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Post von der Katz´

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Es dürfte unbestritten sein, dass der Umzug in ein Alten- oder Pflegeheim zu den einschneidendsten Ereignissen  im Leben eines Menschen zählt. Herausgerissen aus den liebgewordenen vier Wänden, findet er sich wieder in einer gänzlich neuen Umgebung, die ihm zunächst völlig fremd erscheint. Da ist es gut, wenn er beim Umzug in den neuen Lebensabschnitt zumindest das eine oder andere ihm Vertraute mitnehmen kann. Hier ein silbergerahmtes Foto der Enkel, dort das Blaupunktradiogerät mit dem die Programmstärke anzeigenden ‚Katzenauge’ oder, was am besten wäre, er könnte die  Katze gleich selbst mitnehmen. Dass dies in manchen Häusern bereits heute möglich ist, durfte die ältere Dame in einem Altenpflegeheim im Markgräflerland erleben. Dort erlaubte man ihr, ihre geliebte Katze auch weiterhin bei sich zu behalten.

Dies war umso problemloser, da es sich bei ihr um ein ebenso schönes,  wie verschmustes Tier handelte, das sich – wen wundert´s – der Sympathie und Zuneigung der vielen älteren Damen erfreute. So konnte die Katze fortan zur Verschönerung des Alltags zahlreicher Menschen maßgeblich beitragen.

Nun geschah es aber, dass die Eignerin der Katze eines Tages starb. Ungeachtet des Todes der vormaligen Besitzerin strich die Katze wg allgemeiner Beliebtheit aber auch weiterhin von Zimmer zu Zimmer, wo man sie unentwegt mit den üblich eigenartigen Zischlauten („bsbsbsbsbsss“) ins Innere der Zimmers lockte. Dort wurde sie gestreichelt. Man wird nicht zu weit gehen, wenn man  diese Form der Zuneigung seitens der Heiminsassen als durchaus lebensverschönernd, ja, lebensverlängernd betrachtet.

In der auch auf einer Pflegestation durchaus herrschenden Hierarchie konnte fortan diejenige Pflegebedürftige punkten, auf deren Schoß die Katze sich möglichst lange schnurrend aufhielt. „Bei mir“, so war dann manchmal zu hören, „hat es die Katze halt am besten“. Die Verweildauer der Katze wurde so unausgesprochen als positiver Akt gedeutet. Sie legte Zeugnis ab von der emotionalen Fähigkeit der streichelnden Heimbewohnerin. In der Welt der freundlich dekorierten Zimmerfluchten einer Pflegestation konnte dies durchaus als prestigeförderndes Merkmal gelten.

Nun war aber dem aufmerksamen Pflegepersonal nicht entgangen, dass sich die Verweildauer der Katze auf je einzelnen Schößen ungleich verteilte, d.h. es gab Heiminsassinnen, die in zunehmendem Maß von dem Schmußebedürfnis der Katze profitierten. Zunächst wurde dies auch mit übergroßer Freude registriert, was sich aber alsbald ins Gegenteil verkehrte, wenn die Heiminsassin nämlich bald darauf verstarb und  den Streicheldienst zwangsläufig ein-stellte.

In den Schwesternzimmern wurde dies zunächst augenzwinkernd registriert, eine Eigentümlichkeit, der man anfänglich kaum Beachtung schenkte. Ja, es wurden sogar Witze gerissen, wie denn der Pflegedienst mit seinen Härten von Zeit zu Zeit durchaus nach heiteren Momenten verlangt. Anfänglich gab das möglicherweise zu erwartende Ableben einer Person nach dem häufigen Besuch der Stationskatze noch Anlass zu spaßigen Wetten. Einmal wurde eine  eintreffende Vorhersage sogar mit einer Geschenkpackung ‚MonCherie’ entlohnt!

Allmählich sensibilisiert, verdichtete sich der Verdacht, dass mit dem häufigen Besuch der Katze das baldige Ableben der Besuchten einherging. Dies veränderte die Stellung der Katze innerhalb der Abteilung aufs nachdrücklichste. Was zunächst das Personal noch zu Späßen ermunterte, wurde durch die zunehmenden Regelhaftigkeit und deren empirische Unterfütterungen bitterer Ernst.

