Allgemein Stadtstreicher

Jetzt aber mal TEMPO!

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Woran erkennt man die Lebensqualität einer Stadt? An was mag es liegen, wenn man Baden-Baden mit Charme und Fröhlichkeit in Verbindung bringt?

20170418_095258Ein ganzes Stück weit hat das sicherlich mit den Einwohnern zu tun. Sie wissen mit gepflegtem Äußern, mit einnehmendem Wesen, ja, nicht selten, mit heiterem Gemüt den Fremden für sich zu begeistern. Auf der Suche nach weiteren Gründen darf man aber auch nicht vergessen, welchen Stellenwert man hier dem Umweltschutz einräumt. Es heißt ja sogar: Baden-Baden, der grüne Salon. Staunend nimmt man zur Kenntnis, dass selbst die hiesige Oberbürgermeisterin täglich mit einem Fahrrad zum Dienst fährt, weshalb ihr eine umsichtige Dienstelle beim Bürgerbüro auch einen Fahrradparkplatz zur Verfügung gestellt hat. Es ist der Charme des Details, der nicht nur den Fremden schmunzeln lässt, sondern die Amtsträgerin auch emissionsfrei ins Büro rollen lässt.

Aber eine noch so liebenswerte Stadt wäre nur halb so schön, wenn die Infrastruktur die offensichtliche Schönheit nicht flankieren würde. So bieten die Geschäfte in reichem Maße das, was der Mensch halt so zum Leben braucht. Das beginnt z.B. bei den Immobilienbüros, die mit ihren kyrillischen Buchstaben dem Interessierten freundlich den Weg zu einer möglichen Investition weisen. Weiter kann man anführen das reichhaltige Angebot an Optikergeschäften, deren Produkte vom Design und Preis jedem Anspruch gerecht werden, so dass wirklich keiner brillenlos und sehgeschwächt in unserer Stadt umherirren muss. Ja, man könnte sagen, da liest ein Gewerbe jedem Kunden seinen Wunsch von den Augen ab.

Geht es dem Besucher nun aber gesundheitlich einmal nicht so gut, erwartet ihn darüber hinaus eine beachtliche Anzahl von Apotheken, die mit der Effizienz eines maßgeschneiderten Angebots jede Krankheit fast im Keim ersticken. Glückliche kleine Stadt! Aber auch hier vermag der Handel noch einen draufzulegen. Wer mit Tinkturen und Zäpfchen wohlversorgt das Geschäft verlässt erwartet zudem noch eine Kleinigkeit, die das Fass der Herzlichkeit fast zum Überlaufen bringt.

Nicht selten wird die Dame hinterm Tresen dem Patienten noch ein kleines Präsent mit auf den Weg geben, ein Päckchen Tempo-Taschentücher, das den Siechen immer daran erinnern soll, wem er das Wiedererstarken seiner Gesundheit letztlich zu verdanken hat. Angesichts dieser Herzlichkeit wäre es auch ziemlich unhöflich, sich nach dem Grund der Gabe zu erkundigen. Auch sollte man nicht fragen, ob es nicht sinnvoller wäre, die Medikamente etwas billiger zu verkaufen. Natürlich macht so ein Tempotaschentuch vor allem Sinn bei laufender Nase und Durchfall. Aber selbst, wenn dieser Fall nicht gegeben wäre, sollten wir das Päckchen einfach als nette Dreingabe sehen. Vergleichsweise etwa, als ob wir bei jedem Besuch der Autowerksatt einen kleinen Schraubenzieher geschenkt bekämen. Falls bei uns mal eine Schraube locker ist.

Um Missverständnisse zu vermeiden, könnte bei Touristen diese Gabe selbstverständlich entfallen.

Allgemein Auswärts

Die Stars der Mehrzweckhalle

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In Auggen: Leistungsschau der Osterhasen

HasenbildDer Kreisverband Müllheim schätzte Kurt Schuhmacher so sehr, dass er ihm den Ehrenvorsitz antrug. Zeit seines Lebens hatte er sich um das Kaninchen verdient gemacht, ja, man könnte fast sagen, er hatte den für einen Züchter so wichtigen Stallgeruch. So kam es, dass er zum Vorbild unzähliger Jungzüchter wurde.

