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Entfaltung der Farbe und der Freiheit

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Ein Gesamtkunstwerk: Simon Hantai findet im Museum Frieder Burda ideale Bedingungen vor

 

© Archives Simon Hantaï/ VG Bild-Kunst, Bonn 2026 Foto: Édouard Boubat / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Aus Kunst- oder Werkunterricht dürfte sich noch so mancher Ex-Hippie an die Stofflappen erinnern, die zu Bündeln verschnürt, in Farbe getaucht wurden. Nach dem Trocknen kamen Muster zum Vorschein, Kreise, Linien oder Wellen, je nach Wickeltechnik, mehr oder weniger gelungen. Fortgeschrittene falteten ausrangierte Tischdecken oder Laken vor dem Färben oder verwendeten Wachs zur Mustergestaltung ihrer Batikerzeugnisse.

Derart simpel machte es sich natürlich Simon Hantai (1922-2008) nicht! „Entfaltung der Farbe“ ist die aktuelle Ausstellung im Museum Frieder Burda zwar überschrieben, aber die über 40 Werke stehen (auch) für die Entfaltung eines künstlerischen Lebensweges aus dem düsteren Schatten des Eisernen Vorhangs in die Freiheit eines international gefeierten Avantgardekünstlers.

Keine Retrospektive wie beispielsweise die spektakulären Schauen vom Centre Pompidou 2013 und der Fondation Louis Vuitton 2022 soll die erste große Ausstellung seit 25 Jahren in einem deutschen Museum sein, betont Museumschef und Kurator Daniel Zamani, sondern eine Präsentation der jeweils bedeutendsten Werke einer Epoche, alle geprägt von einer wohl unstillbaren Neugier und explosiven Schaffenslust. Der Richard-Meier-Bau an der Oos bietet den mit Unterstützung der Familie Hantei ausgewählten Werken mit seinen lichtdurchfluteten Räumen ideale Bedingungen – die Arbeiten können sogar bei Tageslicht gezeigt werden. „Die Söhne waren begeistert“, erzählt Zamani. Begeistert war auch Hantais Witwe Zsusza, eine sehr muntere 102-jährige Dame.

Die Freiheit der persönlichen Entfaltung hat sich Simon Hantai hart erarbeitet: Der 1922 in der Nähe von Budapest geborene Sohn einer schwäbischen Auswandererfamilie wurde in seiner Jugend stark durch den katholischen Glauben und die Musik geprägt, engagierte sich früh politisch gegen die Kollaboration Ungarns mit Nazi-Deutschland und begann 1941 mit einem Studium an der Kunsthochschule in Budapest. 1948 floh er mit seiner Frau Zsusza vor dem neuen kommunistischen Regime nach Paris – in eine neue, flirrende Kunst-Welt, deren Spektren zu seiner endgültigen Abkehr von der gegenständlichen Malerei führen. Surrealismus, abstrakter Expressionismus, Informel, Action Painting, Collagen – Hantai muss diese Flut neuer künstlerischer Ausdrucksformel wie der buchstäbliche trockene Schwamm aufgenommen und interpretiert haben. 1960 bringt die entscheidende Wende:

© Archives Simon Hantaï, VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Cédrick Eymenier

Der mittlerweile französische Künstler konzentriert sich auf die „Pliage“ (Faltung). Gefaltete, zerknitterte oder geknotete Leinwand wird mit Öl- oder Acrylfarbe bedeckt. Farbig leuchtende „Zufallsmuster“ zeigen sich beim Entfalten und Glattziehen der Leinwand. Um einen ganz besonderen „Stoff“ handelt es sich bei der insgesamt 28 Werke umfassenden Serie Mariales, die zwischen 1960 und 1962 entstand. Inspiriert von der Madonnenverehrung der katholischen Kirche „entfalten“ sich Teile des traditionellen Schutzmantels in leuchtenden Farben der Renaissance. Einen sehr persönlichen Bezug hat eine scheinbar „kleine“ Arbeit im Vorfeld der riesigen „Tabulas“, die den imposanten Abschluss der Ausstellung bilden: Hantais Mutter Anna trug zu ihrer Tracht eine Rumburger Schürze mit Rautenmuster, die der kleine Simon auf Hochglanz bügeln musste. Das schlichte braune Kleidungsstück stand mit seiner Akkuratesse gewisserweise Pate für die monumentalen Wandbilder, die an Freskenmalerei erinnern.