Dabei wurde der Kreis der dies Ahnenden  zunehmend größer. Es war nicht mehr auszuschließen,  dass der Verdacht, innerhalb der Station eine behaglich schnurrende Todesbotin zu beherbergen, bis zu den Pflegeinsaßen durchsickerte.

So entschloss sich die Heimleitung zur großen Irritation und Trauer der Heimbewohner, die Katze in ein anderes Heim zu geben.

Wobei angefügt werden muss, dass es sich dabei um ein Tierheim handelte.

 

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Süsses Gift

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Die Donau ist der zweitlängste Fluss Europas. Sie entspringt einem kleinen Rinnsal im Schwäbischen, in Blaubeuren, um dann, nach 2857Km, am Ende ihrer Reise, als mächtiger Strom ins schwarze Meer zu münden.

Auf dem Weg in ihrem Millionen Jahren alten Bett passiert der Strom in Österreich eine Passage, die heute die Wachau genannt wird. Ein Flecken, getränkt von Geschichte. Die Passage beginnt mit dem Kloster Melk, das den Anfang einer der romantischsten Teil der ganzen langen Reise macht. Kurz nachdem der Fluss Melk passiert hat, führt sein Weg er zunächst an einem Ort namens Willendorf vorbei, wo 1908 eine 11 cm große Figur, die sogenannte ‚Venus von Willendorf‘ gefunden wurde. Dort lebte sie vor ca 30 000 Jahren und so darf man sie getrost als die Urmutter aller Österreicher bezeichnen.

Weiter dann in Richtung Osten passiert die Donau das romantische Städtchen Dürnstein, wo 1192 Richard Löwenherz auf seiner Heimkehr vom Kreuzzug entgegen aller ritterlicher Gepflogenheiten von Hadmar II. von Kuenring festgesetzt wurde. Es geht die Sage, dass ihn dort Getreuer namens Blondel suchte, ein mittelalterlicher Wandersänger, der mit seiner Leier wohl laut genug musiziert hatte, so dass ihn sein Herr aus dem unwirtlichen Verlies hätte hören können. Allein, er fand ihn nicht. Doch hat diese durch und durch musische Gegend auch noch mit Glück eines musikgetränkten Drehortes aufzuwarten, denn dort wurde 1961 der Film ‚Mariandl‘ gedreht, dessen Verse „Mariandl, – andel, – andel, aus dem Wachauerlandel“ allen Musikbegeisterten noch in bester Erinnerung sein müssten.

Ein durch und durch romantisches Tal also, das zudem mit einem der wohl schönsten Ort aufwarten kann: dem rund um den ‚Tausendeimerberg“ gelegenen heimeligen Wein-Dörfchen Spitz.

Wer als Tourist sich aufmacht, diesen malerische ‚Tausendeimerberg“ zu erklimmen, beginnt damit am besten in der Mitte des Ortes, bei der Kirche, und biegt dann ab in die ‚Untere Gasse‘ Richtung ‚Weinsteigeweg‘, der sich dort schmal und romantisch langsam bergan bewegt. Kleine Häuser säumen den Aufstieg. Sie scheinen ihm heimelig und vertraut. Eine Bilderbuchidylle, die allenfalls eine leichte Trübung erfährt durch die Inschrift in einem Fenster, die den Wanderer sozusagen auf den Boden der Tatsachen bringt. Dort liest er:

Wir wollen hier:
– nichts kaufen
– nichts spenden
– unsere Religion nicht wechseln
– wir sind versichert
– und unsere Rechnungen bezahlt.
also: Tschüss!

Hat der Besucher dann, gründlich belehrt, die Spitze des ‚Tausendeimerberges‘ erreicht, wird es ihm ein tiefes Bedürfnis sein, seine Blicke schweifen zu lassen. Über unten liegende Dorf und auch auf die träge dahinfließende Donau, an deren Ufer vor tausend Jahren im ‚Niebelungenlied‘ die Burgunder in einem unheilvoll endenden Zug zu Etzel nach Ungarn gezogen waren. Auch sie müssen damals an dem kleinen Ort Spitz vorüber gekommen sein. Wahrscheinlich bestand der Ort früher lediglich aus ein paar elenden Hütten; auch dürfte er anders geheißen haben. Ob die Bewohner einen Blick für die romantische Seite ihres Fleckens gehabt hatten?

