Der Badenblogger » Blog Archives

Author Archives: Peter Ruhr

Allgemein Auswärts Menschen

Mit Tempo Richtung Zukunft

Published by:

In Basel ansässig: die größte Ferrari Niederlassung der Schweiz  

Niki Hasler ist ein überaus zurückhaltender, fast still wirkender Mann. So ist es mehr als verständlich, dass er so gar nichts hat von einem jener hochdrehenden Zwölfzylindermotoren  der Marke, die er vertritt: Ferrari. Das muss der auch nicht. Denn die Ferrari Niederlassung in Basel ist eine der größten Ferrari Händler der Schweiz; mithin ist er also ein wichtiger Teil einer Erfolgsgeschichte der Marke Ferrari, was sich in nicht geringem Maß am derzeitigen Aktienkurs ablesen lässt.

Die Niederlassung gibt es seit 2002. Begonnen hatte man mit sieben Personen. Mittlerweile wurde personell kräftig aufgestockt. In dem hellen, mit Showflächen reichlich gesegneten Gebäude lesen mittlerweile dreißig Angestellt den Kunden jeden Wunsch von den Augen ab. Die Anzahl der im letzten Jahr verkauften Fahrzeuge, bleibt diskret ungenannt. Doch darf man davon ausgehen, dass der massiv gestiegene Aktienkurs von Ferrari in den Verkaufszahlen der Firma seine verdiente Entsprechung findet.

Niki Hasler gibt an, dass 2023 in Maranello etwa dreizehntausend Autos gefertigt wurden, die – so wie in Basel – nicht nur durch die schiere Schönheit und Kraft den Kunden für sich einnehmen, sondern auch durch das Wissen um ihre Exklusivität, den Reiz der Verknappung. „Der Zauber der Begehrlichkeit soll unbedingt gewahrt bleiben“, sagt Niki Hasler und lächelt. Schließlich verkauft er nicht nur Autos, sondern auch hochmotorisierte Träume.

So einen hatte der Kunde möglicherweise lange in sich getragen, bevor er sich eines schönen Tages entschlossen hatte, den Traum wahr werden zu lassen und sich in der Hardstraße in Basel einzufinden. Dort scheint man bereits auf ihn gewartet zu haben. „Taylor-made“ ist das Schlüsselwort, mit dem Niki Hasler den Reiz einer möglichen Individualisierung andeutet. ‚Maßgeschneidert‘ also kann der Ferrari werden, in wunderbar vielen Fällen also nicht nur „von der Stange“. Allein schon die Anzahl möglicher Farblackierung! Waren ganz zu Anfang der Firmengeschichte die Wagen noch vielfarbig – weiß, silbern, blau – verengte sich das in den 80er Jahren aufs obligatorische Rot. Heute hat man’s gern wieder bunter. Immerhin: wer trotzdem noch ins Rot verschossen sein sollte kann auch heute noch ‚sein‘ Rot unter dreißig (!) Rottönen wählen, von möglichen Sonderlackierungen gar nicht zu reden. Warten also lohnt sich.
Dass Ferrari darüber hinaus noch mit Sondermodellen aufwartet, sollte hier durchaus angemerkt werden.

Diese aber glänzen nicht nur mir zusätzlichen Sonderfarben, sondern vor allem mit das Wissen, dass sie nicht jeder bekommt. Die Modelle MONZA Sp 1 & Sp2 z.B. gab es in der limitierten Zahl von fünfhundert. Jedes einzelne Modell war damals 1,4 Millionen Franken teuer, doch werden solche Modelle eher zugeteilt als verkauft. Der zahlungskräftige Kunde darf erst nach sorgfältiger Prüfung sich glücklich schätzen, zu den Auserwählten zu gehören. Da muss er sich Fragen gefallen lassen wie z.B. die: hat er bereits schon mehrere Ferraris, steht er loyal zur Marke? Ist von ihm kein Weiterverkauf des Ferrari zu befürchten, will er damit nicht handeln? All das nämlich sind Charaktereigenschaften, die den Kunden in den begnadeten Zustand versetzen, mit einer Sonderedition bedacht zu werden. Keineswegs in Betracht kommt also ein Kunde, der „nur die Kirsche auf der Torte“ sucht, so Niki Hasler.

