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Bloggen in Zeiten der Krise

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Der Mann ganz vorn  Folge 3

 

Diesen Geruch wurden wir während des ganzen Rennens nicht los. Noch bei der späteren Heimfahrt roch es im Auto, als würden wir in einem Klepper Faltboot sitzen.

Noch aber waren wir abgelenkt, auch wenn es ein weit verbreiteter Irrtum ist, anzunehmen, dass ein F 1 Rennen eine spannende Angelegenheit sei. Nach Aussagen von kompetenten Freunden beeindrucke zwar die offensichtliche Geschwindigkeit der Rennwagen, nicht aber deren eventuell spannende Jagd nach Podestplätzen. Unmittelbar nach dem Start, so erzählten sie mir, begebe sich das Feld in eine das ganze Rennen über anhaltende Unübersichtlichkeit, aus der einen ausschließlich das Verfolgen des Events mittels der zahlreich aufgestellten großen Bildschirme hinweg tröste. Da es sich hierbei im Wesentlichen um die zeitgleiche Fernsehübertagung handele, stelle sich über die Dauer des Rennens drängend die Frage, weshalb man den häuslichen Bereich eigentlich verlassen hatte. Zwei Ausnahmen gäbe es allerdings. Wirklich einzigartig, so hört man, sei wegen des Glamours und des Lärms der GP von Monaco. Weiter bemerkenswert sei zudem der GP von Belgien in Spa, bei dem die Boliden an Start und Ziel vorbeijagten, um dann, aus der Senke kommend, die langgezogene, rechts hoch führende ‚Eau Rouge‘ mit etwa 300 Km zu durchpfeilen, wobei die Fahrer einen Augenblick lang freie Sicht in den Himmel hätten, ja, es wäre, als ob sie sich an der Formation der Wolken orientierten, bevor sie in den Wäldern der Ardennen verschwänden, eine Faszination, die oft genug allerdings durch die dort üblichen Wetter- kapriolen geschmälert würde.

Nicht ganz so dramatisch erlebt allerdings der Rennfan das Kurvengeschlängel des GP von Deutschland auf dem Hockenheimring, dessen Inneres ‚Motodrom‘ genannt wird und in dem wir uns mit unseren Freikarten eingefunden hatten. Dort saßen wir nun leidlich kommod. Ausnahmsweise sollte es ein wahrhaft denkwürdiges Rennen werden, denn nach Lage der Dinge galt es als ausgemacht, dass der eigentliche Favorit, Michael Schuhmacher, seinen bisherigen Siegeszug würde fortsetzen können. In einer Art vorgezogener Euphorie verwies mein Mitbesucher auf die beiden mitgeführten Bierbüchsen und gab sich zuversichtlich, dass wir diese nach dem abzusehenden Sieg von Michael Schumacher trinken würden. Die hätten wir uns dann schließlich auch verdient; wir würden dem Sieger aus der Ferne zuprosten.

Und in der Tat sprach wenig für den Benetton-Pilot Gerhard Berger. Quälend lang, nämlich während der drei vorhergegangenen Rennen, hatte er wegen einer Kiefernhöhlenentzündung sein Cockpit einem Ersatzfahrer überlassen müssen. Zudem war zweieinhalb Wochen zuvor auch noch sein Vater bei einem Flugzeugabsturz in den Alpen ums Leben gekommen. Und doch – entgegen aller widriger Umstände und zum Erstaunen der meisten – stellt Gerhart Berger seinen Benetton B 197 auf die Pole Position, was aber meinen Begleiter in Erwartung des sicherlich unmittelbar bevorstehenden Sieges von Michael Schuh-macher nicht wirklich beunruhigen konnte.

