Allgemein Menschen Stadtstreicher

Das Leben geht uns alle an

Published by:

Wenn ich mir manchmal meine Zeitung am Kiosk hole, nehme ich gern die Abkürzung über den Friedhof. Auf dem Rückweg setze ich mich dort bei passendem Wetter auf eine Bank und werfe schon einmal einen ersten Blick in das Blatt. Ich bin dann meist alleine. In der Regel ist es dort sehr still. Gut, letzte Woche war’s mal nicht so. Zehn Gräber weiter setzte ein junger Friedhofsgärtner Primeln auf ein noch frisches Grab. Die Pflänzchen nahm er von einem Pritschenwagen, aus dessem Inneren ‚No matter what’ von Boyzone tönte, was mich irgendwie beim Zeitungslesen störte. Nun wusste ich, dass ein Mitglied dieser Boygroup auch schon tot war; das ging dann irgendwie in Ordnung. Gestern aber war es anders.

Unbeobachtet, wie ich mich wähnte, hatte ich geglaubt, bei meiner Lektüre für einen kurzen Moment auf meine Maske verzichten zu können. Keine Primeln, keine Boyzone. Stille. Kontemplation. Wenig Publikumsverkehr. Plötzlich aber blaffte mich aus ca fünfzehn Meter Entfernung ein rüstiger Rentner an, doch gefälligst meinen Mundschutz anzulegen. Irgendwie war er einer von denen, denen ich normalerweise immer in den Nachrichten begegne, wenn sie in wasserabweisener roter Wetterkleidung gegen Stuttgart 21 oder am Hambaches Forst  demonstrieren und sich für das Leben der Enkelgeneration stark machen. Ob ich denn nicht wisse, dass ich mit meinem Verhalten andere gefährde?

Von mir hatte er dabei gar nicht gesprochen. Mich hatte er glatt vergessen. Macht nix. Nach dem Rentnerrüffel band ich mir pflichtschuldigst meine Maske vors Gesicht und dachte:  irgendwie hat er ja  recht. Wie nachlässig von mir, nicht nur mich sondern auch noch die hier liegenden Toten in Lebensgefahr zu bringen. 

 

Allgemein

Muss alles rein!

Published by:

Mit Pflanzen in den Winter – eine Anleitung

Herbstzeit. Erntezeit. Zeit der Reife. Äpfel, Birnen und solchen Sachen. „Bunt sind schooon die Wäälder, gelb die Stoppelfelder“, singt irgendwo ein Kinderchor, wenn er nicht gerade twittert. Und auch Gottfried Benn sollten wir hier nicht vergessen, bei dem schon der Anfang des Gedichts ‚Astern, schwälende Tage, alter Beschwörung Bann’ dem sommerlichen Grün den Rest gibt. Von jetzt an gilt es, sich auf die kalte Jahreszeit vorzubereiten.

Noch aber wärmt uns die spätherbstliche Sonne. Mich z.B. findet sie mit Schnitterblick und Gartenschere auf dem Balkon. Auf Anraten meiner gartenaffinen Freunde sei es jetzt höchste Eisenbahn, die Geranien ins Warme zu schaffen. Ansich, so lese ich, seien sie ‚winterhart‘, aber was heißt das schon? Da scheint es mir sicherer, sie in einen Zustand zu überführen, der es ihnen ermöglicht, sicher zu überwintern. Dazu muss ich dieses erstaunlich ergiebige Gewächs saisonbedingt reduzieren, es also von allem Überflüssigen zu trennen: Reste von blühenden Blüten, grünen Blättern, Stengel, kurz, von allem, was eine Pflanze im Sommer halt so braucht, was aber im Haus Platz wegnimmt.  Diese Maßnahme scheint mir schon deshalb angebracht, weil mein Platz auf dem Speicher ziemlich beschränkt ist. Das liegt u.A. an zwei riesigen Lautsprecherboxen, dann aber auch an einem Radio mit Katzenauge. Weiter steht da ein schöner, alter Schreibtisch,  eine Schreibmaschine, ferner zwei Teppiche noch von Oma und vier Kartons mit CD’s, die man eines Tages vielleicht noch mal brauchen könnte.