Eine schöne Sommerausstellung“ nannte Daniel Zamani„Eine schöne Sommerausstellung“ nannte Daniel Zamani die von ihm ausgewählte Sammlung, deren Farbenreichtum noch bis zum 10. Januar 2027 Licht in düstere Herbst- und Wintertage bringen kann. Unbedingt zu empfehlen sind der Audioguide,
beziehungsweise die Führungen im Begleitprogramm, um die Komplexität dieser Arbeiten mit ihren historischen, spirituellen und politischen Hintergründen zu begreifen. Ein Kunst- Werk für sich ist der im Hirmer Verlag erschienene Katalog, der im Concept Store des Museums zum Sonderpreis von 39 Euro erschienen ist. Eine sehr persönliche Begegnung mit dem Ausnahmekünstler ermöglicht der 1976 von Jean-Michel Meurio gedrehte Dokumentarfilm über Simon Hantai, der in der Kinoreihe Leinwand im Moviac-Kino im Kaiserhof am 27. September, 25. Oktober, 29. November und 27. Dezember jeweils um 17 Uhr gezeigt wird. Wie bei jeder Ausstellung können auch kleine Künstler im Begleitprogramm die Entfaltungsmöglichkeiten von Farbe und der eigenen Kreativität entdecken.

(Irene Schröder)

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From Vienna with love!

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Schenken leicht gemacht. Eine Hilfe.

Es dürfte ja nun mittlerweile unbestrittenen sein, dass Reisen bildet. Reisen weitet den Horizont, lässt einen den Rest der Menschheit besser verstehen. Wie tickt der Fremde, was begeistert ihn, was macht ihm Freude? Ganz neu ist das nicht. Auch die Heiligen aus dem Morgenlande wussten ja damals schon, was das Kind in der Wiege frohlocken lässt.

So oder so ähnlich muss man sich das vorstellen, wird man eingeladen und überlegt, mit was man den Gastgeber überraschen könnte. Besonders schön wäre, legte das Mitgebrachte auch von der weltoffenen Sicht des Gastes Zeugnis ab. Hier kommt mir jetzt der letzte Urlaub in den Sinn, der mich nach Wien führte, von wo aus ich, völlig altmodisch, eine Ansichtskarte verschicken wollte und deshalb auf der Suche nach einer Briefmarke die dortige Hauptpost  aufsuchte. Kaum hatte ich Marke bezahlt, fiel mein Blick auf einen dort beworbenen  Geschenkvorschlag: ein blaues Hemd, wie es offensichtlich von Österreichischen Postbeamten im Dienst getragen wird. Instinktiv wusste ich, dass ich als Gast mit dieser Entdeckung bei meinem männlichen Gastgeber in jedem Fall einen Volltreffer landen würde.

Das Hemd, tiefblau und eher konventionell geschnitten, soll wohl aus „Hadernpapier“ (der Begriff leitet sich von ‚Hadern‘ ab: Lumpen- oder Stofffetzen) bestehen, ein Präsent, das von der Weltläufigkeit des Schenkenden ebenso kündet wie von seinem Umweltbewusstsein. Eine rundum glückliche Fügung, besteht der Stoff doch letztlich aus bereits ordentlich getragenen, dann aber recycelten Diensthemden österreichischer Postboten mit ihrem traditionell geringem Schweißanteil.

Derzeit sei es an der Poststation aber nicht zu haben. Ausverkauft. Versandadresse liegt aber vor. Hab’s gleich bestellt.  So geht Einladung.

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„BIMBI EDUCATI“!

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Essengehen mit den Kleinen? Schwierig. 

