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Allgemein Gastbeiträge Kultur Malen & Schnitzen

Maschenprotest: Häkeln für die Umwelt

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Würden Nixen Handarbeitsunterricht erhalten, wären die leuchtend bunten Exponate der aktuellen Schau im Frieder Burda Museum durchaus ihren fleißigen Fingern zuzuordnen. Für jemanden, den schon ein rundes Häkeldeckchen an den Rand der Verzückung bringt, hat der Besuch im Museum etwas durchaus Märchenhaftes – wer bringt diese Farbenpracht und diesen Formenreichtum aus den Tiefen der Meere in unmittelbare Nähe der braven Oos?

Zu verdanken ist dieses bestrickende Erlebnis den Künstler-Schwestern Margaret und Christine Wertheim, deren Symbiosen von Kunsthandwerk, Wissenschaft und Kunst seit fast 20 Jahren für internationales Aufsehen sorgen. Mit ihrem als feministischem Kunst-Happening definierten „Chrochet Coral Reef“ (gehäkeltes Korallenriff) wollen sie auf die drohende Zerstörung maritimer Wunderwerke wie das Great Barrier Reef aufmerksam machen und weltweit Menschen aktiv mit der Häkelnadel am Kampf gegen die Umweltsünden teilhaben lassen.

Seit 2005 entstanden in über 50 Städten und diversen Ländern vor Ort „Häkelriffe“, an denen fast 20 000 Menschen, meistens Frauen, mitwirkten. Die Baden-Badener Ausstellung mit dem Titel „Wert und Wandel der Korallen“ schlägt bisher alle anderen Aktionen. Über 40 000 Häkelkorallen aus ganz Deutschland wurden an das Museum geschickt und vor Ort zu beeindruckenden Installationen zusammengefügt. Sie kamen nicht allein, denn vielen Paketen lagen Briefe, Fotos und sogar Gedichte der Absenderinnen bei, die sich teilweise in ihren Wohnorten zum kollektiven Häkeln getroffen hatten – Kaffeekränzchen mit hohem Anspruch, denn: „Durch das Häkeln mit Garn betreiben die Autorinnen und Autoren der Werke eine Art angewandte Mathematik, gleichzeitig bringen sie Handwerk und Geometrie mit dem Klimawandel und der Entwicklung des Lebens auf der Erde in Verbindung ….So entsteht eine Taxonomie der Häkelkorallen-,Organismen‘, definieren die Schwestern ihre Arbeit laut Pressemappe des Museums.

Margaret und Christine Wertheim

Das Baden-Badener „Satellite Reef“, das sich als Community-Art-Projekt“ versteht, nimmt einen eigenen Saal des Museums ein. Sechs „Koralleninseln“ wirken wie ein bunter unterirdischer Garten, der durchaus den rund um das Museum blühenden Frühjahrsboten Konkurrenz macht. Ein „Ableger“ der Baden-Badener Installation wird übrigens künftig im Pforzheimer Gasometer als Leihgabe des Frieder Burda Museums zu besichtigen sein. In die Freude an den fast unendlich erscheinenden Farben und Formen der gehäkelten Nesseltierchem mischt sich die Trauer über das Verbrechen, das die Menschheit tagtäglich an ihnen unter anderem durch Umweltverschmutzung, Klimaerwärmung und Tourismus begeht.

„Korallenbleiche“ lässt sie zu gespenstischen Wesen mutieren, denen der Hitzetod droht, Plastikmüll, Drähte und andere Abfallprodukte wurden in bedrückende Installationen eingearbeitet, die in scharfem Kontrast zu den oft fast übermütigen Tentakeln beispielsweise der großen Wandinstallation stehen. Erstaunlich viele Männer lassen sich übrigens von den Kunstwerken aus Luftmaschen, festen Maschen und Kettmaschen faszinieren – so viel zum Thema Handarbeitsausstellung für Umweltschützer. In die Praxis lassen sich die Anregungen übrigens in mehreren Kursen und Workshops umsetzen, die das Museum im Begleitprogramm zur bis zum 26. Juni dauernden Korallenschau anbietet. Auch im Internet finden sich viele Beispiele zur gehäkelten Hommage an ein bedrohtes Paradies.

Irene Schröder

Allgemein Gastbeiträge Kultur Malen & Schnitzen

Göttinen des Jugendstils…

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….präsentiert das „Badische Landesmuseum“ in  Karlsruhe. Eine Huldigung.

