Category Archives: Gastbeiträge

Allgemein Gastbeiträge

Alles so schön rund hier!

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In Baden-Baden zeigt sich der Herbst. Aber wie! Eine Stilkritik aus saisonalem Anlass

 „Mehr Dada wagen“ forderte kürzlich der Modespezialist der FAZ Alfons Kaiser von den deutschen Modemarken. Zu brav seinen sie, zu wenig kreativ und überhaupt. Recht hat er! Aber wo, bitte sind die experimentierfreudigen Fashonistas, die sich in ausgefallenen Creationen zeigen wollen? In Baden-Baden, ehemals Hotspot der Eleganz, offenbar nicht.

Kaum fegt der Herbstwind etwas kühler durch die Fußgängerzone, rollen sie wieder an: die Michelin-Männchen vorwiegend weiblichen Geschlechts, die ihre Corona-Pfunde unter unter buntem Stepp zu verstecken trachten. Westen, Jacken und Mäntel in quietschebunt oder dunkeluni mögen ja ordentlich warm halten – schön ist etwas anderes. Wattiertes Polyamid kann auch keinen Anspruch auf  Nachhaltigkeit erheben, ganz im Gegensatz zu hochwertigen Wollstoffen oder gar dem „verpönten“ Pelz.

Nur wer gertenschlank und etwa 1,80 Meter große ist, sieht in der Massenware nicht aus wie eine gestopfte Wurst. In den Verkaufsräumen hängen regalweise weiche Scheußlichkeiten, wogegen die Suche nach  einem eleganten warmen Mantel aus Wolle, Tweed oder Loden, figurnah oder weit wie ein Cape, selten ist. Da such man lang,  jedenfalls wenn es sich um eine Investition für normale Geldbeutel handelt.

Aber: wer ein wirklich gutes Stück kauft, das nicht unter die Kategorie „zwei Mal getragen, ab ich die Tonne“ fällt, kann es immer wieder variieren – mit Schals, Tüchern, Stiefeln, Boots und Sneakern – nachhaltig und trotzdem nicht langweilig.

Wenn schon nicht mehr „dada“, dann doch wenigsten mehr Chic.

 

Irene Schröder

Allgemein Gastbeiträge Kultur

Neue Perspektiven in jeder Beziehung

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„Boxen auf“ auch für das gesellschaftliche Leben im Kurhaus Baden-Baden

Eigentlich war vieles wie immer – und doch gefühlt alles ganz anders: Im erstmals nach der Coronapause wieder zugänglichen Benazetsaal trafen sich – wie üblich – am Vorabend des ersten Renntags Pferdefreunde aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport auf Einladung der Baden-Baden Events und der neuen Baden Galopp diesmal unter dem Motto „Boxen auf“.

Weniger Glamour als beim traditionellen Empfang zur Großen Woche, ein mit Stehtischen und hohen Stühlen auf Corona-Distanz eingerichteter Saal , dem eine ausgeklügelte Lichtregie ungewohntes Flair verlieh. Neue Perspektiven beschworen auch die Gastgeber herauf: Die große Renntradition soll fortgesetzt werden, aber unter zeitgemäßen Bedingungen – fröhlich, leger und mit hohem Spaßfaktor rund um den hochklassigen Rennsport. Es gilt, neues Publikum zu gewinnen – ohne dabei aber die Stammgäste, die die Kurstadteleganz schätzen, zu verprellen.

„Boxen auf“ hieß es mit dieser von viel Optimismus und guter Laune geprägten Veranstaltung aber auch für das Kurhaus typischen Galaabende des Tanzsports: Am 11. September tritt die Elite der Standardpaare zur Kür-Europameisterschaft der Professionals im Bénazetsaal an – vor einem Publikum in festlicher Abendgarderobe statt sportlich-legeren Outfits wie beim Auftakt. Im gewohnten Rahmen soll auch die Welttanzgala am 8. November die Gäste mit allen Facetten des Tanzsports bezaubern – und möglicherweise dürfen dann auch wieder die Tanzbegeisterten selbst die Fläche stürmen. Schon zwei Wochen später steht mit „Soul Dance“ eine außergewöhnliche Tanzshow auf dem Programm. Sogar eine Silvestergala scheint möglich zu sein – falls Corona nicht wieder einen dicken Strich durch die Planung macht. Planungssicherheit sieht anders aus. Dass mit großem Engagement und noch größerer Begeisterung derartige Klippen zu meistern sind, hat das Team von „Baden Galopp“ bewiesen: Mit einem Drittel der üblichen Vorlaufzeit und der Hälfte der üblichen Mannschaft wurde das volle Programm für die auf vier Renntage reduzierte „Große Woche“ aus dem Geläuf gestampft. Auch wenn das hochgesteckte Ziel der doppelte Besucherzahl bei der Premiere in diesen Tagen wohl kaum zu erreichen ist – „Hals und Bein“ ist für die Zukunft allen Beteiligten zu wünschen – auf der Rennbahn, den Tribünen und dem Parkett.