So z.B. für Frank Martin. Er erhält auf der 25. Kreiskaninchenschau in Auggen für sein Zuchtergebnis („Neuseeländer, rot“) 385,5 Punkte. Es war die beste ‚Sammlung der gesamten Ausstellung‘. Veredelt wird das Ergebnis noch dadurch, dass die Konkurrenz an jenem vernieselten Wochenende doch recht stark war. Erstaunlich viele der 400 präsentierten Kaninchen fühlten das Auge der Juroren wohlgefällig auf sich ruhen und sahen sich völlig zu recht mit dem Prädikat ‚vorzüglich‘ in den heimischen Stall entlassen.
Ein schöner Erfolg für alle, diese Kreisschau in der Winzerhalle. Das Gebäude liegt direkt an der Hauptstrasse, gleich neben der ortsansässigen Winzergenossenschaft, die auch in diesem Jahr wieder mit vereinzelten Weinpräsenten (Auggener Schäf) zum Gelingen des Ganzen beigetragen hatte. Die Winzerhalle selbst – groß genug, um der der Deutschen Bahn AG als Veranstaltungsort für das Rentnerevent ‚Der schöne Tag‘ zu dienen – ist für die Kleintierschau allerdings etwas überdimensioniert, zumal die diesjährige Ausstellung eher unglücklich platziert ist zwischen der Kaninchenausstellung Freiburg und der Bundesschau auf dem Stuttgarter Killesberg mit angekündigten 30000 Tieren. Dafür beträgt der Eintritt in Auggen aber auch nur zwei Euro.

Dass sich die Halle schön gemacht hätte für ihre pelzigen Stars lässt sich freilich nicht gerade sagen. An ihren Holzwänden hängen in dekorativer Absicht diverse Flaggen in den Farben schwarz/rot/gold oder im Blau des geeinten Europa. Mit einem ‚Herzlich willkommen!‘ lädt ein beschriftetes Tuch zum Verzehr selbstgebackener Buttercremetorten auf. Am Eingang wirbt ein gelbes, eingerissenes Plakat für die nunmehr vergangene Wahl eine Disco-Queen (‚Miss No.1‘), die in einer Belchenhalle stattgefunden haben muss. Daneben annonciert MASSA MÖBEL ein ‚Probewohnen satt‘, jeden Sonntag von 13.00 – 14.00 Uhr. Und da, wo letztes Jahr die Kastelruhter Spatzen die Hymne der alleinerziehenden Mutter („Aber die Sehnsucht bleibt“) präsentiert hatten, stehen jetzt 400 Drahtkäfige mit ihren flauschigen Exponaten, jahreszeitlich geschmückt mit Osterglocken und Weidekätzchen.

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Und doch, wer weiß, vielleicht wird das eine oder andere Tier das Fest in der Pfanne erleben? Der Kreisvorsitzende jedenfalls schätzt Kaninchenfleisch außerordentlich. Lecker zubereitet sei es eine Delikatesse, zumal der Verband der Kaninchenzüchter – zusammen mit dem Fachorgan ‚Das Kaninchen‘, der sogenannten ‚Bewertungskarte‘ und einem Jahreskalender – praktischerweise auch noch Kaninchenrezepte im Sortiment führt, vornehmlich anzuwenden bei missratenen Zuchtergebnissen.

