Der Badenblogger » März 2026

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Allgemein Essen & Trinken Menschen

„Tante Mimser“ Teil 2

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Im Amerika der 50er Jahre  gab es eine Gesellschaftsdame namens Elsa Maxwell. Sie war, wie aus alten Illustriertenfotos ersichtlich, von ähnlicher Statur wie die Röschin. Ebenso altfüllig, sah man sie meist im Kreise prominenter Amerikaner und Amerikanerinnen. Sie war wohl, wie zu lesen war, die Beichtmutter einer ganzen Promigeneration. Sie war gebildet und unterhaltsam. Von einem reichen Gönner gefragt, womit er ihr eine Freunde machen könnte, hatte sie ‚Kreisler’ gesagt, worauf sich Tage später ein chromblitzender Chrysler Straßenkreuzer von ihrer Tür fand, nicht ahnend, dass die beschenkte Adressatin den Geiger Fritz Kreisler gemeint hatte. Jedenfalls war man in Amerikas High Society froh um ihren Rat und ihre Diskretion.

Es muss sich aber auch in den damals von Wilhelmine Rösch vertriebenen Zeitschriften Hinweise auf ebendiese Elsa Maxwell gegeben haben, denn eines nicht so schönen Tages fand sich, was damals noch völlig unüblich war, an der Hauswand des Schwarzen Adler hingeschmiert der Satz: „Wilhelmine Rösch, die Elsa Maxwell vom Renchtal“.

Dies führe ich nur an, um die Bedeutung der Mimi zu bebildern. Jedenfalls freuten sich die älteren, den Krieg überlebt habenden Herren, sie in ihrem Kreis zu wissen, sie, mit ihrem Geist und ihrem Gespür für Klatsch und Tratsch. Da sie nie und nimmer genug Geld gehabt hätte, sich den abendlichen Klingelberger leisten zu können, durfte sie sich immer als eingeladen betrachten. Gegenteiliges ist jedenfalls in der Chronik des runden Tisches, dem sie angehörte, nicht verzeichnet. Wer hatte bezahlt? Davon ist nichts vermerkt. Man hatte es gern diskret.

Wer aber waren diese spendablen, damals schon etwas älteren Herren? Mir als Kind waren sie jedenfalls so erschienen. Ich kann mich aber täuschen. Früher war man früher alt. Jedenfalls waren sie alle Mitglieder eines honorigen Herrenstammtisches, um dessen Rund sich Angehörige der besseren Stände versammelten. Ihre Namen sind alle verzeichnet in drei massiven Bänden, die, von dunkelbraunen Schubern geschützt, pünktlich und detailliert auflisten, wer wann da war, wo er saß und über was gesprochen wurde. Die Bücher waren Teil des von mir angetretenen nicht eben großen Familienerbes, das ich allerdings gern noch um das Rezept der von meiner Großmutter alljährlich gebackenen Weihnachtsplätzchen namens ‚Nussnester’ ergänzt gesehen hätte. Was aber nicht der Fall war. So blieben mir, neben wenigen anderen Dingen, nur diese drei Bände, in denen ich blättere und deren letzter Band der Beginn einer Ära einläuten sollte.

Am 3.11.1966 z.B. hatte man über dieses und jenes gesprochen. Es war der Geburtstag „unserer lieben Frau Schirmann“, meiner Großmutter. So trank man „auf ihr Wohl mit ihrem Sekt“. Da traf es sich gut, dass die Herren Langenmaier, Egelhaaf, Lehrke und Rhein da waren, eine eher kleine Besetzung. Dr. Bohrmann blieb entschuldigt „als krank“ fern („gestern konnte er noch massieren“), und Herrn Apelt, der in der Regel die Chronik führte, weilte im 40 Km entfernten Baden-Baden. Dort machte man, konnte man sich’s leisten, gern im ‚Brenner’s Parkhotel’ ein paar Tage Urlaub. Die Woche drauf aber war er wieder da, und so konnte die Kladde vermerken, dass es „Gute Unterhaltung gegen Schluss 11 h mit Apelt“ gegeben hatte. Empörung äußerte man allenthalben, dass die FDP mit ihren vier Ministern aus der Regierung Erhard ausgeschieden sei, und man bescheinigte ihr damals einen „Mangel an Gesinnung und Charakter“.

Frau Rösch ist als ‚anwesend’ nie gesondert vermerkt, aber am 17.11.1966 widerfährt ihr große Beachtung. Leider, muss man sagen. Der Band Nr. 3 vermerkt tatsächlich ihren Namen, der ausnahmsweise wie all die anderen Namen über die Jahre, am runden Tisch mit eingezeichneter Position vermerkt worden war. Eine Ausnahme, wie es scheint, denn der Anlass war ein traurig Besonderer. „Von 21h-23h in Frische und bei guter Unterhaltung, sank unsere liebe gute Frau Rösch unerwartet zur Seite. Gestützt von mir und Dr. Bohrmann (offensichtlich war Dr. Bohrmann an besagtem Tag wieder zum Massieren gekommen d.V) – konnte sie sich nicht mehr erheben. Der Tod hatte sie ereilt“.

