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Allgemein Malen & Schnitzen

„Es bedürfte einer Palette mit Diamanten und Juwelen…“

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Claude Monet in der ‚Fondation Beyerler‘ in Riehen/Basel

‚Amuser les yeux’ – mit diesem charmanten Spruch bezeichnet man in Frankreich das Vergnügen, sich im Geschäft ein bisschen umzusehen. „Die Augen amüsieren“ – das csm_Monet_Portrait_ART188735_LAC_438x300mm_4a85af2d6dhätte – tiefgestapelt – auch das sein können, was die Ausstellung „Monet“ im Museum Fondation Beyeler in Riehen/Basel uns bietet. Um es geboten stark auszudrücken: es ist mehr als ein bloßes Vergnügen.

Diese Schau ist eine Augenweide. Soviel Schönheit war selbst dem Kurator der Ausstellung, Ulf Küster, fast schon ein bisschen peinlich. Deshalb verwendete er in seinem einführenden Vortrag ziemlich viel Zeit darauf, für sich und uns zu begründen, warum wir angesichts des Zustandes der derzeitigen Welt uns das Vergnügen einer derart opulenten Ausstellung gönnen dürfen.

Die Kunstschau befasst sich mit den Werken Monets zwischen den Jahren 1880 und dem beginnenden 20. Jahrhundert. 62 Werke werden gezeigt, für die als Leihgeber die größten Museen der Welt angeführt sind. Musee d’Orsay, Metropolitan Museum, New York sind nur zwei davon, die für all die Anderen stehen mögen. Hinzukommen noch die Werke von 15 privaten Leihgebern, die ihre Werke selten für die Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Ebenfalls gezeigt ‚La Meule au Soleil’, das erst kürzlich für 81,4 Dollar bei Christie’s in New York versteigert wurde.

Die Ausstellung, räumlich gesondert, ist nach Themen gruppiert. So z.B. das Thema Bäume, die den Künstler immer wieder fasziniert hatten. Dann die Bilder, die sich mit der Seine befassen, der Fluss, der ihm, wie so vielen anderen französischen Künstlern, immer und immer wieder Inspiration für ihren künstlerischen Ausdruck war, ob mit winterlichem Eis oder bei Sonnenuntergang.csm_Monet_Sunset-on-the-Seine-in-Winter_LAC_223x300mm_484e72d0c5

csm_Monet_Charing-Cross-Bridge_LAC_237x300mm_17e5abe8a8 Dann London. Des Künstlers Aufenthalt hat sich in wunderbaren Bildern niedergeschlagen, die den Betrachter im Auflösen des gemalten Motivs an den großen englischen Maler William Turner erinnern. Waterloo- und Charing Cross – Bridge, das britische Parlament, allesamt Motive, die in unterschiedlicher Lichtstimmung und im Nebel sämtliche Formen nahezu verschwinden lassen und Monets Kunst fast schon ins Abstrakte verweisen. Und uns auch daran erinnern, wie ‚modern’ Turner’s Kunst doch letztlich war. Dieser war bereits 1851 verstorben.

Neben den vielen gezeigten Werken sollte man hier vielleicht besonders hervorheben das große, querformatige Bild ‚Le Bassin Aux Nympheas’, durch dessen Erwerb der Gründer des Museums, Ernst Beyeler, angeregt worden war, das Museum in Riehen zu gründen und das sich im Besitz der Stiftung befindet. Ebenfalls in der Sammlung befindet sich das in der Ausstellung gezeigte Bild ‚La Cathedrale de Rouen’, ein Gemälde aus einem Zyklus, der diese Kathedrale in 20 Variationen zeigt, von denen jede einzelne sich je nach Tageszeit und Lichtstimmungen unterscheidet. Zwischen 1892 bis 1894 gemalt, hatte sich Monet für längere Zeit immer wieder in eine Wohnung Claude_Monet_-_Rouen_Cathedral,_Facade_and_Tour_d'AlbaneIgegenüber der Frontseite der Kirche einquartiert und war gänzlich verzweifelt, als er die Serie fortsetzen wollte und ihm die Wohnung als ‚Ausgangspunkt’ nicht mehr zur Verfügung stand. Wie sehr ihn das Thema beschäftigte, auch quälte, mag man daraus ersehen, dass er zeitweise an 14 Leinwänden gleichzeitig arbeitete.

