Allgemein Essen & Trinken

Hauptsache: Gans gut – Teil 1

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20161229_151958Die PRAGER STUBEN in Baden-Baden. Daheim in der Fremde

Nach Baden- Baden sind schon viele gekommen.

Ganz zu Anfang waren es die Römer, die kamen. Sie wurde angelockt durch die Heilkraft der Quellen. Jahrhunderte später dann ein Franzose. Er hieß Jacques Bénazet und gründete eine Spielbank. Ihn lockte ihn die Heilkraft des Geldes. Dann kam die russische Zarenfamilie. Sie schätzte an der damaligen Sommerhauptstadt Europas das gute Klima und die Lichtentaler Allee. In ihrem Gefolge die russischen Dichter. Sie kamen, weil alle schon da waren. Unzählige Andere aber waren im Laufe der Jahrhunderte auch noch gekommen. Einer davon kam aus der damaligen Tschechoslowakei. In den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts beschließt er, sich ebenfalls in Baden-Baden niederzulassen. Als Gastronom will er an die Tradition des west-östlichen Miteinanders anknüpfen und eröffnet ein Restaurant, das er die ’Prager Stuben‘ nennt.

Ein Sehnsuchtsort, zentral gelegen im sogenannten ‚Bäderviertel‘, nahe der heißen Quellen und nicht weit von der Spielbank. „Zurückversetzt in die Blütezeit der ewigen Stadt Prag“. Schon solche Formulierungen auf der Website lassen ahnen, dass es sich im Falle der ‚Prager Stuben‘ um einen Anachronismus handelt. Vielleicht ist dieses Lokal nie wirklich aktuell gewesen. Jedenfalls scheint es, als wäre im Laufe der Jahre weder Neues dazu- noch Altes weggekommen. Immerhin. So, wie es sich derzeit präsentiert, scheint die ‚Prager Stube‘ ein Refugium des Slawentums zu sein.

Wer anmerkt, dort würden Gäste aus aller Herren Länder verkehren, sollte hinzufügen, dass es überdurchschnittlich viele Russen, Tschechen, Polen dorthin zieht. Dorthin, wo der Geist des Soldaten Schweijk bemüht wird, um Identität zu stiften. Wo im Nebenzimmer verbeulte Blasinstrumente an der Wand hängen, die dem Gast suggerieren, dass, würde man sie vom Staub freiblasen, eine Böhmische Polka erklänge.

‚Alles muss sich ändern, damit es bleibt wie es ist‘. Was für alles gilt, gilt nicht für die ‚Prager Stuben‘. Da ändert sich gar nichts. Und alles bleibt, wie es ist. Da wäre zunächst einmal besagte Mastgans, die seit Jahren täglich frisch gebraten, im Eingangsbereich des Lokals liegt, um dort, gleich hinter dem schweren Vorhang, mit ihrem Bratenduft den Gast ins Innere des tschechischen Restaurants zu locken. Der Wirt weiß, was er macht. Das Konzept geht auf. Der Lockvogel wirkt.

Heute z.B. könnte eine fünfköpfige russisch sprechende Familie dem Duft erlegen sein, weshalb man sich gleich an dem runden Tisch links vom Eingang niedergelassen hat. Vater, Mutter und zwei Kinder. Und dann noch die Oma. Später werden auf dem Tisch drei gebratene Gänse in weitgehend abgenagtem Zustand stehen; offensichtlich hat es geschmeckt. Nur die Gans Nummer vier wird noch bearbeitet. Über sie beugt sich die ältere Dame, deren überschwerer Pelzmantel am weißgestrichenen Kleiderständer hängt. Ihr karottenfarbig strähniges Haar wird von einer grobmaschig gehäkelten Mütze zusammengehalten, die dem Schonbezug einer Bettflasche ähnelt. Die fünfte Gans scheint bislang kaum angerührt. Zuvor hatte die Familie schon eine Gemüsesuppe gegessen. Der Ober hatte sie aus einem elektro-beheizten Behälter geschöpft, der ebenfalls in Eingangsnähe steht. Rund und dickbauchig ähnelt er mit seinen vier abstehenden Griffen einer frühen Schiffsmine. Und die drei Messing-Füße erinnern an die Standbeine einer Rakete aus einem Sience Fiction Roman von Jules Verne.

Die Mutter gibt sich zeitgemäß….