Eher nicht.

So ist es auch schwer vorstellbar, dass es schon damals einen Zank um die attraktivsten Grundstücke dieses Fleckchens gegeben hat. Das sollte noch eine geraume Weile dauern. Dann aber kam der Zank umso heftiger. Eines der Filetstücke der Gemeinde war wohl das Gelände des sogenannten „Klosterhofs“. Dieses Grundstück war später von einem Heurigen-Wirt namens Helmut Osberger gekauft worden und sollte fürderhin Anlass zu großem Ungemach bieten.

Denn der Blick des neuen Grundstückeigners schwenkte recht bald über den Rand seiner Weingläser, auch über das braune Holz seiner Theke und fand so in einer nicht zu fernen Zukunft sein Ziel. Er hatte eine Vision. In der vagen Hoffnung auf reiche Heilwasserbestände wollte er auf seinem neu erworbenen Gelände eine Tiefbohrungen vornehmen lassen. Würde sich dann (wovon er zutiefst überzeugt war) der Erfolg einstellen, könnte aus dem kleinen Weinort Spitz ein ‚Bad Spitz‘ werden, und aus dem vormaligen Wirt einer Weinschenke ein allseits geachteter Eigner des ‚Thermalhotels‘.

Allein – mit Visionen ist das so eine Sache. Nicht jeder, der sie hat, kann sicher sein, dass sie vom Nachbarn geteilt werden. Und so kam es, dass zum allergrößten Bedauern unseres Visionärs ausgerechnet der, der sich nicht für eine Vision begeistern konnte, der für so ein Bauvorhaben maßgebliche Bürgermeister des Ortes war. Sein Name lautete Hannes Hirtzsberger. Ausgerechnete dieser Hans Hirtzberger also sah keinen Anlass, derlei Bohrvorhaben zu genehmigen, zumindest aber hatte er wohl Auflagen gemacht, die offensichtlich kaum zu erfüllen waren.

Spricht man mit Einheimischen, wird dem Heurigenwirt ein durchaus aufbrausendes Wesen bescheinigt. Leicht erregbar sei er gewesen, und eher unversöhnlich. Man erinnert sich an ihn aber auch als ‚Macher‘, bekannt dafür, dass er seine Ideen mit großem Engagement und Nachdruck verfolgt.

Das also mag die Situation gewesen gewesen sein, als er noch am 25.12.2007 seinem Bürgermeister ein Schreiben mit Weihnachtsgrüßen an die Windschutzscheibe seines Autos klemmte und dieses einleitete mit der Ansprache „Werter Hannes!“. Was im Nachhinein die Verteidigung als Ausdruck einer Art „Hochschätzung“ wertete, sollte sich später aber leider nur als Intro zu weiteren Schritten herausstellen.

Denn schon 8.2. des darauffolgenden Jahres fand der Bürgermeister des Ortes an der Windschutzscheibe seines Autos eine Notiz: „Wollte dir was Wichtiges sagen“, und auf der Innenseite: „Du bist für mich etwas ganz Besonderes“.

Diese verbale Wertschätzung ergänzend fand sich beigelegt eine Gabe, die das Besondere der Wertschätzung in fast süßer Weise unterstrich; ein Praline namens ‚Mon Cherie‘. In Deutschland wurde diese Marke bereits seit 1957 vertrieben, wobei man noch ergänzend anführen könnte, dass im Schnitt weltweit jährlich etwa 130 Millionen Kilogramm ‚Mon Cherie‘ verzehrt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bürgermeister der süßen Verführung einer alkoholisierten Kirsche erliegen würde, war also durchaus gegeben. Die äußere Hülle dieser populären Süßigkeit besteht aus Zartbitterschokolade. Im Inneren befindet sich 0,66 Gramm Likör sowie eine sogenannte ‚Piemont-Kirsche‘, die aber nicht selten aus der südbadischen Ortenau stammt. Für Alkoholiker ist der Verzehr eher nicht geeignet. So hat die Zeitschrift „Brigitte“ nachgerechnet, dass eine 30 Jahre alte Frau mit 60 Kilo Lebendgewicht bereits nach 23 Mon Cherie als nicht mehr fahrtüchtig gelten muss, denn sie hat nach dem Genuss der Praline erstaunliche 0,5 Promille Blutalkohol.