Das mit dem Platz wäre ja noch ok gewesen, hätte ich nicht auch noch der Honigschleuder meines Nachbarn Unterstand gewährt. Und jetzt kommen noch diese Geranien, die ich, so hatte man mir geraten, praktischerweise ziemlich weit vorne platzieren sollte.  Anders als zunächst vermutet, geht das Gewächs – anders als z.B. ein Igel – keineswegs vollständig in den Winterschlaf. Sogar im Winter braucht eine Geranie, wie anscheinend jede Pflanze, Ansprache, emotionale Zuwendung, ja, Streicheln. Solche Sachen halt. Und Wasser. Von Zeit zu Zeit brauchen sie Wasser. Aber bitte nicht zu viel.

Solche Sachen gingen mir durch den Kopf, als ich jetzt auf den Holzplanken meines Balkons stand. Passanten, soweit hinter dem Mundschutz erkennbar, grüßten freundlich bis mitleidig. Im nahen Bürgerbüro hatte ich mir extra eine Bio – Mülltüte besorgt, die mit ihrem enormem Fassungsvermögen den Großteil des Grünschnitts fassen sollte. Nachdem sie langsam gefüllt war und sich das Ende meines Rückschnitts  endlich abzeichnete, wollte ich im Völlegefühl umweltkonformen Handelns die Tüte samt Inhalt korrekt entsorgen. Leise Zweifel beschlichen mich aber, als ich die Aufschrift auf der Tüte las: „Nur Rasenschnitt und Laub“. Ausdrücklich verwahrte man sich gegen „holzige Gartenabfälle!“ Darunter fielen wohl „Äste, Zweige, Strauchschnitt“, also alles, was auf einem Balkon so anfällt. „Rasenschnitt“ gehört nicht dazu. Wäre ich ein Gewerbebetrieb, fiele manches leichter. Dann könnte ich „Küchenabfälle und Essensreste“ eintüten. Gut für die Profiküche, schlecht aber für einen wie mich, der noch gelernt hatte, den Teller leer zu essen.

Vielleicht besser mal nachfragen im Bürgerbüro. Dort hatte ich die Tüte ja gekauft. Die müssten es ja schließlich wissen. Nachdem ich eine Marke gezogen hatte, war ich dann auch recht zügig zum Schalter vorgerückt, was mir ganz recht war, denn im Wartebereich des Bürgerbüros fand sich – anders als bei meinem Arzt – keine ‚Apothekenrundschau’. Also nichts zum Lesen, was gesund macht.

Die Dame war zunächst freundlich. Ich schilderte ihr mein Entsorgungsproblem, das leider seinen Anfang damit genommen, dass ich mit keinerlei Rasenschnitt aufwarten konnte. Dagegen wären so Sachen angefallen wie „Äste, Zweige, Strauchschnitt“. Das klassische Waldentsorgungsproblem eben.

Obwohl sich bei mir eine projektbezogene Verzweiflung förmlich abzeichnete, kam die Dame aus dem Schulterzucken gar nicht mehr raus. Als ich dann, Rücken zur Wand, mit einem Verweis auf die Gestehungskosten der Tüte behutsam zum Vorschlag überging, die mit Geranienresten gefüllte Tüte zwecks fachgerechter Entsorgung her zu bringen und sie bei ihr abzugeben,  fiel mir die Dame fast von der Kaffeetasse. Hier also zeichnete sich keine Lösung ab.

Jetzt, da in den Geschäften schon vorweihnachtliche Dominosteine angeboten werden, steht der Winter unmittelbar vor der Tür; Zeit also, sich kurz zu fassen. Ich war ziemlich ratlos und frustriert. So schüttete ich zu guter Letzt die gesamten Pflanzenreste in die graue Tonne unseres Hauses, was mir insofern nicht schwer fiel, als dort ohnehin schon Essensreste, Glas und Papier darauf warteten, entsorgt zu werden.