Irene Schröder

Fotos mit fr. Genehmigung durch Valentin Behringer

Allgemein Gastbeiträge Kultur

Festivals im Festspielhaus

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Tod-in-Venedig-31-©-Kiran-West

Tod-in-Venedig-31-©-Kiran-West

Respekt, Hoffnung, Dankbarkeit, vorsichtiger Optimismus: Sowohl die Körpersprache als auch die Diktion Benedikt Stampas bei der jüngsten Pressekonferenz zur Lage im Festspielhaus ließen auf bessere Zeiten in einem der größten Opern- und Konzerthäuser Europas schließen. Die positive Grundstimmung des Intendanten hatte offenbar auch die Wahl seiner Garderobe beeinflusst: Die leuchtend gemusterten Socken waren einfach nicht zu übersehen. Schade, dass die zugeschalteten Kollegen am Bildschirm dieses Statement wohl nicht mitbekamen!

Was sie dagegen geboten bekamen, war die Vorstellung eines mit musikalischen Kostbarkeiten gespickten Programms für das letzte Quartal des C-Jahres. Am 25. September eröffnet Valery Gergiev mit den Münchner Philharmonikern den Reigen der 50 Veranstaltungen mit großen Namen der internationalen Musikwelt, darunter bewährte Freunde des Festspielhauses wie die Berliner Philharmoniker, John Neumeier,

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Thomas Hengelbrock, Teodor Currentzis oder Elina Garanca und – natürlich dem Mariinsky Theater, ohne dessen „Schwanensee“ das Weihnachtsprogramm nicht perfekt wäre. Das Programm enthält mehrere Glanzlichter, die der Pandemie in den vergangenen Monaten zum Opfer fielen, aber auch Ansätze zur Neuausrichtung, die Stampa als „Brücken der Hoffnung in die Zukunft“ bezeichnete. Noch stärker als bisher sollen Baden-Badener Spielstätten wie das Theater oder das Burda Museum in das Gesamtprogramm eingebunden werden – ein weiterer Pluspunkt für das neue Weltkulturerbstück! John Neumeier plant über die Residenz seines Hamburg Balletts im Oktober hinaus die schrittweise Etablierung eines Tanzfestivals, der deutsch-franzöischen Freundschaft soll ein weiteres Festival gewidmet werden. Mozarts „französischste Oper“, „Idomeneo“ stimmt am 21. und 23. Oktober im Rahmen eines viertägigen „Nachbarschaftsprogramm“ auf diesen künftigen Schwerpunkt ein.

Während sich die Festspielhaus-Mannschaft derzeit von den Strapazen der vergangenen Monate voller Ungewissheit erholt, läuft der Vorverkauf für das Herbstprogramm auf Hochtouren. Im Oktober will der Intendant das Jahresprogramm für 2022 vorstellen – es wäre schön, wenn es auch einige heitere Komponenten aufweisen würde. Auch gut gemachte Operette hat ihren Platz in der großen Kulturwelt – und ein fröhliches Lachen sollte gerade in unerfreulichen Zeiten im Musentempel an der Oos nicht nur in den Pausen erlaubt sein.

Irene Schröder

Allgemein Gastbeiträge Kultur

SCHÖN & GEFÄHRLICH

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 Das Museum LA8 befasst sich mit der hohen See im 19. Jahrhundert


Unbekannter Künstler: Die Taucherglocke von Charles Spalding (1738–1783), um 1815, Kupferstich, Privatsammlung, Foto: Leo Konopizky, MünchenEmotionen schlagen hohe Wellen, konsequent steuert der Erfolgreiche seinen Kurs, während der Erfolglose strandet oder abtaucht. Moby Dick, Nemo oder die kleine Meerjungfrau tummeln sich neben Seeungeheuern und Geisterschiffen in Literatur und Musik – nur ein paar Beispiele für die enge Beziehung von Seebären und Landratten, die sich durch die Jahrtausende und die Kulturen verfolgen lässt. Diese Faszination bringt die aktuelle Ausstellung im Museum LA8 auf den Punkt: „Gefährliche Schönheit“ lautet der Titel der wegen Corona rund zwei Monate später als geplant eröffneten Schau im Haus für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, die bis zum Jahresende ein breit gefächertes Themenspektrum bietet – und viel Stoff zum Nachdenken über den Umgang mit dem Meer als gigantische Müllkippe für Schrott und High-Tech-Abfall.

