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Im Chor der schlimmen Stimmen

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Voll nervig. Warum uns die Stimmen der Frauen immer öfter nerven

So etwas haben wir noch nie gemacht. Wir müssen hier einmal über die Frauen reden. Damit meinen wir nicht ihren Geist, ihr Aussehen oder die unbestrittene Fähigkeit, einzuparken. Nein, wir müssen hier über die Stimmen der Frauen reden. 

Nur gänzlich tauben Menschen konnte entgangen sein, dass die Stimme ein eminent wichtiges Kommunikationsinstrument ist. Ohne unserer aller Stimmen wäre die Welt eine doch recht taube Angelegenheit. Da fällt einem jetzt erst mal das Gesäusel von Verliebten ein, weiter das Gebrabbel von Babys, aber auch das Gezwitscher der Vögel und das friedliche Schnurren einer Katze, usw., usf.

Was sind das doch für beglückende Laute, die uns täglich in akustischer Verbindung zu anderen Lebewesen setzen. Da braucht man jetzt gar nicht auf Helene Fischer zu verweisen, die allein schon mit ihrem ‚Atemlos durch die Nacht’ uns  hören lässt, was man mit so einer Stimme alles anstellen kann. Doch lasse man sich nicht täuschen. Es handelt sich bei Helene Fischer um eine rundum ausgebildete Stimme, die uns da aus dem Radio entgegenschallt. Allein durch diese Stimme ist es ihr gegeben, uns in Träume zu wiegen, ja, gar tief in unserem Inneren die Sehnsuchtslaute zu zupfen, wodurch diese zum Klingen gebracht wird. Und was dergleichen halt noch mehr sein könnte.

Denn es ist ja für uns Hörer gerade das Radio, das uns durch seine akustische Präsenz anspricht. Radio geht ins Ohr und dann natürlich sofort ins Herz. Neben der Musik sind es vornehmlich die Stimmen, die uns ansprechen. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Umso mehr sollte diesem Medium daran gelegen sein, durch die Auswahl geeigneter Stimmen für sich zu werben. Das ist heute so und war früher nicht anders.

Wer z.B. das Glück hatte, vor etwa zwanzig Jahren in Baden-Württemberg zu leben und den SWF zu hören, der wurde zwangsläufig Zeuge, wie aus dem Radio die sonore, kräftige und markante Stimme eines Baldur Seifert tönte, der uns Hörer den Sonntag-morgen verschönerte. Und dann erst Heinz Siebeneicher! Wer noch miterlebt hatte, wie er das Wunschkonzert virtuos moderierte, der mochte ahnen, was es heißt, wenn man sagt, dass die (weiblichen) Fans diesen Stimmen förmlich zu Füssen lagen. Doch gab es auch weibliche Stimmen, die bezauberten. So hört man vor vielen Jahren in SWF 3 eine Stimme, die einem Mädchen namens Susi gehörte. Susi lispelte leicht, aber das war uns egal. Sie bezauberte allein schon mit ihrer hingehauchten, gurrenden Wetternachrichten. Da war sogar der Regen schön.

Nun müssen wir die unverhohlen erotische Komponente einer Stimme gar nicht bemühen, um zu konstatieren, dass da mit den heutigen Radiostimmen etwas im Argen liegt. Die Stimme sollte in jedem Fall im Inneren des Körpers entstehen, da, wo der Resonanzraum sitzt. Dann erst wirkt eine gute Moderation unangestrengt, weshalb sie auch den Zuhörer entspannt. Das ist im Unterhaltungsradio nicht anders als in den aufklärerisch-politischen Programmen.

So kommen wir fast zwangsläufig auf den Deutschlandfunk zu sprechen, eines der Radioprogramme mit einem relativ hohen Wortanteil. Gerade deshalb müsste dem Programm daran gelegen sein, die so wichtigen wie bisweilen trockenen Themen in einer den Hörer ansprechender Weise zu präsentieren. Doch dem ist nicht so. Eine neue Generation von Stimmen hat anscheinend das Mikrofon übernommen. Universell gebildet, gecastet, geprüft. Doch keinerlei Sprechausbildung, keine Prüfung, ob die Stimme überhaupt fürs akustische Medium geeignet ist.

Dem Hörer wird’s vertraut vorkommen. Etwa 80 % aller zeitgenössischen Stimmen junger Frauen, auch Mädchen klingen so. Nicht anders als bei aktuellen Schlagersängerinnen sind deren Stimmen gepresst, gedrückt, bisweilen überdreht, jedenfalls im Kopf angesiedelt. Es scheint der Sound der neuen Zeit. Das wirft zwangsläufig die Frage auf: warum das so ist? Hier kann man nur Vermutungen anstellen.

