Allgemein Essen & Trinken Gastbeiträge

Auf der Durststrecke durchs Hungergebirge

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Wanderfreunden dringend zu empfehlen: Rucksack und Picknickkorb 
 
Das Wandern ist bekanntlich nicht nur des Müllers Lust, sondern auch Badener und Touristen schätzen die reizvollen Touren rund um Baden-Baden – nicht zuletzt deshalb wurden im Zuge des Welterbe-Zuschlags historische Spazierwege wieder ansprechend hergerichtet. Wer also das Glücksspiel scheut, sich mit Flieger oder Bahn an ein fernes Urlaubsziel zu begeben, hat wunderbare Naherholungsziele unmittelbar vor der Haustür. Eine Wanderung zur Yburg oder zur Burg Alt-Eberstein, gemütlicher Aufstieg zum Alten Schloss, Tagesausflug zur Roten Lache, Abwärtsroute vom Merkur zur Nachtigall, alles gut ausgeschildert und familienfreundlich angelegt – und auch noch sehr figurfreundlich, denn auf zünftige Bewirtung muss mittlerweile an vielen einst schon fast legendären Zielpunkten verzichtet werden.

Ein abendliches Viertele auf der traumhaften Terrasse der Yburg hatte für viele Kurstädter Kultstatus, und von der Erinnerung an die  leckeren Torten auf der „Roten Lache“ zehrt so mancher ehemaliger Stammgast noch heute, während der nüchterne Internet-Hinweis „dauerhaft geschlossen“  (auch die „Nachtigall“!) den Appetit auf eine Wanderung mit kalorienreicher Belohnung dämpft. Ein schöner Ausblick entschädigt ja für manche Anstrengung, aber ein gut gezapftes, kühles Bier ist auch eine Augenweide, die gern durch Gaumenfreuden abgerundet würde.

Kultstatus – nicht nur dank der Fernsehvergangenheit – genoss bis vor einem Jahr auch der „Forellenhof“, dessen schattiger Terrasse  auf den Spaziergänger gr0ßen Reiz ausübte. Auch geschlossen ist nun auch das Restaurant im Alten Schloss, das sich als noble Event-Location zu etablieren versucht. Der Kiosk vor der Ruine hat zwar Getränke, einfache Speisen und Kuchen im Angebot, aber so recht festsetzen mag man sich an dem zugigen Plätzchen jetzt nicht mit. Mehr Glück hat der Ausflügler im „Scherrhof“, der mit dem Dienstag auch nur einen Ruhetag pro Woche hat, aber nur von 12 Uhr bis – laut Homepage – „ Feierabend“ geöffnet hat. „Feierabend“ war kürzlich bei einem Anruf an einem Sonntag bereits um 19.30 Uhr. Vor dem Aufbruch zu einer noch bestehenden Einkehrmöglichkeit wie „Schwanenwasen“ oder „Bütthof“ empfiehlt sich ohnehin die Nachfrage nach den Öffnungszeiten – einige Betriebe decken nur an drei Tagen in der Woche den Tisch, sind dann aber so gefragt, dass eine Reservierung angebracht ist.

„Selbst ist der Wirt“ wäre eine kostengünstige Alternative: Picknickkorb oder Rucksack mit deftiger Wandererkost und Getränken in Kühlflaschen, die an schattigen Plätzchen ausgepackt und genossen werden. Dahin müssen sie allerdings erst einmal transportiert werden … Absolut keine Option ist angesichts der Waldbrandgefahr der Würstchengrill auf einem Rastplatz.
Die Gründe für die Verknappung des kulinarischen Wanderangebots liegen laut Auskunft des Hotel- und Gaststättenverbands – wie so viele anderer Negativentwicklungen – zum großen Teil in der Pandemie: Während des großen Lockdowns sahen sich viele Köche und Servicemitarbeiter nach alternativen Arbeitsplätzen um – händeringend werden nun Ersatzkräfte gesucht, um den Betrieb halbwegs aufrecht erhalten zu können. Nicht zu stemmende Pachtgebühren, aufwändige Umbaumaßnahmen, gesundheitliche Einschränkungen – alles verständlich, aber betrüblich, wenn der potenzielle Gast mit knurrendem Magen und trockener Kehle vor verschlossener Tür steht.
Umso tröstlicher mutet dagegen ein Ort an, den der Fremde wohl nicht gleich mit zünftiger Bewirtung assoziieren würde: Der Baden-Badener Hungerberg trägt seinen Namen zu Unrecht, denn ausgerechnet dort wird im schönsten Biergarten Baden-Badens an sechs Tagen der Woche geschlotzt, gefuttert und gefeiert. Feierabend ? Selten vor Mitternacht.

