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Die lästige Etikette

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20150906_133621Unsere Kolumne ist ja ein Stück weit bekannt dafür, dass sie im Kleinen das Große und im Großen das Kleine sucht. Ja, bisweilen sucht sie sogar das Wichtige im Unwichtigen. Gut, vielleicht könnte man sagen: ein bisschen viel Umstand, um zum Thema zu kommen. Aber erst jetzt sind wir da, wo wir hinwollten. Beim Hemdkragen und seiner Innenseite. Nicht ganz unwichtig, oder? Neulich hatte ich nämlich zwei Hemden gekauft. Die sind richtig schön, waren aber nicht ganz billig. Ich sage das nicht ohne Grund, denn je teurer das Hemd, desto schwieriger ist der Umgang mit ihm. Dabei spielt das Thema ‚pflegeleicht’ eigentlich keine Rolle mehr. Die Zeiten, wo man Hemden nass aufhängt, trocknen lässt und anschließend im Büro ‚bellafigura’ macht, sind in Zeiten des Hausmanns lang vorbei. Wer schwitzt sich heute noch in einem Nyltesthemd um seine Karriere?

Gerade aus diesem Grund kümmert Mann sich mit großer Leidenschaft selbst um sein Hemd. Bügeln inklusive. Dabei ist der Umgang mit dem Bügeleisen nicht eigentlich das Problem. Was mich echt stresst, sind die kleinen Etiketten unterhalb des Kragens. Das sind diese Stoffdinger, die Marke, Qualität, Größe usw. anzeigen. Das Ekelhafte daran ist, dass diese Teilchen mich beim Tragen des Hemdes furchtbar stören. Hatte ich stören gesagt? Nein: sie machen mich fast wahnsinnig. Das ständige Jucken vergällt mir die Freude am Hemd. Doch das war gestern. Heute stelle ich mich dem Thema. Mit großem Ernst und Eifer. Um das Hemd für den Alltag tauglich zu machen, verhalte ich mich z.B. wie der Tuner eines Autos, der Teile des Motors nacharbeitet, oder etwa Metall entgratet (dieser Artikel wendet sich ausschließlich an Männer, an richtige Männer). Frauen werden das nie verstehen. Jedenfalls muss der Einnäher raus. Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört.20150906_133341

Denn diese kleinen Teile sind derart gemein mit dem Hemd vernäht, dass es für mich immer den Anschein hat, als wär’s für alle Ewigkeit. Auch wenn das Hemd der letzte Mist sein sollte – diese Teile halten bis an den Jüngsten Tag. Mit Gewalt geht da gar nichts. Da ruiniert man sich allenfalls sein Hemd. Deshalb ist es wichtig, dass man sich beim Versuch, das eingenähte Teil zu entfernen, Zeit lässt. Man muss den Alltag vollständig ausblenden. Zweckmäßigerweise tritt man ein in die Phase der Meditation. Man muss voll konzentriert und ganz bei sich sein. Dort, im Inneren des Hemdes, knapp unterhalb des Kragens, übe ich das Handwerk des Mich-Findens in aller Stille aus. 20150825_235010Hier empfiehlt sich ggf eine meditative Musik. Aber auch eine CD kann hilfreich sein, auf der z.B. ein zeitgenössischer Autor aus seinem neuen, sterbens-langweiligen Roman vorliest. All das hilft mir, mich ‚runterzufahren’. So konzentriere ich mich auf das Wesentliche, nämlich mein neuerworbenes Hemd tragbar zu machen. Und das geht so: Nachdem ich die Schreibtischlampe voll auf den Problempunkt auf der Innenrückseite des Hemdkragens gerichtet habe, erkenne ich in aller Klarheit die Komplexität der zu bewältigenden Aufgabe. Überaus behutsam versuche ich mich am ersten Schnitt. Hierzu bediene ich mich am liebsten eines kleinen Teppichmessers. Natürlich gibt es auch andere Werkzeuge. Die bekommt man meist in Handarbeitsgeschäften. Es wäre mir allerdings ein bisschen peinlich, wenn Bekannte mich dabei ertappten, wie ich aus so einem Geschäft komme. Die könnten ja denken, ich hätte mir eben eine Strickliesel gekauft. Nein, nein. Deshalb also das andere Messerchen. Mit ihm setze ich jetzt die nötigen mikroskopisch feinen Schnitte, die es braucht; mit ruhiger Hand, wie ein Augenchirurg sein Skalpell. Aber genug der Details.