In aller Vorsicht denkbar wäre die Erklärung, dass die derzeitige emanzipatorische Bewegung Stress der neuen Art hervorgebracht hat. Die Frauen wollen (und sollen!) gehört werden. Doch scheint’s, als hätten sie sich in der Rolle noch nicht recht eingelebt, d.h. das Selbstverständnis des sich Artikulierens ist noch vollständig ausgeprägt. So will man mit stimmlichem Lärm auf sich, sein Anliegen und seine Bedeutung aufmerksam machen. Nicht auszuschließen, dass die Frauen sich nicht nur in einem Wettbewerb mit den Männern sondern auch mit anderen Frauen befinden. Sie setzen sich unter dem Druck, immer und überall gehört zu werden. Wer am meisten nervt hat die Chance, am ehesten gehört zu werden?

Hier auch anzuführen sind die Sprecherinnen von Umweltgruppen, deren penetrante Stimmen mühelos auf Mikrofone verzichten könnten. Ähnlich die Politikerinnen Bündnis90/der Grünen, aber auch der SPD. Wer jemals Annalena Baerbock gelauscht hat, weiß, wovon hier die Rede ist, aber auch Malu Dreyer muss hier angeführt werden, die, so steht zu vermuten, dem derzeitigen Niedergang der SPD eine furchtbare Stimme verleiht.

Ein ganz anderer Fall in diesem Zusammenhang ist die derzeitige Familienministerin Franziska Giffey, ebenfalls von der SPD. Sie ist nicht nur mit der Gabe gesegnet, fremde Zitate zu einem für eine Dissertation offensichtlich ausreichenden Konvolut zusammenzumischen. Darüberhinaus verfügt sie zudem noch über die Gabe einer reinen, hellen Kinderstimme, die sie zu einer Hoffnungsträgerin der alten SPD werden lässt. Offensichtlich hofft man, von dieser einzigartigen Begabung noch möglichst lange zehren zu können. So, wie sich Franziska Giffey anhört, noch mindestens die nächsten 60 Jahre.

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Mord mit Lokalkolorit: „Der Fall Hau“ im Theater in Baden Baden

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lässt alle Fragen offen.

Eigentlich ist es ein hübscher kleiner Spaziergang von der Stadelhofer Straße über die Lindenstaffeln hinunter Richtung Kurpark und Stadtzentrum. Trotzdem soll es in den vergangenen Wochen mehrfach vorgekommen sein, dass sich vor allem in der Dämmerung einzelne Personen vorsichtig umschauten, ob sich nicht verdächtige Schatten an ihre Fußstapfen hefteten – schließlich fand hier anno 1906 ein grässlicher Mord statt: Das Opfer, Josefine Molitor, eine Dame der Baden-Badener Gesellschaft, der Täter, Karl Hau, ihr Schwiegersohn. Das Motiv: Geldgier.

Doch so einfach war es wohl doch nicht, denn der „Fall Hau“ schrieb Kriminalgeschichte und erregte sogar internationales Aufsehen. War er’s oder war er’s nicht? Diese Frage bewegte nicht nur die Gemüter der Zeitgenossen, denn der Prozess, der mit der Verurteilung des schillernden Hochstaplers endete, hatte das Zeug zum handfesten Justizskandal. Im Theater Baden-Baden bleibt die Antwort ebenfalls aus – nach über drei Stunden Hochspannung und einer grandiosen Leistung der (nur) vier Akteure mit furiosem Rollentausch wird es den Zuschauern überlassen, ihr Urteil zu fällen – Schwiegermuttermörder, Anstifter der Tochter und Geliebten zum Muttermord oder unschuldig Beschuldigter in einem Netz komplizierter Verstrickungen?

