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Unser Mann aus Palermo

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Erinnere ich mich richtig, gab es bis Mitte der 80er Jahre in Freiburg kaum eine reine Studentenkneipe. Nach des Tages Mühe fielen damals die Studierenden in bürgerlichen Wirtschaften ein, die, nachdem ältere Damen am Mittagstisch ihre Königin-pasteten verzehrt  hatten, am Abend von der Studentenschaft in Beschlag genommen wurden.

Da gab es z.B. die Gaststätte ‚Harmonie‘ oder den ‚Großen Meierhof‘, beide in der Grünwälderstrasse. Wir tranken oft im ‚Schwarzwälder Hof‘, der neben dem guten Bier zudem noch über eine Attraktion verfügte. Das war ein Ober, dessen eigentlicher Namen wir allerdings nicht kannten. Tat aber auch nichts zur Sache. Beim Abräumen der Gläser und der geleerten Teller fragte er stets: „Schmeck“?

Man musste nicht italienisch können, um zu ahnen, was er damit meinte. Er wollte fragen, ob es uns geschmeckt hatte. Deshalb nannten wir ihn einfach den Schmeck. Zudem schien es, als verberge sich hinter der kleinen Gestalt mit ihrem Oberlippenbärtchen und den rötlich gefärbten Haaren ein Geheimnis. War der Schmeck mal wieder ein halbes Jahr weg, raunten wir uns Verdächtigungen zu, wie etwadie: er sei Angehöriger der Mafia oder gar der Pate. Vielleicht hatte er aber auch eine Frau umgebracht, sässe nun wg Mordes im Gefängnis und dergleichen mehr. War der Verdacht genüsslich ausgearbeitet, ließen wir uns von einer Bedienung das Bier bringen und tranken noch einen, bis eines Tages wundersamerweise wieder ein kleiner Italiener mit Oberlippenbärten erschien und fragte: Schmeck?

Ich hätte das schon lange vergessen, wäre mir nicht kürzlich ein Beispiel gelebter Integration ins Haus geflattert. Ein Freund hatte mir eine Todesanzeige geschickt, in der die Eigentümerfamilie des Restaurants den Tod ihres im nahezu biblischen Alter von siebenundneuzig Jahren von ihnen gegangen Angestellten Michele Notarbartolo bekannt gab. Für uns hätte der Name nichts zu bedeuten gehabt. Erst als ich das Bild auf der Todesanzeige betrachtete, erkannte ich: es war ‚unser’ Schmeck!

Soweit, so traurig. Was aber unsere Geschichte von vielleicht vielen ähnlichen Geschichten unterscheidet, ist ein kleiner Satz in der Todesanzeige. Da teilt die trauernde Wirtsfamilie mit, dass ein Michele Notarbartolo, der in den 60er Jahren wahrscheinlich als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, mittlerweile fester Teil der Familie geworden war.

„Nun“, steht da in der Anzeige geschrieben, „wird er in unserem Familiengrab seine Ruhe finden“.

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Jetzt aber mal ernsthaft – Teil 1

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Kürzlich widerfuhr mir in einem Telefonat wirklich Seltsames. Als ich einen Unternehmer anrief, um zu fragen, ob ich über ihn und sein durchaus interessantes Unternehmen einen Beitrag schreiben dürfe, ging er auf die Homepage des BADENBLOGGER und sah da unser Motto: „radikal und objektiv“. Daraufhin schien er nachhaltig verstört. Kann uns egal sein, dachte ich. Wir brauchen keine Werbung. Wir sind ein durch und durch unabhängiges Medium. Und doch machte es uns nachdenklich, und wir beschlossen, immer mal wieder etwas zu schreiben, was nicht unbedingt ‚radikal‘, trotzdem aber ‚objektiv´ ist. So recht wissen wir noch nicht, was wir damit meinen, aber uns wird schon etwas einfallen. Lass Sie sich das gesagt sein!

So. Jetzt fangen wir schon mal an.

Wer wollte bestreiten, dass die Südpfalz ein durch und durch liebenswerter Landstrich ist. Die Menschen sind voller Herzlichkeit, die Hänge voller Wein. Wenn dann noch, wie kürzlich in Rhodt unter Rietburg, alle gemeinsam das ‚Fest des neuen Weins’ feiern, ja, da kann einem so richtig das Herz aufgehen. Dazu gehören der Riesling und die Leberknödel, das Sauerkraut und die Krumbeere! An so einem wunderbaren Spätsommersonntag hockt man dann in einer gemütlich dekorierten Hofeinfahrt und lässt beim Trinken und Schwätzen – wie man so sagt – den lieben Gott einen guten Mann sein. Dieser Ansicht sind auch die mit mir am Tisch sitzenden zwei befreundeten Ehepaare, die nun schon im elften Jahr aus Aachen hierher kommen, um immer wieder in derselben Pension Ferien zu machen. Langweilig wird das nie, erzählen sie. Alle sind begeistert, vor allem, da man durch die jüngst in Mode gekommen E- Bikes seinen Vergnügungsradius massiv erweitern konnte. Glück ohne Ende, jedenfalls soweit der Akku reicht.

