Allgemein Kultur Menschen

Badischer Dreisatz

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Philipp Brucker

Immer gut, wenn man zusammen Mittag isst. Man erfährt dann immer etwas, das man noch nicht kannte. So erinnerte mich heute der ehemalige Landrat des Ortenaukreises, Klaus Brodbeck, an Philipp Brucker, der als Oberbürgermeister von Lahr das mit Beste an Badischer Weltliteratur geschrieben hat, das wir haben. „’s Wundergigili“ „Jo, Pfiffedeckel“, und „Hänner’s verstande?“, alles Bücher, die wir als Zeugnisse bleibenden Schaffens sehen.

Nun aber hörte ich heute von einer Sentenz, die ebenfalls von dem brillianten Philipp Brucker stammt, und die ich hier unbedingt erzählen muss. Vielleicht nicht als Handlungsanleitung in derzeitiger Zeit zu sehen, aber erzählenswert ist der kleine Vers trotzdem. Hier also:

 

Badischer Dreisatz

Erscht mache mer mol nix.

Dann warde mer ab.

Und dann were mer sähne.

(für Nicht-Badener)

Erst machen wir mal nichts.

Dann warten wir ab.

Und dann werden wir sehen.

So. Und demnächst wieder so, wie Sie’s von uns gewohnt sind. Ernst.

 

Allgemein Kultur Menschen Texte / Poesie

Reines Zeitproblem

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Was machen wir in diesen Corona Zeiten, wenn wir nichts machen?

Heute ist in Baden-Baden wieder einmal ein ausnehmend schöner Tag. Zwar könnte es sein, dass auch hier schon der Corona Virus lauert. Andererseits ist die Stadt in diesen leidgeprüften Tagen so schön, dass es fast etwas Unwirkliches hat. Überall blühen die Magnolien. Die alten stolzen Bürgerhäuser schauen stumm und fast majestätisch auf die wenigen flanierenden Fußgänger hernieder. Diese scheinen sich in der Fußgängerzone fast zu verlieren, bis man sie dann in kleiner Anzahl brav wie befohlen in einem Meter Distanz vor einer Apotheke oder dem Kiosk am Leo warten sieht. Aber statt wie zu DDR Zeiten, steht man hier nicht an für Kopfwehtabletten, Kinderklamotten oder Farbe, sondern man spielt am Kiosk Totto-Lotto oder verlangt gespannt nach der aktuellen Ausgabe der ‚Freizeitrevue’.

Denn auch in diesen Krisentagen glaubt das Blatt nicht ohne Helene Fischer und ihren Ex, Florian Silbereisen, auszukommen. Zunächst war er, kurz nach seiner ein bisschen schmerzlichen Trennung von seiner Helene, in ein ziemlich tiefes Loch gefallen. Aus diesem Loch zog ihn dann aber zum Erstaunen vieler die neue Aufgabe des Kapitäns auf dem legendären ‚Traumschiff’. Die Kritiken der ersten Sendung waren so schlecht nicht.

Was also lag näher, als, nach einem nicht gänzlich unverdienten Rausschmiss von Xavier Naidoo aus der Jury von DSDS, sich mit Florian den nächsten Knaller holen? Das ist insoweit bemerkenswert, als dass man dort nun jemand in der Jury sitzt hat, dessen Hals – man mag uns das nachsehen – um Längen seine Fähigkeiten als Sänger oder Moderator übertrifft. Jetzt urteilt der absolut talentfreie Interpret volkstümlicher Melodien über durchaus begabte Sänger und –innen. Konkret könnte da einer unken: der Blinde spricht vom Licht. Kaum auf Sendung lieferte Florian denn auch prompt, was man von ihm erwarten durfte. Gleich  zu Anfang  gab’s von ihm ein absolutes Highlight. Aus nicht ganz erfindlichen Gründen warf er seine rote Unterhose in den Ring. Mehr war von ihm beim besten Willen nicht tu erwarten.

Wer nun aber dem Flug einer roten Unterhose nichts abgewinnen konnte, hätte während der Sendezeit von DSDS seine alte, vielleicht schon etwas eingerostete Liebe zum Buch entdecken können. Zeit zum Lesen also. Hier fallen uns z.B. die Gedichte des, nun ja, nicht durchgängig lustigen Friedrich Hölderlin ein. Sein Geburtstag jährt sich in diesen Tagen zum 250ten mal. Doch muss man sorgfältig darauf achten, was man sich aus dem umfangreichen Werk des Schwaben herauspickt. So hatte er damals in Unkenntnis des aktuellen Virennotstands noch allen Ernstes gepostet:

„Komm! ins Offene, Freund!“

Dies darf in den Zeiten, da wir traurig aus geschlossenen Fenstern schauen, natürlich nicht  ernsthaft in  Erwägung ziehen. Bei oberflächlicher Betrachtung  bleibt uns derzeit also nur die Wahl zwischen  Florian Silbereisen und dem nicht ganz in die Zeit passenden Friedrich Hölderlin. Irgendwie gehen uns langsam  die Optionen aus.

