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Der Dichtungsring – Erster Teil

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Warum die poetischen Zeugnisse einer ganz normalen Werktätigen wert sind, veröffentlicht zu werden

Das ist nicht Frau Gebert mit ihrem Wischmopp, sondern Apollo, der Gott des Dichtens, mit seiner Lyra. 

Vorgestern war unsere Reinigungskraft, Frau Herta Gebert, merkwürdig still. Das ist gar nicht ihre Art. Meistens ist sie lustig, sorglos und – im Rahmen ihrer körperlichen Möglichkeiten – irgendwie leicht und unbeschwert. Das mag ich an ihr. Vor allem, weil man weiß, dass es kaum Schlimmeres gibt, als eine schlechtgelaunte Reinigungskraft. Dann wird nicht sauber geputzt, staubige Ecken bleiben unbesucht und manchmal fällt auch noch eine Vase runter.

Also hatte ich vorsichtig nachgefragt, ob es einen Grund dafür gibt, dass sie so ist, wie sie ist. Liegt es vielleicht am Herbst mit seinem Laub in der Allee und dem Nieselregen? Und: könne ich ihr vielleicht helfen? Wollen wir reden? Liegt etwas an? Vielleicht steckt hinter ihrer Nachdenklichkeit ja auch der Wunsch nach einem neuen Wischmopp?

Zunächst schien sie fast etwas ungehalten. Auf mein bohrendes Nachfragen erfuhr ich aber, dass sie Gedichte schreibt, zwar nur so für sich. Sie hätte sich nun schon seit Langem mit der Frage beschäftigt (ich glaube, sie sagte gequält), ob wir auf unserer Website nicht mal das eine oder andere ihrer Gedichte veröffentlichen könnten? Schließlich würden wir übers Jahr so Vieles veröffentlichen: Interessantes, aber auch nicht so Interessantes, Witziges und überhaupt nichts Witziges, manchmal Starkes aber oft auch Schwaches. Plötzlich verstummte sie, weil sie ahnte, dass ihre Ausführungen vielleicht wenig zielführend sein könnten. Jedenfalls, fuhr sie fort, hätten ja viele Dichter mal klein angefangen. Goethe vorneweg, aber auch Federico García Lorca. Dann solle man Jorge Luis Borges nicht vergessen, dessen Frühwerk sie ganz besonders schätzte. Und dann erst Mark Twain! Ob ich gelesen hätte, was der über die Baden-Badener geschrieben hatte? Und was ist mit Henscheid, der viel zu früh Verstorbene? Grass – nun ja, Grass. Aber Nietzsche! „Ich sage nur: Nietzsche“, sagte sie und schürzte die Lippen, als hätte sie ein ‚Mon Cherie’ im Mund.

Das mit dem Wischmopp war mir auf einmal sehr peinlich, denn nun entdeckte ich Frau Gebert von einer bislang unbekannten Seite. Während sie täglich so stumm vor sich hin putzt, macht sie sich also nicht nur tätigkeitsbezogene Gedanken, sondern sie schmiedet offensichtlich auch noch eigene Verse; sie macht sich einen Reim drauf. So gesehen verweist das Schwenken des Staubwedels noch auf Qualitäten ganz anderer Art.

Die Frage stellte sich für uns letztendlich ja so: sind wir groß genug, angesichts eigener Unzulänglichkeiten, wirkliche wahre Größe zu erkennen? Und wenn ja, dieser dann auch Raum zu geben? Und zwar nicht nur zum Putzen! So scheint es uns ein Gebot der Fairness, unseren Lesern die Chance zu eröffnen, Ausschnitte aus dem poetischen Werk einer stillen Reinigungskraft kennenzulernen und so das Dichtwerk dieser weithin unbekannten Frau auf diese Weise einer größeren Öffentlichkeit zugängig zu machen.

