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Allgemein Kultur Menschen

Wirklich wichtig?

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Unruhe in Thüringen. Die KI ist da.

Die Empörungswelle droht überzuschwappen. Nachdem schon vor längerer Zeit der Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, Mario Voigt, eine Dissertation vorgelegt hatte, deren Inhalte man derzeit des Plagiats bezichtigt, kam jetzt heraus, dass es sich auch sein Mitarbeiterstab wohl etwas zu leicht gemacht hat. Offensichtlich auf Effizienz getrimmt, hatte der zuständige Referent (oder Referentin?) eine ganzen Rede für seinen Chef mit Hilfe der KI verfasst.

Zuvor hatte man wohl noch einen Gastbeitrag aus dem ministerialen Hause an die FAZ gegeben.  Den hatte man dort voller Stolz auch gleich ins Blatt gehievte. Plötzlich aber musst man feststellen, dass auch dieser Beitrag KI generiert war. Ordentlich beschämt, war man in der FAZ darauf hin ziemlich sauer. Nie mehr, so hieß es beleidigt, würde man in diesem Blatt noch irgendetwas von Herrn Voigt veröffentlichen.

Jetzt begann ein noch tieferes Schürfen. Und siehe: auch die Rede anlässlich der Befreiung von Auschwitz und Buchenwald war nicht handgemacht. Auch dieser Vorlage war KI zur Hand gegangen. Noch hat sich Michael Friedmann nicht zu Wort gemeldet. So zeichnet sich das volle Ausschöpfen des Erregungspotentials bislang noch nicht ganz ab.

Spätestens jetzt aber gilt es hier innezuhalten, und man muss fragen: Was ist denn eigentlich passiert? Es müsste doch weidlich bekannt sein, dass die Reden der Politiker  voller Plattitüden sind. Welcher der heutigen Politiker hätte sich einen Redeschreiber vom Schlage eines Klaus Harpprecht geleistet? Von dem stammte der prägnante Rede-Satz von Willy Brand: „Wir sind keine Erwählten; wir sind Gewählte. “ Und vielleicht fällt einem auch noch der J. F. Kennedy Satz ein: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du  für dein Land tun kannst“.

Mit derlei Griffigem wäre nach Lage der Dinge von Herrn Voigt  nicht zu rechnen gewesen. Nicht mit KI und schon gar nicht ohne. Und auch nicht von unserem Bundespräsidenten, dessen Feiertagsreden von ermüdender Banalität sind. Da sollte man den ReferentInnen  nicht vorwerfen, dass sie sich im Bewusstsein allseits erwünschter Effizienz der KI bedienen, anschließend in der Kantine noch einen Kaffee trinken und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Und wir alle fragen uns: was ist denn eigentlich passiert?

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Die schnelle Nummer

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Obwohl ich galaktisch gesehen nicht übermäßig alt bin, verzeichnet mein Körper doch leichte Zeichen des Verschleißes. Nichts Drama-tisches, doch fallen von Zeit zu Zeit Arztbesuche an, die ihren Niederschlag in Rezepten und Arztrechnungen finden.

Diese Zeugnisse meines gesundheitlichen Verfalls abzuheften ist eine eine überschaubare, aber auch lohnende Tätigkeit. Denn schließlich möchte man als Privatversicherter diese Rechnungen bei seiner Krankenkasse oder der Beihilfe geltend machen. Dabei handelt es sich um eine segensreiche Einrichtung, von der vor allem die Beschäftigt des öffentlichen Dienstes und Beamte profitieren. Verständlich, dass beide darauf bestehen, die Spuren meines Alterns dokumentiert zu sehen. Erst nach Einreichen der Unterlagen werden die ausgelegten Kosten erstattet.

