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Allgemein Kultur Menschen

Im Chor der schlimmen Stimmen

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Weghören hilft nicht. Warum uns die Stimmen von Frauen immer öfter nerven.

So etwas haben wir noch nie gemacht. Wir müssen hier einmal über die Frauen reden. Damit meinen wir nicht ihren Geist, ihr Aussehen oder die unbestrittene Fähigkeit, einzuparken. Nein, wir müssen hier über die Stimmen der Frauen reden.

Nur gänzlich tauben Menschen konnte entgangen sein, dass die Stimme ein eminent wichtiges Kommunikationsinstrument ist. Ohne unserer aller Stimmen wäre die Welt eine doch recht taube Angelegenheit. Da fällt einem jetzt erst mal das Gesäusel von Verliebten ein, weiter das Gebrabbel von Babys, aber auch das Gezwitscher der Vögel und das friedliche Schnurren einer Katze, usw., usf.

Was sind das doch für beglückende Laute, die uns täglich in akustischer Verbindung zu anderen Lebewesen setzen. Da braucht man jetzt gar nicht auf Helene Fischer zu verweisen, die allein schon mit ihrem ‚Atemlos durch die Nacht’ uns  hören lässt, was man mit so einer Stimme alles anstellen kann. Doch lasse man sich nicht täuschen. Es handelt sich bei Helene Fischer um eine rundum ausgebildete Stimme, die uns da aus dem Radio entgegenschallt. Allein durch diese Stimme ist es ihr gegeben, uns in Träume zu wiegen, ja, gar tief in unserem Inneren die Sehnsuchtslaute zu zupfen, wodurch diese zum Klingen gebracht wird. Und was dergleichen halt noch mehr sein könnte.

Denn es ist ja für uns Hörer gerade das Radio, das uns durch seine akustische Präsenz anspricht. Radio geht ins Ohr und dann natürlich sofort ins Herz. Neben der Musik sind es vornehmlich die Stimmen, die uns ansprechen. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Umso mehr sollte diesem Medium daran gelegen sein, durch die Auswahl geeigneter Stimmen für sich zu werben. Das ist heute so und war früher nicht anders.

Wer z.B. das Glück hatte, vor etwa zwanzig Jahren in Baden-Württemberg zu leben und den SWF zu hören, der wurde zwangsläufig Zeuge, wie aus dem Radio die sonore, kräftige und markante Stimme eines Baldur Seifert tönte, der uns Hörer den Sonntagmorgen verschönerte. Und dann erst Heinz Siebeneicher! Wer noch miterlebt hatte, wie er das Wunschkonzert virtuos moderierte, der mochte ahnen, was es heißt, wenn man sagt, dass die (weiblichen) Fans diesen Stimmen förmlich zu Füssen lagen. Doch gab es auch weibliche Stimmen, die bezauberten. So hört man vor vielen Jahren in SWF 3 eine Stimme, die einem Mädchen namens Susi gehörte. Susi lispelte leicht, aber das war uns egal. Sie bezauberte allein schon mit ihren hingehauchten, gurrenden Wetternachrichten. Da war sogar der Regen schön.

Nun müssen wir die unverhohlen erotische Komponente einer Stimme gar nicht bemühen, um zu konstatieren, dass da mit den heutigen Radiostimmen etwas im Argen liegt. Die Stimme sollte in jedem Fall im Inneren des Körpers entstehen, da, wo der Resonanzraum sitzt. Dann erst wirkt eine gute Moderation unangestrengt, weshalb sie auch den Zuhörer entspannt. Das ist im Unterhaltungsradio nicht anders als in den aufklärerisch-politischen Programmen.

So kommen wir fast zwangsläufig auf den Deutschlandfunk zu sprechen, eines der Radioprogramme mit einem relativ hohen Wortanteil. Gerade deshalb müsste dem Programm daran gelegen sein, die so wichtigen wie bisweilen trockenen Themen in einer den Hörer ansprechender Weise zu präsentieren. Doch dem ist nicht so. Eine neue Generation von Stimmen hat anscheinend das Mikrofon übernommen. Universell gebildet, gecastet, geprüft. Doch keinerlei Sprechausbildung, keine Prüfung, ob die Stimme überhaupt fürs akustische Medium geeignet ist.

