Allgemein Auswärts Malen & Schnitzen

Alles so schön bunt hier!

Published by:

Der Elsässer treibt’s manchmal ziemlich wild. Warum nur?

Wer in der Ortenau wohnt, hat vielleicht schon einmal mit dem Gedanken gespielt, den Sprung über den Rhein zu wagen. Dort, im Elsass, soll man ja echt gut wohnen. Hat ja auch eine Menge Vorteile. Zumindest früher – so hieß es – stellte man sich steuerlich günstiger. Auch heute liegen die Vorteile noch auf der Hand. Z.B. beim Käse. Verglichen mit den Preisen bei uns ist er deutlich billiger. Und dann der Fisch und der Wein. Davon brauchen wir erst gar nicht zu reden. Und auch noch die Natur! Platz, soweit das Auge reicht.

Dies alles führte dazu, dass sich im Elsass regelrecht deutsche Kolonien gebildet haben, Wagenburgen des Deutschtums (wir haben darüber berichtet. (http://www.badenblogger.de/dornen-im-paradies-teil-1/2)

20150621_171000Wer aber keinen Platz mehr gefunden hat in der dortigen Deutsch – Kolonie ‚Chalets du Lac’, der nimmt vielleicht mit einem jener kleinen Häuschen vorlieb, deren letzte Bewohnerin erst kürzlich verstorben, jetzt einen neuen Besitzer suchen. Fachwerk, niedrige Decken, Gärtchen hinterm Haus. Preiswert aber renovierungsbedürftig. Und das mitten im Ort. Toll.Und ruhig. Sehr ruhig. In den kleinen Dörfern nahe der Rheinebene herrscht nach 18 Uhr Stille. Jenseits der touristischen Zentren – Riquewihr, Obernai, Wissembourg – geht das Leben seinen überaus gemächlichen Gang, abendliche Ruhe eingeschlossen. Niemand lärmt. Nicht einmal eine Kneipe gibt es am Ort. Die Rollläden werden nach 19 Uhr runtergelassen. Und gibt es im Dorf überhaupt noch ein Restaurant, dann sollten es schon ein paar Menues sein, wg derer der Wirt ausnahmsweise etwas länger geöffnet hat.

20150621_1704408931476292081146-320003404Doch warten die Dörfer noch mit etwas ganz anderem aus, das der Neubürger so nicht kennt. Das wird ihm ganz besonders auffallen, wenn die herbstlichen Rheinnebel sich langsam über die Fluren legen. Die Schatten kommen, das Grau wird zur allesbestimmenden Farbe. Und doch findet der Elsässer immer wieder heim.

Das liegt an der Farbe, mit der er sein Anwesen gestrichen, nein besser, kenntlich gemacht hat. Ja, man darf sagen: er pflegt ein völlig unverkrampftes Verhältnis zum Häuseranstrich. Keine Farbe, egal, wie grell oder blendend, die sich nicht an den Außenwänden der Häuser wiederfindet. Überreichlich aufgetragen soll wenigsten der Außenanstrich etwas Freude in die an sich eher tristen Dörfer der elsässischen Rheinebene zaubern.  

20150829_170301

Elsässer kurz vor der Rückkehr in sein Haus

Grellrot, Giftgrün, Aquamarinblau? Bienengleich erkennt der Grenzbewohner schon beim Anflug: da bin ich daheim. Darin gleicht der Elsässer der Biene.

Wie sie, verlässt sich auch er auf grelle Signalfarben, will er nach getaner Arbeit seine Heimstatt wiederfinden.

Vielleicht ist es diese einzigartige Mischung aus deutschem und französischem Volkscharakter, das den Elsässer auszeichnet. Zum einen ähnelt er in seinem bienenhaften Fleiß dem Badener. Dies wäre vielleicht ein Grund, seine Heimstatt wie ein Bienenstock aussehen zu lassen.

Andererseits aber könnte sich in dieser wilden Farbgebung ein Stück weit auch die anarchische Haltung des Franzosen ausdrücken, der sich in 20150621_162957bestimmten Bereichen von keiner staatlichen Stelle vorschreiben lassen möchte, wie er sein Haus anzustreichen hat.

Und dabei schreckt er vor nichts zurück. Nicht einmal davor, seine vier Wände in Ochsenblut zu tauchen.