20150906_133509Ich will Sie hier nicht langweilen. Weder mit der Wiedergabe der einzelnen Arbeitsschritte noch mit dem Inhalt des vorgetragenen Romans. Jedenfalls kommt es dank der Abfolge präziser Schnitte dann endlich doch zu dem angestrebten Ergebnis: der im Krageninneren angenähte Fremdkörper ist entfernt, ohne dabei – und das ist die Kunst! – den Stoff zu beschädigen. Am Ende fusseln sie um mich herum, diese Unzahl kleiner, ja allerkleinster Fadenreste, die ich dem Kragen abgerungen habe und was letztlich dazu führte, dass das Hemd seinen Einnäher FREIGEGEBEN hat. Einmal mehr war es mir gelungen, ein von mir gekauftes Hemd so zu bearbeiten, dass man es tragen kann.

Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich bin. Auf mich und mein Hemd.

 

 

Allgemein Gastbeiträge Kultur

Naiv. Vielleicht. Aber großartig

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Das Museum Frieder Burda zeigt die „Maler des Heiligen Herzens“

Sammlung Zander © VG Bild-Kunst, Bonn 2022


„Ich hatte oft Gelegenheit, Kunsthistoriker und Museumsbeamte in Privatsammlungen zu führen, und ich konnte bald mit Befriedigung feststellen, dass mein persönliches leidenschaftliches Verbundensein mit dem einzelnen Objekt zu einem künstlerischeN Verstehen geführt hatte, das dem ihren, aus Kenntnissen und Theorien stammendem überlegen war. Es kam hinzu, dass ich vor einem Bild harmloser Liebhaber blieb, während es für sie eine Gelegenheit war, ihre Eitelkeit durch eine originelle Gehirnakrobatik zu befriedigen.“

Camille Bombois, Derrière le rideau, 1928, Öl auf Leinwand, 81 x 59cm, Sammlung Zander © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Dieses Zitat des schillernden Kunstsammlers, Galeristen und Autors Wilhelm Uhde entspricht einem Ausspruch von Saint-Exupérys „kleinem Prinzen“: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“


Zu Herzen gehen sie in vielen Fällen, die Bilder der „Maler des Heiligen Herzens“, die das Museum Frieder Burda noch bis zum 20. November zeigt. Mit der von Uhde bespöttelten Gehirnakrobatik kommt man ihnen nicht näher, sie verweigern sich der Analyse ebenso wie den Kunst-Gesetzen der Perspektive, sind „einfach nur authentisch“ und dabei voller Überraschungen, bezogen auf ihre Herkunft.

Henri Rousseau, Le Lion, ayant faim, se jette sur l´antilope, 1898/1905 Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler;