 

Demnächst gibts mehr davon: Teil 2…

Allgemein Essen & Trinken

Hauptsache: Gans gut – Teil 2

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Auch der Fisch ist eine Spezialität des Hauses

Die ‚PRAGER STUBEN‘ in Baden-Baden. Daheim in der Fremde

Die Mutter gibt sich zeitgemäß. Sie trägt einen lila Pullover mit eingewirkten Goldfäden von zweifelsfrei provinzieller Eleganz. Zum wiederholten Mal bedient sie sich an der Salattheke, deren Kühlaggregat wie zu sehen die Temperatur immer zwischen 7,2 und 10,8 Grad pendeln lässt. Dem darüber hängenden Stillleben – alter holländischer Meister, frühes 17. Jahrhundert – wird die Temperatur egal sein, wie auch der auf dem Bild gemalten Ente, deren Kopf merkwürdig verdreht den Betrachter anblickt.

Über all das hat der Wirt ein waches Auge. Er steht hinter seinem mattweiß lackierten Tresen, der dem Partyraum eines Bauunternehmers in den Siebzigern alle Ehre gemacht hätte. Hängender Aufbau, hängende Gläser. Über dem Tresen eine holzfarbige Uhr, die an irgendeinem längst vergangenen Tag um 15,32 Uhr stehen geblieben war. Vielleicht hatte man sie nicht mehr aufgezogen, vielleicht aber hatte sie einfach beschlossen, dass es jetzt genug sei. Dieser Ansicht ist der Wirt nicht. Geschlossen wird, wenn der letzte Gast gegangen ist. Immer wieder durchschreitet er den Raum, eine massige Gestalt. Dem Gewicht des Bauches versucht er mit einem durchgedrückten Hohlkreuz etwas entgegen zu setzen. Ein Blickfang, vor allem aber auch die Schürze, die er Tag für Tag trägt. Darauf erkennt man das Motiv eines Anzugsakkos. Aufgedruckt auch eine darunter getragene roten Weste nebst Fliege. Niemand kann sich erinnern, ihn je in anderer Aufmachung gesehen zu haben. In seinem Wirteleben muss er hunderte dieser Schürzen aufgetragen haben. Dass er gebürtiger Tscheche ist, steht außer Frage, denn wer sonst wüsste auf seiner Website von einer Pfarrersköchin Rosinka zu berichten, die mit dem altböhmischen Tafelspitz „die uneingeschränkte Zuneigung des Konsistorialrats Povondra gewann und ihn bis zu seinem 108 Lebensjahr damit verwöhnte“. Geschichten. Legenden.

Ganz real aber ist das tschechische Bier…

 

…und demnächst gehts weiter. Mit Teil 3

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Hauptsache: Gans gut – Teil 3 und Schluss

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Die PRAGER STUBEN in Baden-Baden. Daheim in der Fremde.

20161229_151934Ganz real aber ist das tschechische Bier.

Ausgeschenkt wird ‚Pilsner Urquell‘ und ‚Budweiser‘ vom Fass. Die Preise? So wie die Mastgans. Gesalzen. Mit € 5,90 für einen halben Liter liegt der Preis nur noch knapp unterhalb des Preises für Druckerflüssigkeit, was aber die Mehrzahl der Gäste nicht kümmern wird. Wer gewohnt ist, seine Scheine gerollt aus der Tasche zu ziehen, denkt in anderen Dimensionen. Die Preisgestaltung ist jedenfalls der aktuellen Situation angepasst.

Doch anderes scheint irgendwie von gestern. Zum Beispiel ein Ober namens Gerhard, den hier aber jeder französisch ausspricht und der, wie die Mastgans, zum Inventar gehört. Er war schon immer da. Spindeldürr und lang, mit schwarzem Anzug und weißem Hemd, dazu die Tränensäcke, verkörpert er eine Figur aus der Zeit, als der Vorhang noch eisern und in Prag noch der Geruch von Kohleöfen in der Luft hing. Lange graue Haare, ein hängender Schnauzer, dazu ein Bowler, der ihm vor mehreren Jahren ein Gast geschenkt hatte. Dies alles lässt ihn wie eine Figur erscheinen, die in den frühen Filmen von Werner Herzog eine adäquate Besetzung gewesen wären. Seine Frau, soviel war zu erfahren, ist seit mehreren Jahren tot, und was ihn auch lange nach Renteneintritt noch in den ‚Prager Stuben‘ hält, ist vielleicht – wie es der immer reisende Bruce Chatwin formuliert hat – ‚Horreur du domicile‘, die Angst vor dem eigenen Heim. „Daheim, was soll ich da?“, sagt er und bringt das Bier.

