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Author Archives: Peter Ruhr

Allgemein

„Überwiegend nasskalt und dennoch heiter“

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Ursula Cantieni und die Fallers

Vielleicht ist es einfach die Schönheit dieser Stadt, die Baden-Baden heißt und angeblich so schön ist, dass man ihren Namen zwei Mal nennen muss. Vielleicht ist es aber auch die Nähe zu ihrem langjährigen Arbeitgeber, dem SWR, die Ursula Cantieni sich hier an der Oos wohlfühlen lässt.

Sie ist Schauspielerin. Deren gibt es tatsächlich viele, aber den wenigsten ist es gelungen, dass ihr Name mit einer Serie in Verbindung gebracht wird. Will man weitergehen, darf man sagen: sie ist das Gesicht der vom SWR produzierten Serie „Die Fallers“.

So, wie es heißt, dass die Wege des Herrn verschlungen sind, so lässt sich dies auch vom beruflichen Werdegang Ursula Cantienis sagen. In Graubünden ist sie aufgewachsen, ging in Stuttgart zur Schule, dann Schauspielausbildung, Sprecherziehung, Regieassistentin; danach folgt eine Professur für Sprechausbildung an der Folkwangschule in Essen, bis sie seit 1978 sich endgültig als Schauspielerin in Esslingen am Neckar und Konstanz etabliert.

Und dann kommt das, wovon viele Schauspieler träumen – das Fernsehen. Und gleich mit einer Hauptrolle, die Bäuerin Antonia in „Der Polenweiher“. Es folgen weitere, eher kleine TV-Einsätze. 10 Jahre nach ihrem Fernsehdebut, 1994, hält man sie für geeignet, eine tragende Rolle in der neuen Serie „Die Fallers“ zu übernehmen.
Was sich hier so leicht anhört – und Ursula Cantieni stapelt da eher tief – war tatsächlich das Ergebnis einer langjährigen Rackerei, ein Hin und Her zwischen verschiedenen beruflichen Polen, zwischen Orten, zwischen Aufgaben. Von nichts kommt halt nichts – auf so einen bündigen Satz, könnte sie sich ungefragt einlassen. Wer, wie sie, lange Zeit in Konstanz Theater gespielt hat und nie dazu kam, im Bodensee einmal zu schwimmen, dem muss irgendwie das Wasser bis zum Hals gestanden haben.

Dann also „Die Fallers“. Aus dem Leben einer Schwarzwaldfamilie, so der Untertitel der Serie, die fortan den Mann und natürlich auch die Frau ernähren sollte. Das ist kein einfaches Brot. Die Sendung, die sich mittlerweile merklich der Tausenderfolge nähert, verlangt den Schauspielern ziemlich viel ab. Heiter im strengen Sinn ist sie nicht. Sie handelt vom Täglich, Alltäglichen einer Schwarzwaldfamilie, die in einem malerischen Hof in der Nähe von Furtwangen wohnt und dort hochdroben versucht, ihr Leben zu gestalten. Mit allem, was es halt so bietet. Oft mehr Leid als Freud.

Ursula Cantieni und „DIE FALLERS“

Und doch gibt die Serie einen Eindruck davon, was ist, wenn die Postkarten nicht lügen. Da sind Bollenhut und Kuckucksuhren doch mehr schemenhaft gezeichnet.

Als ‚Mutter der Kompagnie’ ist es Ursula Cantieni als Johanna Faller gegeben, hoch droben, im Schwarzwald, eine eher ausgleichende Rolle einzunehmen. Was ihrem Naturell teilweise entspricht. Nach nahezu tausend Folgen hat das Publikum sie ohnehin mit der gespielten Person gleichgesetzt, und so kann sie sich behaglich in diese fügen und ruhig zusehen, wie sie mit dieser Rolle altert. Dem entgegen steht ihr lebendiges Naturell, das sie mit fortwährendem Altern der Hauptfigur zähmen muss.

