Allgemein Auswärts Essen & Trinken Menschen

Jetzt aber mal ernsthaft – Teil 1

Published by:

Kürzlich widerfuhr mir in einem Telefonat wirklich Seltsames. Als ich einen Unternehmer anrief, um zu fragen, ob ich über ihn und sein durchaus interessantes Unternehmen einen Beitrag schreiben dürfe, ging er auf die Homepage des BADENBLOGGER und sah da unser Motto: „radikal und objektiv“. Daraufhin schien er nachhaltig verstört. Kann uns egal sein, dachte ich. Wir brauchen keine Werbung. Wir sind ein durch und durch unabhängiges Medium. Und doch machte es uns nachdenklich, und wir beschlossen, immer mal wieder etwas zu schreiben, was nicht unbedingt ‚radikal‘, trotzdem aber ‚objektiv´ ist. So recht wissen wir noch nicht, was wir damit meinen, aber uns wird schon etwas einfallen. Lass Sie sich das gesagt sein!

So. Jetzt fangen wir schon mal an.

Wer wollte bestreiten, dass die Südpfalz ein durch und durch liebenswerter Landstrich ist. Die Menschen sind voller Herzlichkeit, die Hänge voller Wein. Wenn dann noch, wie kürzlich in Rhodt unter Rietburg, alle gemeinsam das ‚Fest des neuen Weins’ feiern, ja, da kann einem so richtig das Herz aufgehen. Dazu gehören der Riesling und die Leberknödel, das Sauerkraut und die Krumbeere! An so einem wunderbaren Spätsommersonntag hockt man dann in einer gemütlich dekorierten Hofeinfahrt und lässt beim Trinken und Schwätzen – wie man so sagt – den lieben Gott einen guten Mann sein. Dieser Ansicht sind auch die mit mir am Tisch sitzenden zwei befreundeten Ehepaare, die nun schon im elften Jahr aus Aachen hierher kommen, um immer wieder in derselben Pension Ferien zu machen. Langweilig wird das nie, erzählen sie. Alle sind begeistert, vor allem, da man durch die jüngst in Mode gekommen E- Bikes seinen Vergnügungsradius massiv erweitern konnte. Glück ohne Ende, jedenfalls soweit der Akku reicht.

Man spricht also über dieses und über jenes, z.B. auch über den Karneval daheim, über die Jecken, die ausgelassene Freude, den ‚Zoch’ (Karnevalumzug) und natürlich auch über die Kamellen, die von den Wagen Kiloweise auf die Jecken geworfen werden. Aber, und jetzt kommen wir zum ernsthafteren Teil unserer Ausführungen, es ist nicht mehr so wie früher. Etwas hat sich geändert. Der plötzlich ernsthaft gewordene Jecke nimmt noch einen Schluck. Ja, es hat sich was geändert. Die Leute wollen keine Kamellen mehr. Keiner hebt sie mehr auf. Früher – ja, früher, waren die Straßen leer von Kamellen. Keine Kamelle blieb liegen, jede einzelne wurde aufgehoben. Heute hingegen wollen die Leute Schokolade, Mars und all das ganze Zeug. Kurz: es klang nach Werteverfall. Mein Gott, dachte ich: was soll aus dem Karneval werden, wenn die Menschen nur noch ‚Ritter Sport’ glücklich macht? Man kennt den Rheinländer ja eher so aus der Ferne und so bot sich die eine Frage geradezu an: warum bleibt die rheinische Kamelle neuerdings liegen?

Der Grund, sagt mein Mittrinker und nimmt noch einen Schluck, der Grund (jetzt blickt er fast so traurig wie ich) liegt an den Ausländern, den Asylanten. Sie wollen sich nicht bücken. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sie von uns – er sagte ‚von uns’, mich also mit eingerechnet (Volksgemeinschaft) – „alles vorne und hinten“ reingeschoben bekommen.

Er meint doch hoffentlich nicht die Kamelle?

 

 

Allgemein Menschen

Des Glückes Schmied Teil 1

Published by:

Franz Botschek – der Mann am Feuer

Bei der Besetzung des ‚Mime’, des Schmiedes in der Oper ‚Siegfried’, hätte Richard Wagner an einem wie ihm seine helle Freude gehabt. Mächtig steht er da, ein Baum von einem Mann. Mit starken Armen, riesigen vom Rauch geschwärzten Händen und einem Lederschurz, der ihn vor der stärksten Hitze schützt. Schade nur, dass Franz Botschek nicht singen kann und Wagners Opern nicht kennt. Dafür aber liebt er ‚Truck Stop’ und steht auf Büchsenwurst.