Nun lässt sich ein solcher Verlust auch verschmerzen, denn wer – wie die meisten Züchter – allwöchentlich die Ställe von mehr als 50 Tieren ausmistet, den mag schon einmal der große Hunger überkommen. Ohne sein Frau ginge das gar nicht, sagt der Züchter, der zwischen dem 16. und 18, Lebensjahr allerdings einen ‚Aussetzer‘ gehabt habe: „Da hab‘ ich lieber poussiert“. Es traf sich dann aber gut, dass der Bruder seiner späteren Frau ebenfalls Hasen züchtete, und als er in einer Tombola ein Kaninchen gewonnen hatte, da war er wieder mit dabei. Nachwuchssorgen im Verein? Eigentlich nicht. Wichtig für das Weitermachen sei der ‚Club der ehrgeizigen Väter“. Die erzögen ihre Sohne zur Zucht. Sein Vater z.B. habe 250 Hasen im Stall gehabt. Bei ihm selbst seien es über hundert, ja, er rechne im Monat mit über 90 Euro Kraftfutter.
Gewinn wirft das Ganze nicht ab. Der Preis eines Zuchttieres beginnt bei 40 Euro und dürfte bei 120 Euro aufhören. Dass in Kassel ein Tier für über 800 Euro den Stall gewechselt haben sollte, hält er für überzogen.
So taucht der Interessierte eine in eine Welt voller im Stroh liegender Geheimnisse. Er erfährt, dass es allein 49 Normalhaarrassen gibt, die so illustre Namen tragen wie ‚Blauer Wiener‘, ‚Weiße Hotot‘, ‚Großer Marder‘, ‚Sachsengold‘ oder ‚Perlfeh‘. Weiter verzeichnet der verbandseinheitliche ‚Einheits-Standart ’91‘ die ‚Rheinische Schecke‘, ‚Havanna‘ oder den ‚Deutschen Riesen, grau‘. Dies Rasse kennt z.B. beim Höchstgewicht keine Grenze nach oben, darf also mehr als 7 Kilo auf die Waage bringen. Dafür gibt’s dann die maximale Zahl von 20 Punkten. Anders die ‚Rex Zwerge‘. Sie erreichen die maximale Punktezahl bei 1,4 Kilo. Darüberhinausgehende Pfunde gibt Abzug. Gerade der ‚Deutsche Riese‘ ist ein Prachttier, der seinen Käfig mühelos ausfüllt. „Er hat ein 20er Ohr“, so der Kaninchenkundige.
Und dann noch die Bewertungskriterien für fehlerhafte Abweichungen! Mag der Juror das ‚lose am Körper sitzende Fell‘ noch einigermaßen durchgehen lassen, man auch ein ‚gespaltener Penis‘ die Wertung nicht ganz verhageln, so schlägt das ‚vollständige Abweichen vom Typ‘ schon ganz anders zu Buche. Ganz schlecht sind auch X- oder O-Beine, ‚ausgeprägter Häsinnenkopf beim Rammler‘ oder gar Schlepphode. Da wendet sich der Fachmann mit Grausen, so, als wäre dem Züchter bei einem derartigen Ergebnis das weitere Züchten zu widerraten.
Der hätte sich – unter Hinzuziehung der Züchterbibel ‚Rassekanichenzucht‘ – besser rechtzeitig kundig gemacht. Dort hätte er z.B. erfahren wie es sich mit den ‚Erbwerten der Familie‘ verhält. Er wüsste, in welcher Landschaft er den Stall nach welcher Himmelsrichtung ausrichten muss. Ferner auch, dass in schlechten Jahren mehr Kaninchen gezüchtet werden als in guten (so wurden 1918 viermal soviel Kaninchen gehalten als vor dem Krieg). Weiter erfährt er dort, dass die Bergleute eine starke Affinität zu diesem Tier hegen und dass es des großen vaterländischen Kriegs beduft hatte, den deutschen Soldaten vom Nutzen des Stallhasen zu überzeugen. Der Krieg als Vater aller Hasen?

Doch ist dem umfangreichen Kompendium der Kaninchenkunde auch Praktisches zu entnehmen: „Wer die Geburt z.B. an einem Sonnabend wünscht, lasst die Häsin Mittwochs zu“ (hier sollte man vielleicht ergänzend anführen, dass dazwischen naturbedingt ein Monat liegt). Und weiter führt der Verfasser aus: „Nach der Begattung lässt sich der Rammler dann meist mit einem knurrenden Laut seitwärts von der Häsin abfallen, wobei er noch einige Sekunden an ihr liegenbleibt“.
Da ist es nur nützlich, dass der Katalog zur Kreisverbandschau Rammler und Häsin klar getrennt aufführt. Die Zeichenerklärung weißt aus: 1,0= männlich, 0,1=weiblich. ’nb‘ heißt ’nicht befriedigend‘ und ‚ob‘ = ohne Bewertung. Weiter informiert uns der Katalog, dass Günter Hurst mit 6 Euro an der Herstellung des Katalogs beteiligt war und dass das Mischfutterwerk Rappenecker 2 Sack Kraftfutter beigesteuert hatte. Willi Hartenbach, der Kreisverbandvorsitzende, hatte ein T – Shirt gespendet. Darüber hinaus war er es, der zusammen mit Karl Triebwetter den Transport der Käfige besorgt hatte.
So bleibt dem Besucher – nach aufwärmendem Kaffee und Kuchen, vor allem der Blick aufs Wesentliche und die Einsicht in eine Welt, zu der er nimmer Zugang gefunden hätte, hätte es nicht gegolten, einen Sonntagnachmittag im Markgräflerland zu überbrücken. Nur so kam es, dass er sich erfreute an der „…geradezu zwingenden Unterhaltungskraft und Erbaulichkeit des Tieres, des pelzigen und des gutmütigen und traulichen Haustieres zumal“ (E.Henscheid)

Allgemein Blättern & Rauschen Menschen

Immer der Nase nach!