Als nicht geringe Marketingmaßnahme darf man werten, dass die Praline zumindest nach offizieller Angabe ausschließlich in der kalten Jahreszeit in den Handel gelangt. Damit vermeidet die Firma, dass etwa ein Produkt vertrieben wird, dessen Kirsche schlecht geworden oder dessen Zartbitterschokolade infolge großer Hitze angelaufen ist und sich insofern zum Verzehr nicht mehr eignet. Wer schenkt, sollte dies reinen Herzens tun.

Diese Haltung zumindest mag bei oberflächlicher Betrachtung auch der Heurigenwirt suggeriert haben, als er an jenem kalten Februar auf die große Popularität des Produkts der Firma Ferrero zählte. Auch durfte er darauf vertrauen, dass der derart Beschenkte wusste, dass, wie viele Süßigkeiten, auch eine solche Praline zum alsbaldigen Verzehr geeignet ist.

Was der Bürgermeister von Spitz aber nicht wusste, war, dass die Praline mit – laut Anklage – mit 700 Milligramm Strychnin versetzt war. Als der Rechtsanwalt und Lokalpolitiker nach dem Verzehr der Süßigkeit sich in seinem Fahrzeug Richtung Krems aufmachte, wurde ihm plötzlich schlecht. Er verlor umgehend das Bewusstsein und musste in die Klinik eingeliefert werden, wo er seitdem im Koma liegt.

So erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Heurigenwirt. Die Beweise waren erdrückend, denn es fanden sich auf dem Anschreiben DNA Spuren des Täters. Auch fand man Spuren des Giftes an der Verpackung, die „bei Hitzberger zu Hause im Mistkübel“ gefunden wurde. Die Verteidigung verteidigte irgendwie heldenhaft, wenn sie fragte, warum denn ihr Mandant der Täter hätte sein sollen? Die Menge Strychnin hätte ja augenscheinlich gereicht, einen Menschen zu töten, um dann etwas pietätlos weiter zu argumentieren: warum war der Vergiftete dann nicht tot? Allein es half nichts.

Am Schluss übrig geblieben waren ein zu lebenslanger Haft verurteilter Täter und ein Opfer, das seitdem in der Landesklinik St. Pölten im Koma vor sich hindämmert. Das Grundstück, auf dem der Wirt so große Pläne verwirklichen wollte, gibt es natürlich noch immer. Es wurde dann irgendwann verkauft. Dort befindet sich jetzt ein Restaurant, das bisher aber von den Einheimischen gemider wird. Die Eigner kommen von außerhalb.

 

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Unser Mann aus Palermo

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Erinnere ich mich richtig, gab es bis Mitte der 80er Jahre in Freiburg kaum eine reine Studentenkneipe. Nach des Tages Mühe fielen damals die Studierenden in bürgerlichen Wirtschaften ein, die, nachdem ältere Damen am Mittagstisch ihre Königinpasteten verzehrt  hatten, am Abend von der Studentenschaft in Beschlag genommen wurden.

Da gab es z.B. die Gaststätte ‚Harmonie‘ oder den ‚Großen Meierhof‘, beide in der Grünwälderstrasse. Wir tranken oft im ‚Schwarzwälder Hof‘, der neben dem guten Bier zudem noch über eine Attraktion verfügte. Das war ein Ober, dessen eigentlicher Namen wir allerdings nicht kannten. Tat aber auch nichts zur Sache. Beim Abräumen der Gläser und der geleerten Teller fragte er stets: „Schmeck“?