 

Allgemein Texte / Poesie

„Chateau Lafite“ – angesichts der derzeitigen Lage: ein Gedicht

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Etwas andere Zeiten erfordern etwas andere Verse. Deshalb hier ein Gedicht, das bereits vor längerer Zeit verfasst, unserer Meinung nach ganz gut zur derzeitigen Lage passen könnte. Eine kleine Anmerkung noch scheint uns geboten: es ist ironisch gemeint. Denn noch sollte man nicht verzagen. Noch immer gilt das englische Wort: „Keep calm and carry on“…

 

 

                     Chateau Lafite

                              Wenn dumpf die Armut sich erhebt,

                            und düster hinterm Fenster steht.

                             Wenn Hunger in den kalten Stuben,

                                   sich paart mit dem Gestank der Gruben:

                                    hienieden gibt’s nicht Wein noch Brot,

                                 vom Osten naht der schwarze Tod.

                          Der Krieg mit seiner harten Hand,   

er peinigt unser Vaterland.     

Kein Gott, der jetzt vom Himmel blickt,

uns Hilfe, Trost und Heimat schickt!

Vom Firmament, da regnets Feuer,

verteuert uns die Hühnereier.

Die ganze Welt ist aus dem Tritt.

Ich dekantier’ ‘Chateau Lafite’.

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In aller Stille

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Mahlzeit!

Baden-Baden in der Klammer des Corona Virus

Ich weiß ja: der Virus wütet überall. Auch hier in Baden-Baden. Der ‚Backpeter‘ musste seine elsässischen Bedienungen bitten, daheim zu bleiben. Filialen werden geschlossen. In der Dengler Klinik, so hört man, gibt’s in der Cafeteria keinen Kaffee mehr. Die Verpflegung wird ab sofort nur noch mittels Essenpaketen sichergestellt. Seit mehreren Tagen gibt’s im DM- Markt keinen Reis mehr. Das weiß ich, weil ich gern Reis gehabt hätte. Nicht als Notration, eher zum Essen. Klopapier ist genügend da, obwohl alle sagen, es sein neuerdings immer aus. Kann man aber nicht kochen.

Alles Corona, oder was?

Doch hat das Virus jenseits von ‚kein Kaffee im Dengler‘ und elsässerfreien Filialen vom ‚Backpeter‘ noch weitere Auswirkungen. Die Innenstadt ist wie leergefegt. In der Fußgängerzone findet man seit einer Woche keine Chinesen. Die gelbe Gefahr scheint einstweilen gebannt. Dabei waren die Chinesen – als hätten sie es geahnt – schon lange zuvor mit Mundschutz hinter ihrem Führer hergelaufen. Irgendwie kommt’s einem vor, als gäbe es im Moment auch weniger Russen. Deren Begleiterinnen mit stark blondiertem Haar und aufgespritzten Lippen gehörten irgendwie zum innerstädtischen Bild. Wie sie über das unebene Pflaster stöckelten, im Gleichgewicht gehalten nur durch eine Einkaufstüte von ‚Bogner‘ in der Linken und einer ‚Hermes‘ Tüte in der Rechten.

Auch am Sonnenplatz herrscht schon länger Ruhe. Nach dem Brand wird derzeit das mächtige Haus renoviert, weshalb der türkische Gemüsehändler  den Handel  bis auf Weiteres einstellen musste. Dies ist einerseits zwar bedauerlich, andererseits aber auch beruhigend. So gibt’s dort seit längerer Zeit kein Muttirennen mit Porsche Cayennes mehr. Direkt vor dem Geschäft rangelten üblicherweise die SUVistinnen um die besten Parkplätze für den Einkauf. Jetzt transportiert Mutti ihre Prinzen und Prinzessinnen mit 500 PS unter der Haube halt ohne Gemüse direkt zum Pädagogium, wo man sich seit Jahren redlich bemüht, die  Kinder der besseren Stände zum Abitur zu führen. Deshalb also am  Sonnenplatz bis auf weiteres  kein störendes Falschparken mehr.

Kein Gast. Nirgendwo.