Dass der Akt des Zuteilung eine nicht immer leichte Aufgabe ist, räumt der Ferraristi ungefragt ein. Nicht alle Kunden bringen das dafür nötige Verständnis auf, sind sie doch angetreten, sich die DNA der Marke implantieren zu lassen. Adlige und Finanzadlige, Unternehmer, Ärzte, kurz viele, die gewohnt sind, dass man ihre Wünsche erfüllt, und zwar subito. Nicht so angesichts des springenden Pferdes. Gerade hier, in einer solchen Situation, scheinen alle Menschen gleich zu sein. Verständlich, dass in diesem Umfeld die Frage nach Rabatten etwas zutiefst Verstörendes haben muss, so, als wäre diese Frage dem Ernst der Situation in keiner Weise angemessen.

Ferrari IST Italien, so die teure DNA der Marke. Doch getreu dem Spruch aus Lampedusa’s ‚Leopard‘: „Es muss sich alles ändern, damit alles bleibt, wie es ist“ – ändert sich derzeit Vieles. Hatte der frühere Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo noch kategorisch ausgeschlossen, dass in Maranello je ein SUV vom Hof rollt, so hat sich das unter dem derzeitigen Máximo Líder Benedetto Vigna geändert. In der langen Reihe der Ferrari Granden ist er ausdrücklich kein Motorhead, sondern Physiker und kommt von einem italienisch-französischen Halbleiterhersteller. So gibt es seit 2022 auch den Ferrari „Purosangue“, der mit seinen 725 PS für sich in Anspruch nehmen darf, der stärkste aller SUVs zu sein. Anfänglich durchaus skeptisch, hat das Vorgestellte dann auch Hasler überzeugt, sieht er doch in dem Viersitzer durchaus einen reiner Sportwagen, der gleichzeitig aber aufzeigt, was Ferrari eben auch kann: die ganze Familie beschleunigen.

Angesichts dieser Modellpalette kann der Schweizer ‚Official Ferrari Dealer‘ getrost nach vorne blicken. Von Basel aus ist er Frankreich wie Deutschland gleichermaßen nah, aber auch der ganzen Schweiz zu Diensten. Wessen Ferrari z.B. im Tessin nach einem Kundendienst verlangt, darf darauf zählen, dass sein Wagen mit Transporter abgeholt und wieder zurückgebracht wird. So setzt man der Beschwerlichkeit der Entfernung den Segen des Service entgegen. Pferde wollen halt gepflegt sein.






















 

Allgemein

Kannnixdafür

Published by:

Normalerweise beschäftigen wir uns hier vorwiegend mit den wichtigen Dingen des Lebens wie etwa diesen, dass wir kürzlich mit unserem Blog die Millionengrenze gerissen haben. Ein andermal gehen wir der Frage nach, warum Katzen auf Bäume klettern und zu guter Letzt von der Feuerwehr geborgen werden müssen. Weiter hatten wir ein jüngst das Thema, dass ein Jagdhund durch ein fallendes Herbstblatt so irritiert war, dass er einfach stehen blieb, dem sanften Fall des Blattes aufmerksam  zusah und deshalb bei der finalen Eignungsprüfung durchfiel.

Das nur einige wenige Beispiele, die uns aber so wichtig erscheinen, dass wir glaubten, uns mit ihnen hier näher beschäftigen zu müssen. Neulich aber flog uns ein Thema förmlich zu, das eher abstrakt ist. Es dreht sich um die Frage: warum hat eigentlich heutzutage niemand mehr Schuld an irgendetwas?