Meine Stimmung wurde nicht besser, als ich kurz darauf die Blumenkästen mit den ruppigen Pflanzenstoppeln aus der gusseisernen Halterung nahm und mir dabei gründlich den Daumen einklemmte. Da der Schmerz bemerkenswert war, ließ er mich die sommerliche Freude an meinen Pflanzen für einen furchtbar langen Moment vergessen. Als der Schmerz dann endlich nachließ, leuchtete mein Daumen zunächst rot, ging dann alsbald in ein fieses Gelb über, bis er schließlich in einem entschlossenen Blau endete. Die ganze Farbpalette eben. Außer grün.

Denn eines zeichnet sich deutlich ab:  niemand wird je sagen, ich hätte einen grünen Daumen.

 

Allgemein Auswärts Essen & Trinken Kultur

Zwei Täler weiter

Published by:

Noch blüht er im Verborgenen: der Kraichgau. Ein Besuch.

Im Badischen gibt es Landschaften, die findet man nicht so einfach. Nach denen muss man eher ein bisschen suchen. Obwohl zentral gelegen, kann man sie leicht übersehen. Anders als z.B. der Kaiserstuhl, die Ortenau oder das Markgräferland liegen sie sozusagen im Windschatten der touristischen Aufmerksamkeit. Der Kraichgau ist eine solche. An der Landschaft kann’s nicht liegen, denn die, zwischen Karlsruhe und Sinsheim gelegen, ist sanft hügelig und wunderschön, also eine traumhafte Cabrio Strecke. Ihren südlichen Anfang nimmt die Landschaft in Karlsruhe, dessen Ortsteil Durlach bei der Expedition in die Heimat ein gutes Basislager bietet. Hier z.B. der „Blaue Reiter“, der, obwohl ein ‚Business Hotel’, mit einer komfortablen Bleibe aufwartet. Der Service ist überaus freundlich und individuell. Das Haus liegt in einer ruhigen Nebenstraße und hat zudem noch den Vorzug, neben sich noch einen Biergarten zu beherbergen, der, nicht übermäßig laut, zum Bierimperium ‚Vogelbräu’ gehört. Ins Bett danach ist’s nicht allzu weit…

Kloster Maulbronn

Doch sollte man sich nicht zu früh festsitzen. Es wartet – eh man’s vergisst! – der Kraichgau, den man sinnvollerweise zunächst einmal vom Süden her anfährt. Hier wartet auf den kunst- und historienbeflissenen, vielleicht auch frommen Besucher das Kloster Maulbronn, das als das kompletteste und besterhaltendste Kloster nördlich der Alpen gilt. Ein Film über Hildegart von Bingen wurde dort, in historischer Kulisse, gedreht.

Lässt man die wahrhaft beeindruckende Anlage schweren Herzens hinter sich, geht’s jetzt tief ins Herz des Kraichgaus, nach Knittlingen, ganz in der Nähe von Bretten gelegen. Ein historisch bedeutendes Städtchen, das sich zudem noch rühmen darf, der Geburtsort eines allseits bekannten Kraichgauers zu sein: Johann Georg Faust, Dr. Faust also, was soviel heißt wie ‚der Glückliche’.

Dr. Faustus. Noch vor der Explosion.

Die Handygeneration dürfte ihn nicht mehr kennen. Dieser Dr. Faustus jedenfalls war der Alchemie verfallen und diente ansonsten Johann Wolfgang von Goethe als Urgestalt seines ‚Faust’. Er starb 1541 in Staufen, vermutlich durch eine Explosion, was uns stets daran erinnern sollte, mit Böllern sorgfältig umzugehen. Die ‚Zimmer’sche Chronik sagte denn auch, er sei ein gar „wunderbarlicher

Das Faust Museum in Knittlingen

nigromanta gewest“, was auf andere bedeutende Kraichgauer nur eingeschränkt zutrifft. Hier wären zu nennen die beiden dort lebenden Mitglieder der Flippers („Weine nicht, kleine Eva“ & „Die rote Sonne von Barbados“), Bernd Hengst und Olav Malolepski. Der Dritte im Bunde, Manfred Durban, ist leider bereits verstorben. Seine Frau aber hat in Knittlingen ein Flippers Museum gegründet. So viel erst mal zur Musik.