Ein Gärtner, der in griechischer Mythologie schwelgt (André Bauchant), eine Putzfrau mit oft halb abstrakten Naturdarstellungen (Séraphine Louis) , ein Postbote, der idyllische Landschaften erträumt (Louis Vivin), ein Jahrmarkt-Ringer, dessen Motive aus der Zirkus- und Lebewelt stammen (Camille Bombois) und schließlich der wohl bekannteste Zöllner der Kunst-Welt, Henri Rousseau, mit seiner oft exotischen, von wilden Tieren bewohnten Fantasie-Welt. Dass diese großartigen französischen Autodidakten nicht der Vergessenheit oder sogar dem mitleidigen Spott der akademischen Kunstwelt verfielen, ist ausgerechnet einem deutschen Kunstliebhaber zu verdanken, der sie 1928 erstmals in seiner berühmten Pariser Ausstellung als „Maler des Heiligen Herzens“ zusammenführte. Wohl niemand ahnte damals, dass es Vivin und Bombos auf die erste Documenta 1955 in Kassel schaffen würden, oder das der 2008 von Martin Provost gedrehte Film „Séraphine“ mit Yolande Moreau in der Rolle der später dem Wahnsinn verfallenen Putzfrau mit zahlreichen internationalen Auszeichnungen bedacht werden würde. Zu den frühen Bewunderern Henri Rousseaus zählte übrigens Pablo Picasso, der ihm 1908 nicht nur ein Frauenbild abkaufte, sondern ihm zu Ehren auch ein Bankett gab, bei dem sich die Pariser Avantgarde ein Stelldichein gab. Natürlich war auch Wilhelm Uhde dabei, als Rousseau in seiner Dankesrede selbstbewusst feststellte: „Wir sind die beiden größten Maler dieser Zeit, du im ägyptischen Stil und ich im modernen.“ Naiv?
In Baden-Baden hat Kurator Udo Kittelmann nun diese „Big Five“ erstmals seit 1928 wieder in einer großen Ausstellung zusammengeführt – voller Respekt für ihre Visionen und Kunstwerke, die schon damals irgendwie aus der Zeit gefallen wirkten, und sogar nicht dem Anspruch zeitgenössischer „moderner Kunst“ entsprachen. Angesichts von Corona, Klimawandel und Ukraine-Krieg könnte man leicht in die Falle tappen, sie mit hochgezogenen Augenbrauen als „hübsch bunt“ und harmlos abzutun. Mit dieser Ausstellung appelliert das Frieder-Burda-Museum jedoch ganz im Sinne seines Gründers an die internationale Kunstwelt, sich mit der oft verkannten Sprache dieser „Heiligen Herzen“ zu befassen. Gut gewählt ist deshalb Bombois‘ Gemälde „Derrière le rideau“ auf dem Prospekt zur Ausstellung: Durch einen Spalt im Vorhang spähen Seiltänzerin und Harlekin ins Publikum – auch die Besucher im Museum können einen Blick in eine ganz andere Welt werfen – bitte ohne Gehirnakrobatik.

Irene Schröder

Allgemein Essen & Trinken Gastbeiträge

Auf der Durststrecke durchs Hungergebirge

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Wanderfreunden dringend zu empfehlen: Rucksack und Picknickkorb 
 
Das Wandern ist bekanntlich nicht nur des Müllers Lust, sondern auch Badener und Touristen schätzen die reizvollen Touren rund um Baden-Baden – nicht zuletzt deshalb wurden im Zuge des Welterbe-Zuschlags historische Spazierwege wieder ansprechend hergerichtet. Wer also das Glücksspiel scheut, sich mit Flieger oder Bahn an ein fernes Urlaubsziel zu begeben, hat wunderbare Naherholungsziele unmittelbar vor der Haustür. Eine Wanderung zur Yburg oder zur Burg Alt-Eberstein, gemütlicher Aufstieg zum Alten Schloss, Tagesausflug zur Roten Lache, Abwärtsroute vom Merkur zur Nachtigall, alles gut ausgeschildert und familienfreundlich angelegt – und auch noch sehr figurfreundlich, denn auf zünftige Bewirtung muss mittlerweile an vielen einst schon fast legendären Zielpunkten verzichtet werden.

Ein abendliches Viertele auf der traumhaften Terrasse der Yburg hatte für viele Kurstädter Kultstatus, und von der Erinnerung an die  leckeren Torten auf der „Roten Lache“ zehrt so mancher ehemaliger Stammgast noch heute, während der nüchterne Internet-Hinweis „dauerhaft geschlossen“  (auch die „Nachtigall“!) den Appetit auf eine Wanderung mit kalorienreicher Belohnung dämpft. Ein schöner Ausblick entschädigt ja für manche Anstrengung, aber ein gut gezapftes, kühles Bier ist auch eine Augenweide, die gern durch Gaumenfreuden abgerundet würde.