Dem Hörer wird’s vertraut vorkommen. Etwa 80 % aller zeitgenössischen Stimmen junger Frauen. Selbst   Mädchen klingen schon so. Nicht anders als bei aktuellen Schlagersängerinnen sind deren Stimmen gepresst, gedrückt, bisweilen überdreht, jedenfalls im Kopf angesiedelt. Es scheint der Sound der neuen Zeit. Das wirft zwangsläufig die Frage auf: warum das so ist? Hier kann man nur Vermutungen anstellen.

In aller Vorsicht denkbar wäre die Erklärung, dass die derzeitige emanzipatorische Bewegung Stress der neuen Art hervorgebracht hat. Die Frauen wollen (und sollen!) gehört werden. Doch scheint’s, als hätten sie sich in der Rolle noch nicht recht eingelebt, d.h. das Selbstverständnis des sich Artikulierens ist noch nicht vollständig ausgeprägt. So will man mit stimmlichem Lärm auf sich, sein Anliegen und seine Bedeutung aufmerksam machen. Nicht auszuschließen, dass die Frauen sich nicht nur in einem Wettbewerb mit den Männern sondern auch mit anderen Frauen befinden. Sie setzen sich unter Druck, immer und überall gehört zu werden. Wer am meisten nervt hat die Chance, am ehesten gehört zu werden?

Hier auch anzuführen sind die Sprecherinnen von Umweltgruppen, deren penetrante Stimmen mühelos auf Mikrofone verzichten könnten. Ähnlich die Politikerinnen Bündnis90/der Grünen, aber auch der SPD. Wer jemals Annalena Baerbock gelauscht hat, weiß, wovon hier die Rede ist, aber auch Malu Dreyer muss hier angeführt werden, die der SPD eine furchtbare Stimme verleiht.

Ein ganz anderer Fall in diesem Zusammenhang war die Familienministerin Franziska Giffey, ebenfalls von der SPD. Sie ist nicht nur mit der Gabe gesegnet, fremde Zitate zu einem für eine Dissertation offensichtlich ausreichenden Konvolut zusammenzumischen. Darüber hinaus verfügt sie zudem noch über die Gabe einer reinen, hellen Kinderstimme, die sie zu einer Hoffnungsträgerin der alten SPD werden ließ. Offensichtlich hoffte man, von dieser einzigartigen Begabung noch möglichst lange zehren zu können. So, wie sich Franziska Giffey anhört, noch mindestens die nächsten 60 Jahre.

Allgemein Kultur

Blumenzauber an der Oos: Bloom-App? Bloom up!

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Erste Kooperation von Badischem Landesmuseum und Kunsthalle Baden-Baden

© Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS – Uli Deck

Als höflicher Gast überreicht Prof. Dr. Eckart Köhne der Stadt Baden-Baden einen üppigen Blumenstrauß als Willkommensgruß. Eigentlich ist der Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe in der ihm seit Mai vergangenen Jahres unterstellten Staatlichen Kunsthalle Baden Baden ja auch Gastgeber – und zwar gleich mit einer Großen Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg.

Diese erste Kooperation gleicht einer Reverenz an die Stadt, die viel auf ihre blühende Vergangenheit und aktuelle Attraktionen wie Kur-park, Rosenneuheiten, Rosenkonzerte, Sommerausstellung im Kurpark und wertvollen Baumbestand hält. Nicht zu vergessen die
Verheißungen des Florentinerbergs am Neuen Schloss!

„Bloom up! Die Sprache der Blumen“ wirkt da schon wie eine Ermunterung, das Depressionstief angesichts leerer Geschäfte, Haushalts-defiziten und sonstiger Sorgen zu vergessen und in angenehm gekühlter Atmosphäre auf „Flower Power“ zu setzen. Denn zarte Blüten haben über Jahrtausende das Ihre dazu beigetragen , das Leben schöner, aber auch bedeutungsvoller zu machen und spielten auch in Politik, Religion und Gesellschaft wichtige (Symbol)-Rollen. Unter den rund 50 Exponaten der von Christina Lehnert und Christiaan Veldman kuratierten Ausstellung finden sich antike Leihgaben des Karlsruher Landesmuseums ebenso wie Bauernschränke des 17. und 18. Jahrhunderts, deren keineswegs „naive“ Blumenmalereien die Rolle der „blühenden“ Braut als künftige Mutter würdigten.

