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Post von der Katz´

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Es dürfte unbestritten sein, dass der Umzug in ein Alten- oder Pflegeheim zu den einschneidendsten Ereignissen  im Leben eines Menschen zählt. Herausgerissen aus den liebgewordenen vier Wänden, findet er sich wieder in einer gänzlich neuen Umgebung, die ihm zunächst völlig fremd erscheint. Da ist es gut, wenn er beim Umzug in den neuen Lebensabschnitt zumindest das eine oder andere ihm Vertraute mitnehmen kann. Hier ein silbergerahmtes Foto der Enkel, dort das Blaupunktradiogerät mit dem die Programmstärke anzeigenden ‚Katzenauge’ oder, was am besten wäre, er könnte die  Katze gleich selbst mitnehmen. Dass dies in manchen Häusern bereits heute möglich ist, durfte die ältere Dame in einem Altenpflegeheim im Markgräflerland erleben. Dort erlaubte man ihr, ihre geliebte Katze auch weiterhin bei sich zu behalten.

Dies war umso problemloser, da es sich bei ihr um ein ebenso schönes,  wie verschmustes Tier handelte, das sich – wen wundert´s – der Sympathie und Zuneigung der vielen älteren Damen erfreute. So konnte die Katze fortan zur Verschönerung des Alltags zahlreicher Menschen maßgeblich beitragen.

Nun geschah es aber, dass die Eignerin der Katze eines Tages starb. Ungeachtet des Todes der vormaligen Besitzerin strich die Katze wg allgemeiner Beliebtheit aber auch weiterhin von Zimmer zu Zimmer, wo man sie unentwegt mit den üblich eigenartigen Zischlauten („bsbsbsbsbsss“) ins Innere der Zimmers lockte. Dort wurde sie gestreichelt. Man wird nicht zu weit gehen, wenn man  diese Form der Zuneigung seitens der Heiminsassen als durchaus lebensverschönernd, ja, lebensverlängernd betrachtet.

In der auch auf einer Pflegestation durchaus herrschenden Hierarchie konnte fortan diejenige Pflegebedürftige punkten, auf deren Schoß die Katze sich möglichst lange schnurrend aufhielt. „Bei mir“, so war dann manchmal zu hören, „hat es die Katze halt am besten“. Die Verweildauer der Katze wurde so unausgesprochen als positiver Akt gedeutet. Sie legte Zeugnis ab von der emotionalen Fähigkeit der streichelnden Heimbewohnerin. In der Welt der freundlich dekorierten Zimmerfluchten einer Pflegestation konnte dies durchaus als prestigeförderndes Merkmal gelten.

Nun war aber dem aufmerksamen Pflegepersonal nicht entgangen, dass sich die Verweildauer der Katze auf je einzelnen Schößen ungleich verteilte, d.h. es gab Heiminsassinnen, die in zunehmendem Maß von dem Schmußebedürfnis der Katze profitierten. Zunächst wurde dies auch mit übergroßer Freude registriert, was sich aber alsbald ins Gegenteil verkehrte, wenn die Heiminsassin nämlich bald darauf verstarb und  den Streicheldienst zwangsläufig ein-stellte.

In den Schwesternzimmern wurde dies zunächst augenzwinkernd registriert, eine Eigentümlichkeit, der man anfänglich kaum Beachtung schenkte. Ja, es wurden sogar Witze gerissen, wie denn der Pflegedienst mit seinen Härten von Zeit zu Zeit durchaus nach heiteren Momenten verlangt. Anfänglich gab das möglicherweise zu erwartende Ableben einer Person nach dem häufigen Besuch der Stationskatze noch Anlass zu spaßigen Wetten. Einmal wurde eine  eintreffende Vorhersage sogar mit einer Geschenkpackung ‚MonCherie’ entlohnt!

Allmählich sensibilisiert, verdichtete sich der Verdacht, dass mit dem häufigen Besuch der Katze das baldige Ableben der Besuchten einherging. Dies veränderte die Stellung der Katze innerhalb der Abteilung aufs nachdrücklichste. Was zunächst das Personal noch zu Späßen ermunterte, wurde durch die zunehmenden Regelhaftigkeit und deren empirische Unterfütterungen bitterer Ernst.