Vom ersten Startplatz also ins Rennen gehend, war es aber erstaunlicherweise Berger, der von Anfang an das Rennen kontrollierte. Da er in seiner Rennstrategie einen zweimaligen Halt eingeplant hatte, musste er im Verlauf des Rennens siebzehn Sekunden gut machen. So viel würde er für einen zusätzlichen Reifenwechsel brauchen. Doch platzt bei Überrunden des Boliden von Magnussen dessen Motor, so dass der bis dato führende Berger mit ca 300 Km in eine Wand aus Ölgischt raste, unsicher, ob sich dahinter nicht noch ein defekter Wagen verbirgt. Ein kurzes Zögern, dann waren vier Sekunden verschenkt. Anders als Berger bleibt Giancarlo Fisichella, der damals Zweite, voll auf dem Gas. Das Rennen galt zu dem Zeitpunkt als ziemlich sicher verloren, doch hatte sich Fisichella aus später nicht mehr nachvollziehbaren Gründen beim Durchfahren der Unfallstelle einen Plattfuß eingefangen, und so gewann Gerhard Berger entgegen aller widriger Umstände den damaligen GP von Deutschland. Michael Schumacher erbt nach dem Ausfall von Fisichella den 2. Platz.

Nicht selten, dass die Tragödie des Verlierers im Gemütszustand eines trauernden Fans ihre schmerzliche Entsprechung findet: so etwa muss man sich die Verfassung meines Hauptabteilungsleiters vorstellen, der, mit zwei Freikarten gesegnet, eben noch fidel neben mir auf hartem Beton sitzend, sich dann aber durch einen Platzregen unmittelbar vor dem Start gezwungen sah, sich in seinen gummierten Anzug zu zwängen, fortan nach altem Gummi roch, sich im Laufe des Events sich aber wieder berappelte, um letztlich doch noch erleben zu müssen, dass sein Favorit entgegen aller Erwartungen doch nur Zweiter wurde. Was umso schmerzlicher ist, als es doch heißt, dass der Zweite der Erste der Verlierer ist.

Da im Verlauf des Rennens die Sonne wieder hervorgekommen war und jetzt gnadenlos auf uns alle niederbrannte, hatten wir uns der dampfenden Regenkleidung entledigt. Sie lag neben uns wie zusammengeschobene Fallschirme nach einem Absprung. Daneben auch unser Picknick-Korb mit dem eingeknöpften blau-weißen Futter und den Resten des Butterbrotpapiers. Weiter waren da auch die zwei Bierdosen, die, noch immer leidlich kühl, entgegen ursprünglicher Absicht dann aber doch nicht getrunken werden sollten.

Denn schließlich hatte Schumi, von meinem Begleiter auf einmal wieder Michael Schumacher genannt, das Rennen ja nicht gewonnen.

Allgemein Kultur Texte / Poesie

Bloggen in Zeiten der Krise Folge 2

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Der Mann ganz vorn        Folge 2

Doch noch war es nicht soweit. Noch stand er Mitten im Leben. Ein Mann voller Gestaltungswillen, für den es zunächst aber einmal galt, zum Ort des Geschehens zu gelangen. Normalerweise kein Thema, bedurfte es im vorliegenden Fall allerdings der Hilfe anderer, denn von heute auf morgen sah er sich plötzlich außerstande, mit eignem Wagen anzureisen. Er hatte das Selbstfahren eingestellt. Warum dem so war, wusste damals keiner so genau (es gab Mutmaßungen), und auch heute noch hüten die Mauern der Stadt dieses Geheimnis. Jedenfalls war fortan ein Heer von Fahrern mit den allfälligen Transportaufgaben betraut, was nicht nur seiner natürlichen Sparsamkeit entgegenkam, sondern ihn in beschwingtem Zustand auch nie in die Verlegenheit brachte, selbst fahren zu müssen. Das sollten fortan andere für ihn erledigten.