Doch muss hier noch ein weiterer bedeutender Kraichgauer, Dietmar Hopp, erwähnt werden. Bei ihm handelt es sich um einen der Mitbegründer der Firma SAP, der sich zudem noch als Mäzen des Fußballvereins TSG Hoffenheim verdient gemacht hat.

Erst durch diesen Kraftakt gelang es, diese wunderbare Landschaft so recht ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu rücken. Wer bisher gefragt wurde: Kraichgau wo? musste fortan nun nur noch sagen: Hoffenheim, und es ward Licht. So gesehen, könnte man   diese   wunderbare   Landschaft   mit   einem   schlum-mernden Dornröschen vergleichen, dessen Schlaf bislang ihre Schönheit verbarg. Doch hat sich in den letzten Jahren auch noch ein anderer dran gemacht, an der Bettstatt der schönen Jungfer zu rütteln: Heinz Heiler. Auch er, ein erfolgreicher Unternehmer, hielt es für geboten, seinem Kraichgau etwas zu geben. Eine ‚Genusswelt’ sollte es sein, die, tief im Inneren der sanft hügeligen Landschaft gelegen (fast hätten wir ‚versteckt’ gesagt), als eine Art Leuchtturm fungieren könnte.

Neben einem Hotel mit 31 Zimmern und ambitionierter Gastronomie finden wir denn auch einen großzügigen Golfplatz, der mit seinen 18 Löchern internationalem Standart entspricht. Und in der Tat sind es nicht selten beruflich erfolgreiche Bewohner schöner, aber eben noch nicht so bekannter Landstriche, die sich für ihre Heimat engagieren und stark machen. Es hat den Anschein, als wäre es ihnen ein Bedürfnis, an der Schönheit ihrer Gegend auch andere teilhaben zulassen.

Tatsächlich aber gibt es da noch einiges zu tun. Wer um die Mittagszeit auf der Suche nach einem offenen Wirtshaus durch die malerischen Dörfchen fährt, braucht eine geraume Zeit und ein gutes Auge, um eine offene Gaststube zu finden. So scheint es nicht zu weit hergeholt, die „Heitlinger Genusswelt“ als den Anfang eines Bemühens zu sehen, dies zu ändern. Anfänglich noch eher bescheiden, hat sich dies alles zu einem gastronomischen Zentrum erster Güte entwickelt, was ohne ein entsprechendes Engagements des Initiators so nicht möglich geworden wäre. Dies „Genusswelt“ umfasst zunächst eben diesen Golfplatz, der, seit 1996 im Familienbesitz, auch von der Familie selbst betrieben wird. Ebenso verhält es sich mit dem zeitgemäß modernen Hotel mit seinen 31 Zimmern nebst Gastronomie; dies gibt es seit 2014. Und dann das Weingut Heitlinger, ein Winzerbetrieb mit stolzen 120 Hektar, eine Fläche, die man für Biertrinker vielleicht dahingehend etwas bebildern sollte, dass ein durchschnittlicher Weinbaubetrieb mit 10 ha schon eine beachtliche Größe aufweist. Die Größe jetzt noch in Fußballfelder umzurechnen, ersparen wir uns hier als Freunde des Weingenusses taktvoll…

Weingut Schloss Ravensburg

Die gesamte Rebfläche war auch mehr geworden durch eine Gelegenheit, die sich dem Betriebsbesitzer 2009 ergab. Da nämlich stand das nicht zu weit entfernt gelegene „Weingut Burg Ravensburg“ (Vorsicht: hat mit dem oberschwäbischen Ravensburg nichts zu tun!), seit 770 Jahren und 23 Generationen im Familienbesitz, zum Verkauf. Wer hätte da nicht zugegriffen…