Erstaunlicherweise erfolgt das Prozedere in unzeitgemäß einfacher Weise. Sozusagen nach alter Väter Sitte. Man schickt die Unterlagen dorthin und erhält nach relativ kurzer Zeit das ausgelegte Geld zurück. Eine Nachricht aus einer fast vergessenen Welt

Denn zu meiner größten Freude ist bei diesen Behörden die Digitalisierung noch nicht soweit fortgeschritten, dass etwa um das papierlose Übermittlung der Dokumente gebeten würde. Kein ‚Scan to Mail‘ wird verlangt,  kein Drucker bemüht, der, wie der Meine, bei allmählich leer werdender Patrone das Scannen verweigert! Da hängt sich kein Rechner auf; das System hängt sich nicht auf und auch nicht der Patient. Alles klappt händisch, weshalb sich vermutlich die Personalstärke des dortigen Verwaltungsapparats noch in Grenzen hält.

Allerdings – und das muss gesagt werden – bittet man mich ausdrücklich darum, die beigelegten Dokumente nicht „zu klammern, heften, kleben“. Warum man das von mir verlangt, hat sich mir bislang nicht erschlossen. Denn in der Tat wäre es doch sinnvoll, die einzelnen Schriftstücken zumindest ein bisschen zu fixieren, allein schon deshalb, damit sie in dem formatbedingt großen DIN 4 Umschlag nicht umherlungern.

Um das vorschriftsbedingt Schlimmste zu verhindern, pflege ich deshalb vor dem Eintüten  die Dokumente  wenigstens zu nummerieren. Was ich umso lieber tue, als dass ich mir einbilde, dass durch das erbetene Weglassen von metallenen Heftklammern Gewicht und Rohstoffe gespart werden. Ein angenehmer Nebeneffekt wäre zudem noch, dass bei Sichtung der Unterlagen das Nageldesign der  Verwaltungsfachangestellten keinen Schaden nimmt. 

 

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„Tante Mimser“ Teil 1

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Die kleine Stadt Oberkirch liegt am Eingang zum Renchtal. Das Haus meiner Großeltern steht dort noch heute. Es liegt schräg gegenüber der evangelischen Kirche. Dieses Haus hatten meine Urgroßeltern gekauft, die, tüchtig wie sie offensichtlich waren, in Schildigheim bei Straßburg eine Metzgerei betrieben hatten und schon bald zwei Häuser besaßen. Dann ging der  1. Weltkrieg verloren und das Elsass gehörte wieder zu Frankreich. Plötzlich hörte mein Urgroßvater, im Elsass drohe den Deutschen die Enteignung. Es wäre besser, er würde beide Häuser verkaufen. Tatsächlich war Matthäi am letzten. Eines der Objekte konnte gerade noch veräußert werden. Ein Freund, Lokführer bei der Eisenbahn, schmuggelte ihm das Geld aus dem Verkauf ins Badische. So kam es, dass meine Familie mit diesem Geld das Haus der ehemaligen Poststation in Oberkirch erwarb und darin ein Hotel nebst Restaurant betrieb, das sie den ‚Schwarzen Adler’ nannte.

Das Haus liegt an der Hauptstraße, direkt in einer scharfen Kurve. Dort erlebte ich aus Kind, aus dem Fester lugend, wie sich ein kleines Auto, ein Simca voller Elsässer, diese Kurve wohl etwas zu schnell genommen hatte, sich dann pendelachsenbedingt zur Seite legte, worauf die Insassen den Wagen durchs Fenster verließen, ihre Simca schnell wieder auf die Achsen stellten und die Fahrt fortsetzten. Doch war das nicht das einzig Bemerkenswerte an meiner Kindheit. Da gab es noch ein Faktotum namens ‚Schwab’, der aus Urloffen stammte und als Knechtsfigur irgendwie zum Inventar gehörte. Er soll, so die Erzählung, mich als Kind unbändig geliebt haben. Weiter verwöhnte mich ein älteres Hausmädchen namens ‚Wieg’, nicht zu vergessen auch der erste Freund meiner Kindheit, der Uhrmacher Müller, bei dem ich auf dem Boden sitzend, von Zeit zu Zeit glücklich einen alten Wecker auseinanderschrauben durfte.