Man musste nicht italienisch können, um zu ahnen, was er damit meinte. Er wollte fragen, ob es uns geschmeckt hatte. Deshalb nannten wir ihn einfach den Schmeck. Zudem schien es, als verberge sich hinter der kleinen Gestalt mit ihrem Oberlippenbärtchen und den rötlich gefärbten Haaren ein Geheimnis. War der Schmeck mal wieder ein halbes Jahr weg, raunten wir uns Verdächtigungen zu, wie etwa die: er sei Angehöriger der Mafia oder gar ein Pate. Vielleicht hatte er aber auch eine Frau umgebracht, säße nun wegen Mordes im Gefängnis und dergleichen mehr. War der Verdacht genüsslich ausgebreitet, ließen wir uns von einer Bedienung das Bier bringen und tranken noch einen, bis eines Tages wundersamerweise wieder ein kleiner Italiener mit Oberlippenbärten erschien und fragte: Schmeck?

Ich hätte das schon lange vergessen, wäre mir nicht kürzlich ein Beispiel gelebter Integration ins Haus geflattert. Ein Freund hatte mir eine Todesanzeige geschickt, in der die Eigentümerfamilie des Restaurants den Tod ihres im nahezu biblischen Alter von siebenundneuzig Jahren von ihnen gegangen Angestellten Michele Notarbartolo bekannt gab. Für uns hätte der Name nichts zu bedeuten gehabt. Erst als ich das Bild auf der Todesanzeige betrachtete, erkannte ich: es war ‚unser’ Schmeck!

Soweit, so traurig. Was aber unsere Geschichte von vielleicht vielen ähnlichen Geschichten unterscheidet, ist ein kleiner Satz in der Todesanzeige. Da teilt die trauernde Wirtsfamilie mit, dass ein Michele Notarbartolo, der in den 60er Jahren wahrscheinlich als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, mittlerweile fester Teil der Familie geworden war.

„Nun“, steht da in der Anzeige geschrieben, „wird er in unserem Familiengrab seine Ruhe finden“.

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Zeitgeist in Brillanten und Eisen

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Im Schmuckmuseum Pforzheim:  Künstlerjuweliere der 1960er und 1970er Jahre

Courtesy of the Cincinnati Art Museum, Sammlung Kimberly Klosterman, Foto Tony Walsh

Schwere Goldketten, Perlen gleich pfundweise, schlichtes Goldmedaillon am Samtbändchen oder cooler Platinschmuck mit erlesenem Solitär – der Zeitgeist greift jeweils in eine eigene Schatulle, um seinem Lebensgefühl und/oder Reichtum Ausdruck zu verleihen. Schmuck bedeutet immer mehr als reine Deko des aktuellen Modestils, und so verstehen sich auch kreative Juweliere und Goldschmiede als Künstler, die ihrer Epoche Ausdruck verleihen. In einer eigenen Liga spielt dabei der Modeschmuck internationaler Designer, der in erster Linie kollektionsbezogen entworfen und nicht auf Langlebigkeit ausgelegt wird.

Im Schmuckmuseum Pforzheim lagerte in den vergangenen Wochen eine Sammlung unter Corona-Verschluss, die wohl zu den hochkarätigsten ihrer Art weltweit zählt: „Simply brillant“ sind Dutzende von Exponaten und ein selbst für Schmuckdesign ungewöhnlich „brillant“ gestalteter Katalog betitelt – und noch bis zum 26. Juni besteht hoffentlich die Chance, sich nicht nur beim virtuellen Rundgang von der Schönheit dieser Kunstwerke bezaubern zu lassen. „Kunstwerk“ ist das Stichwort für die Philosophie der amerikanischen Sammlerin Kimberly Klosterman aus Cincinnati, die gemeinsam mit dem Cincinnati Art Museum diese Ausstellung in Pforzheim ermöglicht hat.

