Der Badenblogger » August 2019

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Allgemein Stadtstreicher

Handelskrieg

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Glück gehabt. Wie ein Uhrenhändler versucht, eine Uhr zu verkaufen 

Man sieht es dem Mann an: Verkaufen kann ein wirklich hartes Geschäft sein, zumindest so hart wie – sagen wir mal – putzen. Mindestens. Das einzig Gute daran ist, dass man seine Arbeit stehend verrichtet. Anders als beim Putzen, muss man sich beim Verkaufen aber kaum bücken. Allein schon deshalb tritt der schlanke, hochgewachsene Uhrenverkäufe in Baden-Badens bester Lage aufrecht hinter einer weißen Halb-Wand hervor. Noch im Schreiten fragte er, was ich will. Nachdem ich freundlich das Naheliegende – eine Uhr –formuliert hatte, geriet er irgendwie kurz ins Stocken, fasste sich aber gleich wieder. Die eben entstandene Stille war mir ein bisschen unangenehm. Wortlos deutete ich in Richtung Schaufenster, wo ich eine Uhr gesehen hatte, die um zwanzig Prozent runtergesetzt war. Sie gefiel mir.

Sein Blick schwenkte jetzt, der Richtung meines Blickes folgend, ebenfalls in Richtung Schaufenster. Noch stand er da, aufrecht, unternahm aber bis zu dem Zeitpunkt keine Anstalten, sich in Richtung Auslage zu bequemen. Ich wollte ihn gnädig stimmen und fragte, ob ich ihm die Uhr mal zeigen dürfte. Jetzt trat er ein Stückchen vor und blickte mit mir gemeinsam vom Inneren des Geschäfts über die Rückwand des Schaufensters in die Auslage. Ich deutete auf die Uhr, die er nach meinem zweimaligen Korrigieren auch als die ausmachte, die mein Interesse erweckte. „Sie wissen aber, dass Männer heutzutage größere Uhren tragen?“

Er hatte mich auf dem falschen Fuß erwischt. Welcher Mann will sich schon durch den Kauf einer Uhr als durch und durch feminin outen, zumindest als jemand, des sich allein schon durch das Tragen einer Uhr nicht mehr deutlich zum eigenen Geschlecht bekennt. Eigentlich fiel mir jetzt gar nichts mehr ein, und ich erst mal: „Na ja…“

Da trat er nach. Es sei außerdem eine Automatik. Ich perplex. Offen gestanden war ich auf eine verbale Auseinandersetzung mit einem Uhrmacher nicht recht vorbereitet. Was soll so schlimm an einer Automatik sein? Gibt es Menschen, die das Aufziehen einer Uhr als beglückend empfinden? Unter Boxern hätte man gesagt: ich bekam die Arme nicht hoch. Jedenfalls nicht jetzt. Deshalb verabschiedete ich mich fürs erste mal, gedachte aber wieder kommen, um dann, nachdem ich Kraft geschöpft und taktisch besser eingestellt war, erneut in den Ring zu steigen.

Meinen ersten Angriff hatte der Mann vom Einzelhandel also abgewehrt. Aber, wie ich wusste, zeichnet sich ein echter Kämpfer dadurch aus, dass er immer wieder aufsteht, sich überwindet und wieder kommt. Der Kampf ist so lange nicht verloren, wie du ihn nicht verloren gibst, sagte ich mir. Die nächsten zwei Tage strich ich immer mal wieder an der Auslage vorbei, um zu schauen, ob es vielleicht zwischenzeitlich einem wirklichen Mann gelungen war, die Bastion des Verkäufers zu stürmen. Aber noch war keiner gekommen. Noch immer lag die Uhr da, schön, irgendwie weiblich und leider nicht mein.

Zwei Tage später, nach einem längeren, mich mental stärkenden Spaziergang durch die Allee, erneutes Erklimmen der Bastion. Ich betrete das Geschäft, Händler kommt aus der Tiefe des Raumes. Ich presse die Luft aus der Lunge, stelle mich mittels Atemtechnik ruhig und bitte darum, mir eine Uhr ansehen zu dürfen. Er: „Welche Uhr? Sie müssen sie mir schon mal zeigen?“ Offensichtlich hatte er mich nicht wiedererkannte. „Meistersinger“, sagte ich und nannte die Marke der Uhr. Ich deutete auf das Exemplar. Diese Marke lässt er jetzt auslaufen, deshalb gibt’s die Prozente, sagte er. Die Frage, ob der Kunde diese Marke nicht mag, verkneife ich mir. Bin ja selber einer.