Ähnlich am Platz vor dem Löwenbräu, wo man sich durch die lebensmittelanliefernden Lastwagen bislang vorkam, als stünde man am Hafenbecken von Ostende und müsste brexitbedingt lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Auch kein Lärmen mehr durch die Motoren der Kühlaggregate auf den Fahrerkabinen. Sie sollen verhindern, dass im Inneren des Trucks die Kühlkette unterbrochen wird. Auch hat man die übliche ganztägige Beschallung des  Biergartens mit volkstümlicher Musik erst einmal eingestellt. Jetzt  also Ruhe. Stille.

Nix los. Oder doch?

Auf einmal sehen wir wieder Badenerinnen, die sich gemütlich zum Schwätzchen finden. Sie grüßen sich freundlich und bleiben stehen. Ihnen zugesellt sich ein ziemlich großer, schlanker Mitarbeiter des Ordnungsamtes, der das Verteilen von Strafmandaten schon bislang als willkommenen Vorwand nutzte, möglichst gutaussehende Damen in längere Gespräche zu verwickeln. Aufgrund des morgendlichen Kleinlasterverkehrs sah er sich bislang immer mal wieder genötigt, sein Lachen & Scherzen kurz zu unterbrechen und zur Seite zu treten. Diese Störungen fallen jetzt erst mal weg. Ja, man könnte sagen: weniger Transport, dafür mehr Verkehr. 

Vor dem Capri sitzen jetzt in aller Stille die älteren, besseren Herren, trinken Kaffee und wissen alles besser. Aber das machen sie schon länger.

Doch scheint es jetzt, als wäre die Zeit der Flaneure angebrochen. In aller Ruhe kann man durch Baden-Baden schlendern. Und auch die Allee zeigt sich in ihrer stillen vorfrühlingshaften Schönheit. Die Osterglocken stehen gelb und stumm. Kaum Lärm, wenig Touristen. Niemand unterwegs, der die Enten fotografiert. Niemand zwingt sie, in irgendein Handy zu lächeln. Dass weniger Weißbrot verfüttert wird – das werden sie verkraften.

In diesen Tagen ist die Stadt auf einmal kein ‚touristischer Hotspot’ mehr. Und auch keine ‚Destination’. Kein Anlass im Moment, zu sagen, Baden-Baden sei eine französische, gar ein ‚russische‘ Stadt. Letzteres schon gar nicht. 

Nein. Durch den im Moment grassierenden Virus – so schlimm es sein mag – ist Baden-Baden plötzlich wieder eine badische Stadt. Die Leute leben hier. Man kennt sich, man grüßt sich. Im Moment jedenfalls ist diese alte, schöne und beschauliche Stadt wieder die Stadt ihrer Einwohner. Sie ist wieder unsere Stadt.

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„Tante Mimser“ Teil 1

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Die kleine Stadt Oberkirch liegt am Eingang zum Renchtal. Das Haus meiner Großeltern steht dort noch heute. Es liegt schräg gegenüber der evangelischen Kirche. Dieses Haus hatten meine Urgroßeltern gekauft, die, tüchtig wie sie offensichtlich waren, in Schildigheim bei Straßburg eine Metzgerei betrieben hatten und schon bald zwei Häuser besaßen. Dann ging der  1. Weltkrieg verloren und das Elsass gehörte wieder zu Frankreich. Plötzlich hörte mein Urgroßvater, im Elsass drohe den Deutschen die Enteignung. Es wäre besser, er würde beide Häuser verkaufen. Tatsächlich war Matthäi am letzten. Eines der Objekte konnte gerade noch veräußert werden. Ein Freund, Lokführer bei der Eisenbahn, schmuggelte ihm das Geld aus dem Verkauf ins Badische. So kam es, dass meine Familie mit diesem Geld das Haus der ehemaligen Poststation in Oberkirch erwarb und darin ein Hotel nebst Restaurant betrieb, das sie den ‚Schwarzen Adler’ nannte.

Das Haus liegt an der Hauptstrasse, direkt in einer scharfen Kurve. Dort erlebte ich als Kind, aus dem Fester lugend, wie sich ein kleines Auto, ein Simca voller Elsässer, diese Kurve wohl etwas zu schnell genommen hatte, sich dann pendelachsenbedingt zur Seite legte, worauf die Insassen den Wagen durchs Fenster verließen, den Simca schnell wieder auf die Achsen stellten und die Fahrt fortsetzten. Doch war das nicht das einzig Bemerkenswerte an meiner Kindheit. Da gab es noch ein Faktotum namens ‚Schwab’, der aus Urloffen stammte und als Knechtsfigur irgendwie zum Inventar gehörte. Er soll, so die Erzählung, mich als Kind unbändig geliebt haben. Weiter verwöhnte mich ein älteres Hausmädchen namens ‚Wieg’, nicht zu vergessen auch der erste Freund meiner Kindheit, der Uhrmacher Müller, bei dem ich auf dem Boden sitzend, von Zeit zu Zeit glücklich einen alten Wecker auseinanderschrauben durfte.