Zunächst hier mal ein aktuelles, wenn auch fast politisch – philosophisches Beispiel: warum kann nach der aktuellen Lage offensichtlich niemand etwas dafür, wenn uns u.U. in nicht zu ferner Zukunft irgendwelche freundlich Zugezogenen sagen, wie wir zu leben haben. 

Machen wir’s mal ne Nummer kleiner und bringen noch zwei andere Fälle. Wer ist z.B. letztlich Schuld, wenn der eigene Rechner immer mal wieder aus heiterem Himmel abstützt und unsere Daten im Nirgendwo verschwinden? Wo könnte man sich beschweren? Beim Vorstand eines Internetgiganten? Und wie verhält es sich mit den Finanzämtern? Alljährlich fragt man sich, warum unsere Steuerrückzahlungen erst nach gefühlt jahrelanger Verspätung auf unserem Konto eingehen, obwohl doch jede Verzögerung unserseits pünktlich mit massiven Strafzinsen geahndet werden. Fragt man am Amt nach, können die Leute dort dafür nun aber wirklich nichts. Ansonsten ist der Kollege dort eben mit Corona beschäftige, lebt im Mutterschutz oder musste mal raus.

Das alles mag ziemlich ärgerlich ein; verglichen mit der Bahn ist das aber gar nichts!

Die Tatsache ist doch die: trotz offensichtlich größten Bemühungen seitens des Bahnbetriebs nimmt die Zahl der verspäteten oder ausgefallen Züge ständig zu. Da liegt die Frage nahe, wer eigentlich die Verantwortung für diese Unannehmlichkeiten oder Verspätungen letztlich trägt? Wer entschädigt den Reisenden für geplatzte Geschäftstermine, verpasste Flugverbindungen oder gar ausgefallene Begrüßungsküsse?
Erfahrungsgemäß wird ein Nachfragen wenig bringen. Nach Gründen für den Ausfall des Zuges gefragt erhält man ausweichende, wenn auch regional fein abgestimmt Antworten. In Berlin etwa wird die Antwort etwa so lauten: „Wees ik doch nich. Bin ik die Lok“? Oder weiter südlich: „Kann ich ihnen nich‘ sagen. Is‘ immer so“.
So bleibt nur zu konstatieren: nach Lage der Dinge kann neuerdings niemand mehr für irgendetwas. Keiner ist mehr Schuld. Es droht eine Zukunft der allgemeinen Nichtzuständigkeit.
Angesichts dieses Zustandes dürfen wir uns dann auch nicht wundern, wenn als schlüssiger Ausdruck all dieser Unzuständigkeiten neuerdings das Schulterzucken zur alles bestimmenden Geste der Schuld- oder Verantwortungslosigkeit zu werden droht. Ja, wie manch einer sich regelmäßig der körperlichen Ertüchtigung hingibt, so steht zu vermuten, dass ganze Heerscharen von Nichtverantwortungtragenden sich den lieben langen Tag in einem kollektiven Schulterzucken üben. Derart verbreitet, scheint das Heben und Senken der Schulter mittlerweile zu einem regelrechten Massenphänomen geworden zu sein.

So bleibt uns Geschädigten nur noch zu hoffen, dass sich die täglich vermehrende Masse der Nichtverantwortlichen beim alltäglichen Schulterzucken wenigstens die Schulter verrenkt. Was zugegebenermaßen ein eher schwacher Trost ist.

Aber dafür können wir ja nun wirklich nichts.

Allgemein Kultur Musik

Simon Rattle – geschenkt!