Sie sammelt grundsätzlich nur Schmuck, der sie persönlich berührt – auch wenn er gerade nicht „in“ sein sollte. „Außerdem ist das wie in der Mode, irgendwann kommt alles wieder“, meinte sie humorvoll in einem Interview, das im Katalog nachzulesen ist. Als junge Frau begann sie vor rund 30 Jahren Schmuck zu kaufen, die den Modetrends ihrer Zeit entsprachen: Die Designer der 1960er und 1970er Jahre waren inspiriert von Rock’n’Roll, Vietnamkrieg, den

Zierkamm-Diadem mit Weinblättern Eisen Johann Conrad Geiss Berlin, um 1825/30 Sammlung Klaus-Peter und Judith Thomé

Kennedy-Attentaten, den Beatles und den Hippies. Sie entwickelten neue radikale Ausdrucksformen, Schmuck, der nicht unbedingt eine Trägerin brauchte, um zu „glänzen“, oder aber gerade die Persönlichkeit viel stärker in Szene setzt als ein traditionelles Perlencollier oder eine klassische Diamantbrosche. Die Schönen und Reichen griffen begeistert zu – ein typisches Beispiel war die britische Prinzessin Margaret: Bei offiziellen Anlässen trug die jüngere Schwester von Queen Elizabeth zwar brav Kronjuwelen, privat bevorzugte sie die teilweise für sie persönlich entworfenen Schmuckstücke von Andrew Grima oder John Donald, den übrigens auch ihre Mutter, Queen Mumm, in Mode brachte. Exzentrisch, unkonventionell, manchmal auch witzig, klotzig oder filigran – diese Sammlung lässt eine Epoche geprägt von gesellschaftlichen Umbrüchen nachvollziehbar werden. Schon diese Tatsache macht sie unschätzbar wertvoll.

Courtesy of the Cincinnati Art Museum, Sammlung Kimberly Klosterman, Foto Tony Walsh

In eine ganz andere Zeit mit völlig anderen Wertvorstellungen entführt die im Anschluss geplante Pforzheimer Schmuckschau: „Gold gab ich für Eisen“ unter diesem Slogan forderte die preußische Prinzessin Marianne anno 1813 ihre Landsmänninnen auf, ihren kostbaren Schmuck zum Wohl des Vaterlands gegen „Eisenwaren“ einzutauschen. Ob die adeligen Preußinnen wirklich ihre Kostbarkeiten opferten oder nur sicher verwahrten und in der Öffentlichkeit die patriotischen Ersatzstücke trugen, mag dahingestellt sein. Der gleiche Slogan wurde übrigens zur Zeit des Ersten Weltkriegs wieder aufgelegt. In der Zwischenzeit entstanden filigrane Schmuckstücke in preußischen, englischen und französischen Gießereien, die wiederum dem Zeitgeist Rechnung trugen: Das schlichte Material, die klare Formensprache und der etwas spröde Charakter spiegelten Beständigkeit, Bescheidenheit und Zurückhaltung wider.
Die rund 200 Exponate der Ausstellung „Zart wie Eisen“, die ab 16. Juli im Schmuckmuseum gezeigt wird, stammen aus der im Laufe eines Vierteljahrhunderts entstandenen Sammlung Klaus-Peter und Judith Thomé, die als Schenkung in den Bestand des Schmuckmuseums Pforzheim mit seinen Kostbarkeiten aus fünf Jahrtausenden eingehen wird.
Corona-gebeutelten Besuchern drängt sich vielleicht die Frage auf, wie zeitgenössische Designer mit der Pandemie und ihren Folgen umgehen werden. Einerseits verlangte der Home-Office-Schlabberlook nicht gerade nach Edelsteinen und Edelmetall, andererseits lädt die gängige grafische Virus-Darstellung geradezu zur Umsetzung in funkelnde Interpretationen ein. Warten wir es mal ab …

Irene Schröder

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Zwei Täler weiter

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Noch blüht er im Verborgenen: der Kraichgau. Ein Besuch.

Im Badischen gibt es Landschaften, die findet man nicht so einfach. Nach denen muss man eher ein bisschen suchen. Obwohl zentral gelegen, kann man sie leicht übersehen. Anders als z.B. der Kaiserstuhl, die Ortenau oder das Markgräferland liegen sie sozusagen im Windschatten der touristischen Aufmerksamkeit. Der Kraichgau ist eine solche. An der Landschaft kann’s nicht liegen, denn die, zwischen Karlsruhe und Sinsheim gelegen, ist sanft hügelig und wunderschön, also eine traumhafte Cabrio Strecke. Ihren südlichen Anfang nimmt die Landschaft in Karlsruhe, dessen Ortsteil Durlach bei der Expedition in die Heimat ein gutes Basislager bietet. Hier z.B. der „Blaue Reiter“, der, obwohl ein ‚Business Hotel’, mit einer komfortablen Bleibe aufwartet. Der Service ist überaus freundlich und individuell. Das Haus liegt in einer ruhigen Nebenstraße und hat zudem noch den Vorzug, neben sich noch einen Biergarten zu beherbergen, der, nicht übermäßig laut, zum Bierimperium ‚Vogelbräu’ gehört. Ins Bett danach ist’s nicht allzu weit…