Diese ‚unterdrückte’ Seite ihrer Person ausspielen kann sie dann glücklicherweise als Mitglied im Rateteam von „Sag die Wahrheit“ an der Seite von Smudooder Mike Krüger.
Im „Närrischen Ohrwurm“ redet sie seit Anfang an jährlich Klartext, ebenso in „Die Sofarichter“ geht’s seit einem Jahr zur Sache. Sie spielt mit in Christoph Sonntags in „Das Jüngste Ger(i)ücht“, macht Lesungen mit Fremdem und Eigenem, schickt ihre „Berta“ improvisierend durchs Publikum und kommt dann immer wieder nach Hause in die Rolle, die sie sich ein Stück weit selbst auf den Leib geschneidert hat.

Die Bäuerin vom Schwarzwald.

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300 000 Leser! Na sowas!

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Was machmal unseren Lesern widerfährt, ist jetzt auch uns passiert – wir haben zugelegt!

Man könnte auch ‚MannoMann’ (oder ‚FrauoFrau’) sagen über das, was in der Überschrift zu sehen ist. Über dreihunderttausend Follower hat unsere Seite jetzt, d.h. dass sich über all die Zeit, da es uns gibt, dreihunderttausend Leute uns schon mal angeklickt haben und gelesen haben. Wir wollen es ja nicht übertreiben, aber das macht uns schon ein bisschen stolz.

Angefangen hatten wir am 23.6.2014. Es ist also noch nicht sooo lange her, dass wir beschlossen, Dinge, Themen aufzugreifen, die in der Tagespresse eher nicht behandelt werden, weiß der Teufel warum. Es sind natürlich nicht nur die Themen, die wir aufgreifen. Vielleicht ist es auch die Art und die Schreibe, in der wir Themen behandeln.

Na egal. Wir machen weiter, so, wie Sie es von uns gewohnt sind, liebe LeserIn. Und weil der Eine oder die Andere erst später zu uns gestoßen ist, bringen wir hier nochmal den Beitrag, der bei uns am meisten angeklickt worden war, vielleicht, weil so ein Beitrag in der Lokalzeitung eher nicht erschienen wäre. 

Also dann – auf die nächsten Hunderttausend!!

PS. Demnächst besuchen wir die FALLERS.

 

 

Hoch zu Ross dem Volk entgegen

 

In Baden-Baden zur Schule ohne Porsche ‚Cayenne‘? Geht gar nicht.

FotoFrauen und Verkehr? Wenn an dieser Stelle darüber noch nie etwas zu lesen war, so lag das daran, dass wir den möglichen Vorwurf des Vorurteils sehr ernst nehmen. Andererseits sind Frauen im Verkehr ja ein Thema, an dem auch der Wohlmeinendste nicht vorbeikommt.

Vor allem wenn wir auf jene göttergleichen Geschöpfe zu sprechen kommen, die mit ihrem Porsche ‘Cayenne’ in unserer Fußgängerzone nahezu ganztägig leichte Transportaufgaben wahrnehmen. Ganz gleich, womit der Gatte sein Geld verdient – ob tief über die Kariesprophylaxe gebeugt oder beim Versuch, Schweinehälften gewinnbringend über Somalia nach Lettland zu verschieben – stets weiß er, wo seine Frau sich in Baden-Baden tagsüber aufhält. Nämlich zwischen dem Sonnenplatz und dem Friedrichsbad, wo die Getriebene, nein, besser: die Vierradgetriebene mit der gebotenen Umsicht versucht, ihren blondgelockten Prinzen mittels 550 PS pünktlich zum Unterrichtsbeginn im Pädagogium abzuliefern.

Dass dabei keine Zeit bleibt, die in der Fußgängerzone flanierenden Besucher auch nur eines Blickes zu würdigen, ist absolut nachvollziehbar. Hoch in ihrer Fahrzeugkabine, das i-Phone ans anmutige Ohr geklemmt, hat sie durchaus den Überblick, auch wenn sie uns nicht sieht. Klar vor Augen hingegen hat sie den Terminkalender ihrer Kinder.