Letztere braucht er auch, wenn er an seinen vier verschiedenen Feuerstellen arbeitet, die er sich zwischen seinem ererbten Elternhaus und einem angebauten Holzhaus eingerichtet hat. In Lauf, einem kleinen Dorf in der Ortenau. Dort geht er seinem schweren Handwerk nach, inmitten eines höher gelegenen Wohngebietes, wobei er an der Feuersicherheit seines Arbeitsplatzes nicht den geringsten Zweifel aufkommen lässt. In der Ferne liegt die Rheinebene und ganz unten das gemütliche Dorf. Neben sich hat er Bier und Büchsenwurst, und hinter sich eine Säulenbohrmaschine von 1910. Und für einen kurzen Augenblick lang mag man sich der trügerischen Illusion hingeben, dass diese Vergangenheit doch noch ein Morgen haben könnte, ohne Gedanken an die Globalisierung, ohne Bits und Bytes. Gern möchte man sich noch eine Art Zukunft vorstellen, geschaffen durch eines rechten Mannes Hände Arbeit, übriggeblieben aus einer Zeit, in der hochqualifizierte Arbeitskräfte sich nicht entscheiden mussten, ob sie zum Arbeiten entweder das iPhone oder den Becher Latte Macciato aus der Hand legen sollen.

„Hey Boss, ich brauch‘ mehr Geld“ hört man Gunter Gabriel im kleinen Kofferradio singen, das schwarz, von Ruß, mit scharfkantig abgebrochener Antenne in der Ecke hängt. Gunter Gabriel übt – wenn man so will – ebenfalls eine Art  Handwerk aus: das eines Barden. Auch dieses Handwerk hat einer Art Zukunft, nämlich im RTL Dschungelkamp, in das demnächst der Barde mit Gitarre und Toupet für viel Geld einzieht. So etwas ist Botschek von Haus aus suspekt. Nichts für ihn. Schall und Rauch.

Doch kommt auch das Schmiedehandwerk ohne beides nicht aus….

 

 

 

(sämtliche Fotos mir freundlicher Genehmigung von Samuel Hess. Siehe auch    www.samuelhess.de)

Allgemein Menschen

Des Glückes Schmied Teil 2

Published by:

Doch kommt auch das Schmiedehandwerk ohne beides nicht aus. Das sieht die Nachbarin offensichtlich ähnlich, wenn der Rauch der feurigen Esse in ihre Richtung zieht und Wucht und Lärm des Federhammers die Fundamente ihres Nachbarhauses erzittern lassen. Das ist halt so. Das rührt sie nicht. Eher machte sie sich Sorgen, wenn das Gewerbe von Zeit zu Zeit ruht und sie vom Nachbarn nichts hört.

Es sind vielleicht diese stillen Momente, in denen er vom Wilden Westen träumt, wo es ihn in Gedanken immer wieder hinzieht, so etwa, wenn er in einem Buch über Indianer blättert oder über die Cartwrights aus der Serie ‚Bonanza’ ins Schwärmen gerät. Schon der Anblick der massiven, zusammengefügten Balken seines Holzhauses, die sich seit dem Einzug wie berechnet um acht Zentimeter gesenkt haben, befeuert seine Träume. Den Rest erledigt an kalten Abenden der offene Kamin. Im flackernden Licht der offenen Flamme zieht er dann schon mal den Stetson auf, den ihm ein früherer Kollege aus Amerika mitbrachte und den einst John Wayne bei einer Filmproduktion getragen hatte. Das sind dann die Momente, in denen Franz Botschek, der Schmied, durchblicken lässt, dass hartes Eisen auch mal weich werden kann. Es kommt halt auf die Temperatur an.