Was gibt es Schöneres für eine Mutter als das Lachen ihres Neugeborenen? Das sieht manch ein Gastronom auch so, vermutet er doch hinter jedem jungen Erdenbürger einen zukünftigen Gast. Hängt natürlich davon ab, ob sich der junge Gast beim Essen auch gut benimmt. Ist dem nicht so, schafft es Verdruss, und zwar bei den anderen Gästen, dem Personal und bisweilen sogar bei den Eltern, die über dem zärtlichen Blick auf den Nachwuchs die Zumutungen, die er so mir sich bringt, manchmal partout nicht erkennen wollen.

Das muss wohl auch beim Gastronom Antonio Ferrari in Padua so gewesen sein, und zwar ziemlich lange, sodass er sich entschloss, unter dem Motto „BIMBI EDUCATI“ 5% Rabatt zu gewähren. Der Rabatt wird fällig, wenn sich die lieben Kleinen in der Gaststube so benehmen, dass  die anderen Gäste sich nicht gestört fühlen. Was natürlich herausfordernd sein kann!

Und doch sind es gerade die Eltern, die durch rechtzeitige Erziehungsmaßnahmen ihren Beitrag dazu leisten könnten, dass den Mitessern an anderen Tischen durch den Kinderlärm das Schnitzel nicht von der Gabel fällt.

Notwendiger Nachtrag:

Einmal angefangen müsste man das Ganze allerdings hier schon noch zu Ende denken: wer kriegt den Rabatt, wenn die Eltern sich im Lokal gut benehmen?

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Blumenzauber an der Oos: Bloom-App? Bloom up!

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Erste Kooperation von Badischem Landesmuseum und Kunsthalle Baden-Baden

© Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS – Uli Deck

Als höflicher Gast überreicht Prof. Dr. Eckart Köhne der Stadt Baden-Baden einen üppigen Blumenstrauß als Willkommensgruß. Eigentlich ist der Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe in der ihm seit Mai vergangenen Jahres unterstellten Staatlichen Kunsthalle Baden Baden ja auch Gastgeber – und zwar gleich mit einer Großen Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg.

Diese erste Kooperation gleicht einer Reverenz an die Stadt, die viel auf ihre blühende Vergangenheit und aktuelle Attraktionen wie Kur-park, Rosenneuheiten, Rosenkonzerte, Sommerausstellung im Kurpark und wertvollen Baumbestand hält. Nicht zu vergessen die
Verheißungen des Florentinerbergs am Neuen Schloss!

„Bloom up! Die Sprache der Blumen“ wirkt da schon wie eine Ermunterung, das Depressionstief angesichts leerer Geschäfte, Haushalts-defiziten und sonstiger Sorgen zu vergessen und in angenehm gekühlter Atmosphäre auf „Flower Power“ zu setzen. Denn zarte Blüten haben über Jahrtausende das Ihre dazu beigetragen , das Leben schöner, aber auch bedeutungsvoller zu machen und spielten auch in Politik, Religion und Gesellschaft wichtige (Symbol)-Rollen. Unter den rund 50 Exponaten der von Christina Lehnert und Christiaan Veldman kuratierten Ausstellung finden sich antike Leihgaben des Karlsruher Landesmuseums ebenso wie Bauernschränke des 17. und 18. Jahrhunderts, deren keineswegs „naive“ Blumenmalereien die Rolle der „blühenden“ Braut als künftige Mutter würdigten.

Eingang Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, © Badisches Landesmuseum, Foto: Hannes Deters

Über ihnen prangen zwei weitere „Liebesbezeugungen“: Riesenblüten des Künsterduos Petrit Halilaj und Álvaro Urbano. Eine Pietà aus dem 16. Jahrhundert zeigt die Schmerzensmutter in einem prachtvollen Mantel mit Tulpenmotiven. Tulpen stehen in Georgien für ziviles Aufbegehren und Solidarität – die georgische Künstlerin Ketuta Alexi-Meskhishvili stellt in ihren Tulpen-Fotografien den Bezug zu Widerstand, Tod und Auferstehung her. Aus der „Türkenbeute“ entliehen wurde eine Stichwaffe mit goldenem Blütendekor. Erstmals in der
Öffentlichkeit gezeigt wird ein atemberaubender Seidenteppich mit Blüten- und Kronenmotiven, der vermutlich Ende des 17. Jahrhunderts dem Kloster Lichtenthal geschenkt wurde. Ein weiterer Bezug zur Region findet sich in dem handwerklichen Meisterstück, das die Stadt Pforzheim der Preußen-Prinzessin Luise anno 1856 anlässlich ihrer Hochzeit mit Großherzog Friedrich I. Von Baden verehrte: Ein Blütendiadem aus Myrhten und Wildrosen.