Dabei wurde der Kreis der dies Ahnenden  zunehmend größer. Es war nicht mehr auszuschließen,  dass der Verdacht, innerhalb der Station eine behaglich schnurrende Todesbotin zu beherbergen, bis zu den Pflegeinsaßen durchsickerte.

So entschloss sich die Heimleitung zur großen Irritation und Trauer der Heimbewohner, die Katze in ein anderes Heim zu geben.

Wobei angefügt werden muss, dass es sich dabei um ein Tierheim handelte.

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Genuss in vollen Zügen

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Wenn einer eine Reise tut: mit der Bahn von München nach Stuttgart

München in diesen Tagen. Alles liegt unter einer dicken Schneedecke begraben. Über der Stadt wölbt sich ein kalter blauer Himmel, doch wen das Reisefieber packt, dem wird ganz anders. Wetterbedingt herrscht null Zugbetrieb. War die Großwetterlage noch winterlich schön, geriet der Rest dann aber eher nicht so toll. Gestern zumindest ging erst einmal gar nichts. Absolute Stille. Heute dann vorsichtiges Anfahren. 11.30 h sollte der erste Zug von München nach Stuttgart abgehen. Seitens der Bahn versprochen war zumindest schon mal Vollauslastung . Kein Wunder, dass die Fahrgäste das Versprechen wörtlich nahmen und nachschauten, ob das auch stimmt. Und in der Tat herrschte am Bahnsteig auch reges Gedränge, und es zeichnete sich recht schnell ab, dass der Zug überfüllt sein würde.

Wie oft zu Stoßzeiten standen die Leute dann auch in der Gängen, saßen auf Koffern oder versuchten, sich sonst irgendwie zu positionieren. Wer Glück hatte, fand einen Platz im Speisewagen. Alles also wie gehabt, wenn zur Urlaubszeit die Reiserei losgeht und die Bahn zu ihrem alljährlichen Erstaunen von den Fans überrannt wird. 

Aber diesmal sollte es etwas anders laufen. Da nämlich teilt der Zugführer über Lautsprecher mit: solange nicht jeder auf einem Platz sitze, könne der Zug sich nicht in Bewegung setzen. Dies geschehe aus Gründen der Sicherheit; es wäre zu unserem Besten. Nichts geht mehr. Keiner bewegt sich. Der Zugführer bleibt stur. Minute um Minute verrinnt. Der Zug steht. Kein Schaffner weit uns breit. Mittlerweile sind 35 Minuten verstrichen. Der Zug steht; zu unserer aller Sicherheit. Droht Achsenbruch? Alle sind genervt, vor allem auch jene Passagiere, für die das Reisen mit der Bahn auf Koffern bislang die übliche Fortbewegung war. Jetzt droht man nicht fixierten Fahrgästen per Lautsprecher sogar mit dem Hinzuziehen eines Ordnungsdienstes.

Den Rausschmiss vor Augen, habe ich mich gerade noch auf einen freien Platz in der 1. Klasse gerettet. Neben mir auf dem Boden sitzt eine Junge Frau. Sollten die angekündigten Polizeikräfte sich nähern, überlege ich, sie durch das Überwerfen meines Mantels vor einem eventuellen Zugriff zu schützen. Vielleicht passt sie in meinen Koffer? Man sollte sie verstecken. Vielleicht schmeißt man mich aus dem Zug, weil ich unerlaubt sitze oder im Begriff bin, Beihilfe zu widerrechtlicher Beförderung zu leisten?

Nach einer Stunde dann die Abfahrt. Zu einem fröhlichen Hallo bleibt keine Kraft mehr. Das, was jahrelang üblich war – das Reisen in übervollen Zügen –, solle auf einmal nicht mehr erlaubt sein? Ein Scherz? Es muss eine Verordnung in Kraft getreten sein, von der bislang niemand wusste.

Angesicht der schwerwiegenden Situation muss ein Verdacht hier freilich erlaubt sein: wäre es möglich, dass die Bahn kurz vor den anstehenden harten Tarifverhandlungen  noch versucht, Ballast abzuwerfen?