Während er die Uhr aus der Auslage fischte und ich sie mir an mein Handgelenk legte, tritt er nach. Die Uhr habe nur einen Zeiger. Sie zeige lediglich die Stunde, nicht aber die Minuten an. Ob ich das wüsste? Irgendwie schon, dachte ich.

Meiner leichten Kurzsichtigkeit konnte ich durch das Tragen einer Brille seit Jahren entgegenwirken, und so war mir schon beim Betrachten der Uhr im Schaufenster aufgefallen, dass es sich um eine sogenannte ‚Einzeigeruhr’ handelte. Aber da ich weder vorhatte, die Laufzeiten meines joggenden Nachbarn zu stoppen noch die Uhr bei Außenarbeiten an der ISS zu tragen, konnte ich das Fehlen eines Minutenzeigers leicht verschmerzen.

Ich mache es kurz. Es kam zu einem dritten Besuch des Geschäfts. Ungeachtet seiner nicht besser gewordenen Laune hatte ich die Uhr dann gekauft. Was hatte ich nicht alles weggesteckt? Die Uhr sei für mich eigentlich zu groß – geschenkt. Eine Automatik? Dann brauche ich sie ja nicht aufziehen. Weiter: offensichtlich will keiner diese Uhren kaufen, weshalb er die Marke auslaufen lässt und sie mit Rabatten verramscht? Ach was!

Ich trage die Uhr mit großer Freude. Sie schmückt mein schmales Handgelenk. Auch haben mich Freunde wiederholt auf das Schmuckstück angesprochen.

Außerdem habe durch den Kauf ich zum ersten mal in meinem Leben begriffen, was es heißt: Jemandem auf den Zeiger zu gehen.

 

Allgemein Menschen

„Halli.Hallöle!“ Teil 1

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Wie Hansy Vogt den Schwarzwald vermarktet und sich gleich mit

Feldberger

Altglashütten, ein kleines Dorf in der Nähe des Feldbergs gelegen. 1000m über dem Meeresspiegel. Lange, kalte Winter,viel Schnee und klare Luft. Wer gern dort oben lebt, bleibt. Die anderen ziehen weg.

Denn kommt einer von dort, sollte er, will er aufsteigen, erst mal absteigen. Runter in die Täler, in die Rheinebene, nach Freiburg oder sonst wo hin. Dorthin, wo die Luft vielleicht nicht so gut, dafür aber das Leben besser ist.

So war es auch bei Hansy Vogt. 1967 im Schwarzwald geboren, wollte raus und runter. Nach Bäcker-und Konditorlehrefullsizerender3 und anschließendem Zivildienst, beschloss er, seiner Leidenschaft zu folgen und ins Entertainment zu wechseln. Die Zeit war reif. Schon während seiner Schulzeit hatte er im Bauerntheaterstück ‚Der Kronenwirt’ debütiert. Dann hatte er verschiedene Schauspielpraktika belegt und wäre danach zu gern auf eine Schauspielschule gegangen. Ging aber nicht, was bei vier Brüdern weniger am mangelnden Verständnis der Eltern als am fehlenden Geld lag.

Dann kam ´89 die deutsche Einheit. Für ihn ein großer Glücksfall. Als die Grenze gefallen war und sich der Osten im Gesamtdeutschland wiederfand, zeigte sich, dass die irgendwie heimatlos geworden Ex-DDR Bewohner die Identität ein gutes Stück weit in dem fanden, was volkstümliche (westliche) Musik heißt. Damals hätte man durchaus den Eindruck gewinnen können, dass die Wiedervereinigung vor allem auch auf den Bühnen der Mehrzweckhallen stattfand. Autobahnkilometer spielte keine Rolle. Ganze Heerscharen von deutschen Unterhaltungsmusikern zogen Richtung Osten. Dort erzählten sie mit ihrer Musik davon, wie schön die deutsche Heimat doch ist und dass wir doch alle Menschen sind.

fullsizerender2Das Glück des euphorisierten Ostpublikums schien vollkommen, als der Bayer Stefan Mross die Vogtländern Stefanie Hertel ehelichte. Die perfekte ost-west Verbindung. Ein westöstlicher Diwan. Mitten drin in dieser volkstümlichen Woge eine Vierercombo namens „Die Feldberger Spitzbuben“ mit ihrem Sänger Hansy Vogt. Wenn der zu dieser Zeit seine Lederhose an den Hosenträgern federn ließ, kam im Saal Stimmung auf, dass die Schwarte kracht. Sie nannten es ‚Rock ´n Roll der Volksmusik’. Das Fernsehen tat sein Übriges dazu. Volkstümliche Musik auf allen Kanälen. Und die ‚Feldberger’ mittendrin.

