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Die Stars der Mehrzweckhalle

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In Auggen: Leistungsschau der Osterhasen

HasenbildDer Kreisverband Müllheim schätzte Kurt Schuhmacher so sehr, dass er ihm den Ehrenvorsitz antrug. Zeit seines Lebens hatte er sich um das Kaninchen verdient gemacht, ja, man könnte fast sagen, er hatte den für einen Züchter so wichtigen Stallgeruch. So kam es, dass er zum Vorbild unzähliger Jungzüchter wurde.

So z.B. für Frank Martin. Er erhält auf der 25. Kreiskaninchenschau in Auggen für sein Zuchtergebnis („Neuseeländer, rot“) 385,5 Punkte. Es war die beste ‚Sammlung der gesamten Ausstellung‘. Veredelt wird das Ergebnis noch dadurch, dass die Konkurrenz an jenem vernieselten Wochenende doch recht stark war. Erstaunlich viele der 400 präsentierten Kaninchen fühlten das Auge der Juroren wohlgefällig auf sich ruhen und sahen sich völlig zu recht mit dem Prädikat ‚vorzüglich‘ in den heimischen Stall entlassen.
Ein schöner Erfolg für alle, diese Kreisschau in der Winzerhalle. Das Gebäude liegt direkt an der Hauptstraße, gleich neben der ortsansässigen Winzergenossenschaft, die auch in diesem Jahr wieder mit vereinzelten Weinpräsenten (Auggener Schäf) zum Gelingen des Ganzen beigetragen hatte. Die Winzerhalle selbst – groß genug, um der Deutschen Bahn AG als Veranstaltungsort für das Rentnerevent ‚Der schöne Tag‘ zu dienen – ist für die Kleintierschau allerdings etwas überdimensioniert, zumal die diesjährige Ausstellung eher unglücklich platziert ist zwischen der Kaninchenausstellung Freiburg und der Bundesschau auf dem Stuttgarter Killesberg mit angekündigten 30000 Tieren. Dafür beträgt der Eintritt in Auggen aber auch nur zwei Euro.

Dass sich die Halle schön gemacht hätte für ihre pelzigen Stars lässt sich freilich nicht gerade sagen. An ihren Holzwänden hängen in dekorativer Absicht diverse Flaggen in den Farben schwarz/rot/gold oder im Blau des geeinten Europa. Mit einem ‚Herzlich willkommen!‘ lädt ein beschriftetes Tuch zum Verzehr selbstgebackener Buttercremetorten auf. Am Eingang wirbt ein gelbes, eingerissenes Plakat für die nunmehr vergangene Wahl einer Disco-Queen (‚Miss No.1‘), die in einer Belchenhalle stattgefunden haben muss. Daneben annonciert MASSA MÖBEL ein ‚Probewohnen satt‘, jeden Sonntag von 13.00 – 14.00 Uhr. Und da, wo letztes Jahr die Kastelruther Spatzen die Hymne der alleinerziehenden Mutter („Aber die Sehnsucht bleibt“) präsentiert hatten, stehen jetzt 400 Drahtkäfige mit ihren flauschigen Exponaten, jahreszeitlich geschmückt mit Osterglocken und Weidekätzchen.

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Und doch, wer weiß, vielleicht wird das eine oder andere Tier das Fest in der Pfanne erleben? Der Kreisvorsitzende jedenfalls schätzt Kaninchenfleisch außerordentlich. Lecker zubereitet sei es eine Delikatesse, zumal der Verband der Kaninchenzüchter – zusammen mit dem Fachorgan ‚Das Kaninchen‘, der sogenannten ‚Bewertungskarte‘ und einem Jahreskalender – praktischerweise auch noch Kaninchenrezepte im Sortiment führt, vornehmlich anzuwenden bei missratenen Zuchtergebnissen.

