. In aller Ruhe kann man durch Baden-Baden schlendern. Und auch die Allee zeigt sich in ihrer stillen vorfrühlingshaften Schönheit. Die Osterglocken stehen gelb und stumm. Kaum Lärm, wenig Touristen. Niemand unterwegs, der die Enten fotografiert. Niemand zwingt sie, in irgendein Handy zu lächeln. Dass weniger Weißbrot verfüttert wird – das werden sie verkraften.

In diesen Tagen ist die Stadt auf einmal kein ‚touristischer Hotspot’ mehr. Und auch keine ‚Destination’. Kein Anlass im Moment, zu sagen, Baden-Baden sei eine französische, gar ein ‚russische‘ Stadt. Letzteres schon gar nicht. 

Nein. Durch den im Moment grassierenden Virus – so schlimm es sein mag – ist Baden-Baden plötzlich wieder eine badische Stadt. Die Leute leben hier. Man kennt sich, man grüßt sich. Im Moment jedenfalls ist diese alte, schöne und beschauliche Stadt wieder die Stadt ihrer Einwohner. Sie ist wieder unsere Stadt.

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