Nicht nur das Lokalkolorit dieses absoluten Höhepunkts der aktuellen Spielzeit mit dem Motto „Gerechtigkeit“ macht den „Fall Hau“ zu einem „Muss“ für Freunde des Hauses am Goetheplatz. Unbedingt zu empfehlen ist die den Aufführungen vorgeschaltete Einführung in das Stück, das auf einem Roman des in der Kurstadt und beim SWR wohl bekannten Autors Bernd Schröder basiert. Der Münchner Regisseur Rudi Gaul hat sich der Romanfassung für seine Uraufführung in Baden-Baden bedient und spielt gekonnt mit den gesellschaftlichen Vielschichtigkeiten, die Schröders „Hau“ so elegant durchmischt. Er gewährt dem Publikum quasi Akteneinsicht, zitiert aus Originalbriefen und ermöglicht per Video eine Tatortbegehung – nur ein paar Schritte vom Theater entfernt. Mattes Herre in der Rolle des zwielichtigen Karl Hau liefert eine großartige Leistung ab, die drei Baden-Badener Schauspielerinnen Rosalinde Renn, Nadine Kettler und Maria Thomas stehen dem Gast in nichts nach. Und ein weiteres Plus dieses Stücks: Rudi Gaul zwingt das Quartett nicht zum Sprech-Stakkato, mit dem viele treue Besucher bei vergangenen Inszenierungen verärgert wurden. Klar verständlich kommt rüber, was eigentlich nicht zu verstehen ist –warum seitens der badischen Justiz so schwere Fehler begangen wurden.

„Der Fall Hau“ steht am kommenden Wochenende drei Mal auf dem Spielplan – unbedingt zu empfehlen.

Irene Schröder

 

Fotos:  Jochen Klenk

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Die Bücherpflegerin

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IMG_0620Daniela Lipps rettet, was zu retten ist: Bücher

Es sind vor allem die Farben. Zunächst das gedeckte, schon leicht ausgewaschene Grün der Fassade. Dann eine französische Fahne, die müde und verblichen vor dem schönen, alten Haus an der Luisenstraße, steht. Gegenüber der Trinkhalle. Die Fahne erinnert daran, dass Baden-Baden früher einmal, in den Zeiten des Herrn Benazet, eine sehr französische Stadt war. Die Hausnummer 30 hatte vormals ein Blumengeschäft beherbergt, das aber seit langem geschlossen ist, und rückblickend selten farbenfrohe Rosen, Nelken oder Tulpen im Verkauf hatte, dafür aber Vergissmeinnicht, Calla und auch Lilien, alles, was man für Beerdigungen halt so braucht.

Das hat sich seitdem geändert. Jetzt, da dort seit mehreren Jahren eine Buchbinderei eingezogen ist, schmücken ein Gummibaum und die Grünlilie das Schaufenster, deren weiß-grüne Blätter farblich ja auch nicht so der Knaller sind. Was ja vielleicht auch nicht unbedingt zu dem kontemplativen Gewerbe passen würde, dem Daniela Lipps, achtunddreißig Jahre alt, dort nachgeht. Ihre Welt sind die Bücher, meist der älteren Art. Antiquariatsbücher. Manche verstaubt oder vergilbt. Soweit ihr möglich restauriert sie diese, bindet sie neu oder ordnet sie, wie z.B. die Monatsschriften der hier ansässigen Rechtsanwaltskanzleien.

Das ist jetzt ihre Welt. Sie ist Baden-Badenerin. Nach einer dreijährigen Ausbildung in der Unibibliothek in Kaiserslautern geht sie nach Freiburg, um dort Mathematik zu studieren. Von dort kehrt sie diplomiert zurück und übernimmt ein Buchbindergeschäft in Lichtental, bevor sie in der Innenstadt ihr jetziges Geschäft findet. Richtet sie ihren Blick nach draußen, durch das weißgestrichene Gitter ihrer Eingangstür, blendet sie das Grün der Lichtentaler Allee.IMG_0616

Das passt ihr so. So wie es ist. Das stille Werken am Vergangenen. Sie ist eher zurückgenommen und sieht sich ungefragt als Einzelgängerin. Das Innere des Werkraums ist zwangsläufig – buchdeckelgemäß – ebenfalls in gedeckten Farben gehalten. Braun. Grau. Beige. Viel Papier dort, gestapelt, wartet darauf verarbeitet zu werden. Dazwischen alte Buchbindemaschinen, Pressen, Papierschneider. Von außen betrachtet wirkt das Innere wie eine Höhle, und erstaunt registriert man, von draußen ins Innere blickend, einen weißen Arm, der im Licht einer Schreibtischlampe seinem konzentrierten Tagwerk nachgeht.

Dabei kann sie nach eigener Aussage gut mit Leuten. Wenn sie muss. Und hat nichts dagegen, wenn sie nicht muss. Sie ist das Gegenteil von exaltiert. Im heutigen Zeitalter der Selbstentblößung wirkt sie unzeitgemäß zurückgenommen.