Dann aber immer wieder auch der Süden, das Meer, dessen Licht und Farben ihn begeisterten und gleichzeitig herausforderten. „Es ist schrecklich schwierig“, schrieb er an Theodore Duret 1884, „es bedürfte einer Palette mir Diamanten und Juwelen“. Nun – so ganz weit davon war er nicht, wenn er im Bild ‚La Corniche De Monaco“ die sich emporschlängelnd e Küstenstraße malt. Unzählige Freunde der Yellow Press und Kenner des Fürstenhauses von Monaco werden sich beim Betrachten des Bildes daran erinnern, dass es eben diese damals noch nicht asphaltierte ‚Corniche’ war, deren kurvenreiches Geschlängel der Fürstin Gracia Patricia zum Verhängnis wurde.SK-A-1892

So bietet die Ausstellung für so Viele wunderbar Vieles. Vor allem aber ist sie eine fulminante Schau der großen Werke eines der größten Maler der damaligen Zeit, deren Betrachten geeignet ist, uns zu zeigen, dass es auf der Welt durchaus mehr gibt als diese derzeit wild um sich schlagenden Größenwahnsinnigen. Diesen ein gemaltes Trotzdem entgegen zu setzen – gerade dies kann und muss große Kunst leisten dürfen.

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Bei Licht betrachtet

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Neu: die Ausstellung „DIE KERZE“ im Frieder Burda Museum in Baden-Baden

© Gerhard Richter, 2016

Helmut Friedel, der Kurator der Ausstellung, hatte ja nicht ganz Unrecht, wenn er anmerkt, dass der Zeitpunkt der Ausstellungseröffnung in diesen Tagen durchaus in die Jahreszeit passt. Allerdings muss man nicht unbedingt das zeitgemäß Vorweihnachtliche bemühen, um der jüngsten Schau des Frieder Museum noch einiges mehr abzugewinnen.

Main© Nam June Paik Estate, Foto: Axel Schneider

Denn wieder einmal überrascht uns das Museum mit einem zeitlos interessanten Thema. Ausgehend von einem der wichtigsten Werke des Bestandes, der ,KERZE‘ von Gerhard Richter, nehmen die Ausstellungsmacher dieses einzigartig ikonografische Bild zum Anlass, daran anknüpfend weitere Werke dem Gemälde von Richter zur Seite zu stellen

Natürlich ist das Bild der Kerze in der Malerei nicht neu. Immer wieder in der Vergangenheit war die Kerze mit ihrem natürlichen Licht den Künstlern ein gesuchter Anlass, ihre Malkunst zu präsentieren. Wie bringt man das Leuchten des Kerzenlichtes auf die Leinwand? Wie verändert es die Hautfarbe, die Augen der Dargestellten? Wie gestalten sich die durch ihr Leuchten hervorgerufenen Schatten in den Salons, gar im Stall? Was sieht man im Licht der Kerze und ahnt man: ihr Leuchten verbirgt mehr als es zeigt?

Nicht so in der Moderne. Hier weisen die in der Ausstellung gezeigten mehr als 50 Gemälde, Skulpturen, Videoarbeiten und Fotografien auf durchaus auch veränderte Inhalte. Nicht so sehr klassische Konnotationen, Stillebenmalerei und Vanitas beherrschen die Räume. Wer Markus Lüpertz, A.R. Penck und Baselitz (die alle in der Ausstellung vertreten sind) kennt, wird dergleichen auch nicht vermuten.

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© Jeff Koons, 2016; Courtesy Gagosion Gallery

Vielmehr wird mit der Kerze künstlerisch ‚gespielt‘. Sie verweist auf neue Inhalte, etwa das erotische Moment, dient der Provokation („Negerchen mit Kerze“) oder will entschlüsselt werden. Bei Jeff Koons poppigem Bild „Candle“ taucht sie in einer schrill bunten Kollage auf. Bei Robert Gobers flachem Stück Bienenwachs, das mit Menschenhaar beklebt ist, sieht sich die Kerze als Phallus inszeniert und – entstanden während der großen AIDS Epidemie – will auch an all die damals Verstorbenen erinnern.Zusammengestellt wurde also einmal mehr eine sehr lebendige Schau, die, teils mit klassischen Motiven spielend, bis ans Dadaistische anknüpft. Sie ist überaus lebendig, vielfältig, überraschend.