Da das Haus im Zuge fortgesetzter Sparmaßnahmen seit längerem auf eigene Fahrer verzichtet hatte, oblag es fortan der jeweiligen Produktionsfirma, ihn mittels eines Fahrdienstes oder eines Taxis zum Produktionsort zu verbringen. Noch zuhause, erwartete er also ungeduldig die Ankunft des Fahrers, griff dann aber alsbald zum Handy und bat die Dame der Produktionsfirma am entfernten Produktionsort, ihn über die hoffentlich baldige Ankunft des Fahrzeugs vor seinem Haus in Kenntnis zu setzen, denn es stünde vor seinem Haus ein Baum, der ihm die freie Sicht auf den Parkplatz stark einschränke. Bei dem momentan herrschenden Regenwetter sei ihm ja wohl kaum zuzumuten, vor dem Haus stehend auf die Ankunft des Fahrers zu warten.

Mochte dieses kleine Ereignis noch als Marotte durchgehen, so wies es dennoch auf den Sachverhalt hin, dass sich sein Leben ohne Selbstfahren stark verkomplizierte. Denn diese Einschränkungen hatten auch Auswirkungen auf andere Aspekte seines Lebens, z.B. seine Freizeit.

Dankbarkeit ist eine schöne Sache. Umso schmerzlicher, wenn sie ausbleibt. An dieser hatte es ein Kollege wohl fehlen lassen, als er davon ausgehen zu können glaubte, dass der Kollege die Freikarten für den F 1 Lauf ja schließlich kostenlos erhalten hätte, es also keiner besonderen Geste der Dankbarkeit bedürfe. Das mochte man so sehen, dessen ungeachtet aber neigte sich die Zeit der Freizügigkeit schneller dem Ende zu als geglaubt, und plötzlich fand sich ein anderer am Steuer des Wagens Richtung Hockenheim. Der war ich.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, und so sollten wir uns nicht ganz ungeschützt auf den Weg zum Rennen machen. Als ich meinen Wohltäter zuhause abholte, widerfuhr uns beiden gleichermaßen eine große mütterliche Geste der Hausherrin, die uns ohne belegte Brote und wasserabweisende Kleidung nicht ins Renngeschehen entlassen wollte. So hielt sie für, den Fahrer, einen nach starker Gummierung riechenden Umhang bereit. Dieser konnte bei Bedarf ohne größere Umstände übergeworfen werden und schützte so den Träger selbst gegen plötzlich aufkommenden Platzregen. Etwas anders die ebenfalls gummierte Schutzkleidung, die sie für ihren Gatten vorgesehen hatte. Es war eher ein Anzug, bestehend aus einer Hose nebst Jacke, großzügig geschnitten, in Signalfarben und eigentlich sturzwasserresistent. Allerdings galt es im Falle eines möglichen Einsatzes , in die Kombi hineinzuschlüpfen; keineswegs war sie vorgesehen, einfach übergeworfen zu werden. Dies sollte allerdings, soviel schon einmal vorneweg, beim anstehenden Ernstfall zu einem dramatischen Wassereinbruch führen.

Vervollkommnet wurde ein möglicher Einsatz der Schutzkleidung durch die Beigabe zweier gekühlter Büchsen Bier. Auch dies durfte man als überaus freundliche Geste werten. So zogen wir denn los, in freudiger Erregung.

Selbst die besseren Plätze bei solch einem teuren Event halten dem Anspruch nicht stand. So saßen wir auf nacktem Beton, jeder auf einem Schaumgummikissen, das man in der Mitte zusammenklappen konnte und das mit einem praktischen Henkel versehen war. Jeder hatte € 15 bezahlt. Ich habe das Kissen heute noch, hatte es allerdings danach nie mehr benutzt. Neben uns eine Familie mit Klappstuhl, auf dem der Vater saß. Es war die große Zeit von Michael Schumacher; die Schumi-Begeisterung war auf dem Höhepunkt. Überall trugen die Fans ‚Schumi T-Shirts’, ‚Schumi-Schals’ und was dergleichen an Fanartikel noch mehr war. Einige der Fans aber waren zu betrunken, um das eigentliche Rennen sitzend verfolgen zu können. Mit Fanartikel reichlich verziert lagen sie schlafend hinter der starken Mauer, Meter unterhalb unserer harten Sitzplätzen, die immerhin freie Sicht boten. Der Kleine neben uns sagte: „Boah, Vaddi, boah“. Der Vater neigte sich etwas nach vorne, hin zu seinem Kleinen, und befeuerte noch dessen Euphorie indem er sagte: „Geil, eh?“, worauf der Kleine strahlte und seine Schumi Söckchen hochzog. Noch schien die Sonne.