Fernseher? Hat sie nicht. Viele Hörbücher, ja, das mag sie. Musik auch, aber nicht zu viel. Sie geht nach Hause und hat trotzdem Kontakt mit anderen. Sie chattet dann. Wenn es ihr zu viel wird, schaltet sie den Rechner ab. So einfach ist das. Alles unter Kontrolle.

Das mit dem Chatten werden vielleicht nicht alle ihrer Kunden so einfach verstehen. Vor allem nicht diese, die ein zu restaurierendes Buch gern zum Anlass eines längeren gepflegten Gesprächs nehmen.

IMG_0611Man wird dem Klientel nicht Unrecht tun, wenn man es als eher konservativ bezeichnet. Daniela Lipps vermutet angesichts dessen, was ihr so täglich zum Binden vorbeigebracht wird, wertvolle private Bibliotheken hinter gediegenen Mauern. Dass diese Kundschaft in ihr eine Verbündete im Bildungsbürgerlichen sieht ist ihr klar. Das nimmt sie, die Tochter eines linken Lehrerehepaares, in Kauf und versucht, soweit ihr möglich, sich etwaige Bildungsdefizite nicht anmerken zu lassen.

Die Kundschaft scheint sich an ihrem Äußeren jedenfalls nicht zu stören. Die Rastafari-Locken, die von ihrem Kopf wie teils geknickte Antennen abstehen, sind ja erscheinungsmäßig auch nicht mehr das Aktuellste. So weißt die Rastafari-Bewegung, in den dreißiger Jahren entstanden, durchaus alttestamentarische Züge auf. Vielleicht ist es das, weshalb die Frisur von Daniela Lipps ihren bildungsbürgerlichen Kunden so seltsam vertraut vorkommt? Und hätten sie den Blick gesenkt, wäre ihnen womöglich auch noch aufgefallen, dass sie ihre Zehennägel, die aus ihren Gesundheitsschuhen lugen, in je verschiedenen Farben lackiert hat. Aber auch diese Farben sind gedeckt.

Man wird das Bild des Diogenes in der Tonne nicht überstrapazieren, wenn man konstatiert, dass sich da eine junge Frau in der Jetztzeit so eingerichtet hat, dass sie von ihrem Geschäft “grad so lebt“. Sie hat keine großen Ansprüche, kommt „eben so rum“. Aber auch dabei ist sie auf unaufdringliche Art reduziert. Sie würde damit nie hausieren gehen. Dass sie ein Selbstvermarktungsproblem hat, weiß sie. Gern würde sie mehr aus sich rausgehen. Noch geht das nicht, aber sie arbeitet daran. Am liebsten wäre ihr, da wäre jemand, der ihr den Kontakt mit dem Publikum abnimmt. Glücklich sähe sich dann in einem kleinen Arbeitskäfig, davor ein Schild: „Buchbinder. Bitte nicht füttern“.

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Der BadenBlogger hat schon 500 000 Leser! Jetzt mit Werbung. Für einen guten Zweck!

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Tatsächlich! Jetzt hat der BadenBlogger doch tatsächlich schon über 500 000 Follower. Zeit, uns zu wundern und uns selbst zu preisen. Dass wir das geschafft haben! Und ganz ohne Werbung. Ohne besserwisserisches Reingerede von irgendwelchen Redaktionsleitern, Chefredakteuren, Verlegern und Lokalpolitikern. Traumhaftes Schreiben!

Und doch – so ganz ohne Werbung geht’s nicht. Wir sind sozusagen nur bedingt werbefrei. Manchmal machen wir Werbung, trotz bester Vorsätze. Meist in eigener Sache oder weil es einem guten Zweck dient. Wobei man den guten Zweck ruhig etwas weiter fassen kann. Das sehen wir nicht so eng.

Weitergefasst ist der gute Zweck z.B. dann, wenn das zu Bewerbende uns alle freut, am besten uns satt und vielleicht sogar ein bisschen betrunken, also glücklich, macht. Jetzt hat es wahrscheinlich auch der oder die Letzte unserer Follower erraten: wir reden über Bücher, deren tieferer Zweck im Herbeiführen eines glückseligen Zustandes liegt. Dafür schlagen wir Trommel und Tamburin. Und das gleich zweimal.

Denn vor uns liegen die neuesten Ausgaben des Gastroführers aus dem OASE Verlag. Dessen Herausgeber/Testesser und Verfasser heißt Wolfgang Abel. Er residiert in der Nähe von Badenweiler und schaut mit hungrigem Blick vom Rund seiner Terrasse in die Rheinebene. Von dort aus späht er mit Adleraugen in die Töpfe und Teller des Landes. Er lugt und sagt uns dann, wo’s langgeht, also schmeckt.