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Georg Felsberg zieht umher und bringt etwas mit: Bücher.Titelbild Loch

„Heraus zum 1. Mai“, mag mancher denken, auch wenn er nicht in der Gewerkschaft ist. Georg Felsberg, nunmehr emeritierter Fernsehredakteur beim SWR, pflegt diese Leidenschaft seit Jahren. Von Karlsruhe aus, wo er wohnt, zieht es ihn alljährlich immer und immer wieder in die Länder Asiens, nach Indien, Sri Lanka, Nepal, Bangladesch. Dort sammelt er einen Rucksack voller Erfahrungen, trägt sie heim, und fasst sie dann in Worte, um daraus zauberhafte Texte zu machen.

Georg Hängebrücke

Der Autor vor einer Hängepartie

Die Ausstattung des Fernreisenden ist stets auf Nötigste beschränkt. Er bewegt sich mit Bus und Bahn. Gern auch wird gegangen, wenn sich nichts anderes zur Fortbewegung anbietet. Die Leichtigkeit des Reisens findet sich in der Leichtigkeit der Texte wieder, die mehr sind als bloßes Beschreiben dessen, was ist. Er will dahinter kommen, so, wenn der Titel eines seiner Bücher lautet: „Der Mann hinter dem Loch in der Mauer“. Vier Bändchen sind es mittlerweile geworden. Jedes einzelne im besten Sinne kurz und knapp. Das vertreibt die Müdigkeit.

Die Texte sind Streiflichter, literarische Brenn-Punkte. Das geht nur, wenn man ein genauer Hin-Kucker ist, denn nur so entdeckt man die Alltäglichkeiten, die sich zu wunderbaren kurzen Texten verdichten lassen.

Wer gerne reist und sei es nur im Kopf, sollte die Geschichten unbedingt lesen. Und vorher halt kaufen!

Zu beziehen über –   http://www.georg-felsberg.de.rs 

Auf der Website sind auch die Termine aufgelistet, wann der Verfasser wo liest.  So. Für Genusswillige jetzt auch noch ein Kostprobe:

Das Gewürz des Lebens

Ein magerer, sehr lebhafter alter Mann im abgetragenen weißlichen Kurta, einem langen indischen Hemd, spricht mich wie nebenbei von der Seite an. Er begleitet mich wie selbstverständlich über den Sadar- Markt am Uhrturm von Jodhpur. Wir drängeln uns zwischen den Ständen fliegender Händler mit billiger Kleidung hindurch. Vorbei an Männern, die ihre Waren lauthals anpreisen und Frauen mit Gemüsekarren: Kartoffeln, Gurken und frisch mit einem feuchten Lappen polierte Mandarinen.

„Gestern hast du mich etwas gefragt“, meint mein Begleiter. „Willst du heute wieder etwas wissen? Gestern habe ich dir den Weg zum ‚Step Well‘ gezeigt, dem Stufenbrunnen. Du hast den Weg doch gefunden? Das freut mich sehr.“ Wenn ich heute wieder fragen wolle, meint er und lächelt mir zu, dann könne ich sicher sein, dass ich auch heute den Weg leicht finden könne. Er sei ein ausgezeichneter Wegebeschreiber. Das könne natürlich jeder von sich behaupten, aber bei ihm sei das die reine lautere Wahrheit. Er habe in seinem langen Leben auch Leute getroffen, die den Weg trotz seiner guten Beschreibung nicht gefunden hätten.