Jeden Abend so gegen halb zehn betritt er mit Plastiktasche und Tupperware eine kleine Kneipe, nicht weit von seinem Arbeitsplatz. Dort wartet bereits die Wirtin auf ihn. Er wird später wiederkommen, viel später, wenn er die Kasse gemacht hat, um sich dann nach Mitternacht sein vorgekochtes Abendessen zu holen, und nie würde die Wirtin schließen, ohne dass Gerhard, den auch sie französisch ausspricht, da war, um nach einem langen Arbeitstag daheim noch etwas Warmes zu sich zu nehmen. Noch aber ist es nicht so weit.

Die vier Gänse auf dem runden Tisch nahe dem Eingang sind nur noch Gerippe. Lediglich die fünfte Portion scheint merkwürdig unangetastet. Den massigen Herr mit seinem rund-roten Gesicht, Krawatte auf Halbmast und offenem Kragenknopf, kümmert das nicht. Die vor ihm stehende lang schon erkaltete Gans hat er kaum angefasst. Nur die Zigarette hat er an ihrer röschen Haut ausgedrückt. Auf die Frage des Personals, ob abgetragen werden soll, reagiert er unwirsch. Ob man nicht sehe, dass er mit seinem Essen noch nicht fertig sei? Dann schiebt er seine Gabel in die mittlerweile kalte Gans, sehr darauf bedacht, beim Verzehr des Fleisches die Stelle, an der er seine Zigarette ausgedrückt hatte, auszusparen.

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Wasser marsch! Teil 1

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Warum uns unsere Feuerwehren so lieb wie teuer sind

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Margret Mergen am 23.6.2014 im Kurhaus in Baden-Baden in ihr neues Amt als Oberbürgermeisterin eingeführt wurde, gab es sozusagen den ganz großen Bahnhof. Neben vielen Bürgern und Bürgerinnen nutzten auch zahllose Würden- und Amtsträger die Gelegenheit, der neuen Oberbürgermeisterin ihre Aufwartung zu machen. Mit ganz vorne dabei ein Mann, dessen uniformiertes Äußeres so gar nicht zur festlich gekleideten Menge passen wollte. Die viersternigen Epauletten unter einem in der Flamme stehenden Löwen wiesen ihn unschwer als den Feuerwehrkommandanten Martin Buschert aus, der sich noch kurz zuvor mit seinem Stellvertreter „mit einem Überraschungseinsatz“ vom scheidenden Oberbürgermeister verabschiedet hatte. Immerhin kommandiert der Feuerwehrkommandant ‚39 Mann’ nebst zwei Verwaltungsangestellten, womit freilich die wirkliche Bedeutung seiner Truppe nur unzureichend beschrieben wäre.

Wer sich einmal die Mühe macht, bei Wikipedia die schier unendliche Staffelung der je einzelnen Dienstgrade nebst ihren Dienstgradabzeichen bei den Baden-Württembergischen Feuerwehren zu studieren, der ahnt, wie ernst man das ganze nimmt. Die Feuerwehren haben im sozialen Gefüge der städtischen Gemeinde eine weit über ihre Lösch- und Bergeaufgabe hinaus reichende Bedeutung. Zusammen mit der Blaskapelle eines Ortes repräsentieren sie die ‚Mitte der Gesellschaft’. „Willst du die Wahl verlieren, musst du dich nur mit der Feuerwehr anlegen“, so ein mit den Feinheiten einer Gemeindepolitik Vertrauter. Andere nennen die Feuerwehr auch den Sturmtrupp des Bürgermeisters.

Keine Jahreshauptversammlung der Feuerwehr, die ohne die Anwesenheit der Amtsträger über die Bühne ginge, und auch der stellvertretende Lokalchef des Baden-Badener Ortsblattes lässt es sich nicht nehmen, beim Pressetermin eifrig zu notieren, dass die Feuerwehr zwar weniger Brände gelöscht, dafür aber sich an der Zunahme der technischen Hilfeleistungen abgearbeitet hatte. Darunter wären zu verstehen der ‚Absturz eines Kletterers in der Steilwand’, ein ‚Flugunfall Gleitschirm’. Zudem notiert das Einsatzbuch am 13.11.2014 um 14:27 Uhr: „Person droht zu fallen“. „Person hängt in großer Höhe im Fels“. Dann folgt: „Seilintervention der Höhenretter“. „Im Einsatz: Feuerwehren Baden-Baden und Karlsruhe, Bergwacht, Rettungsdient, Polizei“. Wie viel Personal da letztlich vor Ort war, lässt sich allenfalls erahnen. Wer derartigen Einsatz leistet, weiß, was er sich und der Gemeinschaft wert ist. Der Kletterfreund wird es nach dem Rettungseinsatz auch wissen. Tröstlich dann, wenn eine Versicherung zur Übernahme der Kosten bereit steht. Wenn nicht, wird’s für den Hilfsbedürftigen richtig teuer. So, wie in Berlin, wo der Terrier Skipper in eine Notlage geriet und gerettet werden musste. Der war in einem Dachsbau gefangen, und so waren dreiundzwanzig Feuerwehrleute und fünf Fahrzeuge im Einsatz, ein Aufwand, den man der Hundehalterin mit € 13 000 in Rechnung gestellt hatte. Jetzt klagt sie. „Wir fahren mit allem, was Räder hat“, so kürzlich ein Feuerwehrkommandant mir drohendem Unterton im Radio.