 

 

 

 

 

 

Allgemein Gastbeiträge Kultur Malen & Schnitzen

Baden in Schönheit

Published by:

Dass „Baden in Schönheit“ mit Baden-Baden in unmittelbarem Zusammenhang steht, ist fast schon selbstverständlich. Dass gerade diese Ausstellung über die Optimierung des Körpers im 19. Jahrhundert  unter Corona-Vorzeichnen aber neue Aktualität gewinnt, war bei der Planung noch nicht abzusehen. Die Entwicklung des von Gott gegebenen Leibs zum selbstverantwortlich gestählten und gepflegten Körper mit Hilfe von Technik und Medizin entspricht nämlich nicht nur dem Konzept des Museums, sondern spannt den Bogen zur Gegenwart: Was You-Tube-Nutzern ihr Fitness-Video war den körperlich weniger als früher beanspruchten Bürgern des 19. Jahrhunderts ihr illustriertes Gymnastikprogramm.

Geräte wie der samtbezogene Rumpfdrehstuhl dienten als Vorläufer des Fitness-Studios der Körperoptimierung, Prothesen ersetzten, was Krieg oder Unfall dem Körper geraubt hatten. Das große Corona-Zauberwort „Hygiene“ zog mit Badezimmern samt Wasserklosetts in die Wohnungen ein. Badehäuser und Schwimmbäder erlebten ihre erste große Blütezeit. Sportliche Betätigung im Wasser und an der frischen Luft – sogar hüllenlos, aber natürlich nach Geschlechtern getrennt – war „in“, ebenso Behandlungen mit Strom für mehr Vitalität. Das Korsett sorgte als „shape wear“ quer durch die sozialen Schichten für schlanke Damentaillen, Paraffin als frühe Botox-Variante für straffe Gesichtszüge. Auch Verschwörungstheorien gehören keineswegs exklusiv ins Corona-Umfeld: Kokovone Menschen schworen auf die Kokosnuss als einzig wahres Lebensmittel, büßten allerdings im Aussteiger-Domizil in der deutschen Kolonie Neu-Guinea einiges an Gesundheit ein.
Wie eine Schnittstelle zwischen den Bereichen „Kunst“ und „Technik“, beziehungsweise Medizin wirkt Julius Kollmanns Buch „Plastische Anatomie des menschlichen Körpers für Künstler und Freunde der Kunst“ aufbauend auf Zeichnungen Michel Angelos. Die befreiten Körper in der Natur, vor allem beim Baden, wurden ein großes Thema, von Künstlern wie Ludwig von Hoffmann oder Sascha Schneider nicht länger nach klassischem Ideal sondern durchaus realistisch gemalt. Skulpturen von Karl Albiker und Aristide Maillol zeigen „echte“ Menschen in natürlicher Bewegung statt in erstarrter Pose.. Nicht nur Maler und Bildhauer huldigten dem unverpackten Körper: Das neue Medium Fotografie entwickelte bald eine eigene Variation – die Pornografie. Die „Schmuddelecke“ in der Ausstellung ist nachdrücklich für Kinderaugen gesperrt.
Neue gesellschaftliche Entwicklungen rufen in jeder Epoche sofort auch die Karikaturisten auf den Plan. Matthias Winzen hat einem seiner besonderen Lieblinge dieses Genres viel Platz im Museum eingeräumt: Honoré Daumier ätzte mit spitzer Feder über die Absonderlichkeiten der Menschen im Bad – Mark Twain sparte auch nicht mit bissigen Kommentaren.
Im Dreiklang des Kooperationsprojekts „Baden“ mit Stadtmuseum und Kunsthalle entfaltet das LA8 seine ganz spezielle Sichtweise auf „Körperwelten“, ergänzt durch einen – wie üblich exzellent gestalteten – Katalog. (Bis 23. Februar 2021). Irene Schröder

Allgemein Stadtstreicher

Ein Freund, ein guter Freund…

Published by:

Letzten Sonntag, an der Haltestelle ‚Leopoldsplatz‘, ziemlich weit entfernt vom hektischen ‚Leo‘ – dort wo die Busse kreuzen und das verkehrsmäßige Herz unserer liebenswerten Kurstadt schlägt. Dort also hatte ich ein kleines, stilles Erlebnis, das es wert ist, hier festgehalten zu werden.