Da bot es sich an, den Geschäftsführer des dortigen Betriebs, Claus Burmeister, als Garant der Qualität mit einzubinden; so fügte sich alles auf’s Beste. Weshalb seit geraumer Zeit der gesamte Winzerbetrieb geadelt wird mit der Auszeichnung VDP, also mit der Mitgliedschaft im Verband der deutschen Prädikatsweingüter. Die renommierte Weinfachfrau, Natalie Lumpp bescheinigt denn auch dem hochkarätigen Weinmacher, er habe „das absolute Gespür für die richtigen Reben am richtigen Standort. Hier zahlt sich aus, dass er sich überaus intensiv mit dem Rebmaterial beschäftigt“. Und was die Roten betrifft, hier könnten die Heidlinger Weine den Franzosen absolut die Stirn bieten.

Hat man sich dann in konzentrischen Kreisen und behutsam von außen dem Inneren des Kraichgau genähert, öffnet sich plötzlich eine ganz eigene Welt, die von außen so garnichts ahnen lässt, von ihrer landschaftlichen Schönheit, von ihren sanften Weinbergen. Die erzählt noch von ganz anderen Dingen als von SAP und Cloud. Wenig auch vom TSG Hoffenheim mit seiner Fähigkeit, die Räume eng zu machen und mit köperbetontem Offensivspiel die Fans zu begeistern. Auch lassen wir zunächst mal die ‚Rote Sonne von Barbados’ untergehen und lauschen auch nicht der weinenden „Kleinen Eva“.

Nein. Es ist Zeit und Gelegenheit, einen langen Augenblick lang das stille Zentrum einer Landschaft zu genießen, die so viel mehr zu bieten hat, als Markenzeichen und Aushängeschilder. Denn dort, im Kraichgau, lohnt es sich wirklich, die vielbeschworene Expedition in die Heimat.

Denn dort gibt es viel mehr zu sehen. Kucken wir’s uns an!

 

Allgemein Auswärts Essen & Trinken Menschen

Unser Mann aus Palermo

Published by:

Erinnere ich mich richtig, gab es bis Mitte der 80er Jahre in Freiburg kaum eine reine Studentenkneipe. Nach des Tages Mühe fielen damals die Studierenden in bürgerlichen Wirtschaften ein, die, nachdem ältere Damen am Mittagstisch ihre Königin-pasteten verzehrt  hatten, am Abend von der Studentenschaft in Beschlag genommen wurden.

Da gab es z.B. die Gaststätte ‚Harmonie‘ oder den ‚Großen Meierhof‘, beide in der Grünwälderstrasse. Wir tranken oft im ‚Schwarzwälder Hof‘, der neben dem guten Bier zudem noch über eine Attraktion verfügte. Das war ein Ober, dessen eigentlicher Namen wir allerdings nicht kannten. Tat aber auch nichts zur Sache. Beim Abräumen der Gläser und der geleerten Teller fragte er stets: „Schmeck“?

Man musste nicht italienisch können, um zu ahnen, was er damit meinte. Er wollte fragen, ob es uns geschmeckt hatte. Deshalb nannten wir ihn einfach den Schmeck. Zudem schien es, als verberge sich hinter der kleinen Gestalt mit ihrem Oberlippenbärtchen und den rötlich gefärbten Haaren ein Geheimnis. War der Schmeck mal wieder ein halbes Jahr weg, raunten wir uns Verdächtigungen zu, wie etwadie: er sei Angehöriger der Mafia oder gar der Pate. Vielleicht hatte er aber auch eine Frau umgebracht, sässe nun wg Mordes im Gefängnis und dergleichen mehr. War der Verdacht genüsslich ausgearbeitet, ließen wir uns von einer Bedienung das Bier bringen und tranken noch einen, bis eines Tages wundersamerweise wieder ein kleiner Italiener mit Oberlippenbärten erschien und fragte: Schmeck?