Gleich nach der Schule muss Swen zum Geigenunterricht. Das Kind hat zwar ADS, gilt ansonsten aber als außerordentlich begabt. Und dann erst Tanja, die Zweitgeborene. Sie ist Vatis Liebling. Ein rechter Sonnenschein, der allerdings ohne Markenkleidung und Ballettunterricht nicht auszuhalten wäre. Keine Frage: Mutti hat Stress.

Das geht Vati nicht anders. Wenn der am Ende eines langen Tages völlig erschöpft ist, freut er sich darauf, entspannt im Kreise seiner Lieben die Füße hochlegen zu können. Blöd nur, dass da schon die wesentlich anmutigeren Beine seiner Gattin liegen. Und dann hört er sie auch noch sagen, dass sie froh ist, dass er endlich da sei. Sie hätte schließlich den ganzen Tag gearbeitet. Jetzt könne er sich mal um die Kinder kümmern.

Es ist offensichtlich: für heute hat Mutti genug vom Verkehr.

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Das flüchtige Glück

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In Baden-Baden: Rauchzeichen an der Oos

Nicht auszuschließen, dass kürzlich jemand gesehen hat, wie überm ‚Atlantik’ Rauch aufsteigt. Das wäre an jenem Abend gewesen, an dem in Baden-Baden das Zigarrengeschäft Barbarino zur – nun ja, man kann es so sagen – Verkostung von Zigarren ins gleichnamige Hotel geladen hat.

Der Rahmen, in dem das Event stattfindet, ist irgendwie englisch, eine Art Herrenzimmer. Das Ganze also überaus passend. Der Raum präsentiert sich distinguiert; an den Wänden aus getäfeltem Holz hängen Ölgemälde. Es ist, als blickten Ahnen auf die hier Sitzenden herab, die, tief in ihren Lederfauteuils versunken, sich auf den nächsten Zug aus der Zigarre zu freuen scheinen.

Gabriele Peters ist seit zwei Jahren im Barbarino angestellt. Sie hat den Abend initiiert, eine Art diskretes Arrangement, mit dem sie den zunehmenden Trend zum Genussrauchen entschlossen befeuern will. In diesem Kreis hat das Rauchen von Zigaretten etwas zunehmend grundschichtiges. Vorbei die Zeit, da Oscar Wilde schrieb, die Zigarette sei der vollkommenste Ausdruck eines vollkommenen Genusses. „Sie ist köstlich und lässt unbefriedigt“, formulierte er. Doch es scheint, als hätte die Zigarre deren Platz eingenommen. „Mit Stil rauchen“, postuliert Gabriele Peters als Genussziel und schließt die Frauen erfreulicherweise gleich mal mit ein.

Denn je mehr die Zigarette verteufelt wird, desto mehr positioniert sich die dicke, große Schwester mit ihrem Deckblatt am ganz anderen Ende. Da beschäftigen einen ganz wichtige Themen wie etwa: wie schneidet man eine ‚Piramide’ an, eine ‚Torpedo’ oder gar eine ‚Belicoso’? Und was macht man mit einem „Ringelschwänzchen“? Wie steuert man die Geschmacksintensität, wie das Zugverhalten?

Mehr als verständlich, dass man den gesetzlich vorgesehen Aufdruck auf den Zigarrenkisten („Rauchen erblindet“) mit großer Nachsicht übersieht. Allenfalls merkt man an, dass man froh ist, nicht noch vom Krebs befallene Organe aufs Auge bedrückt zu bekommen. Es ist der entschlossene Wille zum Genuss, der an diesem Abend das Auge lenkt. Allfällige Warnungen fallen da nicht mehr ins Gewicht. Man raucht in einer anderen Welt.

Wer sich an diesem Abend zu genussvollem Tun zusammenfindet versteht sich als Wertegemeinschaft, wie etwa diese zehn in einer Runde sitzende Herren, die sich so formlos wie eisern in regelmäßigen Abständen im Zeichen des Rauches treffen, und, befeuert vom eben diesem, die Weltlage oder weißgottwasnochsoanliegt erörtern und sich ansonsten weiteren Beitrittswünschen verweigern.