Doch lasse man sich nicht täuschen: sein Reich ist auch von dieser Welt. Froh, mit einer auskömmlichen Betriebsrente seines ehemaligen Arbeitgebers SWR versorgt zu sein, macht er jetzt nur noch das, was ihm Spaß macht. Auch heute noch bekommt er eine Gänsehaut, wenn er an seinen ersten Hammerschlag aufs rotglühende Eisen denkt. Diese Begeisterung für sein geliebtes Handwerk möchte er weitergeben, in monatlich stattfindenden Schmiedekursen, in denen er fünf Laien in einem sechsstündigen Grundkurs vermittelt, dass das Glück eines Menschen auch auf einem Amboss liegen kann. Rechtsanwälte durften das ebenso erfahren wie ein Strahlentherapeut, Kaminfeger, Steinmetze und, ja, auch Frauen. Unterbrochen nur durch das Auslöffeln der ‚Schmiedesuppe‘, lernen sie bei solch einem Lehrgang, dass das Beherrschen von Grundschmiedetechniken wie das Aufspalten, Spitzschmieden und das Tordieren, unerlässlich ist, will man am Ende eines Samstags mit einem selbstgeschmiedeten Teelichthalter zwar arm- und handlahm, dafür aber glücklich in den Flieger nach Berlin steigen.

So ein Leben hat er sich immer gewünscht…..

Allgemein Menschen

Des Glückes Schmied Teil 3

Published by:

samuelhess_botschek_5

So ein Leben hat er sich immer gewünscht. Schaffend und selbstbestimmt, hoch über Lauf, ins Tal blickend. Ein bisschen wie der Türmer aus Goethes Faust, der „zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“ war und endet mit: „Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehen, es sei, wie es wolle, es war doch so schön“. Dass er so weit kommen konnte, verdankt er einerseits seiner guten Konstitution. Anderseits aber auch seiner Disziplin und Arbeitslust.

Ansonsten beharrt er eigensinnig darauf, dass jeder ein gutes Stück weit seines Glückes Schmied sei. All dies zusammen ließ ihn in siebenundvierzig Jahren Arbeit nicht einen Tag arbeitslos sein. Wofür er dem Herrgott im Allgemeinen, Andrea Nahles aber im Besonderen dankt. Letzterer hält er zugute, dass sie ein Gesetz durchgebracht hat, das ihm jetzt ermöglicht, nach fünfundvierzig Berufsjahren mit dreiundsechzig abschlagsfrei in Rente zu gehen. Es war ihm ein tiefes Bedürfnis, sich dafür erkenntlich zu zeigen. So schmiedete er der Ministerin ein Hufeisen mit einem Kleeblatt, fügte dankende Worte hinzu und war fast gerührt, als ihn drei Tage später ihn ein Anruf aus dem Ministerialbüro erreichte. Andrea Nahles würde ihn gern sprechen. Man führte ein zehnminütiges Telefonat, in dessen Verlauf sie sich für das Präsent herzlich bedankte und ihm versicherte, dass ihm ein gebührender Platz in ihrem Büro sicher sei. Und ganz besonders hätte sie sich über das Hufeisen gefreut, weil sie doch selbst Pferde habe.

Und zudem sei auch ihr Großvater Schmied gewesen.

Allgemein Stadtstreicher

Handelskrieg

Published by:

Glück gehabt. Wie ein Uhrenhändler versucht, eine Uhr zu verkaufen 

Man sieht es dem Mann an: Verkaufen kann ein wirklich hartes Geschäft sein, zumindest so hart wie – sagen wir mal – putzen. Mindestens. Das einzig Gute daran ist, dass man seine Arbeit stehend verrichtet. Anders als beim Putzen, muss man sich beim Verkaufen aber kaum bücken. Allein schon deshalb tritt der schlanke, hochgewachsene Uhrenverkäufe in Baden-Badens bester Lage aufrecht hinter einer weißen Halb-Wand hervor. Noch im Schreiten fragte er, was ich will. Nachdem ich freundlich das Naheliegende – eine Uhr –formuliert hatte, geriet er irgendwie kurz ins Stocken, fasste sich aber gleich wieder. Die eben entstandene Stille war mir ein bisschen unangenehm. Wortlos deutete ich in Richtung Schaufenster, wo ich eine Uhr gesehen hatte, die um zwanzig Prozent runtergesetzt war. Sie gefiel mir.