Man spricht also über dieses und über jenes, z.B. auch über den Karneval daheim, über die Jecken, die ausgelassene Freude, den ‚Zoch’ (Karnevalumzug) und natürlich auch über die Kamellen, die von den Wagen Kiloweise auf die Jecken geworfen werden. Aber, und jetzt kommen wir zum ernsthafteren Teil unserer Ausführungen, es ist nicht mehr so wie früher. Etwas hat sich geändert. Der plötzlich ernsthaft gewordene Jecke nimmt noch einen Schluck. Ja, es hat sich was geändert. Die Leute wollen keine Kamellen mehr. Keiner hebt sie mehr auf. Früher – ja, früher, waren die Straßen leer von Kamellen. Keine Kamelle blieb liegen, jede einzelne wurde aufgehoben. Heute hingegen wollen die Leute Schokolade, Mars und all das ganze Zeug. Kurz: es klang nach Werteverfall. Mein Gott, dachte ich: was soll aus dem Karneval werden, wenn die Menschen nur noch ‚Ritter Sport’ glücklich macht? Man kennt den Rheinländer ja eher so aus der Ferne und so bot sich die eine Frage geradezu an: warum bleibt die rheinische Kamelle neuerdings liegen?

Der Grund, sagt mein Mittrinker und nimmt noch einen Schluck, der Grund (jetzt blickt er fast so traurig wie ich) liegt an den Ausländern, den Asylanten. Sie wollen sich nicht bücken. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sie von uns – er sagte ‚von uns’, mich also mit eingerechnet (Volksgemeinschaft) – „alles vorne und hinten“ reingeschoben bekommen.

Er meint doch hoffentlich nicht die Kamelle?

 

 

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Des Glückes Schmied Teil 1

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Franz Botschek – der Mann am Feuer

Bei der Besetzung des ‚Mime’, des Schmiedes in der Oper ‚Siegfried’, hätte Richard Wagner an einem wie ihm seine helle Freude gehabt. Mächtig steht er da, ein Baum von einem Mann. Mit starken Armen, riesigen vom Rauch geschwärzten Händen und einem Lederschurz, der ihn vor der stärksten Hitze schützt. Schade nur, dass Franz Botschek nicht singen kann und Wagners Opern nicht kennt. Dafür aber liebt er ‚Truck Stop’ und steht auf Büchsenwurst.

Letztere braucht er auch, wenn er an seinen vier verschiedenen Feuerstellen arbeitet, die er sich zwischen seinem ererbten Elternhaus und einem angebauten Holzhaus eingerichtet hat. In Lauf, einem kleinen Dorf in der Ortenau. Dort geht er seinem schweren Handwerk nach, inmitten eines höher gelegenen Wohngebietes, wobei er an der Feuersicherheit seines Arbeitsplatzes nicht den geringsten Zweifel aufkommen lässt. In der Ferne liegt die Rheinebene und ganz unten das gemütliche Dorf. Neben sich hat er Bier und Büchsenwurst, und hinter sich eine Säulenbohrmaschine von 1910. Und für einen kurzen Augenblick lang mag man sich der trügerischen Illusion hingeben, dass diese Vergangenheit doch noch ein Morgen haben könnte, ohne Gedanken an die Globalisierung, ohne Bits und Bytes. Gern möchte man sich noch eine Art Zukunft vorstellen, geschaffen durch eines rechten Mannes Hände Arbeit, übriggeblieben aus einer Zeit, in der hochqualifizierte Arbeitskräfte sich nicht entscheiden mussten, ob sie zum Arbeiten entweder das iPhone oder den Becher Latte Macciato aus der Hand legen sollen.

„Hey Boss, ich brauch‘ mehr Geld“ hört man Gunter Gabriel im kleinen Kofferradio singen, das schwarz, von Ruß, mit scharfkantig abgebrochener Antenne in der Ecke hängt. Gunter Gabriel übt – wenn man so will – ebenfalls eine Art  Handwerk aus: das eines Barden. Auch dieses Handwerk hat einer Art Zukunft, nämlich im RTL Dschungelkamp, in das demnächst der Barde mit Gitarre und Toupet für viel Geld einzieht. So etwas ist Botschek von Haus aus suspekt. Nichts für ihn. Schall und Rauch.

Doch kommt auch das Schmiedehandwerk ohne beides nicht aus….