Seinen Vater nannte man damals aus heute nicht mehr nachvollziehbarem Grund ‚Quatre Vingt’. Ihm ging der Ruf voraus, er könne aus dem Fluss, der Rench, Forellen mit bloßer Hand fangen. Soweit hatte es sein Sohn, mein erwachsener Uhrmacherfreund, noch nicht gebracht. Der hatte sich vorerst einmal die dunkelhaarige Bedienung meiner Großmutter gefischt, mit der er ein Techtelmechtel pflegte. Sie hieß Elisabeth und muss wohl als irgendwie rassig gegolten haben, denn sie trug, wie die Zigeunerinnen auf zeitgenössischen Ölgemälden, große goldene Ohrringe und zudem noch schwarze Unterwäsche, die zu meinem knabenhaften Entzücken, allwöchentlich zum Trocknen an der Wäscheleine hing. Weiter gab es da noch eine ältere Dame, die – ich erinnere mich schemenhaft – auf dem riesigen Speicher des ‚Schwarzen Adler’ wohl eine Wohnung, tatsächlich aber eher eine Art Verschlag, bewohnte.

Das war Wilhelmine Rösch, auch die ‚Röschin’ genannt.

Diese Frau Rösch, von anderen auch noch Mimi genannt, betrieb in den frühen Sechzigerjahren eine Art Kiosk im ‚Städtl’. Dieser Kiosk lag eher versteckt in einer Gasse, die zum Kirchplatz führte. Der Kiosk bestand aus einem kleinen Raum, der ein Fenster nach draußen besaß. Dort, im Halbdunkeln, verkaufte sie neben allerlei Krimskrams vor allem Zeitschriften, darunter die ‚Bunte’, ‚Burda Moden’, auch die ‚Praline‘ und jede Menge Kreuzworträtselhefte. Unter den vielen Journalen, die dort zu haben waren, gab es bereits auch schon den ‚Spiegel’, was Wilhelmine Rösch bei den Honoratioren, die sich im Schwarzen Adler zum allwöchentlichen Stammtisch trafen, den Ruf eintrug, eine Intellektuelle zu sein.

Einer ihrer Kunden war der Obstgroßhändler Langenmeier, der, so stellte ich beim Sichten des Nachlasses meiner Großmutter fest, den ‚Spiegel‘ abonniert hatte und eigentlich jeden Artikel – mit seltenen Ausnahmen – von vorne bis hinten unterstrich, um nach abgeschlossener Lektüre das üppig bemalte Journal anschließend dem Hause großmütig zur allseitigen Erbauung zu überlassen. Dort lagen dann die Hefte im sogenannten Frühstückszimmer, und jeder Gast sah sich vom Obstgroßhändler Langenmeier also intellektuell an der Hand genommen, galt es, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Frau Rösch hatte sich, soweit mir erinnerlich, nie zum Inhalt des ‚Spiegel’ geäußert. Deutlich in Erinnerung ist mir aber noch ihr Parfum, das damals wohl ‚4711 Kölnisch Wasser’ war und das in der den älteren Damen gemäßen Geruchsrichtung ‚Tosca’ entweder durch tupfen aufgetragen oder aus einem Flacon versprüht wurde. Hier vermischt sich rückblickend die Erinnerung an ihren schon deutlich gefältelten Brustansatz. Da könnte ich jetzt auch noch an das Spitzentaschentüchlein denken, das, mit Klöppelrand, den Eau de Cologne Duft aufgenommen hatte, um ihn an entlegenerer Stelle zu konservieren.

Was damals noch aktuell war, ist, rückblickend betrachtet, der Duft von Gestern, der da vom Speicher herunterzog und in Person der Röschin allwöchentlich präsent war. Denn der Stammtisch der älteren Herren – von denen man sich nie vorstellen konnte dass sie je jung gewesen waren – rief immer nach Wilhelmine Rösch. Besuchte ich meiner Großmutter, war es an mir, Wilhelmine Rösch als eine Art kindlicher Emissär zur Teilnahme an der abendlichen Gesellschaft zu bitten. Sie war die einzige Frau, die, ohne je die Eifersucht der daheimgelassenen Gattinnen zu erregen, an den runden Tisch gebeten werden durfte. Die Glückliche.

 

 

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