Irene Schröder

Allgemein Stadtstreicher

Im Niqab zum Entengang

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Wie badische Enten einmal eine Muslima entzückten

Wäre es nicht denkbar unpassend, könnte man sagen: das hält kein Mensch aus.

In den Emiraten herrschen derzeit weit über 40 Grad im Schatten. Weit und breit nichts als Sand und Öl. Da kann man schon verstehen, dass manch einer – seine angestammte Heimat mit ihren klimatisierten Räumen verlassend – das Weite sucht und vorübergehend Quartier in Baden-Baden nimmt. Dort wartet auf ihn ein Flüsschen namens Oos mit klarem Wasser und eine Gastronomie mit nicht immer so klaren Preisen.

islam_abcAuch in Baden-Baden kann so ein Tag ziemlich lang sein. Selbst wenn sich das Mittagessen im Biergarten hinzieht und die Familie bei exzessiver Handynutzung und beim Shoppen ordentlich Zeit verbringt, so bleiben immer noch ein paar Stunden, an denen noch ein bißchen was anderes passieren soll.

Nur zu verständlich, dass diese übrigen Stunden von den Söhnen und Töchtern der Wüste ganz gerne genutzt werden, um z.B. einmal einen Ausflug zu unternehmen. Da die Besucher nun aber innerhalb der Fußgängerzone auf Limousinen sinnvollerweise verzichten und sich auch der Einsatz von Kamelen verbietet, ist der Aktionsradius der Gäste naturgemäß begrenzt. Also bietet sich ein Spaziergang zur nahegelegenen Oos an.  So z.B. – wie kürzlich gesehen – im Falle von zwei tiefverschleierten Frauen, die mit ihren Kindern sich ans Ufer der Oos begaben, um sich dort die Zeit etwas zu vertreiben.

Es muss für sie ein Festtag gewesen sein. Zum ersten mal, so schien es, erlebten sie kühles Wasser im Überfluss, ein Vergnügen, das die Kinder animierte, die Schuhe auszuziehen und ins klare Nass zu steigen. Von den Frauen freilich war solches nicht zu vermelden. Dafür waren diese aber völlig fasziniert von ein paar Enten, die sich ganz in ihrer Nähe tummelten und sich an der Vollverschleierung offensichtlich nicht störten.

20160814_114239So ergab sich für die fremden Besucherinnen die Gelegenheit, diese für sie offensichtlich hochinteressanten Tiere genauer in Augenschein zu nehmen. Mit dem Handy filmten sie deren Gewatschel, und es schien, als könnten sie sich gar nicht satt sehen an so viel Schönheit.

Nun weiß man nicht, ob im Sandmeer Dubais außer Sandflöhen vieleicht auch noch Enten gedeihen. Doch konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, als resultierte die lang anhaltende Faszination der verschleierten Frauen für die Vögel ein großes Stück weit auch daraus, dass sie erkannt hatten, wie gut weibliche Lebewesen im Grunde doch ausschauen, wenn sie in der Öffentlichkeit ihr Gesicht unverhüllt zeigen.

Allgemein Auswärts

Aigues Mortes: Hut ab! Teil 1

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Das neue Arles: das Kunstzentrum LUMA. Frank Gehry hat es entworfen. In der Nähe keine Tauben.

Es war im Juni diesen Jahres, als ich mich zusammen mit meiner Begleiterin auf der Suche nach Wärme ins südfranzösische Arles begab. Was uns dort aber erwartete, war eine schier unerträgliche Hitze. Zudem war mir, als verspürte ich coronabedingt ein leichtes Kratzen im Hals. In meinem Entschluss, Arles zu verlassen, sah ich mich weiter aber auch dadurch bestärkt, dass ich in Arles an den Straßenrändern mehrere verendete Tauben sah. So wie sie da lagen, hatte man  es offensichtlich nicht für notwendig befunden, die toten Tiere zu entfernen. Man hatte sie dort einfach liegen gelassen, und es sah aus, als wäre die städtische Müllabfuhr schon längere Zeit um sie herum weite Umwege gefahren. Angesichts dieses Elends beschlossen wir, uns zunächst einmal ins nicht allzu weit entfernte Aiges Mortes abzusetzen, wo wir hofften, in Gesellschaft einer gesunden Schar fröhlich vor sich hin gurrender Tauben,  das Leben auch weiterhin genießen zu können.