Immerhin treten sie an besagtem Abend vor eine kleine rauchende Öffentlichkeit, die eines der Mitglieder dann allerdings nutzt, sich engagiert dem dichterischen Schaffen Wilhelm Buschs zu widmen, in dem er dessen Verse zum Vortrag bringt. Ein kurzes Intermezzo, um sich danach umso lustvoller den Verführungen des Abends zu widmen. Z.B. einer ‚Casagrande’ aus Costa Rica oder etwa der ‚Per Domo’ aus Nicaragua, die, achtzehn Monate lang in ausgemusterten Bourbonfässern gelagert, das Recyceln von Wertstoffen als lust- und geschmacksvolle Erfahrung vermittelt.

Abgerundet wird das Ganze durch einen „97er und 98 Island Single Malt Scotch Whisky“, der, sitzend genommen, manch einer der älteren Genussjünger noch weiter in die Sessel rutschen lässt. Von hinten betrachtet erweckt das bisweilen den Eindruck, als würde der Rauch aus der Sessellehne kommen, kurz bevor er sich endgültig aufmacht, den Raum zu verlassen, ins Freie zu ziehen, um dann überm ‚Atlantik’ kurz stehen zu bleiben.  

Und manch einer blickt dem Kringel sinnierend nach, als schaute er zu, wie ein Traum sich in Rauch auflöst.

 

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„Es spricht nicht!“ – Neues von der Reinigungskraft !

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Also diese Reinigungskräfte…!

Frau Herta Gebert heißt die unsere, und wir hatten verschiedentlich über sie berichtet. Vielleicht ist durchgedrungen, dass ihre Fähigkeiten am Wischmop eine merkwürdige Entsprechung finden im Geschriebenen, das sie uns von Zeit zu Zeit auf den (abgestaubten) Tisch legt. So erst jetzt wieder, als sie mit einer – nun ja – kleinen Kurzgeschichte aufwartete, die uns so gefallen hat, dass wir sie hier gern auf unserer Website platzieren. Es scheint sich um eine Geschichte aus dem Leben ihrer Familie zu handeln, was umso erstaunlicher ist, als dass sie über ihre Familie bis dato nie ausführlich gesprochen hatte. Da kann man mal sehen!

Hier also die kleine Geschichte:

 

 

 

Es spricht nicht                                                                                                           

Vater spricht, Mutter spricht, aber das Kind spricht nicht. Da hilft auch kein aufmunterndes Lachen; weder Musik, Rufen, Scherzen – keine Reaktion. Das Kind, das demnächst drei Jahre alt wird, bleibt stumm. Zwar hat man den Eindruck, dass es mit seinen dunklen Augen die Welt draußen durchaus wahrnimmt. Besonders wenn es Bobbycar fährt meinte man von ihm schon leise, an ein Motorgeräusch erinnernde Geräusche gehört zu haben. Das wohl. Nur sprechen tut das Kind nicht.

Das ist umso bemerkenswerter, als dass seine zwei Jahre ältere Schwester in ihrer sprachlichen Entwicklung einen altersgerechten Verlauf verzeichnet. Sie ist lebendig und aufgeweckt undredet mit allen. Mitunter wird es einem fast schon zu viel, weshalb die Nachbarin einmal anmerkt, das Mädchen plappere ständig. Man kann es halt niemandem recht machen, denkt die Mutter und schweigt.

Und doch bleibt das Schweigen des anderen Kindes ihr eine ständige Sorge. Dabei lässt sie nichts unversucht.

So hatte das Kind erst neulich einen bunten Plastik-Laptop von „Toys are us“ geschenkt bekommen. Als dessen herausragende Eigenschaft erweist sich seine Fähigkeit zu einer Art Kommunikation mit dem Menschen. Dabei handelt es sich um eine Art ‚Frage – Antwort’ Spiel. Das in kindgerechten Farben gehaltene Gerät vermag auf eine vom Kind gestellte Frage weitestgehend sinnvolle Antworten zu geben. Diese liegen im Inneren des Gerätes auf einer Festplatte bereit.   Fragt das Kind z.B. seinen Laptop: wo ist deine Mutter? Dann erhält es zur Antwort: in der Küche. Die Frage nebst dazugehöriger Antwort wird sodann von dem Spielzeug mit einem jauchzenden Geräusch belohnt.