Eingang Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, © Badisches Landesmuseum, Foto: Hannes Deters

Über ihnen prangen zwei weitere „Liebesbezeugungen“: Riesenblüten des Künsterduos Petrit Halilaj und Álvaro Urbano. Eine Pietà aus dem 16. Jahrhundert zeigt die Schmerzensmutter in einem prachtvollen Mantel mit Tulpenmotiven. Tulpen stehen in Georgien für ziviles Aufbegehren und Solidarität – die georgische Künstlerin Ketuta Alexi-Meskhishvili stellt in ihren Tulpen-Fotografien den Bezug zu Widerstand, Tod und Auferstehung her. Aus der „Türkenbeute“ entliehen wurde eine Stichwaffe mit goldenem Blütendekor. Erstmals in der
Öffentlichkeit gezeigt wird ein atemberaubender Seidenteppich mit Blüten- und Kronenmotiven, der vermutlich Ende des 17. Jahrhunderts dem Kloster Lichtenthal geschenkt wurde. Ein weiterer Bezug zur Region findet sich in dem handwerklichen Meisterstück, das die Stadt Pforzheim der Preußen-Prinzessin Luise anno 1856 anlässlich ihrer Hochzeit mit Großherzog Friedrich I. Von Baden verehrte: Ein Blütendiadem aus Myrhten und Wildrosen.

Sir Edward Burne-Jones und William Morris, Wirkteppich, Der Pilger im Garten, 1901, © Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS – Uli Deck

Blumen bereiten jedoch nicht nur Freude, sondern können auch Trauer ausstrahlen. An Abfalldeponien auf Friedhöfen erinnern die verwelkten Blumensträuße in der Serie von Bella Zanna Geetha Brückner: Bouquets als Entschuldigung für begangenes Unrecht oder Versuch, einer bereits sterbenden Beziehung neues Leben einzuhauchen. Versöhnlicher dagegen das „Requiem“ des 2019 verstorbenen Filmemachers Jonas Mekas zu Klängen von Verdis „Requiem“.

Naturschönheit triff auf brutale Alltagsszenen und lässt sich nicht ausrotten. Wie zur Bestätigung glänzen die Halbedelsteine des barocken Pietra-Dura-Mosaiks als Symbole der Auferstehung. Als Rückzugsort, aber auch Kreativ- und Austauschort, dient das Studio mit Büchern und der Gelegenheit, selbst der Aufforderung „Bloom up“ zu folgen, bunte Papierblumen selbst zu falten und als zarte Souvenirs mitzu-nehmen. Im „Studio“ findet sich auch der Hinweis auf weitere Mitmach-Möglichkeiten per „Bloom App“ – eine aktuelle Fortsetzung der traditionellen Blumensprache. Die kostenlose App bieten neben den klassischen Audioguides digitale Atelierbesuche, im Gruppenmodus kann gespielt und kommuniziert werden, spannend dürfte auch der Dating-Modus sein. Zusätzlich im Angebot: Das Format „Stille Stunde“, die „Family-Tour“ und die „Bring your Baby-Tour“. Auch beim Fest der vier Museen am Sonntag, 19. Juli, entlang der Baden-Badener Museumsmeile ist die Kunsthalle dabei. Über das Gesamtprogramm informiert die Webseite www.kunsthalle-baden-baden.de

Bis zum 10. Januar 2027 wird die Staatliche Kunsthalle mit diesem sehr besonderen „Willkommensblumenstrauß“ ihres Kooperations-partners Badisches Landesmuseum das kulturelle Stadtleben bereichern und vielleicht auch die eine oder andere neue Blüte entstehen lassen. „Bloom up“ lässt sich aus der Blumensprache nämlich durchaus als „Mach was!“ oder „Zeig, was in dir steckt!“ übersetzen …

(Irene Schröder)

Allgemein Kultur

Lesen im Schatten

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Dieses Jahr wird uns ganz besonders in Erinnerung bleiben. Zum einen, weil in Klagenfurt beim Lesewettbewerb eine junge Frau namens Lea Schätte mit ihrem Buch „Das Schwarze an den Händen meines Vaters“ den Bachmann Preis gewonnen hat. Aber auch der Hitze wegen, die eine ungnädige Sonne verströmte und zwar dergestalt, dass augenscheinlich die Schatten knapp wurden.