Aiges Mortes ist, tief in der Provence gelegen, bei all seiner mittelalterlich gemütlichen Anmutung, bei all den heimeligen Gässchen, Cafes und Türmchen letztlich doch eine Festungsstadt geblieben. Die Stadt sollte der erste Zugang Frankreichs zum offenen Meer werden. Gegründet wurde sie von Ludwig IX., auch „der Heilige“ genannt, womit seine Zeitgenossen sich auf seine ‚Milte’, seine Frömmigkeit und Barmherzigkeit bezogen. Er war von seinen Zeitgenossen und der Nachwelt gleichermaßen hoch geschätzt.

Damals glücklich von einer Malariaerkrankung genesen, beschloss er aus Dankbarkeit seinem Schöpfer gegenüber ein Gelübde abzulegen. So begab er sich auf  den ersten von zwei Kreuzzügen ins Hl. Land. Rückblickend waren beide wenig erfolgreich. Doch hatte das Kreuz, das er nahm, ihm offensichtlich den Blick aufs kriegsführerisch Notwendige verstellt.

Nachdem er kurz vor seiner Abreise für seine Kinder noch beschauliche Traktate verfasst hatte, landete er zunächst in Nordafrika. Das war im Juli 1248 und zudem noch in der schlimmsten Mittagshitze. Das Unternehmen stand denn auch nicht unter einem glücklichen Stern. Sein Scheitern war absehbar. Glaubt man seinem getreuen, ihn begleitenden Chronisten Jean de Joinville, durfte man von anfänglich etwa ca 15 000 Streiter ausgehen. Die aber wurden alsbald von Seuchen dezimiert, von Gegnern hingeschlachtet oder gerieten in Gefangenschaft. Das erging dem König und seinem Kompagnon nicht viel anders. Doch wurde der König gegen ein enormes Lösegeld freigelassen, und auch sein Chronist kam, nach vorübergehender Sklaverei, frei und erreichte endlich Frankreich. Das sollte ihm eine Lehre sein.

Denn kaum zurück, plante Ludwig der Heilige schon wieder den nächsten Kreuzzug. Auch dieser sollte im neuerbauten Aiges Mortes seinen Anfang nehmen. Und wieder erging eine freundliche Einladung an seinen Seneschal Jean de Joinville, der aber diesmal freundlich abwinkte. Er hatte – wie man so sagt – den Braten gerochen und sich unter fadenscheinigsten Vorwänden (Heirat und absehbare Familiengründung) abgeseilt, worauf er später als kluger Mann starb. Wie klug er war, mag man daraus ersehen, dass Jean de Joinville im nahezu biblischen Alter von 90 Jahren das Zeitliche segnete. Nicht ganz so gut erging es seinem König, der nicht lange nach seiner Abreise zu seinem 2. Kreuzzug von Aiges Mortes aus in Nordafrika landete und dort, kurz nach der Einnahme von Karthago, krankheitsbedingt verschied.

War die Macht des französischen Königs zu diesem Zeitpunkt auch noch ungeteilt, der König selbst war es nicht.

Nach gut mittelalterlicher Herrscher-Sitte wurde nach dem Tod sein Fleisch in einer Wein-Essig Lösung von den Knochen gelöst. Die Gebeine wurden zunächst in der Abtei Saint-Denise in Paris bestattet. Doch wanderte später eine Rippe in die Kathedrale von Notre Dame, mehrere Finger bekam König Haakon V. von Norwegen. Andere Knöchelchen des Königs finden wir damals in der Kirche von Vadstena in Schweden usw. usf.

Zeit also, des französischen Königs zu denken.

Aus diesem Grund stand ich nun auf der Burgmauer von Aiges Mortes und ahnte, von den Zinnen weit in die Ferne blickend, das Meer und das baldiges Scheitern des Unternehmens. Anders als in Arles bestrahlte mich hier auf der Mauer eine nicht ganz so sengende Sonne. Ihre Hitze wurde von einer moderat milden Sorte des Mistral gemindert. Nach der Flucht vor ca fünf toten Tauben schien mir das Leben hier deutlich angenehmer als im heißen Arles, das ja, wie man weiß, auch schon van Gogh nicht gut bekommen war. Und doch sollte das Leben hier, auch in vermeintlich kommoder Umgebung, für mich noch eine Überraschung bereithalten.