 

 

 

(sämtliche Fotos mir freundlicher Genehmigung von Samuel Hess. Siehe auch    www.samuelhess.de)

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Des Glückes Schmied Teil 2

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Doch kommt auch das Schmiedehandwerk ohne beides nicht aus. Das sieht die Nachbarin offensichtlich ähnlich, wenn der Rauch der feurigen Esse in ihre Richtung zieht und Wucht und Lärm des Federhammers die Fundamente ihres Nachbarhauses erzittern lassen. Das ist halt so. Das rührt sie nicht. Eher machte sie sich Sorgen, wenn das Gewerbe von Zeit zu Zeit ruht und sie vom Nachbarn nichts hört.

Es sind vielleicht diese stillen Momente, in denen er vom Wilden Westen träumt, wo es ihn in Gedanken immer wieder hinzieht, so etwa, wenn er in einem Buch über Indianer blättert oder über die Cartwrights aus der Serie ‚Bonanza’ ins Schwärmen gerät. Schon der Anblick der massiven, zusammengefügten Balken seines Holzhauses, die sich seit dem Einzug wie berechnet um acht Zentimeter gesenkt haben, befeuert seine Träume. Den Rest erledigt an kalten Abenden der offene Kamin. Im flackernden Licht der offenen Flamme zieht er dann schon mal den Stetson auf, den ihm ein früherer Kollege aus Amerika mitbrachte und den einst John Wayne bei einer Filmproduktion getragen hatte. Das sind dann die Momente, in denen Franz Botschek, der Schmied, durchblicken lässt, dass hartes Eisen auch mal weich werden kann. Es kommt halt auf die Temperatur an.

Doch lasse man sich nicht täuschen: sein Reich ist auch von dieser Welt. Froh, mit einer auskömmlichen Betriebsrente seines ehemaligen Arbeitgebers SWR versorgt zu sein, macht er jetzt nur noch das, was ihm Spaß macht. Auch heute noch bekommt er eine Gänsehaut, wenn er an seinen ersten Hammerschlag aufs rotglühende Eisen denkt. Diese Begeisterung für sein geliebtes Handwerk möchte er weitergeben, in monatlich stattfindenden Schmiedekursen, in denen er fünf Laien in einem sechsstündigen Grundkurs vermittelt, dass das Glück eines Menschen auch auf einem Amboss liegen kann. Rechtsanwälte durften das ebenso erfahren wie ein Strahlentherapeut, Kaminfeger, Steinmetze und, ja, auch Frauen. Unterbrochen nur durch das Auslöffeln der ‚Schmiedesuppe‘, lernen sie bei solch einem Lehrgang, dass das Beherrschen von Grundschmiedetechniken wie das Aufspalten, Spitzschmieden und das Tordieren, unerlässlich ist, will man am Ende eines Samstags mit einem selbstgeschmiedeten Teelichthalter zwar arm- und handlahm, dafür aber glücklich in den Flieger nach Berlin steigen.

So ein Leben hat er sich immer gewünscht…..

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Des Glückes Schmied Teil 3

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So ein Leben hat er sich immer gewünscht. Schaffend und selbstbestimmt, hoch über Lauf, ins Tal blickend. Ein bisschen wie der Türmer aus Goethes Faust, der „zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“ war und endet mit: „Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehen, es sei, wie es wolle, es war doch so schön“. Dass er so weit kommen konnte, verdankt er einerseits seiner guten Konstitution. Anderseits aber auch seiner Disziplin und Arbeitslust.

Ansonsten beharrt er eigensinnig darauf, dass jeder ein gutes Stück weit seines Glückes Schmied sei. All dies zusammen ließ ihn in siebenundvierzig Jahren Arbeit nicht einen Tag arbeitslos sein. Wofür er dem Herrgott im Allgemeinen, Andrea Nahles aber im Besonderen dankt. Letzterer hält er zugute, dass sie ein Gesetz durchgebracht hat, das ihm jetzt ermöglicht, nach fünfundvierzig Berufsjahren mit dreiundsechzig abschlagsfrei in Rente zu gehen. Es war ihm ein tiefes Bedürfnis, sich dafür erkenntlich zu zeigen. So schmiedete er der Ministerin ein Hufeisen mit einem Kleeblatt, fügte dankende Worte hinzu und war fast gerührt, als ihn drei Tage später ihn ein Anruf aus dem Ministerialbüro erreichte. Andrea Nahles würde ihn gern sprechen. Man führte ein zehnminütiges Telefonat, in dessen Verlauf sie sich für das Präsent herzlich bedankte und ihm versicherte, dass ihm ein gebührender Platz in ihrem Büro sicher sei. Und ganz besonders hätte sie sich über das Hufeisen gefreut, weil sie doch selbst Pferde habe.

Und zudem sei auch ihr Großvater Schmied gewesen.

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