Wäre so ein Schatten eine handelbare Ware, wäre der Preis ins unermessliche gestiegen. Ja, Sozialschwache hatten sich ihren persönlichen Schatten kaum mehr leisten können! Die Luft war so heiß, dass die Preise für einen richtigen Schatten in die Höhe schossen, ja, an manchen Orten drohten sie sogar auszugehen.

Und doch sieht es ganz danach aus, dass die Schatten nicht gänzlich verschwinden werden, sondern das nächste Jahr wieder kommen, vielleicht sogar etwas günstiger!

Den Lesern von Lena Schättes Buch wäre Ähnliches zu wünschen. Das wäre dann der nächste heiße Lesesommer.

Allgemein Kultur Menschen

Wirklich wichtig?

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Unruhe in Thüringen. Die KI ist da.

Die Empörungswelle droht überzuschwappen. Nachdem schon vor längerer Zeit der Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, Mario Voigt, eine Dissertation vorgelegt hatte, deren Inhalte man derzeit des Plagiats bezichtigt, kam jetzt heraus, dass es sich auch sein Mitarbeiterstab wohl etwas zu leicht gemacht hat. Offensichtlich auf Effizienz getrimmt, hatte der zuständige Referent (oder Referentin?) eine ganzen Rede für seinen Chef mit Hilfe der KI verfasst.

Zuvor hatte man wohl noch einen Gastbeitrag aus dem ministerialen Hause an die FAZ gegeben.  Den hatte man dort voller Stolz auch gleich ins Blatt gehievte. Plötzlich aber musst man feststellen, dass auch dieser Beitrag KI generiert war. Ordentlich beschämt, war man in der FAZ darauf hin ziemlich sauer. Nie mehr, so hieß es beleidigt, würde man in diesem Blatt noch irgendetwas von Herrn Voigt veröffentlichen.

Jetzt begann ein noch tieferes Schürfen. Und siehe: auch die Rede anlässlich der Befreiung von Auschwitz und Buchenwald war nicht handgemacht. Auch dieser Vorlage war KI zur Hand gegangen. Noch hat sich Michael Friedmann nicht zu Wort gemeldet. So zeichnet sich das volle Ausschöpfen des Erregungspotentials bislang noch nicht ganz ab.

Spätestens jetzt aber gilt es hier innezuhalten, und man muss fragen: Was ist denn eigentlich passiert? Es müsste doch weidlich bekannt sein, dass die Reden der Politiker  voller Plattitüden sind. Welcher der heutigen Politiker hätte sich einen Redeschreiber vom Schlage eines Klaus Harpprecht geleistet? Von dem stammte der prägnante Rede-Satz von Willy Brand: „Wir sind keine Erwählten; wir sind Gewählte. “ Und vielleicht fällt einem auch noch der J. F. Kennedy Satz ein: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du  für dein Land tun kannst“.

Mit derlei Griffigem wäre nach Lage der Dinge von Herrn Voigt  nicht zu rechnen gewesen. Nicht mit KI und schon gar nicht ohne. Und auch nicht von unserem Bundespräsidenten, dessen Feiertagsreden von ermüdender Banalität sind. Da sollte man den ReferentInnen  nicht vorwerfen, dass sie sich im Bewusstsein allseits erwünschter Effizienz der KI bedienen, anschließend in der Kantine noch einen Kaffee trinken und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Und wir alle fragen uns: was ist denn eigentlich passiert?