Kloster Maulbronn

Doch sollte man sich nicht zu früh festsitzen. Es wartet – eh man’s vergisst! – der Kraichgau, den man sinnvollerweise zunächst einmal vom Süden her anfährt. Hier wartet auf den kunst- und historienbeflissenen, vielleicht auch frommen Besucher das Kloster Maulbronn, das als das kompletteste und besterhaltendste Kloster nördlich der Alpen gilt. Ein Film über Hildegart von Bingen wurde dort, in historischer Kulisse, gedreht.

Lässt man die wahrhaft beeindruckende Anlage schweren Herzens hinter sich, geht’s jetzt tief ins Herz des Kraichgaus, nach Knittlingen, ganz in der Nähe von Bretten gelegen. Ein historisch bedeutendes Städtchen, das sich zudem noch rühmen darf, der Geburtsort eines allseits bekannten Kraichgauers zu sein: Johann Georg Faust, Dr. Faust also, was soviel heißt wie ‚der Glückliche’.

Dr. Faustus. Noch vor der Explosion.

Die Handygeneration dürfte ihn nicht mehr kennen. Dieser Dr. Faustus jedenfalls war der Alchemie verfallen und diente ansonsten Johann Wolfgang von Goethe als Urgestalt seines ‚Faust’. Er starb 1541 in Staufen, vermutlich durch eine Explosion, was uns stets daran erinnern sollte, mit Böllern sorgfältig umzugehen. Die ‚Zimmer’sche Chronik sagte denn auch, er sei ein gar „wunderbarlicher

Das Faust Museum in Knittlingen

nigromanta gewest“, was auf andere bedeutende Kraichgauer nur eingeschränkt zutrifft. Hier wären zu nennen die beiden dort lebenden Mitglieder der Flippers („Weine nicht, kleine Eva“ & „Die rote Sonne von Barbados“), Bernd Hengst und Olav Malolepski. Der Dritte im Bunde, Manfred Durban, ist leider bereits verstorben. Seine Frau aber hat in Knittlingen ein Flippers Museum gegründet. So viel erst mal zur Musik.

Doch muss hier noch ein weiterer bedeutender Kraichgauer, Dietmar Hopp, erwähnt werden. Bei ihm handelt es sich um einen der Mitbegründer der Firma SAP, der sich zudem noch als Mäzen des Fußballvereins TSG Hoffenheim verdient gemacht hat.

Erst durch diesen Kraftakt gelang es, diese wunderbare Landschaft so recht ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu rücken. Wer bisher gefragt wurde: Kraichgau wo? musste fortan nun nur noch sagen: Hoffenheim, und es ward Licht. So gesehen, könnte man   diese   wunderbare   Landschaft   mit   einem   schlum-mernden Dornröschen vergleichen, dessen Schlaf bislang ihre Schönheit verbarg. Doch hat sich in den letzten Jahren auch noch ein anderer dran gemacht, an der Bettstatt der schönen Jungfer zu rütteln: Heinz Heiler. Auch er, ein erfolgreicher Unternehmer, hielt es für geboten, seinem Kraichgau etwas zu geben. Eine ‚Genusswelt’ sollte es sein, die, tief im Inneren der sanft hügeligen Landschaft gelegen (fast hätten wir ‚versteckt’ gesagt), als eine Art Leuchtturm fungieren könnte.