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Flucht und Vertreibung

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Wie ich einmal nach Kehl kam

Wer fliehen will, sollte wissen, womit und wohin. Ich stand am Bahnhof in Baden-Baden und wartete auf den Zug Richtung Süden, nach Freiburg. In einiger Entfernung sah ich eine Kollegin, die wie ich auf den Zug wartete, und in deren Gesellschaft ich keinesfalls die nächste Stunde verbringen wollte. Sie war ein hasenzähniges Wesen mit meist etwas zu langen Röcken. Sie gab sich leutselig,  immer bestrebt, sich mit jedwelchen Kollegen auf eine vermeintliche Kumanei einzulassen. Man durfte ihr aber nicht trauen. Mit ziemlicher Sicherheit würde sie mich über die Dauer der gesamten Fahrstrecke mit mir noch nicht bekannten Interna aus dem Betrieb versorgen. Mir drohte eine Stunde Langeweile. Die von ihr verbreiteten Gerüchte würden mich, je nachdem was sie mir erzählte, ratlos oder wütend machen.

Zum Glück rollte jetzt der Zug ein. Ich war fest entschlossen, mich durch möglichst schnelles Zusteigen ihrem Blick zu entziehen. Klassisches Fluchtverhalten

Nachdem die Wagentür sich hinter mir geschlossen hatte, entspannte ich mich. Fürs erste war ich gerettet. Der Zug war gut besetzt. Zunächst musste ich über zwei glatzköpfige Jugendliche steigen, die es sich, auf dem Boden sitzend, im Eingangsbereich bequem gemacht hatten. Immerhin fuhr der Zug gleich los, und bei den vielen Waggons, die zwischen meiner Kollegin und mir lagen, schien es eher unwahrscheinlich, dass sie sich zu mir durchkämpfen würde. Außerdem konnte sie mich nach Lage der Dinge ja nicht gesehen haben.

Nach längerem Suchen hatte ich einen freien Platz erspäht. Wieder stieg ich über Kahlköpfige junge Männer, was bei mir zu dem Zeitpunkt aber noch keinen Verdacht aufkommen ließ. Mode ist ja stets zeitgebunden. Jede Zeit hat ihren Stil, ihre Frisuren. Was man gestern trug, kann heute schon veraltet sein. Und umgekehrt.

Man sprach Französisch, was in einer Grenzregion ja auch nichts Besonderes ist. Allerdings sahen mich die Mitfahrenden an, als käme ich von einem anderen Stern. Lag es an meiner Frisur? Ich war zwischenzeitlich doch etwas unsicher geworden. Das änderte sich aber, als der Schaffner in einer mir zunächst nicht vertrauten Uniform das Abteil betrat. Er kontrollierte meine Karte und fragte mich beiläufig, ob ich etwa zum französischen Militär wolle? Zur Grand Armee? Der Zug, sagte er, sei ein Militärtransport. Ich sei in den falschen Zug gestiegen. Der hier sei auf dem Weg nach Paris, nicht nach Freiburg. Er würde mir raten – sagte er lächelnd – an der nächsten Bahnstation auszusteigen. Noch sei es ja nicht zu spät. Noch seien wir in Deutschland.

Vor vielen Jahren hatte mir ein Lokaljournalist, den ich fragte, wo er arbeite, zugeraunt: „Wer Vater und Mutter nicht ehrt muss nach Kehl“. Und in der Tat: wer sich wie ich in Kehl auf einer schmutzigen Bank vor dem Bahnhof sitzend wiederfindet, ahnt, was er damit gemeint hatte. Normalerweise rollt dort eine schier nicht endenwollende Autoschlange vorbei: die vielen Pendler, die, von der Arbeit in Deutschland kommend, nach Straßburg zurückkehren. Dreht man sich mich um, fällt der Blick auf einen herabgewirtschafteten Bau, gleich neben dem Bahnhof. Es ist das „Hotel Astoria“, dessen schmuddeliges Äußeres die wenigen dort verkehrenden Gäste offensichtlich nicht zu stören scheint.

Noch beim Betrachten des „Astoria“ fiel mir auf, dass sich zwischenzeitlich ein Zeitgenosse genähert hatte. Er trug einen Mundschutz der etwas aufwändigeren Sorte, also nichts Selbstgenähtes. Sein Modell hatte eine spitz zulaufende Schnauze mit einer vorne abgeflachten Spitze. Soweit ich sah war in diese Spitze eingesetzt ein kleiner Filter mit zwei Luftlöchern, was dem Träger das Aussehen eines freundlich drein-blickenden Ferkels mit Schnute gab. Der Mann sprach mich an, war aber durch den Rüssel seiner Anti-Corona-Maßnahme schlecht zu verstehen. Das wenige, das ich mitbekam, lief darauf hinaus, dass er einen Mangel an Respekt seitens der Deutschen beklagte. Schließlich sei er ein Zigeuner. Ich darf das sagen, denn er sagte von sich selbst, er sei ein ‚Zigeuner‘. Zudem sei er ein ‚Fighter‘, eine Selbsteinschätzung, die er durch einige kurze, ruckhafte Handbewegungen unterstrich. Jeden, der ihn tot mache, mache auch er tot, sagte er mir. Ich müsse vor ihm aber keine Angst haben.