„Göttinnen des Jugendstils“Frech, lasziv und hoch erotisch sind nicht gerade die Adjektive, die Göttinnen zugeordnet werden. Auch gute Feen wirken eher hübsch brav – zumindest in der Malerei bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. Was dann kam, wirkte zunächst vor allem schockierend: Die Künstler – und erst recht die Künstlerinnen – wirbelten die starren Konventionen des Historismus mit Bravour durcheinander und spiegelten damit die Umbrüche in der Gesellschaft an der Schwelle des 20. Jahrhunderts wider. Frauen kämpften für Wahlrecht und Bildung, eroberten männliche Domänen und warfen mit den Miedern symbolisch gesellschaftliche Fesseln ab. Diese Vorkämpferinnen der Gleichberechtigung porträtiert die Ausstellung „Göttinnen des Jugendstils“. Bis zum 19. Juni werden nicht nur im Karlsruher Schloss, sondern auch durch ein facettenreiches Begleitprogramm Einblicke in diese Epoche des Umbruchs, des Fortschritts und auch der Verunsicherung geboten.
Glanzstück der rund 200 Exponate – sowohl aus eigenen Beständen als auch zahlreiche Leihgaben namhafter Sammlungen ist zweifellos eine Schönheit, die bei ihrem ersten Auftritt auf der Pariser Weltausstellung 1900 für Furore sorgte: Alfons Mucha schuf mit „La Natura“ eine Büste, die naturmystische Verklärung mit Strenge und Erotik vereint. Um diese Ikone des Jugendstils gruppiert sich ein „Hofstaat“ männermordender Megären, selbstbewusster Madonnen und eleganter Lebedamen, die auch beim Sport eine gute Figur machen. „Zentralorgan“ der eleganten Welt war die „Jugend“, eine von 1896 bis 1940 herausgegebene „illustrierten Wochenzeitschrift“, die Künstlern, Schriftstellern und Modemachern eine Plattform bot.
Männer? Eher überflüssig, sogar in der Werbung. Tiefdekolletierte Schönheiten setzen auf Plakaten Fahrräder, Feinkost oder Zigaretten in Szene. Um sich „frei“ bewegen zu können, musste auch die Mode „reformiert“ werden: Zwar mochten die Frauen noch nicht völlig auf das Korsett verzichten, fließende Stoffe und bequeme Schnitte sowie die neu entdeckte Sportkleidung erlaubten aber körperliche Betätigung bis zu tänzerischen „Exzessen“. Künstlerinnen wie die Schleier- und Schlangentänzerin Loie Fuller revolutionierten den Bühnentanz und sorgten für gehörige Skandale – lange vor Josephine Bakers „Bananentanz“.

Hochwertige Keramiken, wunderbarer Gold- und Silberschmuck aus den bedeutendsten Ateliers des Jugendstils und historische Filmausschnitte ergänzen die Schau. Themenführungen, Bankette samt Schleiertanz, Fahrradexkursionen, Vorträge und Besichtigungen im „Museum beim Markt“ und in der Majolika sind ebenso wie Online-Angebote im Begleitprogramm zu finden. (www.landesmuseum.de)
Im Theiss-Verlag ist der Katalog zur Ausstellung „Göttinnen des Jugendstils“ erschienen (208 Seiten, 25,90 Euro).

Irene Schröder

Allgemein Gastbeiträge Kultur Musik

Hoffentlich hoch ansteckend!

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Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa sieht Baden-Baden im Festival-Fieber

Der „Russische Winter“ hat in Baden-Baden bei frühlingshafter Witterung Abschied genommen, Ballett und Orchester des Mariinsky

