Allgemein Auswärts

Genuss in vollen Zügen

Wenn einer eine Reise tut: mit der Bahn von München nach Stuttgart

München in diesen Tagen. Alles liegt unter einer dicken Schneedecke begraben. Über der Stadt wölbt sich ein kalter blauer Himmel, doch wen das Reisefieber packt, dem wird ganz anders. Wetterbedingt herrscht null Zugbetrieb. War die Großwetterlage noch winterlich schön, geriet der Rest dann aber eher nicht so toll. Gestern zumindest ging erst einmal gar nichts. Absolute Stille. Heute dann vorsichtiges Anfahren. 11.30 h sollte der erste Zug von München nach Stuttgart abgehen. Seitens der Bahn versprochen war zumindest schon mal Vollauslastung . Kein Wunder, dass die Fahrgäste das Versprechen wörtlich nahmen und nachschauten, ob das auch stimmt. Und in der Tat herrschte am Bahnsteig auch reges Gedränge, und es zeichnete sich recht schnell ab, dass der Zug überfüllt sein würde.

Wie oft zu Stoßzeiten standen die Leute dann auch in der Gängen, saßen auf Koffern oder versuchten, sich sonst irgendwie zu positionieren. Wer Glück hatte, fand einen Platz im Speisewagen. Alles also wie gehabt, wenn zur Urlaubszeit die Reiserei losgeht und die Bahn zu ihrem alljährlichen Erstaunen von den Fans überrannt wird. 

Aber diesmal sollte es etwas anders laufen. Da nämlich teilt der Zugführer über Lautsprecher mit: solange nicht jeder auf einem Platz sitze, könne der Zug sich nicht in Bewegung setzen. Dies geschehe aus Gründen der Sicherheit; es wäre zu unserem Besten. Nichts geht mehr. Keiner bewegt sich. Der Zugführer bleibt stur. Minute um Minute verrinnt. Der Zug steht. Kein Schaffner weit uns breit. Mittlerweile sind 35 Minuten verstrichen. Der Zug steht; zu unserer aller Sicherheit. Droht Achsenbruch? Alle sind genervt, vor allem auch jene Passagiere, für die das Reisen mit der Bahn auf Koffern bislang die übliche Fortbewegung war. Jetzt droht man nicht fixierten Fahrgästen per Lautsprecher sogar mit dem Hinzuziehen eines Ordnungsdienstes.

Den Rausschmiss vor Augen, habe ich mich gerade noch auf einen freien Platz in der 1. Klasse gerettet. Neben mir auf dem Boden sitzt eine Junge Frau. Sollten die angekündigten Polizeikräfte sich nähern, überlege ich, sie durch das Überwerfen meines Mantels vor einem eventuellen Zugriff zu schützen. Vielleicht passt sie in meinen Koffer? Man sollte sie verstecken. Vielleicht schmeißt man mich aus dem Zug, weil ich unerlaubt sitze oder im Begriff bin, Beihilfe zu widerrechtlicher Beförderung zu leisten?

Nach einer Stunde dann die Abfahrt. Zu einem fröhlichen Hallo bleibt keine Kraft mehr. Das, was jahrelang üblich war – das Reisen in übervollen Zügen –, solle auf einmal nicht mehr erlaubt sein? Ein Scherz? Es muss eine Verordnung in Kraft getreten sein, von der bislang niemand wusste.

Angesicht der schwerwiegenden Situation muss ein Verdacht hier freilich erlaubt sein: wäre es möglich, dass die Bahn kurz vor den anstehenden harten Tarifverhandlungen  noch versucht, Ballast abzuwerfen?

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