Published by:

Das Rheingold/Richard Wagner/Berliner Philharmoniker/Sir Simon Rattle

Einmal dabei: zum Konzert in die Isarphilharmonie

Ich gehe gern ins Konzert, wobei ich sagen muss, dass mich das Symphonische ganz besonders anspricht – vor allem natürlich dann, wenn ich eingeladen bin. Gestern z.B. war wieder einmal so ein Tag, der es gut mit mir meinte. Das freute mich ganz besonders, weil die Konzertkarte stolze € 81 gekostet hätte. In so einem Fall genieße ich das natürlich doppelt, vor allem, weil das ja nicht alltäglich ist. Freilich sollte man -auch wenn man eingeladen ist – etwas dafür bekommen.
Versprochen war ein Konzert des Symphonieorchesters des Bayrischen Rundfunks unter der Leitung von Simon Rattle. Freunde gepflegten Orchesterklangs dürfte er bestens bekannt sein, schon allein wegen seiner Frisur, die, eine Überfülle weißgelockter Haare, auch die Hülle seiner Schallplatten ziert. Man könnte sie durchaus als ein Markenzeichen von ihm bezeichnen, zumal sie ihm sowohl auf der Plattenhülle als auch beim Auftritt gut zu Gesicht steht. Dies dürfte auch am englischen Königshof nicht ganz unbemerkt geblieben sein, denn man hatte ihm – auch seiner enormen Musikalität wegen – schon vor geraumer Zeit den Titel ‚Sir‘ verliehen. An besagtem Abend also dirigierte Sir Simon Rattle.

Stilistisch betrachtet gab’s Spätromantisches. Berlioz, Debussy und Ravel. Dazu kam das Werk des nicht so bekannten Charles Koechlin. Dem Namen nach Elsässer, war er aber doch – wie ich dem Programmheft entnahm – ein waschechter Franzose, was einmal mehr unterstreicht, dass der Erwerb eines Programmheftes eine sinnvolle Investition sein kann. Dort war er zudem als „Stilles Genie unter Krachmachern“ angekündigt, was aber nicht ganz stimmte. An b1esagtem Abend verdankten wir ihm  das lauteste Stück!

Dass ich das so empfand, lag ein Stück weit auch an meinem Sitzplatz in der 4. Reihe. Die Reihen 1-3 waren gar nicht vorhanden, weshalb dort, wo die Reihe 1 hätte sein müssen, schon das Orchester saß, das nun begierig darauf wartete, sich unter die ‚Stabführung‘ des Maestro zu begeben. Das Orchester war erstaunlich groß. Allein sieben Streichbässe!  Manch einer mochte sich fragen, ob’s ein oder zwei Bässe weniger nicht auch getan hätten. Jedenfalls gab es an diesem Abend ungewohnt viele Musiker für vergleichsweise wenig Geld.

Das Programmheft hatte dem Dirigenten im Vorfeld „Bezwingendes Charisma“ bescheinigt, doch als er dann endlich aus der Kulisse trat und hochdynamisch dem Podest zustrebte, kam er – die Höhe falsch einschätzend – beim Ersteigen des Podests fast zu Fall. Dass so etwas einem erfahrenen Dirigenten passiert!

Er hatte sich aber schnell wieder gefasst, und so konnte das Konzert mit Berlioz’ ‚Romeo et Juliette’ beginnen, ein Stück, dessen Interpretation ein Kritiker später als bezwingend lobte und dessen wuchtiger Klang noch dem letzten Besucher klarmachte, wofür man die enorme Menge an MusikantInnen aufgeboten hatte – von den sieben Bässen gar nicht zu reden. Wunderbar auch, dass man endlich einmal die Harfe zu sehen bekam. Normalerweise versteckt man das an sich doch schöne Instrument im Orchestergraben. Und auch eine Harfenistin war zu sehen, die, wie oft genug, keineswegs blass und blond war, sondern die Zuhörer mit lebendigem Teint und dunklem Haar für sich einnahm. Gut zu sehen auch, dass sie bei diesem Repertoire alle Hände voll zu tun hatte.