Denn, auf der Mauer stehend, frischte plötzlich der Wind wieder auf. Eine wilde Böe umtoste mein Haupt und blies mir den Hut vom Kopf. Er flog in weitem Bogen tief unter mir in den Burggraben. Dieser Burggraben war, wahrscheinlich kurz nach dem Einschiffen Ludwigs dem Heiligen ins Hl. Land im Jahre 1248 zu einer Art Parkplatz umfunktioniert worden, weshalb es jetzt passierte, dass nach dem Abflug meines Hutes, eine jener neuerdings marodierenden Rentnerinnen, fremdes Gut nicht achtend, mit wabbeligem Ärmchen und Spindelfingern aus einem giftgrünen Peugeot nach meinem herabgefallenen Hut griff und sich nicht entblödete, sich meines Besitzes zu bemächtigen. Auf der Wehrmauer stehend, sah ich in Panik meinem Hut hinterher, der so schnell flog, dass ich gar nicht mehr dazu kam, den Flug meiner Habe von der Mauer herab im Detail zu verfolgen. So blieb mir nichts anderes übrig, als hilflos seine Landung tief im Burggraben durch das naheliegende Loch eines mittelalterlichen Abtritts zu verfolgen. So wie der mittelalterliche Ritter wahrscheinlich einen letztes Blick auf seine schwindenden Exkremente warf, so erblickte auch ich durch den steinernen Abtritt den freien Fall meines guten Stücks.

Angesichts des möglichen Verlusts muss mein Rufen dementsprechend verzweifelt geklungen haben…

 

Mehr demnächst. In Teil 2

Allgemein

Aigues Mortes: Hut ab! Teil 2

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City walls of the medieval town Aigues-Mortes, southern France

Angesichts des möglichen Verlusts musste mein Rufen dementsprechend verzweifelt geklungen haben. Eigentlich hätte mein Schrei durch das steinerne Loch des mittelalterlichen Aborts die Diebin von ihrem Diebeszug abhalten müssen. Aber dem war nicht so. Mein verzweifelter Ruf ließ sie lediglich suchend nach oben blicken. Noch hielt sie in entwenderischer Absicht meinen Hut in ihrer Hand. Auf der Zinnen stehend, wand ich mich jetzt nach rechts, wo vormals, kampftechnisch gesehen, zwischen zwei Steinblöcken Platz gewesen war für zügig ausgeführte Armbrustattacken. Ich lehnte mich weit über die Mauer und fuchtelte. Dann schrie ich: „Madame, ca, c’est ma chapeau!“ Ungläubig blickte sie an der vier Meter dicken Mauer entlang nach oben. Von dort tönte noch einmal mein verzweifeltes Rufen. Dann sah sie mich. Mit dem erneut vorgetragenen Statement: „Le Chapeau, c’est moi“ erhöhte ich die Wucht meiner Forderung, die Finger doch gefälligst von meiner Habe zu lassen.

Nun könnte man einwenden: was ist schon ein davonfliegender Hut angesichts der Würde eines über tausend Jahre alten Bauwerkes? Wer so argumentierte, verkennt die Bedeutung des davonfliegenden Kleidungsstücks (als ein solches muss man den Hut bezeichnen). Der Hut, von dem hier die Rede ist, hatte ich, mich vor der Sonne und nicht übermäßig starken Winden schützend, immer als eine zu mir durchaus passende Ergänzung gesehen. Cremefarben das Material, schmückt ihn außerdem ein hellblaues Hutband, das ihm eine gewisse Heiterkeit verleiht, in der Anmutung deutlich charaktervoller als man es etwa von einem nur monochromen Äußeren erwarten durfte. Zudem bilde ich mir ein, dass das von dem Hut ausgehende Signal suggeriert: da ist einer, der die Schönheiten des Jetzt, wie es sich z.B. im Besteigen von mittelalterlichen Zinnen manifestiert, vollumfänglich zu genießen weiß. Wohlwollende hatten früher beim Betrachten meines Hutes so freundliche Worte gefunden wie z.B. ‚keck’. Ein anderer hatte ihn einmal sogar ‚pfiffig’ genannt! Doch gab es auch andere Stimmen. Unverständigere Zeitgenossen meinten allerdings anmerken zu müssen, dass der Hut für meinen Kopf vielleicht doch etwas zu klein sei, ein Einwand, dem ich mit aller gebotenen Entschlossenheit entgegen trat, zumindest bis zu dem Moment, da nicht mehr zu leugnen war, dass eine etwas größere Kopfbedeckung meinen Kopf eventuell strammer gefasst und dem erlebten Windstoß entschiedener getrotzt hätte.