Im vorliegenden Fall wäre es vielleicht angebracht gewesen, ihm das Büro der Fremdenlegion in Straßburg zu empfehlen. Ich war dort schon einmal vorbeigekommen. Nicht ganz weit von der Grenze gelegen, war es zumindest in meiner Erinnerung, in einem heruntergekommenen Backsteingebäude untergebracht, in der Rue d’Ostende, wo es mit seinem Stacheldraht und dem versifften Vorgärtchen für den ganzen Jammer dieses Berufsstandes stand. Während ich noch überlegte, wie ich ihm den Weg dorthin beschreiben sollte, gab er plötzlich Entwarnung: „Du und ich aber gut“, sagte er, was offensichtlich bedeuten sollte, dass wir beide letztlich doch herzensgute Menschen seien. Soweit ich das für mich beurteilen kann, stimmte ich ihm mit leichten Einschränkungen zu, worauf er sich plötzlich umdrehte und in der traurigen Tiefe der Kehler Bahnhofshalle verschwand. Das Letzte, das ich von ihm sah, waren die beiden blütenweißen Schnüre der Maske an seinem dunklen Hinterkopf.
Als ich dann endlich nach zweieinhalb Stunden Verspätung in Freiburg ankam, hielt ich ängstlich Ausschau nach meiner Kollegin. Von der war aber nichts mehr zu sehen.

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Die Stars der Mehrzweckhalle

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In Auggen: Leistungsschau der Osterhasen

HasenbildDer Kreisverband Müllheim schätzte Kurt Schuhmacher so sehr, dass er ihm den Ehrenvorsitz antrug. Zeit seines Lebens hatte er sich um das Kaninchen verdient gemacht, ja, man könnte fast sagen, er hatte den für einen Züchter so wichtigen Stallgeruch. So kam es, dass er zum Vorbild unzähliger Jungzüchter wurde.

So z.B. für Frank Martin. Er erhält auf der 25. Kreiskaninchenschau in Auggen für sein Zuchtergebnis („Neuseeländer, rot“) 385,5 Punkte. Es war die beste ‚Sammlung der gesamten Ausstellung‘. Veredelt wird das Ergebnis noch dadurch, dass die Konkurrenz an jenem vernieselten Wochenende doch recht stark war. Erstaunlich viele der 400 präsentierten Kaninchen fühlten das Auge der Juroren wohlgefällig auf sich ruhen und sahen sich völlig zu recht mit dem Prädikat ‚vorzüglich‘ in den heimischen Stall entlassen.
Ein schöner Erfolg für alle, diese Kreisschau in der Winzerhalle. Das Gebäude liegt direkt an der Hauptstraße, gleich neben der ortsansässigen Winzergenossenschaft, die auch in diesem Jahr wieder mit vereinzelten Weinpräsenten (Auggener Schäf) zum Gelingen des Ganzen beigetragen hatte. Die Winzerhalle selbst – groß genug, um der Deutschen Bahn AG als Veranstaltungsort für das Rentnerevent ‚Der schöne Tag‘ zu dienen – ist für die Kleintierschau allerdings etwas überdimensioniert, zumal die diesjährige Ausstellung eher unglücklich platziert ist zwischen der Kaninchenausstellung Freiburg und der Bundesschau auf dem Stuttgarter Killesberg mit angekündigten 30000 Tieren. Dafür beträgt der Eintritt in Auggen aber auch nur zwei Euro.