Dann aber, als bange Regenwolken sich verdichteten, öffnete der Himmel unvermittelt seine Schleusen. Wir waren vorbereitet. Doch zeigte sich im Einsatz, dass ich in meinem Überwurf um Welten besser geschützt war als mein Begleiter, der sich beim überstürzten Einkleiden panisch verhedderte, so dass er erst unmittelbar vor Ende des Ergusses zwar total durchnässt, aber immerhin rechtmäßig gekleidet sich auf der Tribüne wiederfand. Im ersten Renndrittel durfte er freilich darauf zählen, dass die jetzt stechende Sonne unsere Umhänge trocknete, was aber mit sich brachte, dass der Geruch des aufgeheizten Gummis zunehmend penetranter wurde.

Diesen Geruch wurden wir während des ganzen Rennens nicht los…

 

Demnächst mehr!

Allgemein Menschen Texte / Poesie

Ach, ja, Corona…

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hören wir uns leise Seufzen. Schlimme Sache, klar. Aber irgendwann soll es auch gut sein. Zumindest hier bei uns. Also machen wir jetzt mal etwas anderes. Wir bringen eine Geschichte aus dem wirklichen Leben. Recht lustig soll sie sein. So, wie das Leben halt manchmal ist. Wir teilen sie in drei Teile. und dann, danach, hängen wir die Teile aneinander. Man kann die drei Folgen aber auch kopieren und ausdrucken. Na, sowas. Also jetzt geht’s los:

Der Mann ganz vorne                                                                  Folge 1

Weich eingebettet liegt das Sendezentrum inmitten grüner Hügel. Im Inneren reges Treiben, auch im vierten Stock, am Ende des Flurs. Dort arbeitet hinter einem riesigen, noch vom Vorgänger stammenden dunkelbraunen Schreibtisch der Hauptabteilungsleiter Wilhelm Reger, dessen konsequent durchgeplan-ter Werdegang ihn nach Abschluss eines Studiums der Jurisprudenz ihn zunächst zum Referenten des Fernsehdirektors führte. Von da aus war es, nach dem Weggang seines Förderers, nur ein kleiner, aber bedeutender Schritt hin zur Stelle eines Abteilungsleiters.

Durch das großen Bürofenster die kleine Stadt weit unten betrachtend, fiel fortan immer mal wieder sein Blick auf den Gummibaum zu seiner Rechten. Dort ruhte, wenn es der Linderung bedurfte, sein Auge sanft, vor allem dann, wenn Ruhe einkehren sollte in seinen unruhigen Sinn. Marterte ihn eine der Aufgaben, die das Amt so mit sich brachte, fand er Ruhe beim Betrachten der Pflanze, dessen fette Blätter stets von Frau Maller abgestaubt und dessen trockene Erde mittels einer kleinen kupfernen Gießkanne mit weit ausladendem Schnabel aus poliertem Kupfer bewässert wurde.