 

Aber auch andere Fragen sind möglich. Etwa nach dem derzeitigen Aufenthaltsort des Vaters. Bei dieser Frage wartet das Gerät sogar mit zwei möglichen Antworten auf. Entweder sagt eine quäkende Stimme: „Er ist im Kontor“ oder aber „Das Auto ist in der Werkstatt“. Auch dann gibt’s wieder ein jauchzendes Geräusch zur Belohnung. Offensichtlich alles richtig. Kurz: eine Fülle von Möglichkeiten könnte einem jungen dialogbereiten Menschen den Weg aus der sprachlichen Isolation weisen. Das ist viel Aufwand; das Gerät war ja auch nicht billig.

Doch alles vergeblich. Das Kind bleibt stumm.

Einmal versucht es die Familie mit einer aufwändig inszenierten Geburtstagsfeier. Doch zeigt es sich, dass die Anwesenheit so vieler möglicher Spielkameraden in der Wohnung das Kind eher verschreckt, als es zum Sprechen zu verleiten. Auch während der Feier, in Anwesenheit unzähliger Spielkameraden, geht eine seltsame Stille von ihm aus.

Eines Tages aber bemerkt die Mutter, dass der Kleine mit großem Interesse in einer Modezeitschrift blättert. Offensichtlich hat die dort abgebildete Trachtenmode seine ganze Aufmerksamkeit erregt. Doch selbst der Besuch von Loden-FREY und der Ankauf eines kleinen putzigen Trachtenanzugs vermag die Situation nicht nachhaltig zu verbessern. Angesichts der nach wie vor unbefriedigenden Situation rät der Kinderarzt, das Kind in eine Kinderkrippe zu geben. Doch sollte es nicht eine x-beliebige sein. Er hat das ‚was im Auge, wie er sagt..

Und in der Tat scheint es sich dabei um eine Einrichtung zu handeln, die ihren exzellenten Ruf auch verdient. Helle, freundliche Räume, zudem pädagogisch geschultes Personal, kurz: eine Umgebung, der man sein Kind gern anvertraut. Zudem – sagt die Krippenleiterin – stünde immer ein Arzt bereit, falls die Situation es erfordere, was aber noch nie vorgekommen sei. Sie ist eine diplomierte Sozialpädagogin. Aber, fügt sie hinzu – man weiß ja nie. Und: sicher ist sicher. Darüber hinaus empfiehlt sich die Einrichtung durch einen wirklich großen Parkplatz, ist also mit dem Fahrzeug leicht anzufahren. Aber auf eines, sagt die Leiterin, muss sie jetzt aber noch unbedingt hinweisen, und sie wisse nicht, ob sie, die Mutter des Kindes, das schon weiß: es ist eine englischsprachige Einrichtung, d.h., man spricht mit den Kindern ausschließlich englisch.

Nach Rücksprache mit ihrem Mann entschließt man sich, das Kind in die Hände des Hortes zu geben, wo es dann auch aufs freundlichste aufgenommen wird. Selbst nach einer Woche vermag die Leiterin der englischsprachigen Krippe auf Nachfrage nichts Verhaltensauffälliges an dem Kind feststellen. Nur sprechen tut es halt noch nicht.

Durchaus nicht unwillig, lässt es sich täglich von seiner Mutter morgens in die Krippe chauffieren und gegen Spätnachmittag nach Hause verbringen. Auch spielt es fleißig mit den anderen Kindern. So weit wäre also alles in Ordnung.

Leider aber bleibt das Kind auch weiterhin stumm.

Bis an einem hellen, kalten Sonntagmorgen. Die Sonne wirft ihre klaren Strahlen durch das noch mit Weihnachtssternen dekorierte Fenster des Kinderzimmers. Träumerisch an einem Faden von der Decke hängend, baumelt vor dem Fenster ein geschliffener Glasstein. Er bündelt die Sonnenstrahlen und projiziert regenbogenfarbene Lichtflecken an die weiße Wand. Alles ist still.