Meiner vorgeschobenen Sitzposition verdankte ich außerdem eine klare Sicht auch eine ca 40 jährige Violonistin, die in meinem unmittelbaren Blickfeld musizierte und als eine der wenigen, soweit ersichtlich, keinen schwarzen Punkt am Kinn hatte, eine Art Druckstelle, die, so versicherte man mir,  in der Regel auf fleißige Übungtätigkeit verweist. Über weite Strecken geigte sie überaus engagiert auf. War sie musikalisch nicht gefordert, lugte sie ganz entspannt in die Gegend. Ein klarer Hinweis darauf, dass die wahre Arbeit so einer Geigerin im häuslichen Kreis stattfindet.

In den stilleren Passagen des Werks fand die Muse, mich umzudrehen und die hinter mir sitzenden Konzertbesucher einmal näher zu betrachten. So kam ich nicht umhin, eine vergleichsweise hohe Dichte fernöstlicher Besucher zu konstatieren. Bei abschwellendem Orchesterlärm erstaunte mich das derart, dass ich mich fragte, ob China angesichts dieser enormen Verluste an Menschen nicht fast leer sein müsse? Nicht genug! Es gab sie auch im Orchester. In den kurzen Pausen des Werks, fragte ich mich bisweilen, was diese fernöstlichen Musiker bei so einem Werk fühlen und warum es sie deswegen in den Westen treibt. Was hat Musiker und Zuhörer aus dem fernen Kulturkreis bewogen, über den Rand ihrer Teetassen hinauszublicken und sich an die Isar aufzumachen? Was hören sie da? Sie, die vom Reis in dünnwandigen Schüsselchen groß geworden, hatten in Vorzeiten anlassbezogen noch „Tora, Tora“ gerufen; heute sitzen sie  hier im Westen, um Musikern in speckigen schwarzen Anzügen mit Schwalbenschwänzen zuzujubeln. Was macht das mit ihnen, haben sie tausende von Euro ausgegeben, um z.B. anlässlich des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker im Publikum zu sitzen? Warum macht es sie Stolz, sehen sie ihre Töchter beim Wiener Opernball übers Parkett schweben? Erinnert sie das an den langen Marsch? Rätselhafter ferner Osten!

„Ungeheuer schwierig aufzuführen“, so stand es im Programmheft. Verständlich, dass nach „Romeo et Juliette“ sowohl den Musikern als auch den Konzertbesuchern der Sinn nach einer Pause stand, über die hier nicht viel erzählt werden soll.

Zu groß war die Spannung bezüglich des noch folgenden Programms. Versprochen war noch Claude Debussy’s „Jeux“, weiter den oben bereits angeführten Charles Koechlin und, als Abschluss: Maurice Ravel, von dem man sich natürlich fragte, ob er gut ausgehen würde. Und in der Tat endete der Konzertabend so, wie man es sich wünscht. Von dem Wunsch beseelt, das Publikum nicht gänzlich zu verschrecken, hält man es üblicherweise für geboten, ein noch so dissonantes Programm versöhnlich enden zu lassen, am besten mit einem Walzer, oder, wie im vorliegenden Fall mit dem ‚La valse‘ von Ravel. Zwar bescheinigt das Programm dem Schluss des Werkes ein „fataler (…) fratzenhafter Abgang auf ein ganzes Jahrhundert“. 

Aber die meisten Besucher werden gedacht haben: besser als nichts. Großer Beifall. 


Allgemein Auswärts Institutionen Menschen Stadtstreicher Texte / Poesie

Post von der Katz´

Published by:

Es dürfte unbestritten sein, dass der Umzug in ein Alten- oder Pflegeheim zu den einschneidendsten Ereignissen  im Leben eines Menschen zählt. Herausgerissen aus den liebgewordenen vier Wänden, findet er sich wieder in einer gänzlich neuen Umgebung, die ihm zunächst völlig fremd erscheint. Da ist es gut, wenn er beim Umzug in den neuen Lebensabschnitt zumindest das eine oder andere ihm Vertraute mitnehmen kann. Hier ein silbergerahmtes Foto der Enkel, dort das Blaupunktradiogerät mit dem die Programmstärke anzeigenden ‚Katzenauge’ oder, was am besten wäre, er könnte die  Katze gleich selbst mitnehmen. Dass dies in manchen Häusern bereits heute möglich ist, durfte die ältere Dame in einem Altenpflegeheim im Markgräflerland erleben. Dort erlaubte man ihr, ihre geliebte Katze auch weiterhin bei sich zu behalten.