Allgemein Kultur Malen & Schnitzen

Kamera und Leinwand als Sparringpartner

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Das Museum Frieder Burda widmet dem Fotorealismus eine facettenreiche Schau

Waddington Custot © Ralph Goings, Goings Family Estate, 2026

Kreativ gesehen scheinbar ungefähr so anspruchsvoll wie Malen nach Zahlen: Ein Motiv mit der Kamera aufnehmen, ausdrucken, abmalen, fertig! Wer Fotorealismus auf diesen simplen Nenner bringt, sollte sich schleunigst im Museum Frieder Burda eines Besseren belehren lassen und reuig den über 30 internationalen Künstlern Abbitte leisten. „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ ist die bis zum 2. August dauernde facettenreiche Ausstellung überschrieben, die in wirkungsvollem Kontrast zu der überaus erfolgreichen Liebermann-Schau im Meir-Bau steht.

Mit deutlichem Stolz präsentierte Dr. Daniel Zamani, künstlerischer Direktor des Museums, die von ihm kuratierte Ausstellung mit über 90 Werken – sowohl aus der hauseigenen Sammlung als auch hochkarätige Leihgaben aus rund 20 international bedeutenden Sammlungen. Was reizt Künstler an diesem Wettstreit zwischen Kamera, digitaler Technik, Sprühpistole, Pinsel
und Leinwand? Für Karin Kneffel, deren surrealistisch- faszinierende Arbeiten im Kabinett im Mezzanin zu finden sind, treffen im Ringen um das optimale Ergebnis Kamera und Leinwand als Sparringpartner aufeinander, die sich gegenseitig herausfordern. „Das Bild muss noch besser sein als die Fotografie“, lautet ihr Credo, dem wohl die meisten ihrer Kollegen/innen uneingeschränkt zustimmen würden. Dabei scheuen sie keineswegs vor optischen „fake news“ zurück: Was zunächst wie eine gekonnte Fotografie wirkt, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als vielschichtiger hyperrealer Bildkosmos.

Richard McLean, courtesy Louis K. Meisel, New York, 2026, Foto: Waddington Custot

Sieben Themenbereiche – jeder für sich eine bunte Kunst-Welt – erwarten die Besucher: Von den Anfängen im Amerika der 1960er Jahre, als die ersten Fotorealisten vor allem den auf Hochglanz getrimmten american way of life ironisierend in Szene setzten, über die Faszination von Chrom, Stahl und Glas der Autoindustrie und des Rennsports in Werken von Don Eddy oder Ron Kleemann bis zu Stillleben, deren malerischer Ursprung bekanntlich einige Jahrhunderte zurückliegt. Hier sind auch die Vintage-Spielzeugdarstellungen von Charles Bell vertreten, bunt, glänzend und scheinbar zum Greifen nah. „Betörende Bildräume“ schafft die bereits erwähnte Karin Kneffel mit viel
erzählerischer Emotion. Im 21. Jahrhundert trifft Pop-Erbe auf Digitalfotografie und sorgt für ganz neue Interpretationsmöglichkeiten im Dialog zwischen Kommerz und Konsum – beispielhaft hierfür steht die Bildserie „Ocean Waste“ von Raphaella Spence zur Verschmutzung der Weltmeere. In Zeiten unsäglicher Selfie-Lust wirken die großformatigen Porträts von Künstlern wie Craig Wylie oder Chuck Close und Johannes Müller-Franken fast verstörend in ihrer digitalen Perfektion.
Die Großstadt als Lebensraum – diesem Thema widmen sich zahlreiche Fotorealisten aus ihren unterschiedlichen Perspektiven auf New York oder London abseits üblicher Touristenblickwinkel. Nach dem Rundgang durch die Säle empfiehlt sich der Weg in das Untergeschoss. Hier zeigt das Multitalent Lars Eidinger seine Sicht auf die Welt per Smartphone: Momentaufnahmen, tragisch, komisch, unscheinbar und anrührend, außer Konkurrenz in dem Wettstreit mit der Wirklichkeit der malenden Fotorealisten in den oberen Stockwerken.
„Gehe mit offenen Augen durch diese Ausstellung“ – diesem Tipp für jugendliche Besucher im Kreativheft der Kunstwerkstatt ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. (Irene Schröder)

Infos: „Wettstreit mit der Wirklichkeit – 60 Jahre Fotorealismus“, Museum Frieder Burda, bis 2.
August 2026. Der Katalog zur Ausstellung (Hirmer Verlag) kostet 39 Euro.

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