Da das Ganze ja einen Namen haben muss, haben wir diesen Gedichte-Zyklus jetzt mal den „DICHTUNGSRING“ genannt, was zum einen ein Arbeitstitel ist, zum anderen aber auf ihren fortwährenden Kampf mit einem tropfenden Wasserhahn verweist.

So. Genug geredet. Jetzt das erste Gedicht von Frau Gebert! Weitere werden im Laufe der kommenden Woche folgen. Sie können sich schon mal darauf gefasst machen.

 

 

Relativer Fliegenflug

Die Fliege denkt:

Einsteins Physik!

Ich flieg im Raum

Und krieg nichts mit.

Lang leb’ ich nicht,

dann ist’s zu spät.

Ich pfeif’ auf Relativität.

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Der Dichtungsring – zweiter Teil

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Heute Morgen hat uns unsere Reinigungskraft, Frau Gebert, einmal mehr überrascht.appllon-mit-lyra

Wir hatten offen gestanden mit einem Gedicht gerechnet, in dem sie die Schönheit von Flora und Faune preist. Stattdessen präsentierte sie uns ein Werk, das sich so kurz vor Weihnachten außerordentlich kritisch mit den Festtagen auseinandersetzt. Die Haltung von Frau Gebert, auch das muss hier gesagt werden, scheint in dieser Hinsicht allerdings auch etwas schizo zu sein: zum einen äußerte sie sich erst kürzlich wieder über den Segen der von Feiertagen letztlich initiierten Brückentage. Zum anderen wird sie demnächst wieder mit hunderten wunderbarer Zimtsterne, Vanillekipferl und Springerle in der Redaktion auftauchen und um Anerkennung bitten.

In diesem Zusammenhang vergisst dann auch nie, Hildegart von Bingen zu erwähnen, die wohl lauthals die positive Wirkung von Pfeffer- und Muskatnüssen gepriesen  hatte. Da verstehe einer die Frauen…! Jetzt das Gedicht:

                                                                             

                                                Feiertage

 

Wie hass‘ ich diese Feiertage,

die der Himmel uns geschenkt,

auf die Dörfchen, Pfarrer, Handel,

unsere Aufmerksamkeit stets lenkt.

 

Schweigt mir doch von Weihnacht, Christen:

Knabe, rosig, Krippe, nackt.

Und daneben Esel Josef.

Das find ich mehr als nur beknackt.

 

Dann steht Ostern vor der Türe,

Lammgottessingen, Auferstehn’.

Bei Goethe läuft man durch die Gegend,

für mich kein Anlass, mitzugehen.

 

Pfingsten – dieses Fest der Ochsen,

von oben grüßt der Hl. Geist.

Ich bin gefirmt doch nicht beschnitten,

ich ´sag das nur, damit du’s weißt.

 

Wie hass ich diese Feiertage,

der Jahreshimmel, vollgehängt.

Doch bet’ ich an die Festtagsbiere,

die hochprozentig eingeschenkt.

 

 

Relativer Fliegenflug

Die Fliege denkt:

Einsteins Physik!

Ich flieg im Raum

Und krieg nichts mit.

Lang leb’ ich nicht,

dann ist’s zu spät.

Ich pfeif’ auf Relativität.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Der Dichtungsring – dritter Teil

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appllon-mit-lyraUm ehrlich zu sein: wir fanden das gestrige Gedicht von Frau Gebert über die Feiertage zwar vom Zeitpunkt her passend, zugleich aber auch wenig aufbauend. Im Übrigen haben wir uns gefragt, ob Frau Gebert das Gedicht selbst geschrieben hatte. Immerhin kennen und schätzen wir sie eher als Teetrinkerin denn als Freundin von starken Festtagsbieren. Jedenfalls baten wir sie, gerade auf das kommende Wochenende hin, uns lieber ein Zeugnis ihres eher heiteren Schaffens vorzuschlagen. Was sie denn auch gerne tat. Also hier ein neues Gedicht. Fröhlich, wie wir meinen, und gut konsumabel.

Ein schönes Wochenende!