Das tue ihm sehr leid, es läge aber nicht an ihm, sondern an der Dummheit der Leute, die immer mit dem Kopf nickten, aber nie genau zuhörten. Bei mir sei das anders, ich sei klug und höre zu. Ich hätte den Weg ja gefunden. Ich hätte den Weg vielleicht auch ohne ihn gefunden, so klug sei ich. Damit meine Klugheit so bliebe, auch im Alter, möge ich doch jetzt mit ihm zu seiner kleinen Gewürzhandlung kommen, gleich dort hinten in der ersten Gasse. Manche Gewürze hülfen, die eigene Klugheit zu bewahren. Kluge Leute glaubten ihm das, bei Dummen hülfe es nichts. Da sei einfach nichts zu machen, so dumm seien die. Weil ich aber sehr klug sei, solle ich mir täglich eine Prise seiner Mixtur in meinen Tee streuen. Das nütze viel und koste wenig.

Als ich sein freundliches Angebot höflich ablehne, lacht er und meint, ich sei ja noch viel klüger, als er gedacht habe. Nur besonders kluge Leute wüssten, dass Gewürze gegen Dummheit nicht helfen. Ich solle aber trotzdem mit ihm kommen, eine Tasse Tee bei ihm trinken und seine Gewürze riechen, die sich auf der Zunge und im Inneren meines Leibes wunderbar anfühlen würden. Als ich ihm freundlich sage, dass ich keine Gewürze kaufen möchte, ihn aber für seine hübschen kleinen philosophischen Überlegungen über die Klugheit und die Dummheit bewunderte, meint er, das sei keine Philosophie, das sei etwas viel Wichtigeres. Ein kleines heiteres Gespräch mit einem neuen Freund unter dem Uhrturm in Jodhpur gegen Mittag, wenn die Sonne scheint, das sei doch „das Gewürz des Lebens“.

Er, als Händler für tausenderlei wunderbare Zungenschmeichler und für die kostbarsten Düfte aus aller Welt, er kenne sich aus.

 

Allgemein Stadtstreicher

Der Glückspilz

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300px-2006-10-25_Amanita_muscaria_cropGestern hörte ich von einem glücklichen Menschen. Dabei handelt es sich um einen jungen Mann, der mich in einem guten Baden-Badener Modegeschäft immer außerordentlich kompetent und zuvorkommend bedient hatte.

Er hatte aus seinem Schwulsein nie einen Hehl gemacht. Betrat ich das Geschäft, begrüßten wir uns freundlich ironisch. Ich nannte ihn beim Hereinkommen ‚schöner Mann’. Er  wiederum dankte es mir mit einem: ‚junger Freund’. Bei dieser Anrede stimmte weder das Adjektiv noch das Substantiv. Aber wir hielten es halt so. Ansonsten war damit der freundlichen Eingangsform genüge getan und man konnte zum meist erfolgreichen Einkauf schreiten.

Eines Tages aber war er nicht mehr da. Auf Nachfrage erfuhr ich, er habe die Arbeitsstelle gewechselt. Nach mehreren beruflichen Stationen, hätte er nun ganz offensichtlich seine wahre Bestimmung gefunden. Er arbeite jetzt als Wurst- und Fleischfachverkäufer in einer Metzgerei.

Hatte er mir noch kürzlich zu dieser einzigartigen Verbindung aus Kaschmir und Seide geraten,  empfiehlt er  jetzt wahrscheinlich Schweineschnitzel vom Hals. Gut durchwachsen und derzeit im Angebot.

Es scheint, als gälte auch in diesem Fall: spätes Glück nicht ausgeschlossen.

Allgemein Essen & Trinken Menschen

Tintenfisch Folge 2

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Auferstanden aus Ruinen

Gottseidank haben wir ihn wieder. Den Eierlikör!

Lange war er weg. Das letzte Mal, da ich ihn bewusst wahrnahm, war anlässlich eines warmen Sommerabends bei der Großtante meines Vaters. Sie hieß Marie20170318_171620 und lebte mit ihrem Mann, einem fröhlich vor sich hin dilettierenden Kunstmaler, in ihrem nach einer verheerenden Bombennacht wieder eigenhändig aufgebauten Häuschen in Offenbach.

Dort saß nun mein hagerer Onkel Josef, ein nassgekauter kalter Stumpenstummel zwischen seinen Kriegszähnen, in seinem kleinen, eng zwischen den anderen Häusern eingeklemmt Gärtchen und malte: die Katze am Fenster, mit Wollknäul spielend. Der brave Landmann, hinter zwei mächtigen Kaltblütlern und seinem Pflug hergehend. Im Kreise der Enkel sehen wir die Großmutter am Spinnrad, auch hier wieder die Katze, jetzt aber Pfötchen leckend. Und dann ein Osterspaziergang, der Vater fröhlich vorneweg. Was man nach überlebten Bombennächten halt so malt.