In Erwartung eines Busses nähert sich der Haltestelle eine Dame mittleren Alters und ziemlich stark gebaut. Die Absätze der Schuhe waren unter ihrem Gewicht schräg abgetreten; an ihrem dicken Unterarm baumelte eine lächerlich kleine Handtasche, die vom Inhalt stark ausgebeult war. Ihr zur Seite ein zotteliger kleiner Hund, erkennbar schlanker als sie. In seinem Aussehen fanden sich ungefähr drei Väter wieder. Die Dame, von einem Hauch Kölnisch Wasser umflort, nähert sich nun der Wartebank. Da das Hundchen leichter ist, erklimmt es mit großer Leichtigkeit die Sitzbank, bleibt aber zunächst noch stehen und wartet auf seine Herrin. Diese nimmt ächzend Platz, öffnet unmittelbar danach ihre Handtasche und zieht daraus ein gelbes Tuch hervor. Dann legt sie dieses auf die Bank. Der Hund steigt auf das Tuch, fährt sich mit der Zunge über die Schnauze und nimmt Platz. Jetzt sitzen beide.

Es nähert sich nun eine zweite Dame, nicht so stark gebaut, dafür aber deutlich älter. Sie setzt sich neben das Tierchen und blickt starr gerade aus auf die Strasse. Ob sie den kleinen, gefleckten Nebensitzer überhaupt bemerkt hat, ist zunächst noch unklar. Noch schaut sie nach vorne. Der Hund aber hat jetzt Witterung aufgenommen und schaut sie von der Seite her lange an. Dann schnuppert er wieder. Große Ruhe auf der Bank. Beide schauen jetzt wieder gerade aus. Stille. Und kein Bus weit und breit.

Plötzlich aber wendet sich das Hundchen erneut seiner Nebensitzerin zu, schnuffelt noch einmal vorsichtig, dreht den kleinen Kopf etwas zur Seite, als wolle er sie von vorne betrachten. Dann hebt er die Pfote, die die Dame – zu guter Letzt hat sie es bemerkt! – lächelnd ergreift. So bleiben beide eine lange Weile still sitzen.

Was soll man dazu sagen? Vielleicht dies: Ehrliche Freunde sind oft näher als man denkt. Und manchmal haben sie sogar vier Beine.

Allgemein Menschen Texte / Poesie

Ach, ja, Corona…

Published by:

hören wir uns leise Seufzen. Schlimme Sache, klar. Aber irgendwann soll es auch gut sein. Zumindest hier bei uns. Also machen wir jetzt mal etwas anderes. Wir bringen eine Geschichte aus dem wirklichen Leben. Recht lustig soll sie sein. So, wie das Leben halt manchmal ist. Wir teilen sie in drei Teile. Und dann  hängen wir die Teile aneinander. Man kann die drei Folgen aber auch kopieren und ausdrucken. Na, sowas. Also jetzt geht’s los:

Der Mann ganz vorne                                                                  Folge 1

Weich eingebettet liegt das Sendezentrum inmitten grüner Hügel. Im Inneren reges Treiben, auch im vierten Stock, am Ende des Flurs. Dort arbeitet hinter einem riesigen, noch vom Vorgänger stammenden dunkelbraunen Schreibtisch der Hauptabteilungsleiter Wilhelm Reger, dessen konsequent durchgeplan-ter Werdegang ihn nach Abschluss eines Studiums der Jurisprudenz ihn zunächst zum Referenten des Fernsehdirektors führte. Von da aus war es, nach dem Weggang seines Förderers, nur ein kleiner, aber bedeutender Schritt hin zur Stelle eines Abteilungsleiters.

Durch das großen Bürofenster die kleine Stadt weit unten betrachtend, fiel fortan immer mal wieder sein Blick auf den Gummibaum zu seiner Rechten. Dort ruhte, wenn es der Linderung bedurfte, sein Auge sanft, vor allem dann, wenn Ruhe einkehren sollte in seinen unruhigen Sinn. Marterte ihn eine der Aufgaben, die das Amt so mit sich brachte, fand er Ruhe beim Betrachten der Pflanze, dessen fette Blätter stets von Frau Maller abgestaubt und dessen trockene Erde mittels einer kleinen kupfernen Gießkanne mit weit ausladendem Schnabel aus poliertem Kupfer bewässert wurde.