Seinen Vater nannte man damals aus heute nicht mehr nachvollziehbarem Grund ‚Quatre Vingt’. Ihm ging der Ruf voraus, er könne aus dem Fluss, der Rench, Forellen mit bloßer Hand fangen. Soweit hatte es sein Sohn, mein erwachsener Uhrmacherfreund, noch nicht gebracht. Der hatte sich vorerst einmal die dunkelhaarige Bedienung meiner Großmutter gefischt, mit der er ein Techtelmechtel pflegte. Sie hieß Elisabeth und muss wohl als irgendwie rassig gegolten haben, denn sie trug, wie die Zigeunerinnen auf zeitgenössischen Ölgemälden, große goldene Ohrringe und zudem noch schwarze Unterwäsche, die zu meinem knabenhaften Entzücken, allwöchentlich zum Trocknen an der Wäscheleine hing. Weiter gab es da noch eine ältere Dame, die – ich erinnere mich schemenhaft – auf dem riesigen Speicher des ‚Schwarzen Adler’ wohl eine Wohnung, tatsächlich aber eher eine Art Verschlag, bewohnte.

Das war Wilhelmine Rösch, auch die ‚Röschin’ genannt.

Diese Frau Rösch, von anderen auch noch Mimi genannt, betrieb in den frühen Sechzigerjahren eine Art Kiosk im ‚Städtl’. Dieser Kiosk lag eher versteckt in einer Gasse, die zum Kirchplatz führte. Der Kiosk bestand aus einem kleinen Raum, der ein Fenster nach draußen besaß. Dort, im Halbdunkeln, verkaufte sie neben allerlei Krimskrams vor allem Zeitschriften, darunter die ‚Bunte’, ‚Burda Moden’, auch die ‚Praline‘ und jede Menge Kreuzworträtselhefte. Unter den vielen Journalen, die dort zu haben waren, gab es bereits auch schon den ‚Spiegel’, was Wilhelmine Rösch bei den Honoratioren, die sich im Schwarzen Adler zum allwöchentlichen Stammtisch trafen, den Ruf eintrug, eine Intellektuelle zu sein.

Einer ihrer Kunden war der Obstgroßhändler Langenmeier, der, so stellte ich beim Sichten des Nachlasses meiner Großmutter fest, den ‚Spiegel‘ abonniert hatte und eigentlich jeden Artikel – mit seltenen Ausnahmen – von vorne bis hinten unterstrich, um nach abgeschlossener Lektüre das üppig bemalte Journal anschließend dem Hause großmütig zur allseitigen Erbauung zu überlassen. Dort lagen dann die Hefte im sogenannten Frühstückszimmer, und jeder Gast sah sich vom Obstgroßhändler Langenmeier also intellektuell an der Hand genommen, galt es, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Frau Rösch hatte sich, soweit mir erinnerlich, nie zum Inhalt des ‚Spiegel’ geäußert. Deutlich in Erinnerung ist mir aber noch ihr Parfum, das damals wohl ‚4711 Kölnisch Wasser’ war und das in der den älteren Damen gemäßen Geruchsrichtung ‚Tosca’ entweder durch tupfen aufgetragen oder aus einem Flacon versprüht wurde. Hier vermischt sich rückblickend die Erinnerung an ihren schon deutlich gefältelten Brustansatz. Da könnte ich jetzt auch noch an das Spitzentaschentüchlein denken, das, mit Klöppelrand, den Eau de Cologne Duft aufgenommen hatte, um ihn an entlegenerer Stelle zu konservieren.

Was damals noch aktuell war, ist, rückblickend betrachtet, der Duft von Gestern, der da vom Speicher herunterzog und in Person der Röschin allwöchentlich präsent war. Denn der Stammtisch der älteren Herren – von denen man sich nie vorstellen konnte dass sie je jung gewesen waren – rief immer nach Wilhelmine Rösch. Besuchte ich meiner Großmutter, war es an mir, Wilhelmine Rösch als eine Art kindlicher Emissär zur Teilnahme an der abendlichen Gesellschaft zu bitten. Sie war die einzige Frau, die, ohne je die Eifersucht der daheimgelassenen Gattinnen zu erregen, an den runden Tisch gebeten werden durfte. Die Glückliche.

