Der Badenblogger » 25. Mai 2020

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Bloggen in Zeiten der Krise

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Der Mann ganz vorn  Folge 3

 

Diesen Geruch wurden wir während des ganzen Rennens nicht los. Noch bei der späteren Heimfahrt roch es im Auto, als würden wir in einem Klepper Faltboot sitzen.

Noch aber waren wir abgelenkt, auch wenn es ein weit verbreiteter Irrtum ist, anzunehmen, dass ein F 1 Rennen eine spannende Angelegenheit sei. Nach Aussagen von kompetenten Freunden beeindrucke zwar die offensichtliche Geschwindigkeit der Rennwagen, nicht aber deren eventuell spannende Jagd nach Podestplätzen. Unmittelbar nach dem Start, so erzählten sie mir, begebe sich das Feld in eine das ganze Rennen über anhaltende Unübersichtlichkeit, aus der einen ausschließlich das Verfolgen des Events mittels der zahlreich aufgestellten großen Bildschirme hinweg tröste. Da es sich hierbei im Wesentlichen um die zeitgleiche Fernsehübertagung handele, stelle sich über die Dauer des Rennens drängend die Frage, weshalb man den häuslichen Bereich eigentlich verlassen hatte. Zwei Ausnahmen gäbe es allerdings. Wirklich einzigartig, so hört man, sei wegen des Glamours und des Lärms der GP von Monaco. Weiter bemerkenswert sei zudem der GP von Belgien in Spa, bei dem die Boliden an Start und Ziel vorbeijagten, um dann, aus der Senke kommend, die langgezogene, rechts hoch führende ‚Eau Rouge‘ mit etwa 300 Km zu durchpfeilen, wobei die Fahrer einen Augenblick lang freie Sicht in den Himmel hätten, ja, es wäre, als ob sie sich an der Formation der Wolken orientierten, bevor sie in den Wäldern der Ardennen verschwänden, eine Faszination, die oft genug allerdings durch die dort üblichen Wetter- kapriolen geschmälert würde.

Nicht ganz so dramatisch erlebt allerdings der Rennfan das Kurvengeschlängel des GP von Deutschland auf dem Hockenheimring, dessen Inneres ‚Motodrom‘ genannt wird und in dem wir uns mit unseren Freikarten eingefunden hatten. Dort saßen wir nun leidlich kommod. Ausnahmsweise sollte es ein wahrhaft denkwürdiges Rennen werden, denn nach Lage der Dinge galt es als ausgemacht, dass der eigentliche Favorit, Michael Schuhmacher, seinen bisherigen Siegeszug würde fortsetzen können. In einer Art vorgezogener Euphorie verwies mein Mitbesucher auf die beiden mitgeführten Bierbüchsen und gab sich zuversichtlich, dass wir diese nach dem abzusehenden Sieg von Michael Schumacher trinken würden. Die hätten wir uns dann schließlich auch verdient; wir würden dem Sieger aus der Ferne zuprosten.

Und in der Tat sprach wenig für den Benetton-Pilot Gerhard Berger. Quälend lang, nämlich während der drei vorhergegangenen Rennen, hatte er wegen einer Kiefernhöhlenentzündung sein Cockpit einem Ersatzfahrer überlassen müssen. Zudem war zweieinhalb Wochen zuvor auch noch sein Vater bei einem Flugzeugabsturz in den Alpen ums Leben gekommen. Und doch – entgegen aller widriger Umstände und zum Erstaunen der meisten – stellt Gerhart Berger seinen Benetton B 197 auf die Pole Position, was aber meinen Begleiter in Erwartung des sicherlich unmittelbar bevorstehenden Sieges von Michael Schuh-macher nicht wirklich beunruhigen konnte.

Vom ersten Startplatz also ins Rennen gehend, war es aber erstaunlicherweise Berger, der von Anfang an das Rennen kontrollierte. Da er in seiner Rennstrategie einen zweimaligen Halt eingeplant hatte, musste er im Verlauf des Rennens siebzehn Sekunden gut machen. So viel würde er für einen zusätzlichen Reifenwechsel brauchen. Doch platzt bei Überrunden des Boliden von Magnussen dessen Motor, so dass der bis dato führende Berger mit ca 300 Km in eine Wand aus Ölgischt raste, unsicher, ob sich dahinter nicht noch ein defekter Wagen verbirgt. Ein kurzes Zögern, dann waren vier Sekunden verschenkt. Anders als Berger bleibt Giancarlo Fisichella, der damals Zweite, voll auf dem Gas. Das Rennen galt zu dem Zeitpunkt als ziemlich sicher verloren, doch hatte sich Fisichella aus später nicht mehr nachvollziehbaren Gründen beim Durchfahren der Unfallstelle einen Plattfuß eingefangen, und so gewann Gerhard Berger entgegen aller widriger Umstände den damaligen GP von Deutschland. Michael Schumacher erbt nach dem Ausfall von Fisichella den 2. Platz.

Nicht selten, dass die Tragödie des Verlierers im Gemütszustand eines trauernden Fans ihre schmerzliche Entsprechung findet: so etwa muss man sich die Verfassung meines Hauptabteilungsleiters vorstellen, der, mit zwei Freikarten gesegnet, eben noch fidel neben mir auf hartem Beton sitzend, sich dann aber durch einen Platzregen unmittelbar vor dem Start gezwungen sah, sich in seinen gummierten Anzug zu zwängen, fortan nach altem Gummi roch, sich im Laufe des Events sich aber wieder berappelte, um letztlich doch noch erleben zu müssen, dass sein Favorit entgegen aller Erwartungen doch nur Zweiter wurde. Was umso schmerzlicher ist, als es doch heißt, dass der Zweite der Erste der Verlierer ist.

Da im Verlauf des Rennens die Sonne wieder hervorgekommen war und jetzt gnadenlos auf uns alle niederbrannte, hatten wir uns der dampfenden Regenkleidung entledigt. Sie lag neben uns wie zusammengeschobene Fallschirme nach einem Absprung. Daneben auch unser Picknick-Korb mit dem eingeknöpften blau-weißen Futter und den Resten des Butterbrotpapiers. Weiter waren da auch die zwei Bierdosen, die, noch immer leidlich kühl, entgegen ursprünglicher Absicht dann aber doch nicht getrunken werden sollten.

Denn schließlich hatte Schumi, von meinem Begleiter auf einmal wieder Michael Schumacher genannt, das Rennen ja nicht gewonnen.

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