Man wird nicht umhingekommen sein, auch die Scherben ihres Glases aufzulesen, denn wie mir meine Großmutter Jahre später noch erzählte, hatte die eben Verblichene, bevor sie fiel, noch den halbvollen Römer erhoben. Aus der Nachbarschaft herbeigerufen war dann ein Herr Dr. Kessler erschienen, dem aber nicht mehr zu tun blieb, als den Heimgang der doch irgendwie glücklich aus dem Leben Geschiedenen zu konstatieren.

So kam es denn auch noch, dass durch die Todesanzeige, geschalten von einer Verwandten namens Martha Riese-Weingart, die meines Wissens nie zuvor in Erscheinung getreten war, alle Welt erfahren sollte, dass Frau Wilhelmine Rösch im Leben offensichtlich auch noch ‚Tante Mimser’ genannt wurde.

 

Allgemein Kultur Malen & Schnitzen

Kamera und Leinwand als Sparringpartner

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Das Museum Frieder Burda widmet dem Fotorealismus eine facettenreiche Schau

Waddington Custot © Ralph Goings, Goings Family Estate, 2026

Kreativ gesehen scheinbar ungefähr so anspruchsvoll wie Malen nach Zahlen: Ein Motiv mit der Kamera aufnehmen, ausdrucken, abmalen, fertig! Wer Fotorealismus auf diesen simplen Nenner bringt, sollte sich schleunigst im Museum Frieder Burda eines Besseren belehren lassen und reuig den über 30 internationalen Künstlern Abbitte leisten. „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ ist die bis zum 2. August dauernde facettenreiche Ausstellung überschrieben, die in wirkungsvollem Kontrast zu der überaus erfolgreichen Liebermann-Schau im Meir-Bau steht.

Mit deutlichem Stolz präsentierte Dr. Daniel Zamani, künstlerischer Direktor des Museums, die von ihm kuratierte Ausstellung mit über 90 Werken – sowohl aus der hauseigenen Sammlung als auch hochkarätige Leihgaben aus rund 20 international bedeutenden Sammlungen. Was reizt Künstler an diesem Wettstreit zwischen Kamera, digitaler Technik, Sprühpistole, Pinsel
und Leinwand? Für Karin Kneffel, deren surrealistisch- faszinierende Arbeiten im Kabinett im Mezzanin zu finden sind, treffen im Ringen um das optimale Ergebnis Kamera und Leinwand als Sparringpartner aufeinander, die sich gegenseitig herausfordern. „Das Bild muss noch besser sein als die Fotografie“, lautet ihr Credo, dem wohl die meisten ihrer Kollegen/innen uneingeschränkt zustimmen würden. Dabei scheuen sie keineswegs vor optischen „fake news“ zurück: Was zunächst wie eine gekonnte Fotografie wirkt, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als vielschichtiger hyperrealer Bildkosmos.

Richard McLean, courtesy Louis K. Meisel, New York, 2026, Foto: Waddington Custot

Sieben Themenbereiche – jeder für sich eine bunte Kunst-Welt – erwarten die Besucher: Von den Anfängen im Amerika der 1960er Jahre, als die ersten Fotorealisten vor allem den auf Hochglanz getrimmten american way of life ironisierend in Szene setzten, über die Faszination von Chrom, Stahl und Glas der Autoindustrie und des Rennsports in Werken von Don Eddy oder Ron Kleemann bis zu Stillleben, deren malerischer Ursprung bekanntlich einige Jahrhunderte zurückliegt. Hier sind auch die Vintage-Spielzeugdarstellungen von Charles Bell vertreten, bunt, glänzend und scheinbar zum Greifen nah. „Betörende Bildräume“ schafft die bereits erwähnte Karin Kneffel mit viel
erzählerischer Emotion. Im 21. Jahrhundert trifft Pop-Erbe auf Digitalfotografie und sorgt für ganz neue Interpretationsmöglichkeiten im Dialog zwischen Kommerz und Konsum – beispielhaft hierfür steht die Bildserie „Ocean Waste“ von Raphaella Spence zur Verschmutzung der Weltmeere. In Zeiten unsäglicher Selfie-Lust wirken die großformatigen Porträts von Künstlern wie Craig Wylie oder Chuck Close und Johannes Müller-Franken fast verstörend in ihrer digitalen Perfektion.
Die Großstadt als Lebensraum – diesem Thema widmen sich zahlreiche Fotorealisten aus ihren unterschiedlichen Perspektiven auf New York oder London abseits üblicher Touristenblickwinkel. Nach dem Rundgang durch die Säle empfiehlt sich der Weg in das Untergeschoss. Hier zeigt das Multitalent Lars Eidinger seine Sicht auf die Welt per Smartphone: Momentaufnahmen, tragisch, komisch, unscheinbar und anrührend, außer Konkurrenz in dem Wettstreit mit der Wirklichkeit der malenden Fotorealisten in den oberen Stockwerken.
„Gehe mit offenen Augen durch diese Ausstellung“ – diesem Tipp für jugendliche Besucher im Kreativheft der Kunstwerkstatt ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. (Irene Schröder)

Infos: „Wettstreit mit der Wirklichkeit – 60 Jahre Fotorealismus“, Museum Frieder Burda, bis 2.
August 2026. Der Katalog zur Ausstellung (Hirmer Verlag) kostet 39 Euro.

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