Kultstatus – nicht nur dank der Fernsehvergangenheit – genoss bis vor einem Jahr auch der „Forellenhof“, dessen schattige Terrasse  auf den Spaziergänger gr0ßen Reiz ausübte. Geschlossen ist nun auch das Restaurant im Alten Schloss, das sich als noble Event-Location zu etablieren versucht. Der Kiosk vor der Ruine hat zwar Getränke, einfache Speisen und Kuchen im Angebot, aber so recht festsetzen mag man sich an dem zugigen Plätzchen jetzt nicht mit. Mehr Glück hat der Ausflügler im „Scherrhof“, der mit dem Dienstag auch nur einen Ruhetag pro Woche hat, aber nur von 12 Uhr bis – laut Homepage – „ Feierabend“ geöffnet hat. „Feierabend“ war kürzlich bei einem Anruf an einem Sonntag bereits um 19.30 Uhr. Vor dem Aufbruch zu einer noch bestehenden Einkehrmöglichkeit wie „Schwanenwasen“ oder „Bütthof“ empfiehlt sich ohnehin die Nachfrage nach den Öffnungszeiten – einige Betriebe decken nur an drei Tagen in der Woche den Tisch, sind dann aber so gefragt, dass eine Reservierung angebracht ist.

„Selbst ist der Wirt“ wäre eine kostengünstige Alternative: Picknickkorb oder Rucksack mit deftiger Wandererkost und Getränken in Kühlflaschen, die an schattigen Plätzchen ausgepackt und genossen werden. Dahin müssen sie allerdings erst einmal transportiert werden … Absolut keine Option ist angesichts der Waldbrandgefahr der Würstchengrill auf einem Rastplatz.
Die Gründe für die Verknappung des kulinarischen Wanderangebots liegen laut Auskunft des Hotel- und Gaststättenverbands – wie so viele anderer Negativentwicklungen – zum großen Teil in der Pandemie: Während des großen Lockdowns sahen sich viele Köche und Servicemitarbeiter nach alternativen Arbeitsplätzen um – händeringend werden nun Ersatzkräfte gesucht, um den Betrieb halbwegs aufrecht erhalten zu können. Nicht zu stemmende Pachtgebühren, aufwändige Umbaumaßnahmen, gesundheitliche Einschränkungen – alles verständlich, aber betrüblich, wenn der potenzielle Gast mit knurrendem Magen und trockener Kehle vor verschlossener Tür steht.
Umso tröstlicher mutet dagegen ein Ort an, den der Fremde wohl nicht gleich mit zünftiger Bewirtung assoziieren würde: Der Baden-Badener Hungerberg trägt seinen Namen zu Unrecht, denn ausgerechnet dort wird im schönsten Biergarten Baden-Badens an sechs Tagen der Woche geschlotzt, gefuttert und gefeiert. Feierabend ? Selten vor Mitternacht.

Irene Schröder

Allgemein Stadtstreicher

Im Niqab zum Entengang

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Wie badische Enten einmal eine Muslima entzückten

Wäre es nicht denkbar unpassend, könnte man sagen: das hält kein Mensch aus.

In den Emiraten herrschen derzeit weit über 40 Grad im Schatten. Weit und breit nichts als Sand und Öl. Da kann man schon verstehen, dass manch einer – seine angestammte Heimat mit ihren klimatisierten Räumen verlassend – das Weite sucht und vorübergehend Quartier in Baden-Baden nimmt. Dort wartet auf ihn ein Flüsschen namens Oos mit klarem Wasser und eine Gastronomie mit nicht immer so klaren Preisen.

islam_abcAuch in Baden-Baden kann so ein Tag ziemlich lang sein. Selbst wenn sich das Mittagessen im Biergarten hinzieht und die Familie bei exzessiver Handynutzung und beim Shoppen ordentlich Zeit verbringt, so bleiben immer noch ein paar Stunden, an denen noch ein bißchen was anderes passieren soll.

Nur zu verständlich, dass diese übrigen Stunden von den Söhnen und Töchtern der Wüste ganz gerne genutzt werden, um z.B. einmal einen Ausflug zu unternehmen. Da die Besucher nun aber innerhalb der Fußgängerzone auf Limousinen sinnvollerweise verzichten und sich auch der Einsatz von Kamelen verbietet, ist der Aktionsradius der Gäste naturgemäß begrenzt. Also bietet sich ein Spaziergang zur nahegelegenen Oos an.  So z.B. – wie kürzlich gesehen – im Falle von zwei tiefverschleierten Frauen, die mit ihren Kindern sich ans Ufer der Oos begaben, um sich dort die Zeit etwas zu vertreiben.