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Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Neben jeder Wand zeigt sich eine andere mit Neuem, nicht Erwartetem. Mehr kann man von einer Ausstellung nicht verlangen. Dass im Untergeschoss zudem eine Abfolge von kerzenbeleuchteten Filmsequenzen gezeigt wird, rundet das Ganze noch wunderbar ab. Hier besonders erwähnenswert der Ausschnitt von Stanley Kubricks ‚Barry Lyndon‘, der erste Film, bei dem die im Licht der Kerzen gefilmten Szenen zum ersten Mal in der Filmgeschichte ohne Kunstlicht gedreht wurden.Dass die Präsentation der Ausschnitte aus so bedeutenden Filmwerken für die Macher der Ausstellung ziemlich kostenintensiv gerieten (um es zurückhaltend auszudrücken), sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Dass sie es trotzdem taten, ehrt sie und sollte den Besucher umso mehr freuen.

20161023_095744Es sind aber auch noch die freundlichen Kleinigkeiten, Überflüssiges eigentlich, die das Bild von einem Museum, gar seinen Stil prägen. Z.B. das mit dem Zuckertütchen. Dessen Äußeres schmückt das Bild eines Exponats (Gavin Türk „Neon Candle“).

So könnte es passieren, dass der Besucher beim Kaffeetrinken das Tütchen vielleicht als eine nette Geste, den Inhalt aber als ganz besonders süß empfindet.

 

Noch bis 29.1.2017

 

 

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….frech und gottesfürchtig…. Teil 1

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Ein Besuch bei dem Schriftsteller Otto Jägersberg, der von Baden-Baden aus die deutschsprachige Welt mit Geschriebenem versorgt und schon früh von Alfred Andersch gelobt wurde

Otto Jägersberg, Autor

Otto Jägersberg, Autor

In Baden-Baden ist der Weg zum Parnass mit Steinen gepflastert. Über diese Steine führt der Weg zum Marktplatz. Dort oben, im Schatten der Stiftskirche, wohnen die Dichter. Zunächst einmal die jungen, noch im literarischen Aufbau Begriffenen, die Stipendiaten des Baldreit Stipendiums. Sie wohnen in einem kleinen, halb versteckten Häuschen mit der an die Tür gepappten Adresse ‚Büttenstraße 15‘.

Hebt man nun den Blick, taucht hinter einem das mächtige, schöne Gebäude des Alten Dampfbades auf. Dort, im oberstem Stockwerk, lebt und schreibt der nun schon etablierte Otto Jägersberg, den man, 1942 geboren, in einer Reihe mit in Baden-Baden einstmals beheimateten Dichtern wie Otto Flake, Werner Bergengruen und Reinhold Schneider nennen darf. Buchhändler, Antiquar, Drucker – das sind die beruflichen, Berlin, Stuttgart, Köln und Berlin die lokalen Stationen seines bisherigen Lebens. Allerdings hatten sich die verschiedenen von Kriegszerstörungen gezeichneten Städte ihm aufs Gemüt gelegt, weshalb es ihn nach Baden-Baden zog. Hier lebt er nun schon seit zwanzig Jahren und fühlt sich wohl. Hier ist er daheim, angekommen. Da, im ‚Grünen Salon‘, kann er arbeiten.

20160502_145432Begonnen hatte das Schriftstellerdasein mit dem gepriesenen Erstlingswerk ‚Weihrauch und Pumpernickel‘, das ihm als Zweiundzwanzigjährigem das Prädikat ‚Wunderkind‘ eintrug und mit dem er zum ersten deutschsprachigen Literaten des Diogenes Verlag wurde. Sein literarisches Werk setzte sich fort mit Werken wie ‚Söffchen oder Nette Leute‘, ‚He he, ihr Mädchen und Frauen‘ bis zu seinem jüngsten Werk: ‚Keine zehn Pferde‘, alles großes Erzählen, nichts wiederholt sich, kein Motiv wird verschlissen, allenfalls die ironische Betrachtungsweise des Unabänderlichen ist ein durchgängiges Merkmal. Heitere Tiefe. Soll uns diese Haltung etwas sagen? Ganz bestimmt sieht er dies nicht so. Das Werk spricht für sich. Man sollte es einfach auf sich wirken lassen.