Vor uns liegen jetzt also zwei gründlich überarbeitete Bände mit den Titeln „Freiburger Wunder“ (Münsterturm und Geiersnest) und „Kaiserstuhl“ (Streifzüge zwischen Rebstock & Himmelburg). Einmal mehr also zwei kulinarischen Gegenden, die der Verfasser einer gründlichen Prüfung unterzogen hat. Dabei – und das macht es so anders – geht es bei Abel nicht um die gehobene Küche, die Sternenküche, deren Tester vor lauter Glück, allabendlich das Vorgesetzte nicht selbst bezahlen müssen, ins schier Fabulieren und Salbadern abgleiten: ‚Präzise’ sei das Vorgesetzte, von ‚kongenialer‘ Geschmackskomposition usw., usf.

Nein, die Reihe des OASE Verlags wendet sich an Menschen, die weniger Appetit (mit angezogenem ‚I‘) als vielmehr Hunger haben, die, dem Hinweis des Testers folgend, über einem wunderbaren Kartoffelsalat für einem Augenblick gar die Widrigkeiten ihrer Berufswahl vergessen. Die ahnen, dass sie vor dem Schnitzel einer glücklich dahin gelebt habenden Landsau dem Himmel so nah sind; die es abgrundtief freut, dass Kuddeln mit Bratkartoffeln zwar nicht den Etat, dafür aber jedes Vorstellungsvermögen sprengen.

Dies alles will frisch genossen sein. Wir sagen frisch, denn es zeigt sich, dass man gut daran tut, die Tips, die Wolfgang Abel uns gibt, zeitnah zu genießen. Die Gastronomie ist allzu oft ein flüchtiges Gewerbe. Wo man heute gut kocht (und dann auch isst), kann morgen schon geschlossen sein. Zu groß scheinen manchen Wirtsleuten die zeitliche und kostenmäßigen Belastungen, als dass sie über Jahre hinweg das von uns so geschätzte Niveau halten, doch es zeigt sich, gerade in den Büchern von Abel, dass kontinuierliches Abliefern von Qualität sich letztlich doch auszahlt. Dann macht uns so eine Wirtschaft lange, vielleicht gar über Jahre, Freude. Dann macht sie uns glücklich. Dort werden wir dann treue Gäste, fröhliche Esser und genießende Trinker.

Die vorliegenden Bücher sind kompakt, dabei aber nicht allzu groß. Sogar in einer Isetta oder einem Goggo könnte man sie mitführen. Doch auch der Neuzeit könnte man Tribut zollen.  Eine kleine Anregung an den OASE Verlag: vorstellbar wäre hier eine Art wasserresistente Schatulle für  das Mitführen  der Bände auf dem E-Bike . 

Der Zeitpunkt scheint günstig, da im Spätherbst der Handel erfahrensgemäß schon kurz vor Weihnachten steht.

 

https://www.oaseverlag.de

Allgemein Gastbeiträge Kultur

Nachbarn in schwierigen Zeiten

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Kaiser und Sultan. Nachbarn in Europas Mitte 1600-1700. Im Schloss Karlsruhe

Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden

Mit der Nachbarschaft ist es bekanntlich so eine Sache – ob in der Wohlfühllandschaft eines Zweifamilienhauses oder im Mit- oder vielleicht auch Gegeneinander auf internationaler Basis. Einer sehr speziellen Nachbarschaft, die seit Jahrhunderten sowohl die kulturellen als auch die politischen Entwicklungen maßgeblich beeinflusste, widmet sich die Große Landesausstellung im Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Wer genau hinschaut, erkennt übrigens an der barocken Schlossfassade „Türkenköpfe“. Die „Türkenbeute“ zählt zu den wertvollsten Beständen des Hauses, während der „Türkenlouis“ alias Ludwig Wilhelm von Baden im benachbarten Rastatt residierte und – wiederum in der Nachbarschaft – der Baden-Badener Stiftskirche seine letzte Ruhe fand.

Während nicht zuletzt der türkische Ministerpräsident aktuell für neue Spannungen in der europäischen Nachbarschaft sorgt, untersucht die Ausstellung „Kaiser und Sultan“ das Verhältnis der „Nachbarn in Europas Mitte von 1600 bis 1700“, ein ungeheuer spannendes Jahrhundert voller Hauen und Stechen. Parallel dazu ging aber auch ein Hin und Her des kulturellen Austauschs, was nicht zuletzt an den Flüchtlingsströmen auf der „Balkanroute“ lag.  Es war ein Kommen und Gehen in beiden Richtungen, denn damals versprach gerade in Zeiten der Gegenreformation das Osmanische Reich Zuflucht und gesicherte Existenz.