Dies war umso problemloser, da es sich bei ihr um ein ebenso schönes,  wie verschmustes Tier handelte, das sich – wen wundert´s – der Sympathie und Zuneigung der vielen älteren Damen erfreute. So konnte die Katze fortan zur Verschönerung des Alltags zahlreicher Menschen maßgeblich beitragen.

Nun geschah es aber, dass die Eignerin der Katze eines Tages starb. Ungeachtet des Todes der vormaligen Besitzerin strich die Katze wg allgemeiner Beliebtheit aber auch weiterhin von Zimmer zu Zimmer, wo man sie unentwegt mit den üblich eigenartigen Zischlauten („bsbsbsbsbsss“) ins Innere der Zimmers lockte. Dort wurde sie gestreichelt. Man wird nicht zu weit gehen, wenn man  diese Form der Zuneigung seitens der Heiminsassen als durchaus lebensverschönernd, ja, lebensverlängernd betrachtet.

In der auch auf einer Pflegestation durchaus herrschenden Hierarchie konnte fortan diejenige Pflegebedürftige punkten, auf deren Schoß die Katze sich möglichst lange schnurrend aufhielt. „Bei mir“, so war dann manchmal zu hören, „hat es die Katze halt am besten“. Die Verweildauer der Katze wurde so unausgesprochen als positiver Akt gedeutet. Sie legte Zeugnis ab von der emotionalen Fähigkeit der streichelnden Heimbewohnerin. In der Welt der freundlich dekorierten Zimmerfluchten einer Pflegestation konnte dies durchaus als prestigeförderndes Merkmal gelten.

Nun war aber dem aufmerksamen Pflegepersonal nicht entgangen, dass sich die Verweildauer der Katze auf je einzelnen Schößen ungleich verteilte, d.h. es gab Heiminsassinnen, die in zunehmendem Maß von dem Schmußebedürfnis der Katze profitierten. Zunächst wurde dies auch mit übergroßer Freude registriert, was sich aber alsbald ins Gegenteil verkehrte, wenn die Heiminsassin nämlich bald darauf verstarb und  den Streicheldienst zwangsläufig ein-stellte.

In den Schwesternzimmern wurde dies zunächst augenzwinkernd registriert, eine Eigentümlichkeit, der man anfänglich kaum Beachtung schenkte. Ja, es wurden sogar Witze gerissen, wie denn der Pflegedienst mit seinen Härten von Zeit zu Zeit durchaus nach heiteren Momenten verlangt. Anfänglich gab das möglicherweise zu erwartende Ableben einer Person nach dem häufigen Besuch der Stationskatze noch Anlass zu spaßigen Wetten. Einmal wurde eine  eintreffende Vorhersage sogar mit einer Geschenkpackung ‚MonCherie’ entlohnt!

Allmählich sensibilisiert, verdichtete sich der Verdacht, dass mit dem häufigen Besuch der Katze das baldige Ableben der Besuchten einherging. Dies veränderte die Stellung der Katze innerhalb der Abteilung aufs nachdrücklichste. Was zunächst das Personal noch zu Späßen ermunterte, wurde durch die zunehmenden Regelhaftigkeit und deren empirische Unterfütterungen bitterer Ernst.

Dabei wurde der Kreis der dies Ahnenden  zunehmend größer. Es war nicht mehr auszuschließen,  dass der Verdacht, innerhalb der Station eine behaglich schnurrende Todesbotin zu beherbergen, bis zu den Pflegeinsaßen durchsickerte.