 

 

Blüte und Kolibri

 

Die Blüte sieht den Kolibri

Und denkt, heut’ fliegt der Kurven so wie nie:

‚Der fliegt vielleicht ‚nen heißen Reifen,

als Blüte kann ich’s kaum begreifen.

Als gäb es Schwerkraft nicht und Wind;

Ich schätze mal, der Vogel spinnt’.

 

So spricht die Blüte inhaltsschwer –

Heut mag sie keinen Flugverkehr.

 

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Der Dichtungsring – vierter Teil

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appllon-mit-lyraAlso diese Frau Gebert! Sie erstaunt uns immer mehr.

Hatte sie uns bisher mit leichter, eher süffiger Poesie-Kost verwöhnt, kommt sie uns in ihrem neuesten Werk fast zeitkritisch, abgeklärt, fatalistisch. Dabei, so sagt sie, würde es sich bei ihrem neuesten Gedicht um eine ‚Paraphrase’ handeln. Wir geben das jetzt mal so einfach weiter, jedenfalls bezieht sie sich offensichtlich auf Elemente der Barockdichtung. Der Stil scheint ihr zu liegen, obwohl das Ganze ja etwas zeitbezogen düster daherkommt. Interessant finden wir das von ihr Mitgebrachte allemal. Und außerdem entpuppt sie sich in dem Gedicht als große Weinkennerin. Na sowas.

Wir arbeiten derzeit an einem anderen größeren Thema. Bis das fertiggestellt ist, wollen wir uns am Schaffen unserer reimenden Reinigungskraft erfreuen. Und morgen gibt’s von ihr wieder etwas Heiteres.

„Also hübsch dabeibleiben“, ruft Frau Gebert aus dem Nebenzimmer und grüßt mit dem Wischmopp.

 

 

 

Chateau Lafitte

 

Wenn dumpf die Armut sich erhebt,

und düster hinterm Fenster steht.

Wenn Hunger in den kalten Stuben,

sich paart mit dem Gestank der Gruben:

hernieden gibt’s nicht Wein noch Brot,

vom Osten naht der schwarze Tod.

Der Krieg mit seiner harten Hand,

er peinigt unser Vaterland.

Kein Gott, der noch vom Himmel blickt,

uns Hilfe, Trost und Heimat schickt!

Vom Firmament, da regnets Feuer,

verteuert uns die Hühnereier.

Die ganze Welt ist aus dem Tritt.

Ich dekantier’ ‘Chateau Lafitte’.

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Immer der Nase nach!

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Georg Felsberg zieht umher und bringt etwas mit: Bücher.Titelbild Loch

„Heraus zum 1. Mai“, mag mancher denken, auch wenn er nicht in der Gewerkschaft ist. Georg Felsberg, nunmehr emeritierter Fernsehredakteur beim SWR, pflegt diese Leidenschaft seit Jahren. Von Karlsruhe aus, wo er wohnt, zieht es ihn alljährlich immer und immer wieder in die Länder Asiens, nach Indien, Sri Lanka, Nepal, Bangladesch. Dort sammelt er einen Rucksack voller Erfahrungen, trägt sie heim, und fasst sie dann in Worte, um daraus zauberhafte Texte zu machen.

Georg Hängebrücke

Der Autor vor einer Hängepartie

Die Ausstattung des Fernreisenden ist stets auf Nötigste beschränkt. Er bewegt sich mit Bus und Bahn. Gern auch wird gegangen, wenn sich nichts anderes zur Fortbewegung anbietet. Die Leichtigkeit des Reisens findet sich in der Leichtigkeit der Texte wieder, die mehr sind als bloßes Beschreiben dessen, was ist. Er will dahinter kommen, so, wenn der Titel eines seiner Bücher lautet: „Der Mann hinter dem Loch in der Mauer“. Vier Bändchen sind es mittlerweile geworden. Jedes einzelne im besten Sinne kurz und knapp. Das vertreibt die Müdigkeit.