20170318_171713Eines Tages aber erweiterte der Künstler sein malerisches Repertoire. Heidelberg und das zerstörtes Schloss wurde sein neues Sujet. Das an sich wäre noch nichts Besonderes, aber das Bild hatte auch ein ungewohnt großes Format. Dass hier in einer neuen Dimension gemalt wurde, muss schon deshalb erwähnt werden, weil eine große Leinwand damals wie heute teuer war. Ohnehin hatte meine sparsame Tante die Gewohnheit, jeden Teebeutel dreimal aufzubrühen. Zum Nachtisch gab es sonntags in Zuckerwasser gekochte Birnenschnitze. Zu jenen Zeiten war Schmalhans Küchenmeister.

Eines Tages aber saßen draußen im versteckten Hof sechs Damen auf kleinen, aus der Wohnung herbeigeschafften Stühlen. Sie beteten meinen Großonkel an, was ihn ziemlich stolz, meine Ur-Großtante aber ein wenig eifersüchtig machte. Der Grund der Versammlung war das von Onkel Josef geschaffene überaus romantische geratene Gemälde des Heidelberger Schlosses, dessen Romantik vor allem daraus resultierte, dass das Schloss – im Pfälzischen Krieg von den Franzosen in Brand gesteckt – feuerrot loderte. Dieser Eindruck wurde bei einbrechender Dämmerung zudem noch verstärkt, dass das Bild durch eine schwache Birne von hinten illuminiert wurde, was die Damen – gelinde gesagt – umhaute.

Doch das war nicht alles. Mir als Kind oblag es an diesem lauen Abend, einen vom Onkel handgeschriebenen Text aus einer Kladde vorzulesen, was ich als Kind zur großen Rührung der Zuhörerinnen auch tat. An den Inhalt erinnere ich mich nicht mehr genau. Irgendwie aber hatte der Text – stockend vorgetragen – etwas mit dem Mythos des Schlosses zu tun. Aber das war aber ohnehin zweitrangig, denn während der Beleuchtung zauberte mein stets nach kaltem Zigarrenrauch und Leinöl riechender Künstleronkel zur Entzückung seiner weiblichen Fans jetzt eine Flasche Eierlikör auf den Tisch, was von den Damen euphorisch begrüßt wurde, zumal der Eierlikör das Trendgetränk der damaligen Zeit war. „Prösterchen“, wurde gerufen, und eine der Damen senkte ihre Zunge tief ins Likörgläschen, den letzten Tropfen sich noch sichernd.

Mein Text war bald zu Ende gelesen und wurde abgelöst durch den ‚Treuen Husar‘, der aus einem dunkelbraunen Radio, aus der Küche heruntergebracht, in die von Steinmauern umfriedete Romantikenklave tönte. Die Gäste summten mit.

Irgendwann war der ‚Treue Husar‘ verklungen und die zartroten, zartblauen und zartgrünen Gläschen, in die Nachkriegszeit hinübergerettet, waren geleert (die 20170318_171842Fliegerbombe hatte also nicht alles vernichtet). Ganz in der Ferne hörte man eine Straßenbahn und immer noch kokelte das Heidelberger Schloss. Es war erfreulich spät geworden, als die Damen – ein bisschen erhitzt – sich verabschiedeten und gelobten,  doch recht bald wiederzukommen, um den restlichen Inhalt der Flasche auch noch zu trinken.

Die Damen weilen schon lange nicht mehr unter uns, und ob es dann zum Wiedersehen kam: ich weiß es nicht. Aber lange, allzu lange hat es gedauert, bis auch ich ihn, den lang Verschollenen, endlich wiedersah. Erst vereinzelt, fast verschämt, versteckt in den Regalen, in letzter Zeit aber häufiger, sich langsam in den Vordergrund und damit ins Bewusstsein schiebend. Der Eierlikör. Gelb, ölig, zähfließend.: „Ei, Ei, Ei Verpoorten. Verpoorten allerorten“.

Wir haben ihn wieder.

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