So entschloss sich die Heimleitung zur großen Irritation und Trauer der Heimbewohner, die Katze in ein anderes Heim zu geben.

Wobei angefügt werden muss, dass es sich dabei um ein Tierheim handelte.

Allgemein

Poesie in Flaschen

Published by:

Von der Schwierigkeit, einen Schluck in Worte zu fassen


Eine gute Bekannte von mir lebt vom Wein, ja, eigentlich vom Wein der Anderen. Mittlerweile ist sie eine renommierte Weinfachfrau, eine Sommeliere. Um es soweit zu bringen sollte man eine solide Ausbildung haben, die sie denn auch hat. Nach zahlreichen strengen Prüfungen darf sie sich also seit geraumer Zeit mit der Berufsbezeichnung Sommeliere schmücken, ein Beruf, der neben einem sensiblen Gaumen auch große Kenntnis der Rebsorten, der Anbaugebiete etc erfordert.

Nun lebt so jemand zwangsläufig nicht nur vom bloßen Genießen der edlen Tropfen, sondern es bringt der Beruf so mit sich, dass man nach einem prüfenden Schluck auch über den Tropfen spricht. Und zwar in einer angemessenen Weise. So genügt es z.B. nicht, einen edlen Wein schlichtweg als ‚Granate‘ zu bezeichnen sondern man sollte – nachdem einen so eine Granate getroffen hat – schon in der Lage sein, diesen Glückstreffer zu erkennen, um ihn dann uns, dem Leser, auch einen solchen zu vermitteln. Hierzu bieten sich eine große Anzahl von Magazinen an, die sich ausschließlich mit dem Thema ‚Wein‘ beschäftigen. Ein großer Platz in diesen Heften nimmt die Bewertung dieser zahlreichen Weine ein. Hierzu bedienen sich die Weinprüfer eines ausgeklügelten Wortschatzes, der uns Außenstehenden vermitteln soll, was im Gaumen des Testers so abgeht, wenn der Tropfen explodiert.

Um das hier einmal näher zu erläutern, sollten wir vielleicht einmal einen Blick in die einschlägigen Journale werfen, die allesamt ziemlich gut das abbilden, was der durstige Weingenießer an einem möglichen Tropfen zu schätzen weiß.

Die sogenannte Verkostung beginnt zweckmäßigerweise mit dem Entkorken der Flasche. Daran anschließend beginnt das kleine Einmaleins des Weinbeschreibens, in der Regel mit der Assoziation des Obstgeschmacks, mit der der Weinjournalist seine Verkostung umreißt. „Brombeere, Schwarze Johannisbeere, Blaubeere“ – das ist schon mal ein guter Einstieg in die Verkostung. Da kann man nichts falsch machen.


Dann aber schmeckt der (oder die) Weinkundige, dass der Traube doch vielleicht mehr innewohnt als bloße Beeren. Er schmeckt jetzt auch: “Quitte, reifer Apfel“. In einer anderen Flasche meint er „weißer Pfirsich“ herauszuschmecken, zudem macht sein Gaumen „Mandarine, Aprikose, Buttermilch“ aus, vielleicht auch noch „Vanille, reichhaltig“.

Ein „fruchtiger Duft von Schattenmorelle“ gemahnt wieder eher an den Obstgeschmack: „fruchtiger Duft von Schattenmorelle“ heißt es da, und in der Flasche nebenan paarte sich bei einer Verkostung wundersamerweise „Aprikosengelee“ mit „Darjeeling-Tee“

Doch weiter geht’s mit unserem hurtigen Streifzug durchs terminologische Unterholz. Auf der Seite 94 eines solchen Magazins bescheinigt man einem „Montlouis-sur-Loire“ zu € 23,70, er sei ein „ansprechender Naturbursche. Am Gaumen finessenreich und gute Struktur“. Da kann man ihm nur zurufen: Glück gehabt! Den „Vouvray AOC Le-Haut-Lieu Sec 2021“ (€ 29,90) hat es da härter getroffen. Ihm bescheinigt man, er sei etwas ‚Seifig‘. Immerhin seien hier „Gute Leute am Werk, die einen jungen, zupackenden Chenin Blanc präsentieren“.

