Wie meine Nachbarin fortwährend Leben vernichtet
Vor längerer Zeit hatte ich an anderer Stelle einmal über meine Nachbarin berichtet. Und zwar darüber, wie sie versuchte, Pflanzen auf
ihrem Balkon zu ziehen. Sie machte alles, was man halt so macht, wenn man’s auf dem Balkon gern lebendig hat. Die Pflanzen hatten von der Dame freilich nicht nur Wasser und allerlei Düngemittelchen zugeführt bekommen, sondern auch Ansprache, Worte, von denen sie glaubte, dass sie auf die Psyche des Pflänzchens wachstumsfördernde Wirkung hätte. Aber wenn man weiß, wie positiv Pflanzen auf zärtliche oder vernünftige Ansprache reagieren, der kann sich vorstellen, was meine Nachbarin so alles an diese hin geredet haben muss: da war bestimmt von Krankheiten in der Familie die Rede, auch finanzielle Engpässe wurden angesprochen. Persönliches Leid war sicherlich ein Thema und natürlich viel Einsamkeit. Irgendwann war das selbst der lebenslustigen Pflanze zu viel. Wie sonst hätte sie – trotz Luft, Licht und Aufbaumittelchen – ihre Lebensfreude verloren und war am Ende dann schließlich von uns gegangen? In den Primelhimmel. Einfach so.
Ich erzähle das hier noch mal für all jene, die das von mir so einfühlsam beschriebene Sterben nicht mitgekriegt hatten. Denn wo früher frohes Grün war herrschte von da an bis in die jüngste Zeit tristes Schwarz, bestenfalls Braun und Grau.
Dann aber trat eine Wende ein. Immer öfter sah ich einen Mann auf ihrem Balkon, was mich natürlich freute. Nichts Schlimmeres, als wenn der Mensch alleine ist. Aber ebenso schlimm ist ein Balkon, von dem jegliches Leben gewichen ist. Aber mit dem neuen Mann kam auch neues Leben in ihr Leben. Neue Pflanzen sprossen, von denen ich mir als Freund der Natur natürlich erhoffte, dass sie mit ihrem lebensfrohen Grün auch meinen Alltag etwas beleben.
Einmal konnte ich es mir nicht verkneifen, meinen kleinen Aldi Fernstecher ans Auge zu führen, um dann festzustellen, dass es sich bei den Pflanzen um die Sorten CHRYSALIDOCARPUS LUTESCENS und CYCAS REVOLUTA von IKEA handelt. Wer aber weiß, was solche Pflanzen beim Einkauf am Samstag von den Kunden so alles zu hören bekommen, der darf davon ausgehen, dass die Pflanzen auch auf dem gegenüberliegenden Balkon überleben, wobei sie das giftig-satte Grün in den IKEA Einkaufszentren zeit ihres Lebens natürlich nicht mehr erreichen. Liegt aber wahrscheinlich am Kunstlicht.
Fortan sah ich die Nachbarin und ihren Lebensgefährten glücklich in ihrem Balkongärtlein sitzen, scherzend und jungverliebt. Wer sich aber noch erinnert, wie grausam ihre nett gemeinten Worte den Blumen zugesetzt hatten, was letztlich zu deren Tod führte, ahnt vielleicht, dass eine fehlende Ansprache an sich ja kein Fehler sein muss.
Jedenfalls sprach sie jetzt immer mehr mit ihrem Partner, der, zunächst noch gesund, braungebrannt und fröhlich, dann aber zunehmend grauer wurde (Aldi Fernstecher). Er sprach auch immer weniger, und ich musste verstärkt an das Schicksal der Balkongewächse denken, die ja eingegangen waren. Seit einiger Zeit sehe ich den Mann aber nicht mehr. Es scheint, als wäre er gegangen. Ich befürchte das Schlimmste. Denn jetzt spricht sie verstärkt wieder mit den Pflanzen.








In den letzten Jahren aber hat sich für einige wenige dieser WeinberaterInnen – es gibt auch Männer! – ein neuer Weg aufgezeichnet. Das Thema Wein ist zu einem Geschäft geworden, das nach Beratung verlangt und auf Werbung angewiesen ist. Hier hatten sich die Medien förmlich angeboten. Weinqualität – schön und gut, aber wenn dein Wein niemand kennt? So ist auch in diesem Geschäft Marketing zu einem zentralen Punkt geworden. Man braucht Kommunikatoren, man braucht Verkäufer. Man braucht Leute wie Natalie Lumpp.
Da ist vieles zu beachten. Das Publikum will geführt, will eingeführt werden. Da ist auch Psychologie im Spiel. Ein weites Feld. Im vorliegenden Fall sind es genau vierundfünfzig Genussjünger, die bereit sind, dem Ruf der Sommelier zu folgen. Dafür hat sich ein ehemaliges Weingut schön gemacht, Scheunengemütlichkeit. Vorwiegend junges Publikum. Keine Bembeltrinker, keine Henkelgläser. Heute gilt es. Entspannte Atmosphäre. Alle per du. Der Weingast ist Friedrich Becker aus Schweigern. Von Natalie Lumpp eingeladen, wird er einem neugierigen Publikum heute seine Weine präsentieren. Früher betrieb der Vater das Weingut, jetzt hat der Sohn das Sagen. Oder etwa nicht? Die Frage des Generationswechsels taucht auf. Da fragt sich das junge Publikum: wie kommen die beiden miteinander aus? Sowas nennt Natalie Lumpp ‚eine Geschichte‘. Das interessiert die Leute: neben dem Wein der Mensch. Jetzt ist Zeit für’s Essen…