Es muss für sie ein Festtag gewesen sein. Zum ersten mal, so schien es, erlebten sie kühles Wasser im Überfluss, ein Vergnügen, das die Kinder animierte, die Schuhe auszuziehen und ins klare Nass zu steigen. Von den Frauen freilich war solches nicht zu vermelden. Dafür waren diese aber völlig fasziniert von ein paar Enten, die sich ganz in ihrer Nähe tummelten und sich an der Vollverschleierung offensichtlich nicht störten.

20160814_114239So ergab sich für die fremden Besucherinnen die Gelegenheit, diese für sie offensichtlich hochinteressanten Tiere genauer in Augenschein zu nehmen. Mit dem Handy filmten sie deren Gewatschel, und es schien, als könnten sie sich gar nicht satt sehen an so viel Schönheit.

Nun weiß man nicht, ob im Sandmeer Dubais außer Sandflöhen vieleicht auch noch Enten gedeihen. Doch konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, als resultierte die lang anhaltende Faszination der verschleierten Frauen für die Vögel ein großes Stück weit auch daraus, dass sie erkannt hatten, wie gut weibliche Lebewesen im Grunde doch ausschauen, wenn sie in der Öffentlichkeit ihr Gesicht unverhüllt zeigen.

Allgemein Auswärts

Aigues Mortes: Hut ab! Teil 1

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Das neue Arles: das Kunstzentrum LUMA. Frank Gehry hat es entworfen. In der Nähe keine Tauben.

Es war im Juni diesen Jahres, als ich mich zusammen mit meiner Begleiterin auf der Suche nach Wärme ins südfranzösische Arles begab. Was uns dort aber erwartete, war eine schier unerträgliche Hitze. Zudem war mir, als verspürte ich coronabedingt ein leichtes Kratzen im Hals. In meinem Entschluss, Arles zu verlassen, sah ich mich weiter aber auch dadurch bestärkt, dass ich in Arles an den Straßenrändern mehrere verendete Tauben sah. So wie sie da lagen, hatte man  es offensichtlich nicht für notwendig befunden, die toten Tiere zu entfernen. Man hatte sie dort einfach liegen gelassen, und es sah aus, als wäre die städtische Müllabfuhr schon längere Zeit um sie herum weite Umwege gefahren. Angesichts dieses Elends beschlossen wir, uns zunächst einmal ins nicht allzu weit entfernte Aiges Mortes abzusetzen, wo wir hofften, in Gesellschaft einer gesunden Schar fröhlich vor sich hin gurrender Tauben,  das Leben auch weiterhin genießen zu können.

Aiges Mortes ist, tief in der Provence gelegen, bei all seiner mittelalterlich gemütlichen Anmutung, bei all den heimeligen Gässchen, Cafes und Türmchen letztlich doch eine Festungsstadt geblieben. Die Stadt sollte der erste Zugang Frankreichs zum offenen Meer werden. Gegründet wurde sie von Ludwig IX., auch „der Heilige“ genannt, womit seine Zeitgenossen sich auf seine ‚Milte’, seine Frömmigkeit und Barmherzigkeit bezogen. Er war von seinen Zeitgenossen und der Nachwelt gleichermaßen hoch geschätzt.

Damals glücklich von einer Malariaerkrankung genesen, beschloss er aus Dankbarkeit seinem Schöpfer gegenüber ein Gelübde abzulegen. So begab er sich auf  den ersten von zwei Kreuzzügen ins Hl. Land. Rückblickend waren beide wenig erfolgreich. Doch hatte das Kreuz, das er nahm, ihm offensichtlich den Blick aufs kriegsführerisch Notwendige verstellt.

Nachdem er kurz vor seiner Abreise für seine Kinder noch beschauliche Traktate verfasst hatte, landete er zunächst in Nordafrika. Das war im Juli 1248 und zudem noch in der schlimmsten Mittagshitze. Das Unternehmen stand denn auch nicht unter einem glücklichen Stern. Sein Scheitern war absehbar. Glaubt man seinem getreuen, ihn begleitenden Chronisten Jean de Joinville, durfte man von anfänglich etwa ca 15 000 Streiter ausgehen. Die aber wurden alsbald von Seuchen dezimiert, von Gegnern hingeschlachtet oder gerieten in Gefangenschaft. Das erging dem König und seinem Kompagnon nicht viel anders. Doch wurde der König gegen ein enormes Lösegeld freigelassen, und auch sein Chronist kam, nach vorübergehender Sklaverei, frei und erreichte endlich Frankreich. Das sollte ihm eine Lehre sein.