Arcadi Volodos
Photo: Marco Borggreve

Theaters haben ihr traditionelles Gastspiel allen Corona-Widrigkeiten zum Trotz mit gewohnter Bravour auf die Bühne des Festspielhauses gezaubert. Nach dem traditionellen Silvesterkonzert werden die Weichen umgestellt: Zum Jahresende beschwor Intendant Benedikt Stampa voller Optimismus eine Neuausrichtung seines Hauses herauf: Ein Festivalvirus soll nicht nur die dafür besonders anfällige Zielgruppe befallen, sondern ein Festivalfieber Bürger, Gastronomie, Tourismus und Stadtverwaltung in gemeinsame Rauschzustände versetzen, um dem Weltkulturerbe neue Energie zu verleihen.
Im Pressegespräch wurde Stampa konkret: „Der Festspiel-Gedanke, die Gründungsidee des Hauses, soll wieder ins Rampenlicht geholt werden und damit die im 19. Jahrhundert von Hector Berlioz gegründete Festival-Tradition mit europäischem Anspruch in die Zukunft gedacht werden.“ Kern der Neuausrichtung sind acht Festivals mit bedeutenden Stars als Kuratoren. Zukunftsmusik im weitesten Sinne des Klangs bietet vom 4. bis 6. Februar „Takeover“, eine Mischung aus Techno, Tanz und Teamgeist samt Workshops, Shows und Party. Außerhalb des Festspielhauses soll das ständig aktualisierte Rahmenprogramm auch in der Innenstadt Festival-Feeling vermitteln. Die Osterfestspiele vom 9. bis 18. April stehen im Zeichen der Berliner Philharmoniker, geleitet von Kirill Petrenko, mit Opernstars wie Asmik Grigorian, Anna Netrebko und Sonya Yoncheva. Die Pfingstfestspiele (28. Mai bis 6. Juni) werden unter dem Stichwort „Presence“ zur Residenz des SWR Symphonieorchesters. Als Festival der Romantik in Baden-Baden ist „La Capitale d´E´té“ mit dem Chamber Orchestra of Europe konzipiert, das vom 8. Bis 17. Juli geplant ist. Disneys Musical „Die Schöne und das Biest“ vom 21. Bis 24. Juli dient als Appetithäppchen für künftige „BB-Nights“ mit Shows und Musicals.
Dem SWR3 New Pop Festival (15. bis 17. September) folgt mit “The World of John Neumeier” ein neues Tanzfestival vom 30. September bis 9. Oktober. Die Herbstfestspiele stehen unter dem Motto „La Grande Gare“ – schön passend zum Baden-Badener Alten Bahnhof, in dem Thomas Hengelbrock und Teodor Currentzis betont europäische Werke dirigieren werden. Zum „Russischen Winter“ reisen vom 20.bis 27. Dezember die Gäste aus St. Petersburg mit Tänzern und Orchester an.
Nicht als einsame Kulturinsel, sondern als Mittelpunkt eines Sehnsuchtsorts sieht Stampa sein Haus ideal aufgestellt: „Ein Megatrend im Tourismus wird die Suche nach Selbsterfahrung. Wenn es uns gelingt, dies mit Erlebnissen bei Festivals in Sehnsuchtsorten wie Baden-Baden zu bieten, bedeutet das eine neue Energie für die europäische Festival-Landschaft.“ Partizipation des Publikums gehört zu den Visionen Stampas – Seminare, Künstlerbegegnungen, Naturerleben und literarisch-philosophische Reflektionen bilden kein Beiprogramm, sondern sind in das Hauptprogramm integriert.
Damit nicht nur die unmittelbare Region vom heilsamen Festival-Fieber ergriffen wird, begleitet in den kommenden Monaten eine Imagekampagne die neuen Pläne. Für „Einfach mehr Festival“ hat der Hamburger Starfotograf Kai-Uwe Gundlach die Festival-Stadt mit viel Augenzwinkern in Szene gesetzt.
Und was bietet die Stadt Baden-Baden? Nicht viel Neues. Zwar verspricht die Baden-Baden Events laut ihrer Chefin Nora Waggershauser ein „mit viel Liebe zusammengestelltes Programm mit genau richtigen Events für verschiedene Zielgruppen“, aber Visionäres ist da kaum zu finden: Bewährte Tanz-Angebote sind der European Dance Award (7.Mai), die 27. Welttanzgala (5. November) sowie die Argentinische Tangonacht am 12. November. Altbewährt sind der Weihnachtstanztee und der Silvesterball, kein Hinweis findet sich auf den Grand Prix Ball, eigentlich das gesellschaftliche Mega-Event im Kurhaus. Ansonsten Insider-Galas wie „Made in Baden-Award“ am 3. Juni und „Sportler des Jahres“ am 18. Dezember. Als die von Benedikt Stampa erträumten Touristenmagnete könnten sich wie bisher die Baden-Badener Sommernächte (30. Juni bis 3. Juli), das Kurpark-Meeting (26. August bis 4. September), das Marktplatzfest (22. bis 24. Juni), die Philharmonische Parknacht (30. Juli) und natürlich der Christkindelsmarkt (ab 24. November) entpuppen.
Hinter all diesen wunderbaren „Events“ steht natürlich nach wie vor das riesige Fragezeichen „Corona“. Was ist erlaubt, was lässt sich organisatorisch und natürlich auch finanziell verwirklichen, wie groß ist die Lust auf derartige Veranstaltungen überhaupt? Es bedarf wohl des scheinbar unerschütterlichen Optimismus eines Intendanten aus Leidenschaft, um sich einer derartigen Herausforderung zu stellen – getrieben von Festival-Fieber.

Irene Schröder

 

Allgemein Gastbeiträge Kultur

Tanzlust im Kurhaus – Fast wie früher

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Welttanzgala in Baden-Baden
Es war fast wie in den guten alten Vor-Corona-Zeiten. Zwar durfte sich Baden-Baden damals noch nicht mit dem Titel ‚Welterbe‘ schmücken,  dafür stand es aber im Mittelpunkten der internationalen Tanzwelt. Fröhlich gestimmte Menschen im besten Zwirn, dazu kunstvolles Styling von Frisur und Make-up. Nicht genug, Dazu  gab’s noch ein mit Meistertiteln gespicktes Showprogramm und – ganz besonders schön – Tanzerlaubnis für’s Publikum. Ohne Maske!