Vor allem Personalentscheidungen waren es, die ihm bisweilen Kopfzerbrechen bereiteten. Zwar war es keineswegs so, dass er nicht über das nötige Maß an Härte verfügt hätte, die ein so herausragendes Amt fordert. Da konnte er durchaus ein entschlossenes Vorgehen an den Tag legen. Nein. Es war die das Amt so unbequem machende Ambivalenz zwischen einerseits nötiger Härte, andererseits dem Wunsch, die von einer Entscheidung Betroffenen würde diese, wie er ja schließlich auch selbst, als übergeordnet und notwendig einsehen. Zunächst ließe sich sagen: alle ziehen am selben Strang. (Doch wäre in diesem Fall präziser: der eine zieht, der andere hängt). In solchen unkommoden Momenten sah er sich lediglich als Überbringer, nicht als der Verursacher einer schlechten Nachricht. Diese für beide – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – unangenehmen Gespräche pflegte er möglichst rasch und mit einem finalen „Nichts für ungut“ oder auch „Nehmen sie’s nicht persönlich“ ausklingen zu lassen, hoffend, dass sich das Thema für ihn danach erledigt hätte und er aus der Nummer raus sei.

Bisweilen aber gelang es ihm, einfach abzutauchen und das für ihn höchst Unangenehme mit einer Geste, die er für durchaus angemessen hielt, von sich zu schieben. So z.B. als auf einen fernen Ratschluss hin die ihm unterstellten Fernsehansagerinnen vom für sie so ungemein wichtigen Bildschirm verbannen sollte. Es wäre jetzt also an ihm gewesen, die Exekution klar zu kommunizieren. Jedoch glaubte er durchaus darauf vertrauen zu dürfen, dass sich dies im Kreise der Damen – und es waren ausschließlich solche – bereits rumgesprochen hätte. So sah er sich von der Last, die letztlich bittere Wahrheit zu überbringen, ent-bunden. An einer den Schmerz lindernden Geste aber sollte es nicht fehlen. Er bat den Hausmeister, in der Kantine Getränke zu besorgen. Je einen Kasten Bier und eine Kiste FANTA. Beide. Kasten und Kiste, möge er doch bitte in den Aufenthaltsraum der Damen bringen. Das Maß der Fürsorglichkeit erweiternd, regte er an, auch noch einen Flaschenöffner mit kurzer, aber nicht zu kurzer Schnur am Kasten zu befestigen. So ein Flaschenöffner ginge nun mal leicht verloren. Und bitte nicht vergessen zu sagen: man möge sich bedienen.

Farblich gesprochen war dieser Alltag grau. Mal mehr, mal weniger, aber letztlich doch grau.

Dann aber zeichnete sich überraschend ein Heute ab, das versprach, Farbe ins Leben zu bringen. Die Stelle eines Hauptabteilungsleiters ‚FS-Unterhaltung’ war überraschend frei geworden; es galt sie zu besetzen. Man suchte jemanden, dem zuzutrauen war, dieses hauspolitisch eigentlich bedeutungsarme, doch für das Erbringen von Einschaltquoten nicht unwichtige Amt auszufüllen. Nachdem er also schon einmal bewiesen hatte, dass er als Vorgesetzter imstande war, sich ohne viel Federlesens und in der gebotenen Stille von subalternen Mitarbeiterinnen zu trennen, hatte er sich daran anschließend für weitere, höhere Aufgaben empfohlen.

Jetzt also galt es, sich in einem neuen Amt zu versuchen, und dank des Appendix’ ‚Unterhaltung’ taten sich für ihn selbst überraschend eine Fülle neuer Möglichkeiten auf, von denen er sich eine gewisse Freiheit versprach. Zum einen durfte er amtsbedingt darauf hoffen, der strengen Kontrolle seiner Gattin zu entkommen. Sie hatte ihn nach zeitweilig ausufernder nachdienstlicher Einkehr in der funknahen Kneipe („happy hour“) in zunehmend ruppigem Ton zu alsbaldiger Heimkehr genötigt. Zum anderen aber wiesen ihm die in Zukunft anstehenden Außenproduktionen von Fernsehshows einen durchaus gangbaren Weg zu möglichem Lebensgenuss.

„Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit“, pflegte er dann zu sich selbst zu sagen, sah er sich doch in Zukunft befreit von häuslich-familiärer Enge, aber auch von den lästigen Pflichten eines durchbüro-kratisierten Alltags innerhalb des Betriebs.