Sieht man den Bewohner des ‚Grünen Salons‘ in diesen Tagen flanierend mit Gehstock und Baskenmütze, könnte man ihn für eine Figur aus einem Gemälde von Caspar David Friedrich halten, vielleicht sogar für einen Hagestolz. Weltabgewandt, in sich gekehrt. So falsch wie unangebracht. Dort, in der Nähe seines Domizils vor dem Cafe in der Sonne sitzend, grüßt er unvermittelt vorbeieilende, ihm offensichtlich näher bekannte Passanten mit leichtem, heiteren Winken, so, als kümmere er sich nicht nur um die Literatur, sondern auch um die Durchlüftung des Platzes.

Seine vorrangige Sorge aber gilt jetzt erst mal dem enorm gestiegenen Preis für metallene Bleistiftkappen, dank derer er beim geschätzten Flanieren immer einen gespitzten Bleistift mit sich führen kann. Ansonsten könnte es passieren, dass ein im Inneren der Jackentasche marodierender Stift dem Halter ernsthafte Verletzungen zufügt, oder aber, was noch schlimmer ist, gerade in dem Moment die Spitze abbricht, wo er ihn just gebraucht hätte, um beim immerwährenden Dichten einen flüchtigen Gedanken festzuhalten. Das ‚mot juste‘ ist halt ein scheues Reh.

Die ländliche Umgebung Baden-Badens gedankenvoll durchschreitend…. (so gehts weiter. Demnächst.)

 

Das Foto von Otto Jägersberg mit freundlicher Genehmigung durch www.margrit-mueller.de

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…frech und gottesfürchtig… Teil 2

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Ein Besuch bei dem Schriftsteller Otto Jägersberg, der von Baden-Baden aus die deutschsprachige Welt mit Geschriebenem versorgt und schon früh von Alfred Andersch gelobt wurde

Die ländliche Umgebung Baden-Badens gedankenvoll durchschreitend, erläuft er sich den literarischen Stoff. Wo die schriftstellernden Schönen von Berlin Mitte wie hungrige 20160502_145958Fische mit weit geöffnetem Schlund auf der Suche nach literarischem Plankton die Hauptstädte Europas durchmessen, da reicht Otto Jägersberg fürs erste ein Waldspaziergang. Literarische Welten erschafft er in sich.

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Wo hier ist der Buchhändler?

Dabei wirkt er, der das literarische neunzehnte Jahrhundert bewundert, ein bisschen aus der Zeit gefallen, denn vom zeitgenössischen Selbstbespiegelungsschreiben ist er zeilenweit entfernt. Auch wenn man von ihm nicht alles gelesen hat, ist das Sich-Offenbaren nicht sein primäres Anliegen. Eher durchzieht ein distanziert-ironischer Ton sein Schreiben. Das Moralinsaure ist nicht seines. Seinen Stil nennt er lieber „unterkühlt, zurückgenommen, unprätentiös“. Wären wir hier im begriffsreduzierten Feuilleton, würden wir von einem „breitgefächerten Oevre“ sprechen und meinen, dass Otto Jägersberg vieles bringt.

Kurzgeschichten, denen man anmerkt, dass sich da einer eingearbeitet hat in die zu beschreibende Materie (Jagdszene: „Dr.

Hier ist der Buchhändler Straße. Bei ihm ist zu vieles zu haben.

Hier ist der Buchhändler.  Josua Straß in Baden-Baden. Bei ihm sind alle Bücher zu haben.

Scheubles Hund vorm Anblasen geflügelt“). Dann die Romane („Der Herr der Regeln“), in denen die provinzielle Welt zum dichterischen Kosmos wird. Und natürlich die Gedichte („Wein Liebe Vaterland“), die alles Andere begleiten. Vielleicht geht seine Art zu schreiben ein Stück weit auch auf Günter Grass zurück. Gerade dessen Gedichte schätzt er ganz besonders. Schon früh hatte er ihm Texte von sich zur Begutachtung geschickt. Sie kamen zurück, vom Meister persönlich aufs Wesentliche reduziert. So etwas prägt. Umso mehr drängt es Otto Jägersberg, von Zeit zu Zeit – hier Nietsches Zarathustra nicht unähnlich – vor die Höhle zu treten, um, „wie die Biene, die des Honigs zuviel gesammelt hat“, sich den Seinen mitzuteilen. Denen trägt er gern vor, wie an jenem bewölkten Sonntagnachmittag in der Stadthalle in Gernsbach.