Sir Edward Burne-Jones und William Morris, Wirkteppich, Der Pilger im Garten, 1901, © Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS – Uli Deck

Blumen bereiten jedoch nicht nur Freude, sondern können auch Trauer ausstrahlen. An Abfalldeponien auf Friedhöfen erinnern die verwelkten Blumensträuße in der Serie von Bella Zanna Geetha Brückner: Bouquets als Entschuldigung für begangenes Unrecht oder Versuch, einer bereits sterbenden Beziehung neues Leben einzuhauchen. Versöhnlicher dagegen das „Requiem“ des 2019 verstorbenen Filmemachers Jonas Mekas zu Klängen von Verdis „Requiem“.

Naturschönheit triff auf brutale Alltagsszenen und lässt sich nicht ausrotten. Wie zur Bestätigung glänzen die Halbedelsteine des barocken Pietra-Dura-Mosaiks als Symbole der Auferstehung. Als Rückzugsort, aber auch Kreativ- und Austauschort, dient das Studio mit Büchern und der Gelegenheit, selbst der Aufforderung „Bloom up“ zu folgen, bunte Papierblumen selbst zu falten und als zarte Souvenirs mitzu-nehmen. Im „Studio“ findet sich auch der Hinweis auf weitere Mitmach-Möglichkeiten per „Bloom App“ – eine aktuelle Fortsetzung der traditionellen Blumensprache. Die kostenlose App bieten neben den klassischen Audioguides digitale Atelierbesuche, im Gruppenmodus kann gespielt und kommuniziert werden, spannend dürfte auch der Dating-Modus sein. Zusätzlich im Angebot: Das Format „Stille Stunde“, die „Family-Tour“ und die „Bring your Baby-Tour“. Auch beim Fest der vier Museen am Sonntag, 19. Juli, entlang der Baden-Badener Museumsmeile ist die Kunsthalle dabei. Über das Gesamtprogramm informiert die Webseite www.kunsthalle-baden-baden.de

Bis zum 10. Januar 2027 wird die Staatliche Kunsthalle mit diesem sehr besonderen „Willkommensblumenstrauß“ ihres Kooperations-partners Badisches Landesmuseum das kulturelle Stadtleben bereichern und vielleicht auch die eine oder andere neue Blüte entstehen lassen. „Bloom up“ lässt sich aus der Blumensprache nämlich durchaus als „Mach was!“ oder „Zeig, was in dir steckt!“ übersetzen …

(Irene Schröder)

Allgemein Kultur

Lesen im Schatten

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Dieses Jahr wird uns ganz besonders in Erinnerung bleiben. Zum einen, weil in Klagenfurt beim Lesewettbewerb eine junge Frau namens Lea Schätte mit ihrem Buch „Das Schwarze an den Händen meines Vaters“ den Bachmann Preis gewonnen hat. Aber auch der Hitze wegen, die eine ungnädige Sonne verströmte und zwar dergestalt, dass augenscheinlich die Schatten knapp wurden.

Wäre so ein Schatten eine handelbare Ware, wäre der Preis ins unermessliche gestiegen. Ja, Sozialschwache hatten sich ihren persönlichen Schatten kaum mehr leisten können! Die Luft war so heiß, dass die Preise für einen richtigen Schatten in die Höhe schossen, ja, an manchen Orten drohten sie sogar auszugehen.

Und doch sieht es ganz danach aus, dass die Schatten nicht gänzlich verschwinden werden, sondern das nächste Jahr wieder kommen, vielleicht sogar etwas günstiger!

Den Lesern von Lena Schättes Buch wäre Ähnliches zu wünschen. Das wäre dann der nächste heiße Lesesommer.

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