Sultan Mehmed IV.

Über 350 kostbare Exponate, darunter zahlreiche Leihgaben aus dem In- und Ausland – allerdings nicht aus der Türkei (!) – geben auf zwei Stockwerken Einblick in die Ära der „Türkenkriege“ und ihre Auswirkungen auf Mitteleuropa zwischen Orient und Okzident bis in die Gegenwart. Denn hier liegt ein Schwerpunkt der großen Ausstellung im 100. Jubiläumsjahr des Badischen Landesmuseums: „In Zeiten zunehmender Flucht – und Migrationsströme und eines spürbaren Rechtsrucks in Gesellschaft und Politik zeichnet sich ein Gebot der Stunde: Museen müssen sich den positiven Seiten plurikultureller Gesellschaften zuwenden und ihren Mehrwert für die Entwicklung selbst vergangener Epochen herausarbeiten, wollen sie zeitgemäß sein und langfristig den angestammten Besucherkreis erweitern“, formuliert Kuratorin und Projektleiterin Dr. Schoole Mostafawy das Ziel der bis zum 19. April 2020 dauernden Schau. Das mag etwas verschwurbelt klingen – tatsächlich aber umschreibt es den derzeitig volkspädagogischen Trend…

Eine Ernennungs-urkunde des Sultans

Wenden wir uns also der Ausstellung zu. Zeitgemäß ist schon der Einstieg: In nur drei Minuten erzählt ein etwas anstrengender Animationsfilm der Filmakademie Ludwigsburg gleich einem Online-Video-Zeitraffer die Geschichte des 17. Jahrhunderts, wobei der Schauspieler Christian Tramitz in 16 verschiedene Rollenschlüpft. Wer mit dieser geballten Info-Ladung nicht zurechtkommt, kann den – fiktiven – Dialogen der ungarischen Freiheitskämp-ferin Ilona Zrinyi (1643-1703) und des deutschen Schriftstellers Eberhard Werner Happel (1647-1690) per Storyguide anstelle des üblichen Audioguides dem Gebotenen lauschen. Die wichtigsten Flüchtlingsbewegungen lassen sich an drei Medienstationen verfolgen. Zur Ruhe kommt der Besucher dann aber spätestens bei einem Prunkstück der Ausstellung, dem 1683 vor Wien erbeuteten „Blauen Zelt“, einer Leihgabe aus Krakau. Wie ein blühender Garten wirkt das rund 18 Meter lange und fünf Meter hohe Meisterwerk aus Seide und Leder mit kostbaren  Goldstickereien, in dem sich wahrscheinlich ein hoher Würdenträger vom Schlachtengetümmel erholte.

Einer von uns. Der ‚Türkenlouis‘ als Osmane

Verse des islamischen Mystikers Mevlana (1207-1273) entführen den Zuhörer in eine schönere, friedliche und genussvolle Welt, in der eine Tasse Kaffee zu den weltlichen Freuden zählte. Deutschland war, zumindest in der damaliegn Zeit, ‚türkentrunken’. Das Osmanentum war ‚a la mode’. Es war chic, sich wie ein Sultan zu kleiden, selbst der Herrscher zeigte sich beim Karneval in osmanischer Tracht. Auch der große Mozart hatte die Anregungen der fernen Länder musikalisch aufgegriffen: die ‚Entführung aus dem Serail’ legte noch heute ein wunderbares Zeugnis davon ab, wie Kultur trotz kriegerischen Auseinandersetzungen überschwappen kann, den Komponist ernährt und uns freut!

Und dann erst der „Türkentrank“! Beide, Kaffee und Mokka, seien zwischendurch dringend zur Belebung empfohlen – dabei lässt sich auch in dem ausgezeichneten Katalog zur Ausstellung „Kaiser und Sultan“ aus dem Hirmer Verlag blättern.   Wie im Karlsruher Schloss üblich, ergänzt ein facettenreiches Beiprogramm von wissenschaftlichen bis kulinarischen Veranstaltungen die Große Landesausstellung in der unmittelbaren Nachbarschaft – nachzulesen auf der Homepage des Museums:

http://www.landesmuseum.de

Irene Schröder

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