Neben einem Hotel mit 31 Zimmern und ambitionierter Gastronomie finden wir denn auch einen großzügigen Golfplatz, der mit seinen 18 Löchern internationalem Standart entspricht. Und in der Tat sind es nicht selten beruflich erfolgreiche Bewohner schöner, aber eben noch nicht so bekannter Landstriche, die sich für ihre Heimat engagieren und stark machen. Es hat den Anschein, als wäre es ihnen ein Bedürfnis, an der Schönheit ihrer Gegend auch andere teilhaben zulassen.

Tatsächlich aber gibt es da noch einiges zu tun. Wer um die Mittagszeit auf der Suche nach einem offenen Wirtshaus durch die malerischen Dörfchen fährt, braucht eine geraume Zeit und ein gutes Auge, um eine offene Gaststube zu finden. So scheint es nicht zu weit hergeholt, die „Heitlinger Genusswelt“ als den Anfang eines Bemühens zu sehen, dies zu ändern. Anfänglich noch eher bescheiden, hat sich dies alles zu einem gastronomischen Zentrum erster Güte entwickelt, was ohne ein entsprechendes Engagements des Initiators so nicht möglich geworden wäre. Dies „Genusswelt“ umfasst zunächst eben diesen Golfplatz, der, seit 1996 im Familienbesitz, auch von der Familie selbst betrieben wird. Ebenso verhält es sich mit dem zeitgemäß modernen Hotel mit seinen 31 Zimmern nebst Gastronomie; dies gibt es seit 2014. Und dann das Weingut Heitlinger, ein Winzerbetrieb mit stolzen 120 Hektar, eine Fläche, die man für Biertrinker vielleicht dahingehend etwas bebildern sollte, dass ein durchschnittlicher Weinbaubetrieb mit 10 ha schon eine beachtliche Größe aufweist. Die Größe jetzt noch in Fußballfelder umzurechnen, ersparen wir uns hier als Freunde des Weingenusses taktvoll…

Weingut Schloss Ravensburg

Die gesamte Rebfläche war auch mehr geworden durch eine Gelegenheit, die sich dem Betriebsbesitzer 2009 ergab. Da nämlich stand das nicht zu weit entfernt gelegene „Weingut Burg Ravensburg“ (Vorsicht: hat mit dem oberschwäbischen Ravensburg nichts zu tun!), seit 770 Jahren und 23 Generationen im Familienbesitz, zum Verkauf. Wer hätte da nicht zugegriffen…

Da bot es sich an, den Geschäftsführer des dortigen Betriebs, Claus Burmeister, als Garant der Qualität mit einzubinden; so fügte sich alles auf’s Beste. Weshalb seit geraumer Zeit der gesamte Winzerbetrieb geadelt wird mit der Auszeichnung VDP, also mit der Mitgliedschaft im Verband der deutschen Prädikatsweingüter. Die renommierte Weinfachfrau, Natalie Lumpp bescheinigt denn auch dem hochkarätigen Weinmacher, er habe „das absolute Gespür für die richtigen Reben am richtigen Standort. Hier zahlt sich aus, dass er sich überaus intensiv mit dem Rebmaterial beschäftigt“. Und was die Roten betrifft, hier könnten die Heidlinger Weine den Franzosen absolut die Stirn bieten.

Hat man sich dann in konzentrischen Kreisen und behutsam von außen dem Inneren des Kraichgau genähert, öffnet sich plötzlich eine ganz eigene Welt, die von außen so garnichts ahnen lässt, von ihrer landschaftlichen Schönheit, von ihren sanften Weinbergen. Die erzählt noch von ganz anderen Dingen als von SAP und Cloud. Wenig auch vom TSG Hoffenheim mit seiner Fähigkeit, die Räume eng zu machen und mit köperbetontem Offensivspiel die Fans zu begeistern. Auch lassen wir zunächst mal die ‚Rote Sonne von Barbados’ untergehen und lauschen auch nicht der weinenden „Kleinen Eva“.

Nein. Es ist Zeit und Gelegenheit, einen langen Augenblick lang das stille Zentrum einer Landschaft zu genießen, die so viel mehr zu bieten hat, als Markenzeichen und Aushängeschilder. Denn dort, im Kraichgau, lohnt es sich wirklich, die vielbeschworene Expedition in die Heimat.

Denn dort gibt es viel mehr zu sehen. Kucken wir’s uns an!

 

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