Sein Blick schwenkte jetzt, der Richtung meines Blickes folgend, ebenfalls in Richtung Schaufenster. Noch stand er da, aufrecht, unternahm aber bis zu dem Zeitpunkt keine Anstalten, sich in Richtung Auslage zu bequemen. Ich wollte ihn gnädig stimmen und fragte, ob ich ihm die Uhr mal zeigen dürfte. Jetzt trat er ein Stückchen vor und blickte mit mir gemeinsam vom Inneren des Geschäfts über die Rückwand des Schaufensters in die Auslage. Ich deutete auf die Uhr, die er nach meinem zweimaligen Korrigieren auch als die ausmachte, die mein Interesse erweckte. „Sie wissen aber, dass Männer heutzutage größere Uhren tragen?“

Er hatte mich auf dem falschen Fuß erwischt. Welcher Mann will sich schon durch den Kauf einer Uhr als durch und durch feminin outen, zumindest als jemand, des sich allein schon durch das Tragen einer Uhr nicht mehr deutlich zum eigenen Geschlecht bekennt. Eigentlich fiel mir jetzt gar nichts mehr ein, und ich erst mal: „Na ja…“

Da trat er nach. Es sei außerdem eine Automatik. Ich perplex. Offen gestanden war ich auf eine verbale Auseinandersetzung mit einem Uhrmacher nicht recht vorbereitet. Was soll so schlimm an einer Automatik sein? Gibt es Menschen, die das Aufziehen einer Uhr als beglückend empfinden? Unter Boxern hätte man gesagt: ich bekam die Arme nicht hoch. Jedenfalls nicht jetzt. Deshalb verabschiedete ich mich fürs erste mal, gedachte aber wieder kommen, um dann, nachdem ich Kraft geschöpft und taktisch besser eingestellt war, erneut in den Ring zu steigen.

Meinen ersten Angriff hatte der Mann vom Einzelhandel also abgewehrt. Aber, wie ich wusste, zeichnet sich ein echter Kämpfer dadurch aus, dass er immer wieder aufsteht, sich überwindet und wieder kommt. Der Kampf ist so lange nicht verloren, wie du ihn nicht verloren gibst, sagte ich mir. Die nächsten zwei Tage strich ich immer mal wieder an der Auslage vorbei, um zu schauen, ob es vielleicht zwischenzeitlich einem wirklichen Mann gelungen war, die Bastion des Verkäufers zu stürmen. Aber noch war keiner gekommen. Noch immer lag die Uhr da, schön, irgendwie weiblich und leider nicht mein.

Zwei Tage später, nach einem längeren, mich mental stärkenden Spaziergang durch die Allee, erneutes Erklimmen der Bastion. Ich betrete das Geschäft, Händler kommt aus der Tiefe des Raumes. Ich presse die Luft aus der Lunge, stelle mich mittels Atemtechnik ruhig und bitte darum, mir eine Uhr ansehen zu dürfen. Er: „Welche Uhr? Sie müssen sie mir schon mal zeigen?“ Offensichtlich hatte er mich nicht wiedererkannte. „Meistersinger“, sagte ich und nannte die Marke der Uhr. Ich deutete auf das Exemplar. Diese Marke lässt er jetzt auslaufen, deshalb gibt’s die Prozente, sagte er. Die Frage, ob der Kunde diese Marke nicht mag, verkneife ich mir. Bin ja selber einer.

Während er die Uhr aus der Auslage fischte und ich sie mir an mein Handgelenk legte, tritt er nach. Die Uhr habe nur einen Zeiger. Sie zeige lediglich die Stunde, nicht aber die Minuten an. Ob ich das wüsste? Irgendwie schon, dachte ich.

Meiner leichten Kurzsichtigkeit konnte ich durch das Tragen einer Brille seit Jahren entgegenwirken, und so war mir schon beim Betrachten der Uhr im Schaufenster aufgefallen, dass es sich um eine sogenannte ‚Einzeigeruhr’ handelte. Aber da ich weder vorhatte, die Laufzeiten meines joggenden Nachbarn zu stoppen noch die Uhr bei Außenarbeiten an der ISS zu tragen, konnte ich das Fehlen eines Minutenzeigers leicht verschmerzen.

Ich mache es kurz. Es kam zu einem dritten Besuch des Geschäfts. Ungeachtet seiner nicht besser gewordenen Laune hatte ich die Uhr dann gekauft. Was hatte ich nicht alles weggesteckt? Die Uhr sei für mich eigentlich zu groß – geschenkt. Eine Automatik? Dann brauche ich sie ja nicht aufziehen. Weiter: offensichtlich will keiner diese Uhren kaufen, weshalb er die Marke auslaufen lässt und sie mit Rabatten verramscht? Ach was!

Ich trage die Uhr mit großer Freude. Sie schmückt mein schmales Handgelenk. Auch haben mich Freunde wiederholt auf das Schmuckstück angesprochen.

Außerdem habe durch den Kauf ich zum ersten mal in meinem Leben begriffen, was es heißt: Jemandem auf den Zeiger zu gehen.

 

  • Archive