Nun lässt sich ein solcher Verlust auch verschmerzen, denn wer – wie die meisten Züchter – allwöchentlich die Ställe von mehr als 50 Tieren ausmistet, den mag schon einmal der große Hunger überkommen. Ohne seine Frau ginge das gar nicht, sagt der Züchter, der zwischen dem 16. und 18, Lebensjahr allerdings einen ‚Aussetzer‘ gehabt habe: „Da hab‘ ich lieber poussiert“. Es traf sich dann aber gut, dass der Bruder seiner späteren Frau ebenfalls Hasen züchtete, und als er in einer Tombola ein Kaninchen gewonnen hatte, da war er wieder mit dabei. Nachwuchssorgen im Verein? Eigentlich nicht. Wichtig für das Weitermachen sei der ‚Club der ehrgeizigen Väter“. Die erzögen ihre Sohne zur Zucht. Sein Vater z.B. habe 250 Hasen im Stall gehabt. Bei ihm selbst seien es über hundert, ja, er rechne im Monat mit über 90 Euro Kraftfutter.
Gewinn wirft das Ganze nicht ab. Der Preis eines Zuchttieres beginnt bei 40 Euro und dürfte bei 120 Euro aufhören. Dass in Kassel ein Tier für über 800 Euro den Stall gewechselt haben sollte, hält er für überzogen.
So taucht der Interessierte ein in eine Welt voller im Stroh liegender Geheimnisse. Er erfährt, dass es allein 49 Normalhaarrassen gibt, die so illustre Namen tragen wie ‚Blauer Wiener‘, ‚Weiße Hotot‘, ‚Großer Marder‘, ‚Sachsengold‘ oder ‚Perlfeh‘. Weiter verzeichnet der verbandseinheitliche ‚Einheits-Standard ’91‘ die ‚Rheinische Schecke‘, ‚Havanna‘ oder den ‚Deutschen Riesen, grau‘. Diese Rasse kennt z.B. beim Höchstgewicht keine Grenze nach oben, darf also mehr als 7 Kilo auf die Waage bringen. Dafür gibt’s dann die maximale Zahl von 20 Punkten. Anders die ‚Rex Zwerge‘. Sie erreichen die maximale Punktezahl bei 1,4 Kilo. Darüberhinausgehende Pfunde gibt Abzug. Gerade der ‚Deutsche Riese‘ ist ein Prachttier, der seinen Käfig mühelos ausfüllt. „Er hat ein 20er Ohr“, so der Kaninchenkundige.
Und dann noch die Bewertungskriterien für fehlerhafte Abweichungen! Mag der Juror das ‚lose am Körper sitzende Fell‘ noch einigermaßen durchgehen lassen, man auch ein ‚gespaltener Penis‘ die Wertung nicht ganz verhageln, so schlägt das ‚vollständige Abweichen vom Typ‘ schon ganz anders zu Buche. Ganz schlecht sind auch X- oder O-Beine, ‚ausgeprägter Häsinnenkopf beim Rammler‘ oder gar Schlepphode. Da windet sich der Fachmann mit Grausen, so, als wäre dem Züchter bei einem derartigen Ergebnis das weitere Züchten zu widerraten.
Der hätte sich – unter Hinzuziehung der Züchterbibel ‚Rassekanichenzucht‘ – besser rechtzeitig kundig gemacht. Dort hätte er z.B. erfahren wie es sich mit den ‚Erbwerten der Familie‘ verhält. Er wüsste, in welcher Landschaft er den Stall nach welcher Himmelsrichtung ausrichten muss. Ferner auch, dass in schlechten Jahren mehr Kaninchen gezüchtet werden als in guten (so wurden 1918 viermal soviel Kaninchen gehalten als vor dem Krieg). Weiter erfährt er dort, dass die Bergleute eine starke Affinität zu diesem Tier hegen und dass es des großen vaterländischen Kriegs bedurft hatte, den deutschen Soldaten vom Nutzen des Stallhasen zu überzeugen. Der Krieg als Vater aller Hasen?

