Der Badenblogger » 1. Juli 2016

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…frech und gottesfürchtig…: Teil 3 und Schluss

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Ein Besuch bei dem Schriftsteller Otto Jägersberg, der von Baden-Baden aus die deutschsprachige Welt mit Geschriebenem versorgt und schon früh von Alfred Andersch gelobt wurde

Dichter beim vorbildlichen Linksabbiegen

Dichter beim vorbildlichen Linksabbiegen

Heute aber tönt der Dichter, und so wird man Zeuge einer weiteren Begabung: seine Fähigkeit, eigene Texte so vorzutragen, wie sie gemeint sind. Durch das Vor-Lesen gelingt es ihm, das Geschriebene quasi vom Zwei- ins Dreidimensionale zu heben, ähnlich einem Bild, das zur Skulptur wird. Anders als bei vielen ton- und beziehungslos vortragenden Textschöpfern, bereitet es dem Publikum ein großes Vergnügen, ihm beim Vortrag zuzuhören. Der Grund dafür ist ganz einfach – er versteht es, gut vorzutragen. Zudem vermittelt er dabei das Vergnügen am eigenen Text, was keineswegs selbstverständlich ist. Günther Grass konnte das, Walter Jens natürlich auch, aber viele andere können es nicht.

Eben diese Fähigkeit macht ihn auch zu einem gesuchten Redesteller bei Vernissagen, anlässlich derer er gern Einführungen hält, die das üblich Preisende weit hinter sich lassen. So kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Laudatio deutlich bunter gerät als manche Exponate.

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Rückt das Literarische immer mal wieder in den Hintergrund, geht er fremd, schlägt er sich schöpferisch seitwärts in die Büsche. Er fügt dann kleine Skulpturen zusammen – ja, zu was eigentlich? Gemacht aus Alltagsdingen, bei denen das Danebenliegende zum Naheliegenden wird. Da entstehen aus einem halb aufgeblasenen Fahrradschlauch skulpturähnliche Gebilde, die fotografiert, sich neben einem kleinen Kartoffelstampfer wiederfinden. Der hingegen sieht sich auf einen Sockel fixiert und an der Wand aufgehängt. Andererseits wird dem der Kartoffelstampfer aber auch wieder literarisch gewürdigt.

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In einem Essay besingt Otto Jägersberg auf diesen auch das Hohe Lied und vergisst darüber nicht den Spazierstock, den er einen ‚Kartoffelstampfer auf Landgang’ nennt. So schwer all das auch einzuordnen ist, so schwer fällt es, sich dem Ganzen zu entziehen. Ist es Dada? Ist es Kunst? Oder, wie im Fall des Kartoffelstampfers, einfach nur praktisch?

Otto Jägersberg jedenfalls nennt solche Objekte ‚Tunichtgute‘. Mehr Sinn geht nicht.

Allgemein

Der Bahnausstieg

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Warum die Bahn hilft wo sie nur kann

Gerade in diesen vorfrühlingshaften Zeiten sollten wir uns mal wieder an die Bahn erinnern, die ja lange mit dem Slogan: ‚Alle reden vom Wetter – wir nicht’  für sich geworben hatte. Weiter erinnern wir uns vielleicht noch an Hartmut Mehdorn, der in einer beispielhaften Kraftanstrengung das Unternehmen fürs 2. Jahrtausend fit gemacht hatte. Dazu bediente er sich unzähliger ‚Post it’, mit denen er den gesamten Bahnapparat beklebte und mittels derer er dem einzelnen Mitarbeiter Verbesserungsvorschläge machte, ihn bisweilen tadelte, von Zeit zu Zeit aber auch Lob zukommen ließ.

Mit Letzterem hielt sich Winston Churchill während des 2. Weltkrieges erst gar nicht lange auf, als er mit kleinen Notizzettelchen halb England vor sich hertrieb. ‚Action this day’, las da die Sekretärin in der Downing Street auf ihrer Schreibmaschine. Aber auch der Pilot in seiner ‚Spitfire’ oder der Panzerführer in El Alamein blieben 1942 vor solchen nett gemeinten Ermahnungen nicht verschont. Wie effektiv das Ganze letztendlich war, sehen wir daran, dass der Krieg dann ja auch gewonnen wurde.

An diesem Vorbild mag sich der eben erwähnte Hartmut Mehdorn, auch er ein ganz Großer, orientiert haben, als auch er helfende Notizen verteilte. Deren Auswirkungen sind auch heute noch zu spüren. Die Bahn hat sich zu einem serviceorientierten Unternehmen gewandelt. Das erkennt man schon daran, dass die jüngste Offensive in diesem Segment sich ganz dem Ausstieg widmet. Nach Einfahrt des Zuges in den Bahnhof stellt sich nämlich für den Reisenden das Problem, den Zug verlassen zu wollen. Auf welcher Seite des Zuges soll er jetzt aber aussteigen? Rechts oder links? Das Problem wird noch dadurch unübersichtlicher, dass die Türe auf der möglichen falschen Seite des Wagons sich gar nicht öffnen lässt. Hier bietet sich der Hinweisservice der Bahn geradezu an.

Wenn also die freundliche Stimme des Personals die eine oder andere Seite in Fahrtrichtung zum Ausstieg empfiehlt, so verhindert sie dadurch, dass man durch eine an sich verriegelte Tür schreitet und möglicherweise auf ein noch nicht gemachtes Gleisbett fällt.

Also besser gleich den Hinweis beachten.

 

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