Ich hätte das schon lange vergessen, wäre mir nicht kürzlich ein Beispiel gelebter Integration ins Haus geflattert. Ein Freund hatte mir eine Todesanzeige geschickt, in der die Eigentümerfamilie des Restaurants den Tod ihres im nahezu biblischen Alter von siebenundneuzig Jahren von ihnen gegangen Angestellten Michele Notarbartolo bekannt gab. Für uns hätte der Name nichts zu bedeuten gehabt. Erst als ich das Bild auf der Todesanzeige betrachtete, erkannte ich: es war ‚unser’ Schmeck!

Soweit, so traurig. Was aber unsere Geschichte von vielleicht vielen ähnlichen Geschichten unterscheidet, ist ein kleiner Satz in der Todesanzeige. Da teilt die trauernde Wirtsfamilie mit, dass ein Michele Notarbartolo, der in den 60er Jahren wahrscheinlich als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, mittlerweile fester Teil der Familie geworden war.

„Nun“, steht da in der Anzeige geschrieben, „wird er in unserem Familiengrab seine Ruhe finden“.

Allgemein Blättern & Rauschen Institutionen

Die Plattenleger

Published by:

640px-swr1-svgSWR 1 dreht derzeit wiedermal total hoch. Warum nur, warum?

Was ist denn da los? Ein Megaereignis brettert derzeit wieder über das Land. Die SWR 1 Hitparade! Nur das Beste vom Besten. Bauern vernachlässigen ihre Felder, Mütter ihre Kinder. Väter weigern sich, nach der Ankunft am Arbeitsplatz aus dem Wagen zu steigen. Sie haben Angst, die Position 1005 der Hitparade zu verpassen. Lehrer hören heimlich auf dem Klo, und in Dubai läuft ein Stuttgarter mit Kopfhörer durchs Büro. Jeder Titel zählt.

Angesichts dessen ist es absolut verständlich: soviel Selbstlob der Moderatoren war nie. Die Hörer stehen Kopf, alle sind ganz Ohr. Und dann auch das noch: nachdem man sie ungefähr fünf Mal hatte verschieben müssen, war es den tollen Radiomachern zu guter Letzt sogar noch gelungen, die ‚Valentyne Suite’ von Colosseum in voller Länge von 17 Minuten auszuspielen. Der helle Wahnsinn! Helden des Alltags. Ansonsten gibt’s ganz viel Musik, die man sonst nie hört. Und alle sind aus dem Häuschen, einschließlich der Hörer.

Foto-6Vielleicht wäre es allmählich mal an der Zeit, zu fragen, warum man sich weitestgehend an das sogenannte Formatradio gebunden hat? Denn das ist verantwortlich dafür, dass der Sender jahrein, jahraus sogenannte Playlists runternudelt, d.h. eine bestimmte Menge von Hits („Der größte Hit aller Zeiten“ ist zugleich auch der dümmste Satz aller Zeiten) wird in die Rotation gegeben, weshalb auch der schönste Titel mit der Zeit nervt. Schnelles Programm. Lieblos gemacht. Ein ehemaliger Musikchef des SWR: „Wer vom Musikteppich spricht, gibt zu, dass man auf ihm rumptrampelt“.

Vielleicht wäre es langsam mal an der Zeit, sich von einem gänzlich durchformalisierten Musikprogramm zu lösen und in einem bestimmten vorgegebenen Musikrahmen liebe-voll Titel auszuwählen, die dem Hörer Spass machen, die ihn überraschen? Denn sonst könnte das passieren, was in den letzten Jahren immer mal wieder passiert ist: dass ein kommerzieller Sender dem öffentlich rechtlichen Programm vormachen, wie es auch gehen könnte.

Dazu müsste man aber den Musikredaktionen im Haus wieder den Stellenwert einräumen, den sie im Lauf der letzten Jahre hörbar eingebüsst haben: selbstständig agieren zu können und so ihren Teil zum Erfolg beitragen zu dürfen. 

So bleibt also die alles entscheidende Frage: warum spielt SWR 1 die gute Musik, die sie während der Phase der Hitparade präsentieren,  nicht das ganze Jahr über? 

  • Archive