Eine veritable Materialschlacht….

MEHR DARÜBER DEMNÄCHST!

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Wasser marsch! Teil 2

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Warum uns die Feuerwehr so lieb wie teuer ist

20151215_122441Eine veritable Materialschlacht, für die manchmal der Einzelne gegebenenfalls mit seiner Versicherung, oft genug aber die Allgemeinheit aufkommen muss, der die Feuerwehr lieb und vor allem aber auch teuer ist. Andere öffentliche Einrichtungen dürfen sich in der heutigen Zeit solcher Zuwendungen nicht ganz so sicher sein. Bevor wir uns weiter mit der Feuerwehr als solcher befassen, wollen wir erst einmal noch einen kurzen Blick auf die allgemeine Situation der Städte und Gemeinden werfen, hier ganz besonders auf die Lage der Schulen und Kitas, deren Zustand allgemein als bedenklich geschildert wird. So titelte die SZ vom 7.12.2015 mit der Überschrift: „Der Schimmel von der ersten Bank“. „Wände sind kaputt, die Decke droht einzustürzen, Toiletten sind verdreckt, Heizung defekt. Viele Schulen in Deutschland sind in einem erbärmlichen Zustand – warum wird so wenig dagegen getan?“ Und die WELT schreibt am 28.5.15: „Deutschland investiert nicht. Deutschland bröckelt“. Um dann fortzufahren: “Ganz oben auf der Liste der am stärksten vernachlässigten Bauwerke stehen Schulen und Kindergärten.“ Nun soll hier keineswegs die Feuerwehr als solche in Frage gestellt werden. Und es wäre unverantwortlich, notwendigerweise gut ausgestattete Feuerwehren für solche Missstände verantwortlich zu machen. Noch immer gilt, dass eine zu knapp budgetierte Feuerwehr, die ihren überaus wichtigen Aufgaben nicht oder nur unzureichend nachkommen könnte, eine Vernachlässigung wäre, die sich eine immer noch reiche Gesellschaft nie und nimmer leisten dürfte. Wer einmal auf ihre Hilfe angewiesen war, weiß, wovon hier die Rede ist.

20151215_155625Auch darf hier nicht ihre Bedeutung für die Jugendarbeit verschwiegen werden. Bei der Feuerwehr werden junge Menschen angehalten, sich für ihre Mitbürger zu engagieren. Soziales Verhalten wird geübt, Verständnis für Technik wird geweckt. Und dennoch muss sich auch eine so wichtige Hilfetruppe fragen lassen, ob die schmucken Feuerwehrdepots in Größe und Ausstattung tatsächlich notwendig sind, Fragen, die eher von Kitaleiterinnen oder Schulrektoren als von den Feuerwehrverantwortlichen oder gar dem Badischen Tagblatt gestellt werden. Hinzukommt, dass ja nicht nur Baden-Baden sich eine solche stolze Wehr leistet, sondern auch die eingemeindeten Orte wie Steinbach, Neuweier, Varnhalt. Oos, Lichtental, Sandweier, Haueneberstein, Ebensteinburg und Balg Schlauch bei Fuß stehen und sich ebenfalls fürs Feuer oder Ähnliches gerüstet zeigen. Ob sich die Oberbürgermeisterin von Baden-Baden bei ihrem Besuch bei der Feuerwehr auch danach einmal erkundigt hatte?

Am Kaiserstuhl ist es nicht anders. Da hört man zum Beispiel von einem Löschfahrzeug der Feuerwehr Schelingen (Stadt Vogtsburg), das nach Aussagen eines ehemaligen Mitgliedes glänzt wie vor 20 Jahren und dabei keine 4000 Kilometer auf dem Tacho hat. Damit der Oldie keinen Schaden nimmt, werden von Zeit zu Zeit ‚Bewegungsfahrten’ angesetzt. Glück gehabt.

Immerhin gibt es dort aber einen Feuerwehrausschuss…

 

MEHR DEMNÄCHST…

 

 

 

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