Vor allem Personalentscheidungen waren es, die ihm bisweilen Kopfzerbrechen bereiteten. Zwar war es keineswegs so, dass er nicht über das nötige Maß an Härte verfügt hätte, die ein so herausragendes Amt fordert. Da konnte er durchaus ein entschlossenes Vorgehen an den Tag legen. Nein. Es war die das Amt so unbequem machende Ambivalenz zwischen einerseits nötiger Härte, andererseits dem Wunsch, die von einer Entscheidung Betroffenen würde diese, wie er ja schließlich auch selbst, als übergeordnet und notwendig einsehen. Zunächst ließe sich sagen: alle ziehen am selben Strang. (Doch wäre in diesem Fall präziser: der eine zieht, der andere hängt). In solchen unkommoden Momenten sah er sich lediglich als Überbringer, nicht als der Verursacher einer schlechten Nachricht. Diese für beide – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – unangenehmen Gespräche pflegte er möglichst rasch und mit einem finalen „Nichts für ungut“ oder auch „Nehmen sie’s nicht persönlich“ ausklingen zu lassen, hoffend, dass sich das Thema für ihn danach erledigt hätte und er aus der Nummer raus sei.

Bisweilen aber gelang es ihm, einfach abzutauchen und das für ihn höchst Unangenehme mit einer Geste, die er für durchaus angemessen hielt, von sich zu schieben. So z.B. als auf einen fernen Ratschluss hin die ihm unterstellten Fernsehansagerinnen vom für sie so ungemein wichtigen Bildschirm verbannen sollte. Es wäre jetzt also an ihm gewesen, die Exekution klar zu kommunizieren. Jedoch glaubte er durchaus darauf vertrauen zu dürfen, dass sich dies im Kreise der Damen – und es waren ausschließlich solche – bereits rumgesprochen hätte. So sah er sich von der Last, die letztlich bittere Wahrheit zu überbringen, ent-bunden. An einer den Schmerz lindernden Geste aber sollte es nicht fehlen. Er bat den Hausmeister, in der Kantine Getränke zu besorgen. Je einen Kasten Bier und eine Kiste FANTA. Beide. Kasten und Kiste, möge er doch bitte in den Aufenthaltsraum der Damen bringen. Das Maß der Fürsorglichkeit erweiternd, regte er an, auch noch einen Flaschenöffner mit kurzer, aber nicht zu kurzer Schnur am Kasten zu befestigen. So ein Flaschenöffner ginge nun mal leicht verloren. Und bitte nicht vergessen zu sagen: man möge sich bedienen.

Farblich gesprochen war dieser Alltag grau. Mal mehr, mal weniger, aber letztlich doch grau.

Dann aber zeichnete sich überraschend ein Heute ab, das versprach, Farbe ins Leben zu bringen. Die Stelle eines Hauptabteilungsleiters ‚FS-Unterhaltung’ war überraschend frei geworden; es galt sie zu besetzen. Man suchte jemanden, dem zuzutrauen war, dieses hauspolitisch eigentlich bedeutungsarme, doch für das Erbringen von Einschaltquoten nicht unwichtige Amt auszufüllen. Nachdem er also schon einmal bewiesen hatte, dass er als Vorgesetzter imstande war, sich ohne viel Federlesens und in der gebotenen Stille von subalternen Mitarbeiterinnen zu trennen, hatte er sich daran anschließend für weitere, höhere Aufgaben empfohlen.

Jetzt also galt es, sich in einem neuen Amt zu versuchen, und dank des Appendix’ ‚Unterhaltung’ taten sich für ihn selbst überraschend eine Fülle neuer Möglichkeiten auf, von denen er sich eine gewisse Freiheit versprach. Zum einen durfte er amtsbedingt darauf hoffen, der strengen Kontrolle seiner Gattin zu entkommen. Sie hatte ihn nach zeitweilig ausufernder nachdienstlicher Einkehr in der funknahen Kneipe („happy hour“) in zunehmend ruppigem Ton zu alsbaldiger Heimkehr genötigt. Zum anderen aber wiesen ihm die in Zukunft anstehenden Außenproduktionen von Fernsehshows einen durchaus gangbaren Weg zu möglichem Lebensgenuss.

„Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit“, pflegte er dann zu sich selbst zu sagen, sah er sich doch in Zukunft befreit von häuslich-familiärer Enge, aber auch von den lästigen Pflichten eines durchbüro-kratisierten Alltags innerhalb des Betriebs.

Zudem versprach sein neues Tätigkeitsfeld eine Fülle neuer Möglichkeiten, sich einladen zu lassen. Keine Produktion ohne Arbeitsessen mit den Kooperationspartnern, keine glücklich zu Ende gegangene Live-Sendung, die nicht in einer sogenannten ‚Afterwork Party’ ihren verdienten Abschluss gefunden hätte. Immer mit Alkohol, oft mit Gesang, ja, manchmal sogar mit Tanz. Sah man ihn anfänglich noch etwas unsicher am Rande stehen, mit einem Bier in der Hand sich vorsichtig und ungelenk zur Musik bewegend, so gewann er zunehmend Sicherheit, bis er dann zu vorgerückter Stunde und von allen bejubelt, tänzelnd ins Geschehen eingriff. Soviel Vergnügen war noch nie.

Später, viel später, nun im Ruhestand, hätte man ihn manchmal noch in der Stadt sehen können beim fast rührenden Versuch, wenigstens zeitweise den fürsorglichen Fängen seiner Gattin zu entkommen. Denn plötzlich war seine Anwesenheit, da ja nun ohne Amt, nicht mehr länger gefragt. Ein Anderer war jetzt an seine Stelle getreten. Vorbei die vielen Einladungen, all die Schmeicheleien. Was blieb, war die schmerzliche Einsicht, dass man ihn über all die Jahre seiner beruflichen Stellung, nicht aber seiner eventuellen Liebeswürdigkeit wegen eingeladen und hofiert hatte. Es sollte ein langer Winter werden.

So blieben ihm jetzt vor allem das Warten auf die seltener werdenden Verwandtschaftsbesuche und – häufiger – kleine Besorgungsgänge in die Innenstadt, die sich im alltäglichen Einerlei als willkommene Abwechslung anboten. Dazu trug er ein kleines, grünes Rucksäckchen, aus dem, wann immer ich ihn später noch sah, ein einsamer Lauchstengel ragte. Nach dem Einkauf ging er wieder nach Hause, ein zunehmend grauer Mann mit seinem aus dem Rucksack ragenden Gemüse, das immer etwas traurig zu winken schien, bevor dann beide, als hätte es sie nie gegeben, im Dunkel der Alleebäume verschwanden. Und immer war mir, als hätte dieser schwankende Stengel etwas von der Trauer eines Kindes an sich, das mitten aus dem Spiel gerissen, den anderen Spielkameraden noch zuwinkt, ehe es nach hause muss.

Doch noch war es nicht soweit…. Fortsetzung folgt

Allgemein Auswärts Essen & Trinken

Leben in Zeiten von Corona

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Genießen will gelernt sein. Also raus aufs Land.

Was für ein Hauen und Stechen. Was für ein Hämmern und Sägen. Der Biergarten nebenan rüstet sich für die Zeit der Öffnung. Noch sind die Trennscheiben zwischen den einzelnen Biertischen mit bläulicher Folie beklebt. Noch sieht es aus, als würde der künftige Gast in einem Aquarium trinken. Aber das wird sich demnächst ändern. Dann wird man dem Nebenmann und seine Nebenfrau durch klare Plastikscheiben beim Trinken zusehen  können. Kein schlechter Moment raus aus der Stadt zu fahren, um in einer Ortenauer Winzergenossenschaft Wein zu kaufen.

Man hatte mich per Mail wissen lassen, dass nicht nur in diesen außergewöhnlichen Zeiten, nein auch in Zeiten der Spargelernte der von mir so geschätzte Weißburgunder von € 6,70 auf € 6 reduziert sei. Für den Riesling gälte das gleiche. Also vorgefahren, eingeparkt. Auf die Weinprobe muss ich in diesen Zeiten verzichten. Egal. Ich weiß ja, wie der Wein schmeckt.