Da kann man deutlich hören, wie der Kleine sagt: „Yes, Sir“.

Die Mutter blickt auf, aber sie versteht nicht. Sie kann kein Englisch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Bewegungsmelder

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Tai-Chi in der Lichtentaler Allee. Zum Public Viewing nach Baden-Baden   

Tai Chi ist nach Auskunft aller, die sich damit befassen, eine tolle Angelegenheit. Ursprünglich verstand man darunter eine ‚innere’ Kampfkunst (chinesisch 內家拳). Allerdings hat sich die Kampfkunst im Laufe ihrer mitteleuropäischen Zivilisierung zu einer Art Gymnastik entwickelt, die auch den nicht beteiligten Beobachtern höchsten Respekt abfordert. Das kann man immer mal wieder auch in der Lichtentaler Allee in Baden-Baden beobachten, wo selbst normale Deutsche vor einer staunenden Öffentlichkeit sich im Tai Chi üben. Außenstehende erinnert es mit seinen fließenden Bewegungen an eine Art Schattenboxen in Zeitlupe.

Unterzieht man sich diesen Übungen, könne man den köpereigenen Kräftefeldern behutsam nachspüren, so heißt es. Auch innerkörperliches Fließen, vielleicht von Ying nach Yang (oder so), kann empfunden werden.

Kurz: die Freunde dieses öffentlich und geräuschlos ausgeübten Kampfsports fühlen sich auch in seiner zivilen Variante in ihrer Persönlichkeitsentwicklung ziemlich gestärkt. Auf Nachfrage sagen sie so Sachen wie: übt man das Tai Chi aus, ist man irgendwie bei sich. Außerdem ist immer mal wieder von einer Art innerer Entschlackung die Rede. Ja, hätte man sich den Übungen unterzogen, sei das total geil. Anschließend fühle man sich  super drauf und auch noch pumperlg’sund.

Das muss ein Russe in der Allee gestern gründlich missverstanden haben. Am oberen Ende der Pferdewiese stehend, war er, von kurzer gedrungener Gestalt, ein ziemlich massiger Mann. Er trug den von slawischen Männern so geschätzten Adidas Trainingsanzug mit seinen drei seitlichen Streifen. An sich nicht Bemerkenswertes, hätte er an diesem vorfrühlingshaft kalten Morgen dort in aller Öffentlichkeit nicht die russische Variante des Tai Chi gepflegt.

Offensichtlich war es ihm gelungen, eine massive Eisenkugel nach Baden-Baden zu schaffen. Diese erinnerte entfernt an die Modelle, mit denen früher arme Sünder in den Verliesen fixiert wurden. Weiter hatte er bei sich eine Eisenstange, die er in ein Loch der Kugel zu schob. Jetzt konnte er die Stange plus Kugel als Hantel benutzen.

Wenn wir dem Tai Chi mit all seinen Bewegungsabläufen meditationsanregende Fähigkeiten zugestehen, dann bestand die von dem Russen gepflegte Variante nun aber darin, die Stahlstange mit der Stahlkugel um seinen Hals, aber auch um den massigen Oberkörper kreisen zu lassen. Dann ging er ein bisschen in die Hocke, wippte, nahm seine Bürde wieder auf und auf einmal schrie, nein, er brüllte furchtbar laut irgendwelche russisch klingende Wortfetzen. Dann wieder hoch die Kugel, entschlossenes Kreisenlassen des Gewichts auf Oberkörper und Schulterpartie. Dann Brüllen. Danach wippen. Kurzes Hochreißen, Kreisen. Brüllen. Wippen.

Man wird verstehen, dass die lautstarke Übung bei den Spaziergängern einige Irritation auslöste. Aber noch jemandem anderem gab sie zu denken. Am nahen Ufer der Oos stehend, blickte ein Fischreier kurz auf, wechselte das Standbein, und irgendwie sah es aus, als würde er sich fragen: was ist denn das für ein komischer Vogel?

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