Zudem versprach sein neues Tätigkeitsfeld eine Fülle neuer Möglichkeiten, sich einladen zu lassen. Keine Produktion ohne Arbeitsessen mit den Kooperationspartnern, keine glücklich zu Ende gegangene Live-Sendung, die nicht in einer sogenannten ‚Afterwork Party’ ihren verdienten Abschluss gefunden hätte. Immer mit Alkohol, oft mit Gesang, ja, manchmal sogar mit Tanz. Sah man ihn anfänglich noch etwas unsicher am Rande stehen, mit einem Bier in der Hand sich vorsichtig und ungelenk zur Musik bewegend, so gewann er zunehmend Sicherheit, bis er dann zu vorgerückter Stunde und von allen bejubelt, tänzelnd ins Geschehen eingriff. Soviel Vergnügen war noch nie.

Später, viel später, nun im Ruhestand, hätte man ihn manchmal noch in der Stadt sehen können beim fast rührenden Versuch, wenigstens zeitweise den fürsorglichen Fängen seiner Gattin zu entkommen. Denn plötzlich war seine Anwesenheit, da ja nun ohne Amt, nicht mehr länger gefragt. Ein Anderer war jetzt an seine Stelle getreten. Vorbei die vielen Einladungen, all die Schmeicheleien. Was blieb, war die schmerzliche Einsicht, dass man ihn über all die Jahre seiner beruflichen Stellung, nicht aber seiner eventuellen Liebeswürdigkeit wegen eingeladen und hofiert hatte. Es sollte ein langer Winter werden.

So blieben ihm jetzt vor allem das Warten auf die seltener werdenden Verwandtschaftsbesuche und – häufiger – kleine Besorgungsgänge in die Innenstadt, die sich im alltäglichen Einerlei als willkommene Abwechslung anboten. Dazu trug er ein kleines, grünes Rucksäckchen, aus dem, wann immer ich ihn später noch sah, ein einsamer Lauchstengel ragte. Nach dem Einkauf ging er wieder nach Hause, ein zunehmend grauer Mann mit seinem aus dem Rucksack ragenden Gemüse, das immer etwas traurig zu winken schien, bevor dann beide, als hätte es sie nie gegeben, im Dunkel der Alleebäume verschwanden. Und immer war mir, als hätte dieser schwankende Stengel etwas von der Trauer eines Kindes an sich, das mitten aus dem Spiel gerissen, den anderen Spielkameraden noch zuwinkt, ehe es nach hause muss.

Doch noch war es nicht soweit…. Fortsetzung folgt

Allgemein Kultur Texte / Poesie

Bloggen in Zeiten der Krise Folge 2

Published by:

Der Mann ganz vorn        Folge 2

Doch noch war es nicht soweit. Noch stand er Mitten im Leben. Ein Mann voller Gestaltungswillen, für den es zunächst aber einmal galt, zum Ort des Geschehens zu gelangen. Normalerweise kein Thema, bedurfte es im vorliegenden Fall allerdings der Hilfe anderer, denn von heute auf morgen sah er sich plötzlich außerstande, mit eignem Wagen anzureisen. Er hatte das Selbstfahren eingestellt. Warum dem so war, wusste damals keiner so genau (es gab Mutmaßungen), und auch heute noch hüten die Mauern der Stadt dieses Geheimnis. Jedenfalls war fortan ein Heer von Fahrern mit den allfälligen Transportaufgaben betraut, was nicht nur seiner natürlichen Sparsamkeit entgegenkam, sondern ihn in beschwingtem Zustand auch nie in die Verlegenheit brachte, selbst fahren zu müssen. Das sollten fortan andere für ihn erledigten.

Da das Haus im Zuge fortgesetzter Sparmaßnahmen seit längerem auf eigene Fahrer verzichtet hatte, oblag es fortan der jeweiligen Produktionsfirma, ihn mittels eines Fahrdienstes oder eines Taxis zum Produktionsort zu verbringen. Noch zuhause, erwartete er also ungeduldig die Ankunft des Fahrers, griff dann aber alsbald zum Handy und bat die Dame der Produktionsfirma am entfernten Produktionsort, ihn über die hoffentlich baldige Ankunft des Fahrzeugs vor seinem Haus in Kenntnis zu setzen, denn es stünde vor seinem Haus ein Baum, der ihm die freie Sicht auf den Parkplatz stark einschränke. Bei dem momentan herrschenden Regenwetter sei ihm ja wohl kaum zuzumuten, vor dem Haus stehend auf die Ankunft des Fahrers zu warten.

Mochte dieses kleine Ereignis noch als Marotte durchgehen, so wies es dennoch auf den Sachverhalt hin, dass sich sein Leben ohne Selbstfahren stark verkomplizierte. Denn diese Einschränkungen hatten auch Auswirkungen auf andere Aspekte seines Lebens, z.B. seine Freizeit.

