Der Badenblogger » 20. Februar 2024

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Poesie in Flaschen

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Von der Schwierigkeit, einen Schluck in Worte zu fassen


Eine gute Bekannte von mir lebt vom Wein, ja, eigentlich vom Wein der Anderen. Mittlerweile ist sie eine renommierte Weinfachfrau, eine Sommeliere. Um es soweit zu bringen sollte man eine solide Ausbildung haben, die sie denn auch hat. Nach zahlreichen strengen Prüfungen darf sie sich also seit geraumer Zeit mit der Berufsbezeichnung Sommeliere schmücken, ein Beruf, der neben einem sensiblen Gaumen auch große Kenntnis der Rebsorten, der Anbaugebiete etc erfordert.

Nun lebt so jemand zwangsläufig nicht nur vom bloßen Genießen der edlen Tropfen, sondern es bringt der Beruf so mit sich, dass man nach einem prüfenden Schluck auch über den Tropfen spricht. Und zwar in einer angemessenen Weise. So genügt es z.B. nicht, einen edlen Wein schlichtweg als ‚Granate‘ zu bezeichnen sondern man sollte – nachdem einen so eine Granate getroffen hat – schon in der Lage sein, diesen Glückstreffer zu erkennen, um ihn dann uns, dem Leser, auch einen solchen zu vermitteln. Hierzu bieten sich eine große Anzahl von Magazinen an, die sich ausschließlich mit dem Thema ‚Wein‘ beschäftigen. Ein großer Platz in diesen Heften nimmt die Bewertung dieser zahlreichen Weine ein. Hierzu bedienen sich die Weinprüfer eines ausgeklügelten Wortschatzes, der uns Außenstehenden vermitteln soll, was im Gaumen des Testers so abgeht, wenn der Tropfen explodiert.

Um das hier einmal näher zu erläutern, sollten wir vielleicht einmal einen Blick in die einschlägigen Journale werfen, die allesamt ziemlich gut das abbilden, was der durstige Weingenießer an einem möglichen Tropfen zu schätzen weiß.

Die sogenannte Verkostung beginnt zweckmäßigerweise mit dem Entkorken der Flasche. Daran anschließend beginnt das kleine Einmaleins des Weinbeschreibens, in der Regel mit der Assoziation des Obstgeschmacks, mit der der Weinjournalist seine Verkostung umreißt. „Brombeere, Schwarze Johannisbeere, Blaubeere“ – das ist schon mal ein guter Einstieg in die Verkostung. Da kann man nichts falsch machen.


Dann aber schmeckt der (oder die) Weinkundige, dass der Traube doch vielleicht mehr innewohnt als bloße Beeren. Er schmeckt jetzt auch: “Quitte, reifer Apfel“. In einer anderen Flasche meint er „weißer Pfirsich“ herauszuschmecken, zudem macht sein Gaumen „Mandarine, Aprikose, Buttermilch“ aus, vielleicht auch noch „Vanille, reichhaltig“.

Ein „fruchtiger Duft von Schattenmorelle“ gemahnt wieder eher an den Obstgeschmack: „fruchtiger Duft von Schattenmorelle“ heißt es da, und in der Flasche nebenan paarte sich bei einer Verkostung wundersamerweise „Aprikosengelee“ mit „Darjeeling-Tee“

Doch weiter geht’s mit unserem hurtigen Streifzug durchs terminologische Unterholz. Auf der Seite 94 eines solchen Magazins bescheinigt man einem „Montlouis-sur-Loire“ zu € 23,70, er sei ein „ansprechender Naturbursche. Am Gaumen finessenreich und gute Struktur“. Da kann man ihm nur zurufen: Glück gehabt! Den „Vouvray AOC Le-Haut-Lieu Sec 2021“ (€ 29,90) hat es da härter getroffen. Ihm bescheinigt man, er sei etwas ‚Seifig‘. Immerhin seien hier „Gute Leute am Werk, die einen jungen, zupackenden Chenin Blanc präsentieren“.

In einem anderen Geschmacksportfolio verbergen sich: „Brioche. Feuerstein“, in einem weiteren hingegen schlummert der Geschmack von „Bohnerwachs und Zigarrenkiste“.

Da hatte ein Tester anscheinend schon einen animierenden Schluck genommen. Sein Kollege riecht erst mal am Glas („Odor“) und bescheinigt dem Wein: „Die Nase zunächst ein wenig medizinal, Hansaplast“. Ein weiterer Wein „zeigt sich animalisch und wild, erinnert an Moschus, Rosshaar und Heu“.

Nicht genug. Dem interessierten Leser machen die Glaspoeten noch Lust auf noch mehr, z.B. auf “ Mandarinenschale – Orange – Mango – Banane“. Klar. Und weiter? Auf einen „Hauch Schnittlauch“, „Kirsche. Unterholz“ und was einem halt so alles noch einfällt, wenn man berufsbedingt den Mund voll nimmt.

Kurz, man weiß nicht so recht, ob die selige Weinzunft die neue Art zu texten mittels ChatGPT freudig erwarten oder fürchten muss. Denn eines scheint klar: das wiederholte Aufrufen verschiedener Obstsorten zur Geschmacksbestimmung der Weine ist auf die Dauer doch etwas ermüdend. Neue Terminologien werden bemüht. So nimmt sich der Weinkritiker der WAS die Cuvee l’Antique 2021 der Domaine Roc de l’Abbaye deskriptiv zur Brust. Er bescheinigt dem Wein, dieser sei geschmacklich „auf eine eigene Art vielschichtig“. Eher „…gering ein Brie…der gerade aus dem Kühlschrank geholt wird…“ Ach, was! Eigentlich erinnert ihn der Wein an „…feuchte Senfsaat und ein gerade ausgewaschener Aschenbecher, in dem jetzt Stücke einer Honigmelone liegen“.

Diese wenigen hier angeführten (und echten!) Beispiele mögen verdeutlichen, dass es beim Betrachten der üblichen Begrifflichkeiten dieser Branche wohl nicht ausgeschlossen werden kann, dass man sich mit heiterem Fabulieren über die tägliche Distanz rettet. Denn in der Tat muss und soll über Wein geschrieben werden, nur scheint keine oder keiner so recht zu wissen, wie das ernsthaft zu bewerkstelligen ist. So hat man sich im Laufe der Zeit auf eine Terminologie geeinigt, die alles oder nichts meint. Denn wie anders soll man verstehen, wenn eine Geschmacksbeschreibung einem Gang durch die Obstplantagen ähnelt, wenn „Jod. Eisen, praktisch ohne Frucht“ bemüht wird, um einen Tropfen zu klassifizieren?

Über all das könnte man sich amüsieren. Man könnte im Zustand seliger Betrunkenheit den Formulierungen vor Ort im Glas nachspüren und sich darüber nüchtern lachen. Und doch ist nicht auszuschließen, dass von diesen oben formulierten ‚Expertisen‘ Existenzen abhängen, Weingüter, die nach Erscheinen der Weinpublikationen mit angehaltenem Atem das eben gesprochene Urteil ernst zu nehmen sich gezwungen sehen.

Da wird man schon froh sein, wenn einem die fröhliche Sommeliergemeinde bescheinigt, bei dem getesteten Wein sei ein „fantastischer Trinkfluss garantiert“, oder, wie meine Bekannte oft genug mit lobendem Unterton festhält, der eben verkostete Wein sei „ein Wein zum Trinken“.






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