 

Allgemein Essen & Trinken Menschen

„Tante Mimser“ Teil 2

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Im Amerika der 50er Jahre  gab es eine Gesellschaftsdame namens Elsa Maxwell. Sie war, wie aus alten Illustriertenfotos ersichtlich, von ähnlicher Statur wie die Röschin. Ebenso altfüllig, sah man sie meist im Kreise prominenter Amerikaner und Amerikanerinnen. Sie war wohl, wie zu lesen war, die Beichtmutter einer ganzen Promigeneration. Sie war gebildet und unterhaltsam. Von einem reichen Gönner gefragt, womit er ihr eine Freunde machen könnte, hatte sie ‚Kreisler’ gesagt, worauf sich Tage später ein chromblitzender Chrysler Straßenkreuzer von ihrer Tür fand, nicht ahnend, dass die beschenkte Adressatin den Geiger Fritz Kreisler gemeint hatte. Jedenfalls war man in Amerikas High Society froh um ihren Rat und ihre Diskretion.

Es muss sich aber auch in den damals von Wilhelmine Rösch vertriebenen Zeitschriften Hinweise auf ebendiese Elsa Maxwell gegeben haben, denn eines nicht so schönen Tages fand sich, was damals noch völlig unüblich war, an der Hauswand des Schwarzen Adler hingeschmiert der Satz: „Wilhelmine Rösch, die Elsa Maxwell vom Renchtal“.

Dies führe ich nur an, um die Bedeutung der Mimi zu bebildern. Jedenfalls freuten sich die älteren, den Krieg überlebt habenden Herren, sie in ihrem Kreis zu wissen, sie, mit ihrem Geist und ihrem Gespür für Klatsch und Tratsch. Da sie nie und nimmer genug Geld gehabt hätte, sich den abendlichen Klingelberger leisten zu können, durfte sie sich immer als eingeladen betrachten. Gegenteiliges ist jedenfalls in der Chronik des runden Tisches, dem sie angehörte, nicht verzeichnet. Wer hatte bezahlt? Davon ist nichts vermerkt. Man hatte es gern diskret.

Wer aber waren diese spendablen, damals schon etwas älteren Herren? Mir als Kind waren sie jedenfalls so erschienen. Ich kann mich aber täuschen. Früher war man früher alt. Jedenfalls waren sie alle Mitglieder eines honorigen Herrenstammtisches, um dessen Rund sich Angehörige der besseren Stände versammelten. Ihre Namen sind alle verzeichnet in drei massiven Bänden, die, von dunkelbraunen Schubern geschützt, pünktlich und detailliert auflisten, wer wann da war, wo er saß und über was gesprochen wurde. Die Bücher waren Teil des von mir angetretenen nicht eben großen Familienerbes, das ich allerdings gern noch um das Rezept der von meiner Großmutter alljährlich gebackenen Weihnachtsplätzchen namens ‚Nussnester’ ergänzt gesehen hätte. Was aber nicht der Fall war. So blieben mir, neben wenigen anderen Dingen, nur diese drei Bände, in denen ich blättere und deren letzter Band der Beginn einer Ära einläuten sollte.

Am 3.11.1966 z.B. hatte man über dieses und jenes gesprochen. Es war der Geburtstag „unserer lieben Frau Schirmann“, meiner Großmutter. So trank man „auf ihr Wohl mit ihrem Sekt“. Da traf es sich gut, dass die Herren Langenmaier, Egelhaaf, Lehrke und Rhein da waren, eine eher kleine Besetzung. Dr. Bohrmann blieb entschuldigt „als krank“ fern („gestern konnte er noch massieren“), und Herrn Apelt, der in der Regel die Chronik führte, weilte im 40 Km entfernten Baden-Baden. Dort machte man, konnte man sich’s leisten, gern im ‚Brenner’s Parkhotel’ ein paar Tage Urlaub. Die Woche drauf aber war er wieder da, und so konnte die Kladde vermerken, dass es „Gute Unterhaltung gegen Schluss 11 h mit Apelt“ gegeben hatte. Empörung äußerte man allenthalben, dass die FDP mit ihren vier Ministern aus der Regierung Erhard ausgeschieden sei, und man bescheinigte ihr damals einen „Mangel an Gesinnung und Charakter“.