Dankbarkeit ist eine schöne Sache. Umso schmerzlicher, wenn sie ausbleibt. An dieser hatte es ein Kollege wohl fehlen lassen, als er davon ausgehen zu können glaubte, dass der Kollege die Freikarten für den F 1 Lauf ja schließlich kostenlos erhalten hätte, es also keiner besonderen Geste der Dankbarkeit bedürfe. Das mochte man so sehen, dessen ungeachtet aber neigte sich die Zeit der Freizügigkeit schneller dem Ende zu als geglaubt, und plötzlich fand sich ein anderer am Steuer des Wagens Richtung Hockenheim. Der war ich.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, und so sollten wir uns nicht ganz ungeschützt auf den Weg zum Rennen machen. Als ich meinen Wohltäter zuhause abholte, widerfuhr uns beiden gleichermaßen eine große mütterliche Geste der Hausherrin, die uns ohne belegte Brote und wasserabweisende Kleidung nicht ins Renngeschehen entlassen wollte. So hielt sie für, den Fahrer, einen nach starker Gummierung riechenden Umhang bereit. Dieser konnte bei Bedarf ohne größere Umstände übergeworfen werden und schützte so den Träger selbst gegen plötzlich aufkommenden Platzregen. Etwas anders die ebenfalls gummierte Schutzkleidung, die sie für ihren Gatten vorgesehen hatte. Es war eher ein Anzug, bestehend aus einer Hose nebst Jacke, großzügig geschnitten, in Signalfarben und eigentlich sturzwasserresistent. Allerdings galt es im Falle eines möglichen Einsatzes , in die Kombi hineinzuschlüpfen; keineswegs war sie vorgesehen, einfach übergeworfen zu werden. Dies sollte allerdings, soviel schon einmal vorneweg, beim anstehenden Ernstfall zu einem dramatischen Wassereinbruch führen.

Vervollkommnet wurde ein möglicher Einsatz der Schutzkleidung durch die Beigabe zweier gekühlter Büchsen Bier. Auch dies durfte man als überaus freundliche Geste werten. So zogen wir denn los, in freudiger Erregung.

Selbst die besseren Plätze bei solch einem teuren Event halten dem Anspruch nicht stand. So saßen wir auf nacktem Beton, jeder auf einem Schaumgummikissen, das man in der Mitte zusammenklappen konnte und das mit einem praktischen Henkel versehen war. Jeder hatte € 15 bezahlt. Ich habe das Kissen heute noch, hatte es allerdings danach nie mehr benutzt. Neben uns eine Familie mit Klappstuhl, auf dem der Vater saß. Es war die große Zeit von Michael Schumacher; die Schumi-Begeisterung war auf dem Höhepunkt. Überall trugen die Fans ‚Schumi T-Shirts’, ‚Schumi-Schals’ und was dergleichen an Fanartikel noch mehr war. Einige der Fans aber waren zu betrunken, um das eigentliche Rennen sitzend verfolgen zu können. Mit Fanartikel reichlich verziert lagen sie schlafend hinter der starken Mauer, Meter unterhalb unserer harten Sitzplätzen, die immerhin freie Sicht boten. Der Kleine neben uns sagte: „Boah, Vaddi, boah“. Der Vater neigte sich etwas nach vorne, hin zu seinem Kleinen, und befeuerte noch dessen Euphorie indem er sagte: „Geil, eh?“, worauf der Kleine strahlte und seine Schumi Söckchen hochzog. Noch schien die Sonne.

Dann aber, als bange Regenwolken sich verdichteten, öffnete der Himmel unvermittelt seine Schleusen. Wir waren vorbereitet. Doch zeigte sich im Einsatz, dass ich in meinem Überwurf um Welten besser geschützt war als mein Begleiter, der sich beim überstürzten Einkleiden panisch verhedderte, so dass er erst unmittelbar vor Ende des Ergusses zwar total durchnässt, aber immerhin rechtmäßig gekleidet sich auf der Tribüne wiederfand. Im ersten Renndrittel durfte er freilich darauf zählen, dass die jetzt stechende Sonne unsere Umhänge trocknete, was aber mit sich brachte, dass der Geruch des aufgeheizten Gummis zunehmend penetranter wurde.

Diesen Geruch wurden wir während des ganzen Rennens nicht los…

 

Demnächst mehr!

  • Archive