Dass sich die Halle schön gemacht hätte für ihre pelzigen Stars lässt sich freilich nicht gerade sagen. An ihren Holzwänden hängen in dekorativer Absicht diverse Flaggen in den Farben schwarz/rot/gold oder im Blau des geeinten Europa. Mit einem ‚Herzlich willkommen!‘ lädt ein beschriftetes Tuch zum Verzehr selbstgebackener Buttercremetorten auf. Am Eingang wirbt ein gelbes, eingerissenes Plakat für die nunmehr vergangene Wahl einer Disco-Queen (‚Miss No.1‘), die in einer Belchenhalle stattgefunden haben muss. Daneben annonciert MASSA MÖBEL ein ‚Probewohnen satt‘, jeden Sonntag von 13.00 – 14.00 Uhr. Und da, wo letztes Jahr die Kastelruther Spatzen die Hymne der alleinerziehenden Mutter („Aber die Sehnsucht bleibt“) präsentiert hatten, stehen jetzt 400 Drahtkäfige mit ihren flauschigen Exponaten, jahreszeitlich geschmückt mit Osterglocken und Weidekätzchen.

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Und doch, wer weiß, vielleicht wird das eine oder andere Tier das Fest in der Pfanne erleben? Der Kreisvorsitzende jedenfalls schätzt Kaninchenfleisch außerordentlich. Lecker zubereitet sei es eine Delikatesse, zumal der Verband der Kaninchenzüchter – zusammen mit dem Fachorgan ‚Das Kaninchen‘, der sogenannten ‚Bewertungskarte‘ und einem Jahreskalender – praktischerweise auch noch Kaninchenrezepte im Sortiment führt, vornehmlich anzuwenden bei missratenen Zuchtergebnissen.

Nun lässt sich ein solcher Verlust auch verschmerzen, denn wer – wie die meisten Züchter – allwöchentlich die Ställe von mehr als 50 Tieren ausmistet, den mag schon einmal der große Hunger überkommen. Ohne seine Frau ginge das gar nicht, sagt der Züchter, der zwischen dem 16. und 18, Lebensjahr allerdings einen ‚Aussetzer‘ gehabt habe: „Da hab‘ ich lieber poussiert“. Es traf sich dann aber gut, dass der Bruder seiner späteren Frau ebenfalls Hasen züchtete, und als er in einer Tombola ein Kaninchen gewonnen hatte, da war er wieder mit dabei. Nachwuchssorgen im Verein? Eigentlich nicht. Wichtig für das Weitermachen sei der ‚Club der ehrgeizigen Väter“. Die erzögen ihre Sohne zur Zucht. Sein Vater z.B. habe 250 Hasen im Stall gehabt. Bei ihm selbst seien es über hundert, ja, er rechne im Monat mit über 90 Euro Kraftfutter.
Gewinn wirft das Ganze nicht ab. Der Preis eines Zuchttieres beginnt bei 40 Euro und dürfte bei 120 Euro aufhören. Dass in Kassel ein Tier für über 800 Euro den Stall gewechselt haben sollte, hält er für überzogen.
So taucht der Interessierte ein in eine Welt voller im Stroh liegender Geheimnisse. Er erfährt, dass es allein 49 Normalhaarrassen gibt, die so illustre Namen tragen wie ‚Blauer Wiener‘, ‚Weiße Hotot‘, ‚Großer Marder‘, ‚Sachsengold‘ oder ‚Perlfeh‘. Weiter verzeichnet der verbandseinheitliche ‚Einheits-Standard ’91‘ die ‚Rheinische Schecke‘, ‚Havanna‘ oder den ‚Deutschen Riesen, grau‘. Diese Rasse kennt z.B. beim Höchstgewicht keine Grenze nach oben, darf also mehr als 7 Kilo auf die Waage bringen. Dafür gibt’s dann die maximale Zahl von 20 Punkten. Anders die ‚Rex Zwerge‘. Sie erreichen die maximale Punktezahl bei 1,4 Kilo. Darüberhinausgehende Pfunde gibt Abzug. Gerade der ‚Deutsche Riese‘ ist ein Prachttier, der seinen Käfig mühelos ausfüllt. „Er hat ein 20er Ohr“, so der Kaninchenkundige.
Und dann noch die Bewertungskriterien für fehlerhafte Abweichungen! Mag der Juror das ‚lose am Körper sitzende Fell‘ noch einigermaßen durchgehen lassen, man auch ein ‚gespaltener Penis‘ die Wertung nicht ganz verhageln, so schlägt das ‚vollständige Abweichen vom Typ‘ schon ganz anders zu Buche. Ganz schlecht sind auch X- oder O-Beine, ‚ausgeprägter Häsinnenkopf beim Rammler‘ oder gar Schlepphode. Da windet sich der Fachmann mit Grausen, so, als wäre dem Züchter bei einem derartigen Ergebnis das weitere Züchten zu widerraten.
Der hätte sich – unter Hinzuziehung der Züchterbibel ‚Rassekanichenzucht‘ – besser rechtzeitig kundig gemacht. Dort hätte er z.B. erfahren wie es sich mit den ‚Erbwerten der Familie‘ verhält. Er wüsste, in welcher Landschaft er den Stall nach welcher Himmelsrichtung ausrichten muss. Ferner auch, dass in schlechten Jahren mehr Kaninchen gezüchtet werden als in guten (so wurden 1918 viermal soviel Kaninchen gehalten als vor dem Krieg). Weiter erfährt er dort, dass die Bergleute eine starke Affinität zu diesem Tier hegen und dass es des großen vaterländischen Kriegs bedurft hatte, den deutschen Soldaten vom Nutzen des Stallhasen zu überzeugen. Der Krieg als Vater aller Hasen?