Frau Rösch ist als ‚anwesend’ nie gesondert vermerkt, aber am 17.11.1966 widerfährt ihr große Beachtung. Leider, muss man sagen. Der Band Nr. 3 vermerkt tatsächlich ihren Namen, der ausnahmsweise wie all die anderen Namen über die Jahre, am runden Tisch mit eingezeichneter Position vermerkt worden war. Eine Ausnahme, wie es scheint, denn der Anlass war ein traurig Besonderer. „Von 21h-23h in Frische und bei guter Unterhaltung, sank unsere liebe gute Frau Rösch unerwartet zur Seite. Gestützt von mir und Dr. Bohrmann (offensichtlich war Dr. Bohrmann an besagtem Tag wieder zum Massieren gekommen d.V) – konnte sie sich nicht mehr erheben. Der Tod hatte sie ereilt“.

Man wird nicht umhingekommen sein, auch die Scherben ihres Glases aufzulesen, denn wie mir meine Großmutter Jahre später noch erzählte, hatte die eben Verblichene, bevor sie fiel, noch den halbvollen Römer erhoben. Aus der Nachbarschaft herbeigerufen war dann ein Herr Dr. Kessler erschienen, dem aber nicht mehr zu tun blieb, als den Heimgang der doch irgendwie glücklich aus dem Leben Geschiedenen zu konstatieren.

So kam es denn auch noch, dass durch die Todesanzeige, geschalten von einer Verwandten namens Martha Riese-Weingart, die meines Wissens nie zuvor in Erscheinung getreten war, alle Welt erfahren sollte, dass Frau Wilhelmine Rösch im Leben offensichtlich auch noch ‚Tante Mimser’ genannt wurde.

 

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Baden-Baden, Ihr Niveau

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Dieses lang und sorgsam gepflegte Etikett scheint momentan etwas Farbe zu verlieren. In der Sophienstraße, einer der edleren Verkaufslagen, tauchen die ersten Leerstände auf. Nun hat auch noch die Renommiermarke HERMES beschlossen, ihr Geschäft zu schließen. Schlimmer wird’s nimmer?

Doch gemach. Noch sind sie vereinzelt zu sehen, die Leuchttürme des gehoben Geschmacks. Nach wie vor ist hier der Luxus zu hause, so hat z.B. Juwelier NITTEL erst jüngst eine Dependance eröffnet. Und auch das edle „Kaffee König“ schräg gegenüber lebt vom gepflegten Auftritt des Personal und der althergebrachten Qualität der Ware. Ein Hauch von gestern auch noch draußen in Iffezheim, wo beim Pferderennen zweimal jährlich der aufwändige Hutschmuck der Damen der Welt zeigen soll, wo oben ist.

Inmitten der illustren Gesellschaft immer präsent auch eine Blumenverkäuferin. Sie heißt Monika Bajusz-Münz, gebürtige Ungarnin und war 2023 nach Baden-Baden gekommen, in einSchmuckkästchen´, sozusagen. Für sie war es Liebe auf den ersten Blick, wo sie alsbald versuchen sollte, aus ihrer großen Liebe ein Geschäft zu zu machen; sie will das Glück in Form von Rosen zu den Menschen bringen.

Immer schon war sie nach eigener Aussage vom Glamour fasziniert. Im Gespräch fallen hier Vorbilder wie Marilyn Monroe und Audrey Hepburn. Aber auch die schiere Zahl ihrer extravaganten Hüte (deren Zahl sie mit fünfzehn angibt) sorgt dafür, dass sie mit ihrem ausgefallenen Äußeren draußen auf der Rennbahn, aber auch in der Innenstadt für Eleganz steht, für Lebensart. Wie eine Botin aus leider vergangener Zeit. Hier ist man versucht, so etwas Niveau zu nennen, wenn sie dem Publikum mit ihren ihren anmutig drapierten langstieligen Rosen zeigt, dass so ein Auftritt in seiner etwas gehobenen Form durchaus noch zeitgemäß sein kann.