Der Eingang war gefährdungsbedingt ziemlich verrammelt. Die Dame, der man in den Krisenzeiten den Verkauf  anvertraut hatte, gehörte allerdings offensichtlich zur Risikogruppe, war also jenseits der gefährdeten Fünfzig. Sollte aber kein Problem sein, denn man hatte sie in eine Art Hochsicherheitstrakt gepackt, wo sie gut geschützt gegen wild marodierende Viren war. Beim letzten Besuch, also zu Normalzeiten, hatte ich drei Flaschen Riesling und drei Weißburgunder bestellt, dann allerdings die Ware nicht kontrolliert, weshalb ich zum ersten mal den dortigen Sauvignon Blanc verkosten musste. Nachdem die drei Flaschen konsumiert waren, hatte ich den Wein begriffen.

Jetzt also neue Bestellung. Aber diesmal ganz deutlich: drei mal Riesling, drei mal Weißburgunder. Die Dame tippte ein. Als sie dann mit der Lieferung aus der Tiefe des Raumes auftauchte, den Wein auf einem Wägelchen, sagte sie: das wären also jetzt sechs Flaschen Riesling und sechs Flaschen Weißburgunder. Als ich sie darauf hinwies, ich hätte nur die Hälfte kaufen wollen, tat ihr das leid. Aber sie könne nun leider nicht mehr rückbuchen. Dasselbe galt offensichtlich auch, als ich sie darauf hinwies, dass ihr Betrieb saisonbedingt die Weine etwas reduziert habe. Davon wisse sie nichts. Ansonsten gälte auch hier, dass das, was gebongt sein, nicht zurückzubuchen wäre. Spätestens jetzt realisierte ich, was es heißt: Risikogruppe. Netterweise schenkte sie mir dann aber noch ein Flasche Grauburgunder. Das war zwar nett, aber ich mag Grauburgunder nicht so. Vielleicht spende ich den Wein für die nächste Weihnachtstombola der Katholischen Frauengemeinde.  Jetzt also erst mal die doppelte Menge zum nicht versprochenen Preis. Schwamm drüber. In diesen Zeiten müssen wir alle zusammenhalten.

Leicht gefrustet gedachte ich dann vor der Heimfahrt einen kleinen Umweg über Appenweier zu nehmen. Dort, an der Hauptstraße, gibt’s ein tolles Eis. Auch dort wieder vorgefahren, Wagen abgestellt und den gefrorenen Traum bestellt. Drei Kugeln im Becher. Mit Sahne. Man kann das Eis ja nicht trocken runterwürgen. War soweit auch alles bestens. Während sich hinter mir eine Schlange vor dem Eiskaffee bildete – hübsch in 1,5 m Distanz voneinander, teils mit, teils ohne Mundschutz – schlenderte ich gemächlich zu meinem Auto, lehnte mich an die Tür und wollte mich dort gerade der zartcremigen Sorte ‚Rumba’ widmen, da drang ein Schrei an mein Ohr.

Der ging von der Chefin der Eisdiele aus, die, hinterm Tresen hervorgekommen jetzt derartig auf mich zuschoss, dass ich situationsbedingt zum ersten mal ein Gefühl dafür bekam, wie es sich im 2. Weltkrieg angefühlt haben muss, wenn ein Kamikazie Jäger auf dem Flugdeck eines Flugzeugträgers einschlägt. Auch dort wurde maximale Zerstörung dadurch erreicht, dass es sich bei so einem Geschoss um eine menschliche Bombe gehandelt hatte. So etwa muss man sich die Wirkung vorstellen, die der Auftritt dieser entfesselten Geschäftsfrau auf mich ausübte. Fragend brüllte sie mich an, ob ich zu blöd sei, das Schild da vorne zu lesen, auf dem doch deutlich – sie sagte es zwei-, ich glaube sogar dreimal – ‚deutlich’ jedenfalls, geschrieben stünde (und dort auch zu lesen sei!): dass man sein Eis erst in fünfzig Meter Entfernung zu essen habe, also keineswegs VOR der Eisdiele!