Das ging so eine ganze schöne lange Weile, bis eines Nachts der BMW mit der übernächtigten Band sich auf der Autobahn überschlug. Auf einmal war auch dem euphorischsten Jung – Rock ´n Roller klar, dass man es fortan besser etwas ruhiger angehen lassen sollte. 1993.

Fünf Jahre waren vergangen. Zeit der Häutung….

 

Demnächst der 2. Teil. Immer dranbleiben!

Allgemein Menschen

„Halli.Hallöle!“ Teil 2

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Wie Hansy Vogt den Schwarzwald vermarktet und sich gleich mit

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Frau Wäber auf dem Sprung

Hansy Vogt, der Sänger, mittlerweile auch zum Comedian gereift, erhält beim SWR die Chance, in der Volkstümlichen Sendung ‚Der Fröhliche Alltag’ neben Heinz Siebeneicher zu debütieren. Das nennt man heute Sidekick, früher wäre es die Assistentin gewesen. Es entstand die Figur der ‚Frau Wäber, eine badische Landfrau, die alsbald an der Seite des bekannten Moderators mit ihrem Auftritt und ihrer Spreche zu einer Art – nun ja – Kultfigur reifte. Sie polarisierte genügend, um Aufmerksamkeit zu erregen, wurde von ganzem Herzen gehasst und noch mehr geliebt. Was für ein Glück.

Hansy Vogt hatte geahnte, dass die Lederhosennummer nicht ewig halten würde, und auch das Verteilen von Blumenkästen über alle Biertische hinweg, brachte im Festzelt zwar Riesenstimmung, war auf die Dauer doch aber etwas ermüdend. Da schien mit der Rolle der ‚Frau Wäber’ sich eine willkommene Chance zu eröffnen, sich etwas Eigenes aufzubauen. Stillstand ist Rückschritt. Jetzt ging es erst richtig los.

Denzlingen, ein kleiner Ort, in der Rheinebene. Nimmt man, von Norden kommend, die B 3 Richtung Freiburg, lässt man Denzlingen links liegen. Ist man aber eingeladen, biegt man ab und erreicht alsbald das Bürgerzentrum. Das hätte sich ganz besonders in diesen Tagen angeboten, an einem Sonntag. Da nämlich hat der Eigner von mittlerweile zehn REWE Supermärkten seine gesamte Belegschaft zu einem fullsizerender4opulenten Betriebsfest geladen. Acht Märkte in zehn Jahren. Allerhand. Heute gälte es, so der Geschäftsmann, zwei Meter groß und mit Anzugsweste im Scheinwerferlicht stehend, das gedeihliche Wachsen des Unternehmens zu feiern: „Expansion ist die Königsdisziplin“, ruft der Senior. Da mit der Königsdisziplin der König sich selbst meint, lässt er sich das Ganze durchaus etwas kosten, wobei an jenem milden Winterabend auch ‚Frau Wäber’ als Kostenfaktor auftaucht, gebucht, um mit rosarotem Dirndl und dickem Hintern die Belegschaft gebührend zu unterhalten.

Das ist, wie so vieles, was leicht aussieht, doch ziemlich schwer. Wer unterhalten will, braucht den genauen Blick aufs Volk. Man muss ihm, dem Volk, aufs Maul schauen und wissen, wie es tickt. Das können nur wenige. Der ‚Hias’, an der Seite von Karl Moik, konnte das und die Leute von der ‚Mäulesmühle’ können es sowieso.fullsizerender3

Unverzichtbar der Dialekt, den man in all seinen Schattierungen schon beherrschen sollte. Denn vieles kann man sagen, man muss nur wissen wie. Da gibt es feine Grenzen, an die man sich besser hält, und andere, an die man sich besser nicht hält. Es ist immer ein Austesten. Geht das noch oder schon nicht mehr? Und wo geht was und wo geht was überhaupt nicht? Dass Frechheit siegt, ist manchmal nur die halbe Wahrheit. Hat man das aber verinnerlicht, kann man damit virtuos spielen. Wer das beherrscht, der bleibt im Land und nährt sich redlich. Auch das eine Art Königsdisziplin.