Dass freilich auch sie nicht immer auf Rosen gebettet ist, durfte die Baden-Badener Öffentlichkeit dem ‚Badischen Tagblatt‘ entnehmen, wo zu lesen war, dass sie mit all ihrem Ersparten einem Betrüger aufgesessen und sich am Ende um ihr Gespartes gebracht sah. Nach langem juristischen Scharmützel sollte es am Ende letztlich noch einigermaßen gut ausgehen, doch wurde die Malaise in der ortsansässigen Presse weidlich zur Kenntnis genommen, ein Ärgernis, das das Darreichen von langstieligen Edelgewächsen allerdings nicht beeinträchtigen sollte.

Im nachhinein eine mehr als eine nur lästige Petitesse, die sie im geblümelten Alltag aber tapfer weglächelt. Es müsste nicht Baden-Baden sein, wo man für Verlust und Gewinn mehr als nur Verständnis zeigt, wo Gewinner und Verlierer Teil des ortsansässigen Personaltableaus sind. Was soll man machen?

Das Geschäft muss weiter gehen. Und so schwebt auch weiterhin das opulentes Gebilde namens Hut über den Niederungen eines etwaigen Verlustes von Barmitteln. Der Beruf einer Rosenverkäuferin hat anderen Schmerz im Portfolio. So etwa wenn 70% aller Männer ihre Begleiterinnen fagen, ob sie eine Rose wünscht? „Wie blöd seid ihr!“, sagt Monika Bajusz-Münz mit ungewohnter Heftigkeit. Was soll so eine Frau denn sagen? „Sie steht doch mit dem Rücken zur Wand?“

Monika Bajusz-Münz, deren Erscheinung ansich schon für reine Weiblichkeit steht, plädiert auf Nachdrücklichste dafür, dass Frauen Frauen und Männer Gentlemen sind. Dass den Frauen wieder in Mänteln geholfen und die Türen wieder von Männern geöffnet werden. Was für ein Unglück, klagen Frauen ihr gegenüber: „Weißt Du Monika, ich habe noch nie eine Rose bekommen!

Um das zu ändern ist sie tagein tagaus mit der Mission ‚Rosen´ unterwegs, ganzjährig und wetterunabhängig. Kein Tag ist wie der andere, kein Kunde wie der andere. Der Mensch ist unberechenbar. „Denke nicht für andere“, sagt sie sich dann. Kennt man ihn denn wirklich, der, der seiner Frau Blumen eventuell kaufen könnte? Sie schütteln den Kopf. Der Mann ist und bleibt ein rätselhaftes Wesen.

Mit derlei Gedanken aber will sie sich gar nicht lange aufhalten. Neues Spiel, neues Glück. Wer meint, sie mit ihrem langstieligen Angebot nicht zu brauchenselber Schuld. Eine lästige Petitesse, die sie weglacht. Was soll man auch machen? Täglich schlüpft sie in die Rolle ihres Lebens. Nie würde sie ungeschminkt aus dem Haus gehen. Nackt würde sie sich fühlen, so ganz ohne Schminke. Ist sie dann aber in ihre Rolle, ist sie ganz bei sich. Baden-Baden, mon amour. Die Sonne lacht. Hinter ihr das Vergangene, vor ihr die Lichtentaler Allee.

Nur so schafft sie es, den potentiellen Kundinnen zu vermitteln, wie schön es doch sein könnte, das Leben an der Seite einer roten Rose. Kommt es dann endlich dazu – bitte sehr! Dann gibt’s eine Rose, ganz ohne Dornen, frisch geschnitten und von einem Duft, den sie betörend nennt.

So eine Rose wird schließlich ja nicht verkauft. Sie wird gereicht. 

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