Als der Moderator Markus Brock vor Beginn des Showblocks der nunmehr 26. Welttanzgala die Fläche offiziell freigab, brach sich die lange unterdrückte Tanzlust Bahn, so, als hätte es Corona samt Abstandsregeln nie gegeben. Selbst wenn das ‚First Class Music Orchestra‘ nicht erstklassig gewesen wäre – es hätte wohl keinen am Tisch gehalten. Hatten die Gäste vor einigen Wochen in den Pausen bei der Kür-Europameisterschaft der Professionals noch sehnsüchtig auf das glatte, aber verbotene Parkett geschaut, durfte man nun zeigen, was in den Beinen steckt, wobei ein wenig mehr Abstand und Anstand durchaus angebracht gewesen wäre. Tanzen und vor allem Spitzentanzsport hat auch mit sehr viel Disziplin zu tun, und selbst im Turnier werden Gegner möglichst weder mit spitzen Absätzen noch ausufernden Armbewegungen traktiert.

Sei’s drum. Die Freude am Tanzen unter Gleichgesinnten wirkte bei den Stars der Standard- und Lateintänze, den Formationen und Paaren in diesem Jahr noch überzeugender als sonst. Monatelang hatten sie nur unter schwersten Bedingungen trainieren können, von Meister-schaften oder Showauftritten ganz zu schweigen. Der von vielen als einer der schönsten Ballsäle Europas gepriesene Benazetsaal trug mit seinem Flair zur Stimmung bei, so dass sich nach Ende des Programms viele Akteure „in Zivil“ unter das Publikum mischten. Der einzige Wermutstropfen: Das traditionell große Finale mit allen Künstlern auf Bühne und Showtreppe musste entfallen – obwohl es dabei auch nicht viel enger zugegangen wäre als auf der Tanzfläche.

Bleibt zu hoffen, dass Corona weder bei der großen Tangonacht am 27. November noch beim Silvesterball Tanzverbot uns ein Tanzverbot beschert. Keine Einschränkungen jedenfalls sind bei „Soul Dance“ am 20. November zu befürchten: Die große Bühnenshow mit „Let’s Dance“-Stars ist ohne Publikumstanz geplant.

 

Irene Schröder

 

Fotos mit freundlicher Genehmigung durch Valentin Behringer

Allgemein Gastbeiträge

Alles so schön rund hier!

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In Baden-Baden zeigt sich der Herbst. Aber wie! Eine Stilkritik aus saisonalem Anlass

 „Mehr Dada wagen“ forderte kürzlich der Modespezialist der FAZ Alfons Kaiser von den deutschen Modemarken. Zu brav seinen sie, zu wenig kreativ und überhaupt. Recht hat er! Aber wo, bitte sind die experimentierfreudigen Fashonistas, die sich in ausgefallenen Creationen zeigen wollen? In Baden-Baden, ehemals Hotspot der Eleganz, offenbar nicht.

Kaum fegt der Herbstwind etwas kühler durch die Fußgängerzone, rollen sie wieder an: die Michelin-Männchen vorwiegend weiblichen Geschlechts, die ihre Corona-Pfunde unter unter buntem Stepp zu verstecken trachten. Westen, Jacken und Mäntel in quietschebunt oder dunkeluni mögen ja ordentlich warm halten – schön ist etwas anderes. Wattiertes Polyamid kann auch keinen Anspruch auf  Nachhaltigkeit erheben, ganz im Gegensatz zu hochwertigen Wollstoffen oder gar dem „verpönten“ Pelz.

Nur wer gertenschlank und etwa 1,80 Meter große ist, sieht in der Massenware nicht aus wie eine gestopfte Wurst. In den Verkaufsräumen hängen regalweise weiche Scheußlichkeiten, wogegen die Suche nach  einem eleganten warmen Mantel aus Wolle, Tweed oder Loden, figurnah oder weit wie ein Cape, selten ist. Da such man lang,  jedenfalls wenn es sich um eine Investition für normale Geldbeutel handelt.

Aber: wer ein wirklich gutes Stück kauft, das nicht unter die Kategorie „zwei Mal getragen, ab ich die Tonne“ fällt, kann es immer wieder variieren – mit Schals, Tüchern, Stiefeln, Boots und Sneakern – nachhaltig und trotzdem nicht langweilig.

Wenn schon nicht mehr „dada“, dann doch wenigsten mehr Chic.

 

Irene Schröder

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