Doch ist dem umfangreichen Kompendium der Kaninchenkunde auch Praktisches zu entnehmen: „Wer die Geburt z.B. an einem Sonnabend wünscht, lasst die Häsin Mittwochs zu“ (hier sollte man vielleicht ergänzend anführen, dass dazwischen naturbedingt ein Monat liegt). Und weiter führt der Verfasser aus: „Nach der Begattung lässt sich der Rammler dann meist mit einem knurrenden Laut seitwärts von der Häsin abfallen, wobei er noch einige Sekunden an ihr liegenbleibt“.
Da ist es nur nützlich, dass der Katalog zur Kreisverbandschau Rammler und Häsin klar getrennt aufführt. Die Zeichenerklärung weißt aus: 1,0= männlich, 0,1=weiblich. ’nb‘ heißt ’nicht befriedigend‘ und ‚ob‘ = ohne Bewertung. Weiter informiert uns der Katalog, dass Günter Hurst mit 6 Euro an der Herstellung des Katalogs beteiligt war und dass das Mischfutterwerk Rappenecker 2 Sack Kraftfutter beigesteuert hatte. Willi Hartenbach, der Kreisverbandvorsitzende, hatte ein T – Shirt gespendet. Darüber hinaus war er es, der zusammen mit Karl Triebwetter den Transport der Käfige besorgt hatte.
So bleibt dem Besucher – nach aufwärmendem Kaffee und Kuchen, vor allem der Blick aufs Wesentliche und die Einsicht in eine Welt, zu der er nimmer Zugang gefunden hätte, hätte es nicht gegolten, einen Sonntagnachmittag im Markgräflerland zu überbrücken. Nur so kam es, dass er sich erfreute an der „…geradezu zwingenden Unterhaltungskraft und Erbaulichkeit des Tieres, des pelzigen und des gutmütigen und traulichen Haustieres zumal“ (E.Henscheid)

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Hauptsache lustig.

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Wer sich integrieren will, muss nicht unbedingt lustige Lieder singen können. Aber gut wär’s schon.

Ein Dönerverkäufer 1855

Soll keiner sagen, dass unsere Türken keine lustigen Leute seien. Gut – vielleicht nicht so lustig wie etwa die Tiroler, die es wegen ihrer durchgängig guten Stimmung sogar zu einem eigenen Lied gebracht haben. Das geht so: „Die Tiroler sind lustig die Tiroler sind froh“. Wer das singt, spürt schon, was es mit den Menschen dort so auf sich hat. Irgendwie nur schade, dass so lustige Leute wie die Tiroler keine richtigen Deutsche sind. Gerade an Tagen wie diesen könnte wir solche Deutsche nämlich gut gebrauchen, gerade jetzt, wo viele unserer Landsleute das Leben eher traurig finden. Denn wer jemals in Tirol Skiurlaub gemacht hat, der weiß, wie es sich anfühlt, von einem braungebrannten tiroler Skilehrer beim Apres Ski so richtig bespaßt zu werden. Danach weiß er, wie es bei einem zünftigen Almdudler zugeht: so richtig lustig halt.