Demnächst Teil 3. Immer dranbleiben!

 http://www.hansy-vogt.de

Mehr von und über Heinz Siebeneicher & Ausschnitte aus Fernsehshows aufrufen über  

 http://www.siebeneicher.de/radiotv.html

 

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„Halli. Hallöle!!“ Teil 3

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Wie Hansy Vogt den Schwarzwald vermarktet und sich selbst gleich mit.

151020-hv-6005-kopie„Hallo, hallöle“. Zu den Klängen von „Oh, wie ist das schön“ erlebt die freudig versammelte Belegschaft im ‚Kultur- & Bürgerhaus’ den Auftritt von Frau Wäber. Offensichtlich ist sie gleich zu Anfang schon bestens eingeführt. Bekannt aus Funk und Fernsehen. Jetzt wendet sie sich erst mal an den Chef. Begrüßung muss sein. Gibt gleich einen Lacher. Dann der Schwenk in die Lebenswelt.

Unten die festlich gestimmte Belegschaft, an runden Tischen mit Stofftischdecken. Filialeiter mit Gel im Haar. Leistung zählt. Wer’s bringt, herzlich willkommen. Hinter der Ladentheke sind alle gleich. Der Chef hatte vorhin allen noch einen tollen Abend gewünscht, mit Tanz und Spaß bis in den frühen morgen. Aber bitte daran denken: morgen früh, halb sechs, ist die Nacht zu Ende.

img_2659‚Frau Wäber’ nimmt sich jetzt erst mal das vegane REWE Sortiment vor, dem sie mit ihrem dicken Hintern offensichtlich nicht allzu viel abgewinnen kann. Sie jedenfalls liebt es deftig. Das geht dann so: „Wenn der Mond zunimmt, nehme ich auch zu. Nimmt er ab – soll er doch“. Der Saal tobt, und nach 10 Minuten weiß auch noch der letzte, warum er sich beim REWE beruflich gut aufgehoben fühlt.

So ein Schwarzwälder, jetzt unten angekommen, darf irgendwann natürlich auch aufsteigen. Im vorliegenden Fall bis ins hinterste Renchtal, nach Bad Griesbach, ins Hotel ‚Dollenberg’. Dort versammeln sich wie jedes Jahr die besten Winzer der Ortenau, um die TOP TEN Spätburgunder zu küren. Dies geschieht im Rahmen einer Gala, die natürlich nach einer Moderation verlangt.

Wer beruflich auf einer Bühne steht, ist eitel. Er muss von sich überzeugt sein, sonst kann er gleich daheim bleiben. Es ist einfullsizerender bisschen wie Theaterspielen. Die Moderationskärtchen in der Hand, ein letzter prüfender Blick auf den knallroten Anzug, dann geht’s los. Hansy Vogt ‚führt durch den Abend’. Im Laufe seiner Beschäftigung bei SWR hatte er sich auch noch das Handwerk des Moderierens angeeignet. Der Gedanke, den Rest seines Lebens sich ausschließlich als ‚verrückte Alte’ durch die Jahre zu albern, mag tatsächlich wenig erstrebenswert sein. So sehr er weiß, wie viel er dieser Figur verdankt. Er ist nicht undankbar.

Aber irgendwann wird es auch diese ‚Frau Wäber’ nicht mehr geben können. In dem Geschäft tut man gut daran, sich ‚breit aufzustellen’. Man weiß nie, was morgen sein wird. Daheim zu sitzen und auf Anrufe zu warten, ist seine Sache nicht. So hat er sich kontinuierlich eine neue Rolle auf seinen schmalen Leib gezaubert, hat Ideen gesammelt, sich ins Gespräch gebracht, ist mit wichtigen Leuten essen, mit anderen joggen gegangen. Er hat Visitenkarten gesammelt und zurückgerufen. Hat Netzwerke gesponnen, Komplimente gemacht, war freundlich und – wo geboten – sogar herzlich. So baut man sich ‚was auf.

Jetzt steht er hier, unterhalb des Kniebis, fast 1000 Meter hoch, in diesem schönen zwei Sterne ‚Relais Chateau’ Hotel als Schwarzwaldbotschafter’. Dieses Amt hatte es zuvor noch nicht gegeben und vielleicht ist es auch die Antwort auf eine nicht gestellte Frage. Jedenfalls füllt er das Amt aus, im ganz besonderen Fall heute Abend in der Gala Atmosphäre diese renommierten Hauses, inmitten von Winzern und Winzerinnen, die sich alle untereinander kennen. Und ihn auch.

Denn er ist ja schließlich der ‚Botschafter des Schwarzwaldes’.

 

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