Die Lokalität ist von beispielhaft deprimierendem Aussehen, das auszublenden ihm allerdings klaglos gelingt. Wer je einen elsässischen ‚Salle polyvalente‘ kennengelernt hat, weiß jetzt, dass Hässlichkeit durchaus über den Rhein schwappen kann. Der Hausmeister ist, wie immer bei solchen Hallen, auch bei diesem Anlass schlecht gelaunt und uninformiert. Zudem könnte ein labiler Dichter hinter dem schmucklosen Ambiente ohne weiteres die Metapher fürs eigene karge Dasein erkennen. Immerhin hat man vor die Bühne gemeindeeigenes Grünzeug gestellt. Das Publikum besteht aus der üblichen kulturtragenden Schicht und ist nicht allzu zahlreich. Darunter auch der obligatorisch ältere Herr mit Baskenmütze, die ihm ein pastorenhaftes Aussehen verleiht. An der Wand die Ankündigung eines demnächst anstehenden Blasmusikkonzertes.

Heute aber tönt der Dichter….  (wie geht’s weiter? Mehr demnächst!)

 

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…frech und gottesfürchtig…: Teil 3 und Schluss

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Ein Besuch bei dem Schriftsteller Otto Jägersberg, der von Baden-Baden aus die deutschsprachige Welt mit Geschriebenem versorgt und schon früh von Alfred Andersch gelobt wurde

Dichter beim vorbildlichen Linksabbiegen

Dichter beim vorbildlichen Linksabbiegen

Heute aber tönt der Dichter, und so wird man Zeuge einer weiteren Begabung: seine Fähigkeit, eigene Texte so vorzutragen, wie sie gemeint sind. Durch das Vor-Lesen gelingt es ihm, das Geschriebene quasi vom Zwei- ins Dreidimensionale zu heben, ähnlich einem Bild, das zur Skulptur wird. Anders als bei vielen ton- und beziehungslos vortragenden Textschöpfern, bereitet es dem Publikum ein großes Vergnügen, ihm beim Vortrag zuzuhören. Der Grund dafür ist ganz einfach – er versteht es, gut vorzutragen. Zudem vermittelt er dabei das Vergnügen am eigenen Text, was keineswegs selbstverständlich ist. Günther Grass konnte das, Walter Jens natürlich auch, aber viele andere können es nicht.

Eben diese Fähigkeit macht ihn auch zu einem gesuchten Redesteller bei Vernissagen, anlässlich derer er gern Einführungen hält, die das üblich Preisende weit hinter sich lassen. So kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Laudatio deutlich bunter gerät als manche Exponate.

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Rückt das Literarische immer mal wieder in den Hintergrund, geht er fremd, schlägt er sich schöpferisch seitwärts in die Büsche. Er fügt dann kleine Skulpturen zusammen – ja, zu was eigentlich? Gemacht aus Alltagsdingen, bei denen das Danebenliegende zum Naheliegenden wird. Da entstehen aus einem halb aufgeblasenen Fahrradschlauch skulpturähnliche Gebilde, die fotografiert, sich neben einem kleinen Kartoffelstampfer wiederfinden. Der hingegen sieht sich auf einen Sockel fixiert und an der Wand aufgehängt. Andererseits wird dem der Kartoffelstampfer aber auch wieder literarisch gewürdigt.

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In einem Essay besingt Otto Jägersberg auf diesen auch das Hohe Lied und vergisst darüber nicht den Spazierstock, den er einen ‚Kartoffelstampfer auf Landgang’ nennt. So schwer all das auch einzuordnen ist, so schwer fällt es, sich dem Ganzen zu entziehen. Ist es Dada? Ist es Kunst? Oder, wie im Fall des Kartoffelstampfers, einfach nur praktisch?

Otto Jägersberg jedenfalls nennt solche Objekte ‚Tunichtgute‘. Mehr Sinn geht nicht.

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