Doch ist dem umfangreichen Kompendium der Kaninchenkunde auch Praktisches zu entnehmen: „Wer die Geburt z.B. an einem Sonnabend wünscht, lasst die Häsin Mittwochs zu“ (hier sollte man vielleicht ergänzend anführen, dass dazwischen naturbedingt ein Monat liegt). Und weiter führt der Verfasser aus: „Nach der Begattung lässt sich der Rammler dann meist mit einem knurrenden Laut seitwärts von der Häsin abfallen, wobei er noch einige Sekunden an ihr liegenbleibt“.
Da ist es nur nützlich, dass der Katalog zur Kreisverbandschau Rammler und Häsin klar getrennt aufführt. Die Zeichenerklärung weißt aus: 1,0= männlich, 0,1=weiblich. ’nb‘ heißt ’nicht befriedigend‘ und ‚ob‘ = ohne Bewertung. Weiter informiert uns der Katalog, dass Günter Hurst mit 6 Euro an der Herstellung des Katalogs beteiligt war und dass das Mischfutterwerk Rappenecker 2 Sack Kraftfutter beigesteuert hatte. Willi Hartenbach, der Kreisverbandvorsitzende, hatte ein T – Shirt gespendet. Darüber hinaus war er es, der zusammen mit Karl Triebwetter den Transport der Käfige besorgt hatte.
So bleibt dem Besucher – nach aufwärmendem Kaffee und Kuchen, vor allem der Blick aufs Wesentliche und die Einsicht in eine Welt, zu der er nimmer Zugang gefunden hätte, hätte es nicht gegolten, einen Sonntagnachmittag im Markgräflerland zu überbrücken. Nur so kam es, dass er sich erfreute an der „…geradezu zwingenden Unterhaltungskraft und Erbaulichkeit des Tieres, des pelzigen und des gutmütigen und traulichen Haustieres zumal“ (E.Henscheid)

Allgemein Institutionen Kultur

Wenn die Wellen Weihrauch tragen 1

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Im SWR: wieviel Kirche darfs denn sein?


Selbst von weit oben betrachtet, ist es kaum zu übersehen: hienieden ist es ein Kreuz mit der Kirche. Zuviel der Gründe, vom Glauben abzufallen. Zunächst wären da die unzähligen Anklagen, mit denen eine zunehmend große Schar von Missbrauchsopfern lautstark auf sich aufmerksam macht. Weiter schwelt der Streit ums Zölibat. Kann Abschaffen die Lösung sein? Und was dann? Unüberhörbar auch die Forderungen der Gruppe ‚Maria 2000‘, die mit unchristlich harter Hand an die Hl. Pforten der Amtskirchen klopft und fordert, dass Frauen, Schwulen und anderen Gruppen deutlich größere Rechte in der Liturgie eingeräumt werde.
Dies alles und noch viel mehr führt offensichtlich dazu, dass man höheren Orts konstatieren muss, dass Gläubige in Scharen aus der Kirche austreten. Kein Wunder also, dass da, wo früher die Gottesdienste gut und fromm besucht waren, sich eine zunehmend kleinere Schar von Gutgläubigen einfindet, die sich ihr bisschen Glauben partout nicht nehmen lassen will. Noch stemmen die loyalen Gläubigen sich verzweifelt gegen das, was offensichtlich ist. Das laugt den Glauben aus. Wo früher froher, frommer Gesang war, vernimmt man zunehmend nur noch verstörtes Gemurmel.


Doch gemach: trotz all dem Jammer – einer steht nach wie vor in Treue fest an der Seite der gebeutelten Amtskirche. Der Öffentlich rechtliche Rundfunk.