Max Klinger (1857–1920): Sirene (Triton und Nereide), 1895, Öl auf Leinwand, Sammlung Villa Romana, Florenz, befristete Leihgabe in der Galleria d’arte moderna, Palazzo Pitti, Florenz, Foto: Gallerie degli Uffizi, Florenz

„Im Weltraum kennen wir uns schon sehr gut aus, das Meer scheint dagegen unergründlich“, meint LA8-Museumsdirektor Prof. Dr. Matthias Winzen und erinnert sich an eigene Erfahrungen mit „Seebeinen“ nach einem Segeltörn. Diese Unergründlichkeit stellte Forschung, Militär und Handel im 19. Jahrhundert vor große Herausforderungen. Während das Festland durch technischen Fortschritt immer berechenbarer wurde, entzog sich die Natur im Wasser diesem Versuch der Entzauberung. Mochten Luxusdampfer und Kriegsschiffe scheinbar über Wogen und Stürme triumphieren, zeugten spektakuläre Unglücke und Schiffsfriedhöfe am Meeresgrund von der Unberechenbarkeit der Meere. Dramatische Berichte von Seeungeheuern ließen sich nicht nur als „Seemannsgarn“ abtun – zieht man die rumgetränkten Übertreibungen der Seebären ab, bleiben durchaus reale Beobachtungen übrig.

 

Das rund acht Meter lange Skelett eines Entenwals im unteren Foyer lässt durchaus an „Monster“ glauben, während die Malereien gelangweilter Matrosen auf Pottwalzähnen eher zum Schmunzeln anregen. Nautisches Zubehör auf dem damals höchsten Stand der Technik und Schätze aus gesunkenen Schiffen haben mehrere Museen beigesteuert, die spektakulärste Leihgabe – zumindest aus künstlerischer Sicht – stammt aus den Uffizien in Florenz. Max Klingers Gemälde „Triton und Nereide“ spiegelt im Liebesspiel der Sagengeschöpfe die unterschwellige Erotik der Ozeane und ihrer realen und mythischen Bewohner für die Menschen des 19. Jahrhunderts wider.

Um in diese von Dr. Philipp Kuhn kuratierte Ausstellung eintauchen zu können, sollten sich die Besucher viel Zeit mitbringen – dieser außergewöhnliche Strandspaziergang in unmittelbarer Oosnähe lohnt sich – ebenso wie ein Blick auf die Mitmachaktion „Strandgut“. Indirekt fordert auch diese Aktion zur Auseinandersetzung mit der Frage des Umgangs mit den Ozeanen auf und korrespondiert mit dem Aufruf des benachbarten Burda-Museums, für die im nächsten Jahr geplante Ausstellung über Korallen ein ganzes Korallenriff zu häkeln (www.museum-frieder-burda.de)

Irene Schröder

Allgemein Auswärts Gastbeiträge Kultur

Zeitgeist in Brillanten und Eisen

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Im Schmuckmuseum Pforzheim:  Künstlerjuweliere der 1960er und 1970er Jahre

Courtesy of the Cincinnati Art Museum, Sammlung Kimberly Klosterman, Foto Tony Walsh

Schwere Goldketten, Perlen gleich pfundweise, schlichtes Goldmedaillon am Samtbändchen oder cooler Platinschmuck mit erlesenem Solitär – der Zeitgeist greift jeweils in eine eigene Schatulle, um seinem Lebensgefühl und/oder Reichtum Ausdruck zu verleihen. Schmuck bedeutet immer mehr als reine Deko des aktuellen Modestils, und so verstehen sich auch kreative Juweliere und Goldschmiede als Künstler, die ihrer Epoche Ausdruck verleihen. In einer eigenen Liga spielt dabei der Modeschmuck internationaler Designer, der in erster Linie kollektionsbezogen entworfen und nicht auf Langlebigkeit ausgelegt wird.