Meine Gegenwehr war denkbar schwach. Mit der ungebremsten Wucht dieser Eismaschine hatte ich in dieser Situation nicht  gerechnet. Immerhin durfte ich sicher sein, dass die Warteschlange nicht annahm, ich hätte mich der Dame des Hauses unsittlich genähert. Ein schwacher Trost, immerhin. Und so entschloss ich mich – angesichts der vorzüglichen Qualität des Gebotenen – die Eisdiele auch weiterhin zu besuchen. Zum Verzehr würde ich allerdings versuchen, mich ins nahegelegene Renchen durchzuschlagen, um von dort aus, also in weiter Entfernung, zu verfolgen, wie es einem anderen ergehen mag, der sich, wie ich, nicht vorstellen kann, wie es ein Corona Virus schafft, über fünfzig Meter sein Opfer zu finden.

Allgemein Gastbeiträge Stadtstreicher

Maske in Blau

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Die Maske sollte von Zeit zu Zeit gewaschen und zum trocknen aufgehängt werden   

 

Noch ist es hier nicht eine flächendeckende – also Nase und Mund verschleiernde – Pflicht, aber die zaghafte Lockerung der Corona-Maßnahmen scheinen doch auf die dringende Empfehlung zum Tragen einer Schutzmaske hinauszulaufen. Diese Maske – eigentlich dem medizinischen Bereich vorbehalten und als offizieller Mundschutz so gesehen immer noch Mangelware – bietet sich für eine Eigeninitiative („Maskierung“) geradezu an. Ob die selbstgenähten Stöffchen wirklich einen echten Schutz bieten, vermag zwar kein Laie so richtig einzuschätzen, aber vielleicht trägt ja auch dieser viereckige Immunbooster – um einen aktuellen Lieblingsbegriff aus Kosmetik und Wellness zu strapazieren – zum persönlichen Wohlgefühl und damit zu einer erhöhten Widerstandskraft bei.

Immerhin lässt sich so der persönliche Pandemie-Look kreieren: Während in Fred Raymonds gleichnamiger Operette die Trägerin der „Maske in Blau“ den oberen Teil ihres schönen Gesichts bekanntlich tarnt, lässt die Corona-Version expressive Augensprache zu – das gesprochene Wort klingt durch den Schalltrichter ja ohnehin eher undeutlich.

Auch ein einfacher Mundschutz lässt einen ruhig schlafen. Wichtig in diesen Zeiten!

Wer nicht über Nähmaschine und Stoffreste verfügt, findet derzeit in den Schaufenstern vieler Textilgeschäfte und auch imAnzeigenteil der abgespeckten Tageszeitung Angebote für das Maskentreiben unter gesundheitlichen Aspekten. Hielten sich die Preise zu Beginn der Corona-Zeit noch in bescheidenem Rahmen, entwickelte sich mit Dauer der Pandemie ein blühendes Geschäft – 20 Euro und mehr für den waschbaren Mundschutz. Den bisherigen Preis-Vogel schoß beim Bummel durch Baden-Baden ein prominenter Baden-Badener Couturier ab – 75 Euro für die Edel-Version. Da könnten eigentlich noch ein paar Swarowski-Steinchen fröhlich im April-Sonnenschein funkeln. Da nimmt sich das Angebot eines Supermarkts mit unter acht Euro für den Einmal-Schutz doch richtig bescheiden aus. Übrigens: Die Maske schützt nicht, wenn sie als Sonnenbrillen-Ersatz auf dem Kopf getragen wird. Immerhin verdeckt sie so den sichtbaren Ansatz der gefärbten Haarpracht. Der Friseurbesuch musste ja pandemiebedingt erst mal verschoben werden.   

Irene Schröder

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