Zwischenzeitlich hatte ich per Handy meiner Begleiterin von dem Schurkenstück erzählt. Ich hatte sie gebeten, sich ohne Verzug zum Ort des Geschehens zu begeben. Angesichts meiner drängend vorgetragenen Bitte hätte man, kriegstechnisch gesprochen, die flugs Herbeieilende ohne Zögern als eine Art Entsatzheer bezeichnen können, das, wenn auch spät eintreffend, sich doch noch als schlachtentscheidend entpuppen kann. So weit war es aber noch nicht, denn rückblickend betrachtet muss ich die Wegelagerin durch mein Rufen angemessen beeindruckt haben. Kaum hatte sie mich als den Eigner des Hutes ausgemacht, leistete sie meinem Ruf, wenn auch zögerlich, Folge. Zunächst einmal zog sich die massige Gestalt mit dem Wabbelarm ins Innere des giftgrünen Peugeots zurück. (Gab es hier noch irgendetwas zu bedenken?) Dann tauchte sie wieder auf und legte den Hut auf den Boden. Zu meinem nicht geringen Erstaunen zögerte sie noch kurz, bevor sie dann das gute Stück über die Stummelantenne des nebenan parkenden Minis hängte. Peinlich, wie mir das Schurkenstück mittlerweile schon selbst geworden war, bedankte ich mich jetzt mit einem launigen Ruf durch das steinerne Innere des mittelalterlichen Abtritts.

Inzwischen war meine Begleiterin endlich eingetroffen und hatte den Hut von der Antenne des Minis gepflückt. Erleichtert hatte ich dann meinen Gang auf der Mauer fortgesetzt, So kam ich endlich zu dem Turm, in dem Madame Durand von 1720 bis 1768, also volle 48 Jahre, eingekerkert war, nur weil sie, wie berichtet wird, „ihrem protestantischen Glauben nicht abschwor“. Als ich, nachdenklich geworden, den Gefängnisturm der Madame verließ und zum Ausgang strebte, dachte ich noch für mich: was ist so ein Vergehen verglichen mit dem Raub meines Hutes?

Da hatte meine Diebin aber echt nochmal Glück gehabt.

Allgemein Stadtstreicher

Eine kleine Stadtmusik

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Erst neulich machte Baden-Baden seinem Ruf als Sommerhauptstadt Europas wieder mal alle Ehre. Natürlich war es dieses Jahr ganz besonders heiß, besonders im Zentrum, dort am Leopoldsplatz, der von den Baden-Badenern der Einfachheit halber ‚Leo‘ genannt wird. Wie meist um diese Jahreszeit waren viele Gäste da, z.B. aus Dubai und den Emiraten, die in Erwartung großer Kühle hierher gekommen waren. Zumindest die Frauen waren ganz heiß auf eine mögliche Abkühlung, weshalb sie sich kleidungsmäßig eher bedeckt gaben. An ihrer Seite immer eine vielköpfige Familie, die sich, kaum einer Großraumlimousine entstiegen, ohne erkennbare Wanderabsicht gleich auf den Stühlchen unter den Bäumen der Sophienallee niederließen.
Foto 1-2Bis freilich alle Gäste vorgefahren und ausgestiegen waren, dauerte das eine ganze Weile, vor allem da gerade an diesem Tag weit und breit kein Gemeindevollzugsbeamter zu sehen war. Der hätte aus gegebenem Anlass mal etwas Struktur in die im wörtlichen Sinne verfahrene Situation bringen können. Es war ein ziemliches Hin und Her, vor allem, weil die Fahrzeuglenker unter den Gästen in völliger Verkennung dessen, was eine verkehrsfreie Fußgängerzone ausmacht, sich am Steuer aufführten, als stünde der Leopoldplatz – sagen wir mal – in Bombay.
Noch schwieriger wurde das Ganze, weil es sich bei den Fahrzeugen um sogenannte SUVs handelte, also Porsche Cayenne, Range Rover und die dicken BMWs. Die sind alle vierradgetrieben, groß und schwer. An sich schon unübersichtlich, wird so ein SUV noch unübersichtlicher, wenn hinter ihm zwei weitere SUVs stehen und auf begrenztem Platz genau dasselbe wollen: herfahren, rangieren, parken, ausladen, wegfahren!
Für uns Zaungäste war das ein echter Hingucker. Ganz großes Kino. Na ja, für Baden-Baden jedenfalls.
Zur Erbauung der am ‚Amadeus’ sitzenden Gäste ging das eine ganze Weile so, bis es irgendwann halt eintönig wurde. Dann nahte der nächste Programmpunkt. Es erschien auf der Bildfläche ein Musikant, der eine Gitarre bei sich führte und auf dem Wägelchen einen Verstärker hinter sich herzog und sich neben der abstrakten Skulptur aufbaute. Diese Skulptur hat ein bisschen Ähnlichkeit mit einer von Henry Moore, ist aber wahrscheinlich nur halb so teuer gewesen. Jedenfalls stellte sich der junge Mann – noch ein wenig unsicher – in Positur, schnallte sich ein Headset um, schaltete den Verstärker an und begann zu singen.