Die Texte sind Streiflichter, literarische Brenn-Punkte. Das geht nur, wenn man ein genauer Hin-Kucker ist, denn nur so entdeckt man die Alltäglichkeiten, die sich zu wunderbaren kurzen Texten verdichten lassen.

Wer gerne reist und sei es nur im Kopf, sollte die Geschichten unbedingt lesen. Und vorher halt kaufen!

Zu beziehen über –   http://www.georg-felsberg.de.rs 

Auf der Website sind auch die Termine aufgelistet, wann der Verfasser wo liest.  So. Für Genusswillige jetzt auch noch ein Kostprobe:

Das Gewürz des Lebens

Ein magerer, sehr lebhafter alter Mann im abgetragenen weißlichen Kurta, einem langen indischen Hemd, spricht mich wie nebenbei von der Seite an. Er begleitet mich wie selbstverständlich über den Sadar- Markt am Uhrturm von Jodhpur. Wir drängeln uns zwischen den Ständen fliegender Händler mit billiger Kleidung hindurch. Vorbei an Männern, die ihre Waren lauthals anpreisen und Frauen mit Gemüsekarren: Kartoffeln, Gurken und frisch mit einem feuchten Lappen polierte Mandarinen.

„Gestern hast du mich etwas gefragt“, meint mein Begleiter. „Willst du heute wieder etwas wissen? Gestern habe ich dir den Weg zum ‚Step Well‘ gezeigt, dem Stufenbrunnen. Du hast den Weg doch gefunden? Das freut mich sehr.“ Wenn ich heute wieder fragen wolle, meint er und lächelt mir zu, dann könne ich sicher sein, dass ich auch heute den Weg leicht finden könne. Er sei ein ausgezeichneter Wegebeschreiber. Das könne natürlich jeder von sich behaupten, aber bei ihm sei das die reine lautere Wahrheit. Er habe in seinem langen Leben auch Leute getroffen, die den Weg trotz seiner guten Beschreibung nicht gefunden hätten.

Das tue ihm sehr leid, es läge aber nicht an ihm, sondern an der Dummheit der Leute, die immer mit dem Kopf nickten, aber nie genau zuhörten. Bei mir sei das anders, ich sei klug und höre zu. Ich hätte den Weg ja gefunden. Ich hätte den Weg vielleicht auch ohne ihn gefunden, so klug sei ich. Damit meine Klugheit so bliebe, auch im Alter, möge ich doch jetzt mit ihm zu seiner kleinen Gewürzhandlung kommen, gleich dort hinten in der ersten Gasse. Manche Gewürze hülfen, die eigene Klugheit zu bewahren. Kluge Leute glaubten ihm das, bei Dummen hülfe es nichts. Da sei einfach nichts zu machen, so dumm seien die. Weil ich aber sehr klug sei, solle ich mir täglich eine Prise seiner Mixtur in meinen Tee streuen. Das nütze viel und koste wenig.

Als ich sein freundliches Angebot höflich ablehne, lacht er und meint, ich sei ja noch viel klüger, als er gedacht habe. Nur besonders kluge Leute wüssten, dass Gewürze gegen Dummheit nicht helfen. Ich solle aber trotzdem mit ihm kommen, eine Tasse Tee bei ihm trinken und seine Gewürze riechen, die sich auf der Zunge und im Inneren meines Leibes wunderbar anfühlen würden. Als ich ihm freundlich sage, dass ich keine Gewürze kaufen möchte, ihn aber für seine hübschen kleinen philosophischen Überlegungen über die Klugheit und die Dummheit bewunderte, meint er, das sei keine Philosophie, das sei etwas viel Wichtigeres. Ein kleines heiteres Gespräch mit einem neuen Freund unter dem Uhrturm in Jodhpur gegen Mittag, wenn die Sonne scheint, das sei doch „das Gewürz des Lebens“.

Er, als Händler für tausenderlei wunderbare Zungenschmeichler und für die kostbarsten Düfte aus aller Welt, er kenne sich aus.

 

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