In einem anderen Geschmacksportfolio verbergen sich: „Brioche. Feuerstein“, in einem weiteren hingegen schlummert der Geschmack von „Bohnerwachs und Zigarrenkiste“.

Da hatte ein Tester anscheinend schon einen animierenden Schluck genommen. Sein Kollege riecht erst mal am Glas („Odor“) und bescheinigt dem Wein: „Die Nase zunächst ein wenig medizinal, Hansaplast“. Ein weiterer Wein „zeigt sich animalisch und wild, erinnert an Moschus, Rosshaar und Heu“.

Nicht genug. Dem interessierten Leser machen die Glaspoeten noch Lust auf noch mehr, z.B. auf “ Mandarinenschale – Orange – Mango – Banane“. Klar. Und weiter? Auf einen „Hauch Schnittlauch“, „Kirsche. Unterholz“ und was einem halt so alles noch einfällt, wenn man berufsbedingt den Mund voll nimmt.

Kurz, man weiß nicht so recht, ob die selige Weinzunft die neue Art zu texten mittels ChatGPT freudig erwarten oder fürchten muss. Denn eines scheint klar: das wiederholte Aufrufen verschiedener Obstsorten zur Geschmacksbestimmung der Weine ist auf die Dauer doch etwas ermüdend. Neue Terminologien werden bemüht. So nimmt sich der Weinkritiker der WAS die Cuvee l’Antique 2021 der Domaine Roc de l’Abbaye deskriptiv zur Brust. Er bescheinigt dem Wein, dieser sei geschmacklich „auf eine eigene Art vielschichtig“. Eher „…gering ein Brie…der gerade aus dem Kühlschrank geholt wird…“ Ach, was! Eigentlich erinnert ihn der Wein an „…feuchte Senfsaat und ein gerade ausgewaschener Aschenbecher, in dem jetzt Stücke einer Honigmelone liegen“.

Diese wenigen hier angeführten (und echten!) Beispiele mögen verdeutlichen, dass es beim Betrachten der üblichen Begrifflichkeiten dieser Branche wohl nicht ausgeschlossen werden kann, dass man sich mit heiterem Fabulieren über die tägliche Distanz rettet. Denn in der Tat muss und soll über Wein geschrieben werden, nur scheint keine oder keiner so recht zu wissen, wie das ernsthaft zu bewerkstelligen ist. So hat man sich im Laufe der Zeit auf eine Terminologie geeinigt, die alles oder nichts meint. Denn wie anders soll man verstehen, wenn eine Geschmacksbeschreibung einem Gang durch die Obstplantagen ähnelt, wenn „Jod. Eisen, praktisch ohne Frucht“ bemüht wird, um einen Tropfen zu klassifizieren?

Über all das könnte man sich amüsieren. Man könnte im Zustand seliger Betrunkenheit den Formulierungen vor Ort im Glas nachspüren und sich darüber nüchtern lachen. Und doch ist nicht auszuschließen, dass von diesen oben formulierten ‚Expertisen‘ Existenzen abhängen, Weingüter, die nach Erscheinen der Weinpublikationen mit angehaltenem Atem das eben gesprochene Urteil ernst zu nehmen sich gezwungen sehen.

Da wird man schon froh sein, wenn einem die fröhliche Sommeliergemeinde bescheinigt, bei dem getesteten Wein sei ein „fantastischer Trinkfluss garantiert“, oder, wie meine Bekannte oft genug mit lobendem Unterton festhält, der eben verkostete Wein sei „ein Wein zum Trinken“.






  • Archive

  • Besucher

    Total Visitors
    1146304
    1905
    Visitors Today
    40
    Live visitors