Doch handelte es sich bei dem Sänger Gott sei Dank weder um einen russischen Bass, der uns mit dem ‚Einsamen Glöcklein’ taub singt. Noch war der nette Musikant einer von jenen, die vor langer Zeit aus Woodstock zurückgekehrt, seitdem mit ‚Blowing in the Wind‘ ganze Fußgängerzonen entvölkern. Nein, der Sänger kam, wie er später selber zugab, aus Karlsruhe und sang zudem recht schön.
Er hatte eine angenehme Stimme, nicht zu laut und schon gar nicht nervig. Selbst wenn ein Song einmal dramatisch wurde, war aus seinem Mund keine Missstimmung zu vernehmen. Fortan reihte sich ein Lied sozusagen an das andere, wie Perlen an einer Kette. So gesehen könnte man sagen, dass das musiktrunkene Publikum von den musikalischen Perlen den Hals nicht voll genug kriegen konnte. Nachdem der Sänger das Publikum länger mit seiner Darbietung erfreut hatte, brandete zu seinem eigenen und unserem Erstaunen erster Beifall auf, von dem er sich ermuntert fühlte, einfach so weiterzumachen.
Es kam dann aber wie es kommen musste: irgendwann hatte er keine Lieder mehr, die er hätte präsentieren können. Er war sozusagen leer gesungen und wollte mit musikalischem Anstand seinen Abschied nehmen. Das Ganze wäre auch rundum harmonisch geendet, wenn nicht just in diesem Moment die Staatsmacht im Streifenwagen auf den Platz gerollt wäre.
Zwei Polizisten in kugelsicherer Weste stiegen aus und kamen auf den Barden zu. Was im folgenden gesprochen wurde, war nicht zu hören, aber es machte sich bei der versammelten Fanschaft eine leichte Beklommenheit breit, vor allem, da man kurz zuvor den Sänger noch euphorisch verabschiedet hatte, nicht ohne ihn mit Münzen allerlei Art zu bedenken. Jetzt also das böse Ahnen, dass er unter Umständen ohne Genehmigung aufgetreten war. Hier würde Strafe folgen. Die Atmosphäre war dementsprechend angespannt.
Wir alle wurden so Zeugen eines stummen Gesprächs. Hatte er die Lizenz dabei, die übliche Genehmigung des Amtes für öffentliche Ordnung? Offensichtlich nicht, denn er machte keine Anstalten, nach einem Papier zu kramen. Quälend lange Momente. Es war, als würden selbst die vollverschleierten Frauen aus Dubai schweigen. Fortgesetzter Disput. Dabei leichtes Hoffen: vielleicht hatten die Beamten einen Musikwunsch oder trugen sie sich gar mit dem Gedanken, den Sänger anlässlich des Jahresfestes des Polizeisportvereins zu engagieren?
Wäre es nicht übertrieben, möchte man jetzt auf die allseits bekannte Stecknadel verweisen, die man in diesem Moment zu Boden hätte fallen hören können. Dann aber brandete wieder unvermittelt ein kräftiger, den Künstler unterstützender Beifall auf. Die zwei Polizisten gingen zum Auto. Dann wieder Stille. Ein schmerzliches Ahnen: jetzt holen sie das Formular, mit dem man für gewöhnlich Strafmandate erteilt.

Doch nichts geschah. Die Polizisten stiegen in ihr Fahrzeug. Ende des Vorgangs. Kein Formular. Stattdessen gab es kräftigen Beifall vom Publikums für die beiden Polizeibeamten. Entspanntes Lachen der Zuschauer. Ein kurzes Blaulicht als letzter, optischer Gruß, dann ein freundliches Winken durch das geöffnete Fahrzeugfenster.
Als hätten sie beim Wegfahren mit ihrem Winken eine eventuell aufkommende Missstimmung zerstreuen wollen.

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