Denn kaum zurück, plante Ludwig der Heilige schon wieder den nächsten Kreuzzug. Auch dieser sollte im neuerbauten Aiges Mortes seinen Anfang nehmen. Und wieder erging eine freundliche Einladung an seinen Seneschal Jean de Joinville, der aber diesmal freundlich abwinkte. Er hatte – wie man so sagt – den Braten gerochen und sich unter fadenscheinigsten Vorwänden (Heirat und absehbare Familiengründung) abgeseilt, worauf er später als kluger Mann starb. Wie klug er war, mag man daraus ersehen, dass Jean de Joinville im nahezu biblischen Alter von 90 Jahren das Zeitliche segnete. Nicht ganz so gut erging es seinem König, der nicht lange nach seiner Abreise zu seinem 2. Kreuzzug von Aiges Mortes aus in Nordafrika landete und dort, kurz nach der Einnahme von Karthago, krankheitsbedingt verschied.

War die Macht des französischen Königs zu diesem Zeitpunkt auch noch ungeteilt, der König selbst war es nicht.

Nach gut mittelalterlicher Herrscher-Sitte wurde nach dem Tod sein Fleisch in einer Wein-Essig Lösung von den Knochen gelöst. Die Gebeine wurden zunächst in der Abtei Saint-Denise in Paris bestattet. Doch wanderte später eine Rippe in die Kathedrale von Notre Dame, mehrere Finger bekam König Haakon V. von Norwegen. Andere Knöchelchen des Königs finden wir damals in der Kirche von Vadstena in Schweden usw. usf.

Zeit also, des französischen Königs zu denken.

Aus diesem Grund stand ich nun auf der Burgmauer von Aiges Mortes und ahnte, von den Zinnen weit in die Ferne blickend, das Meer und das baldiges Scheitern des Unternehmens. Anders als in Arles bestrahlte mich hier auf der Mauer eine nicht ganz so sengende Sonne. Ihre Hitze wurde von einer moderat milden Sorte des Mistral gemindert. Nach der Flucht vor ca fünf toten Tauben schien mir das Leben hier deutlich angenehmer als im heißen Arles, das ja, wie man weiß, auch schon van Gogh nicht gut bekommen war. Und doch sollte das Leben hier, auch in vermeintlich kommoder Umgebung, für mich noch eine Überraschung bereithalten.

Denn, auf der Mauer stehend, frischte plötzlich der Wind wieder auf. Eine wilde Böe umtoste mein Haupt und blies mir den Hut vom Kopf. Er flog in weitem Bogen tief unter mir in den Burggraben. Dieser Burggraben war, wahrscheinlich kurz nach dem Einschiffen Ludwigs dem Heiligen ins Hl. Land im Jahre 1248 zu einer Art Parkplatz umfunktioniert worden, weshalb es jetzt passierte, dass nach dem Abflug meines Hutes, eine jener neuerdings marodierenden Rentnerinnen, fremdes Gut nicht achtend, mit wabbeligem Ärmchen und Spindelfingern aus einem giftgrünen Peugeot nach meinem herabgefallenen Hut griff und sich nicht entblödete, sich meines Besitzes zu bemächtigen. Auf der Wehrmauer stehend, sah ich in Panik meinem Hut hinterher, der so schnell flog, dass ich gar nicht mehr dazu kam, den Flug meiner Habe von der Mauer herab im Detail zu verfolgen. So blieb mir nichts anderes übrig, als hilflos seine Landung tief im Burggraben durch das naheliegende Loch eines mittelalterlichen Abtritts zu verfolgen. So wie der mittelalterliche Ritter wahrscheinlich einen letztes Blick auf seine schwindenden Exkremente warf, so erblickte auch ich durch den steinernen Abtritt den freien Fall meines guten Stücks.

Angesichts des möglichen Verlusts muss mein Rufen dementsprechend verzweifelt geklungen haben…

 

Mehr demnächst. In Teil 2

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