Wer sich einmal die Mühe macht, am Sonntagmorgen den Hörfunk des SWR einzuschalten, trifft auf eine schier unübersehbare Anzahl von Kirchsendungen, die unbeirrt suggerieren, dass genug nicht genug sei. Noch lange, scheint es, gibt es keinen Grund, das Präsenz der Amtskirche in den Massenprogrammen auch nur ein wenig einzuschränken. Vieles hat sich einfach eingeschliffen. Business as usual. Die Stellen sind ja bewilligt, das Geld scheint vorhanden. So verfügt man über einen reichen Personalstamm von etwa 100 Frauen und Männern, die sich ums Seelenheil der ZuhörerInnen kümmern; nicht mitgerechnet die festangestellten KollegInnen, die, ausgebildet in konfessionellen Journalistenschulen, in stiller Sympathie ihrer segensreichen Ausbildung danken.

So gibt es die „SWR 3 Worte“, SWR2 sendet das „Wort zum Tag“, Es gibt die „Morgengedanken Baden-Württemberg“, den „Morgengruß“ aus Rheinland-Pfalz, „Sonntagsgedanken“, „Feiertags-gedanken“ und den „Abendgedanken“. Weiter „Anstöße Baden-Württemberg“, „Begegnungen“ usw. Nicht gerechnet das Übertragen der Gottesdienste am Sonntag- und Feiertagmorgen. Kurzum: es ist eine schier unüberschaubare Menge an kürzeren und längeren Beiträgen, die sich da über den Tag verteilt um das Seelenheil der Zuhörer verdient machen.

Dabei gibt man sich weltoffen und tolerant. Viele Beiträge beginnen mit der Standardformel. „Geht es Ihnen nicht auch so, liebe Hörer und Hörerinnen…“, um danach an die unmittelbaren Erfahrungen der Gläubigen anzuknüpfen. Spürbar ist: man will sie abholen. Da fährt z.B. Dominik Frey, katholische Kirche Baden-Baden, mit seinem Motorrad und Kumpels nach Vézelay im Burgund, vor Jahrhunderten eines der größten Klöster, um dort dem Gesang der Mönche zu lauschen und so eine spirituelle Erfahrung zu machen. Wovon er dann erzählt.

Wolfgang Drießen von der Katholischen Kirche in Saarbrücken wird gar ein Gefühl nicht mehr los: „Ich glaube, ich muss mir auf meine alten Tage wieder die Haare lang wachsen lassen. Und wenn das nicht reicht, dann nehme ich eine Woche Urlaub, lege ich mich ins Bett und lade zu einer Pressekonferenz ein“. So knüpft er in seiner Botschaft an die Pressekonferenz von John Lennon mit Yoko Ono an, in der die Beiden vom Bett eines Hotels aus ein Happening für den Frieden gestalten. „Give Peace a Chance“, ruft da auch Wolfgang Drießen am Ende des Beitrags den Gläubigen zu. Schön – nur wer würde das nicht wollen ?

Natürlich wäre es ein Leichtes, sich über die Inhalte der Botschaften einzelner Pfarrer oder PastorenInnen zu mokieren. Da ist vieles nachvollziehbar, manches ist gut, anderes nicht so gut. Vor allem ist es dann nicht gut, wenn  sich der Beitrag in peinlicher Weise der Gemeinde anbiedert und der Prediger oder die Predigerin sich zeitgeistgetränkt an die Parteiprogramme der Grünen anlehnt. Über all den Worten zum Thema Natur, Gender, Krieg in der Ukraine, Migration u.Ä. wähnt sich der Zuhörer plötzlich inmitten eines Kirchtages, wo man, angetan mit lila Halstuch auf dem Boden sitzend, weniger der Ankunft des Herrn als dem Auftritt der allseits geschätzten Margot Käßmann entgegenfiebert.

Das alles und noch viel mehr ist freilich abgesichert „durch das Recht der Kirchen ,auf angemessene’ Sendezeiten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk durch den Gesetzgeber“. Soweit verständlich, doch bleibt jetzt die Frage: was ist ‚angemessen‘? Und wer entscheidet darüber?

Tja, wer? Mehr demnächst. In Teil 2

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