Im Schmuckmuseum Pforzheim lagerte in den vergangenen Wochen eine Sammlung unter Corona-Verschluss, die wohl zu den hochkarätigsten ihrer Art weltweit zählt: „Simply brillant“ sind Dutzende von Exponaten und ein selbst für Schmuckdesign ungewöhnlich „brillant“ gestalteter Katalog betitelt – und noch bis zum 26. Juni besteht hoffentlich die Chance, sich nicht nur beim virtuellen Rundgang von der Schönheit dieser Kunstwerke bezaubern zu lassen. „Kunstwerk“ ist das Stichwort für die Philosophie der amerikanischen Sammlerin Kimberly Klosterman aus Cincinnati, die gemeinsam mit dem Cincinnati Art Museum diese Ausstellung in Pforzheim ermöglicht hat.

Sie sammelt grundsätzlich nur Schmuck, der sie persönlich berührt – auch wenn er gerade nicht „in“ sein sollte. „Außerdem ist das wie in der Mode, irgendwann kommt alles wieder“, meinte sie humorvoll in einem Interview, das im Katalog nachzulesen ist. Als junge Frau begann sie vor rund 30 Jahren Schmuck zu kaufen, die den Modetrends ihrer Zeit entsprachen: Die Designer der 1960er und 1970er Jahre waren inspiriert von Rock’n’Roll, Vietnamkrieg, den

Zierkamm-Diadem mit Weinblättern Eisen Johann Conrad Geiss Berlin, um 1825/30 Sammlung Klaus-Peter und Judith Thomé

Kennedy-Attentaten, den Beatles und den Hippies. Sie entwickelten neue radikale Ausdrucksformen, Schmuck, der nicht unbedingt eine Trägerin brauchte, um zu „glänzen“, oder aber gerade die Persönlichkeit viel stärker in Szene setzt als ein traditionelles Perlencollier oder eine klassische Diamantbrosche. Die Schönen und Reichen griffen begeistert zu – ein typisches Beispiel war die britische Prinzessin Margaret: Bei offiziellen Anlässen trug die jüngere Schwester von Queen Elizabeth zwar brav Kronjuwelen, privat bevorzugte sie die teilweise für sie persönlich entworfenen Schmuckstücke von Andrew Grima oder John Donald, den übrigens auch ihre Mutter, Queen Mumm, in Mode brachte. Exzentrisch, unkonventionell, manchmal auch witzig, klotzig oder filigran – diese Sammlung lässt eine Epoche geprägt von gesellschaftlichen Umbrüchen nachvollziehbar werden. Schon diese Tatsache macht sie unschätzbar wertvoll.

Courtesy of the Cincinnati Art Museum, Sammlung Kimberly Klosterman, Foto Tony Walsh

In eine ganz andere Zeit mit völlig anderen Wertvorstellungen entführt die im Anschluss geplante Pforzheimer Schmuckschau: „Gold gab ich für Eisen“ unter diesem Slogan forderte die preußische Prinzessin Marianne anno 1813 ihre Landsmänninnen auf, ihren kostbaren Schmuck zum Wohl des Vaterlands gegen „Eisenwaren“ einzutauschen. Ob die adeligen Preußinnen wirklich ihre Kostbarkeiten opferten oder nur sicher verwahrten und in der Öffentlichkeit die patriotischen Ersatzstücke trugen, mag dahingestellt sein. Der gleiche Slogan wurde übrigens zur Zeit des Ersten Weltkriegs wieder aufgelegt. In der Zwischenzeit entstanden filigrane Schmuckstücke in preußischen, englischen und französischen Gießereien, die wiederum dem Zeitgeist Rechnung trugen: Das schlichte Material, die klare Formensprache und der etwas spröde Charakter spiegelten Beständigkeit, Bescheidenheit und Zurückhaltung wider.
Die rund 200 Exponate der Ausstellung „Zart wie Eisen“, die ab 16. Juli im Schmuckmuseum gezeigt wird, stammen aus der im Laufe eines Vierteljahrhunderts entstandenen Sammlung Klaus-Peter und Judith Thomé, die als Schenkung in den Bestand des Schmuckmuseums Pforzheim mit seinen Kostbarkeiten aus fünf Jahrtausenden eingehen wird.
Corona-gebeutelten Besuchern drängt sich vielleicht die Frage auf, wie zeitgenössische Designer mit der Pandemie und ihren Folgen umgehen werden. Einerseits verlangte der Home-Office-Schlabberlook nicht gerade nach Edelsteinen und Edelmetall, andererseits lädt die gängige grafische Virus-Darstellung geradezu zur Umsetzung in funkelnde Interpretationen ein. Warten wir es mal ab …

Irene Schröder

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