Jetzt aber müssen wir nochmal auf unseren Anfang zurück kommen, wo wir von den türkischen Mitbürgern gesprochen hatten. Solch eine tiefe Fröhlichkeit ist nämlich von unseren türkischstämmigen Mitbürgern nicht zu vermelden. Wenn wir sie in ihrem Imbiss stehen sehen, fällt uns vieles ein, nicht aber, wie heiter es ist, sein Leben mit einem Dönerspieß im Rücken zu verbringen. Aber vielleicht wird das ja noch.

Ganz anders verhält es sich mit den Zuwanderern der ersten Stunde, den Italienern, die schon kurz nach dem Krieg als ‚Gastarbeiter‘ zu uns gekommen waren. Freilich muss man sagen, dass es für sie zu Anfang auch nicht so furchtbar lustig war. Wenn man sich damalige Dokumentationen anschaut, ahnt man, wie übel es ihnen anfänglich erging. Angereist in Zugwaggons der Holzklasse, lebten sie zunächst noch in Baracken. Gewaschen hatte man sich im Freien. Sieht man heute die damaligen Filmsequenzen, muss es ihren, weit ab von Bella Italia, anfänglich ziemlich schwer gefallen sein, an die Segnungen des deutschen Wirtschaftswunders zu glauben.

Das wurde erst besser, als die ersten von ihnen sich einen Opel Kadett leisten konnten, den sie wie alle Deutsche jeden Samstag wuschen. Da hatten sie aber schon nach einer Lokalität Ausschau gehalten, in die sie recht zügig einen Pizzaofen einbauten. War der Ofen endlich da, besorgten sie sich aus Italien Bilder vom Vesuv und vom Ätna. Weiter bezogen sie aus der alten Heimat Gipsfiguren von halbnackten griechischen Göttinnen und bastverkleidete Chiantiflaschen, die, leer getrunken, als Kerzenhalter schnell den Weg auch in unsere Kellerbars fanden. Die von uns den Krieg überlebt hatten, fanden das wunderschön.

Nun muss man sich so einen Pizzabetreiber im Nachkriegsdeutschland nicht als geborenen Ober vorstellen, aber lustig war das schon, wenn unser Mann aus Palermo schon früh durch’s Lokal wuselt, die Sonne Italiens beschwört und gute Laune verbreitet. Später ließ sich der Italiener von uns auch noch vertraulich duzen („Was machst du mir heute“?), worauf  dem deutschen Stammgast zwar nicht das Messer im Sack, so doch das Herz aufging.

Dass sich so ein italienischer Pizzabetreiber alsbald vollständig integriert fühlte, verdankte er allerdings noch einem anderen Sachverhalt, dessen integratives Wirken man nicht  unterschätzen sollte. Es war die italienische Musik, die uns Deutschen das süße Leben unter der südlichen Sonne vorgaukelt. Titel wie „Oh mia bella Napoli“, „That’s Amore“ und „Oh sole mio“, mögen hier stellvertretend stehen, aber auch Interpreten wie der ewig lachende und zähnebleckende Adriano Celentano („Azurro“), wie Ricci & Poveri („Felicita“) und Rocco Granata („Marina“). Sie alle formten ein Bild von Italien, das bald auch kräftig in den deutschen Nachkriegsschlager überschwappte. Bis heute prägte es das positive Bild von unserem südlichen ‚Nachbarn‘. Dabei geholfen hat auch, dass die Sänger und Sängerinnen Italiens ihre Hits bald auch auf Deutsch sangen. Kam dazu dann auch noch so ein kleines unschuldiges Liedchen wie „Zwei kleine Italiener“, dann war man dem Gastarbeiter von Herzen gut. Irgendwie hieß man ihn willkommen und war froh, wenn er seinen Ofen für uns anwarf. Daran etwas ändern konnte nicht einmal die später gar nicht mehr so lustige Cornelia Froboess, die sich bis heute für den ‚Kleinen Italiener‘ schämt. Ohne es zu wissen, hat sie mit ihren kleinen albernen Liedchen dazu beigetragen, dass die Integration der italienischen Mitbürger gelang.

Ganz anders als z.B. bei unserem türkisch-berliner Taxifahrer, der – steigt ein Fahrgast zu – gut daran tut, die Lautstärke seines Autoradios runterzufahren. Mag ja sein, dass das, was da aus dem Autoradio tönt, von vielem erzählt, nicht aber davon, wie schön es doch sein kann, wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt.







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