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Steig den Berg empor die Pfade Teil 3

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Die ältere Dame, die später neben mir steht, hat ihr Hemd nicht abgelegt. Ob sie schon im Himalaya war, muss ungeklärt bleiben. Zwei ca 10 cm lange Schnitte längs über den nackten Knien weisen sie als erfahrene Berggängerin aus. Sie ist Amerikanerin, und so wie die Narben ausschauen, ist das mit der Leibesertüchtigung schon mal gründlich schief gegangen ist. Könnte also durchaus sein, dass die Besteigung dieses weniger anspruchsvollen Hügels Teil eines Rehaprogramms ist.

Sie ist Teil einer amerikanischen Touristentruppe, manche jünger, viele älter. Allesamt sehr bunt gekleidet. Das erleichtert das Auffinden von eventuell Zurückgebliebenen. Da bei Wanderungen die Gefahr der Dehydrierung kaum zu unterschätzen ist, führen die meisten beachtliche Wassermengen mit sich, für die am Rucksack separate Halterungen vorgesehen sind. Da ist es gut, dass die Wanderstöcke aus Titan sind, was diese Gehhilfen so wunderbar leicht macht, dass sie – verglichen mit an den Rucksäcken fixierten Behältern – kaum ins Gewicht fallen. So lässt sich munter ausschreiten!

Und doch: so wichtig die Stöcke für den Wanderer sind, im Ruhezustand stören sie nur. Irgendwo angelehnt, fallen sie um und liege auf dem Boden. Will man zur Theke, sollte man darauf achten, nicht über fremde Wanderstöcke zu stolpern. Das gilt es unbedingt zu beachten,  denn schließlich verspricht der Hersteller, dass durch deren Einsatz Gelenke und Muskeln „im Unterkörper“ geschont werden. Kein Wunder. Gerade beim Abstieg kann die Belastung der Gelenke „je nach Dauer der Tour einige Tonnen betragen“. Da fallen die Einwände nölender Kritiker kaum ins Gewicht, wenn sie anmerken, „dass man durch exzessiven Stockeinsatz den Gleichgewichtssinn trainiert“ (ich zitiere aus einschlägiger Fachliteratur). 

Nun steht es uns nicht zu, über den Einsatz von Stöcken beim Wandern final zu urteilen, aber es hat den Anschein, als tobten wegen derer Verwendung Kämpfe, von deren Härte der überwiegend Sitzende kaum etwas ahnt. Welche Stöcke zu welchem Anlass? Sind die Stockträger am Stock ausgebildet? Wer geht am Stock und wie? Welcher Stock aus welchem Material empfiehlt sich für welches Gelände? Kann der Stock verkanten und den Tourengeher in Gefahr bringen? Man schauert förmlich schon bei der Formulierung einzelner in diesem Zusammenhang relevanter Fragen und ahnt, dass die Gehilfe große Gefahren mit sich bringen könnte.

Dabei ist die Bewegung an der frischen Luft heute so wichtig wie nie. Es soll hier nicht aus unzähligen Untersuchungen zitiert werden, die belegen, dass Fettleibigkeit und Trägheit zu den Grundübeln des modernen Menschen zählen. Der Mensch muss sich bewegen, so das Credo aller Ärzte, die sich mit dem Thema befassen. „Komm! ins Offene! Freund!“ hatte schon Hölderlin einem vermeintlich Wanderwilligen zugerufen, und auch Johann Gottlieb Seume stellte in seinem Buch „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ fest: Es würde alles besser gehen, wenn man mehr ginge“ . Ähnlich, wenngleich aktueller formuliert, sieht es auch Harpe Kerkeling in seinem Wanderbuch „Ich bin dann mal weg“.

Dass sowohl Seumes´ als auch Kerkelings Buch in ihrer jeweiligen Zeit Bestseller wurden, sollte uns aber schon zu denken geben, gerade dann, wenn wir tagtäglich jede Menge Wanderer verschwitzt an uns vorüberziehen sehen. Mit oder ohne Stöcken. Aber glücklich.

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Die lästige Etikette

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20150906_133621Unsere Kolumne ist ja ein Stück weit bekannt dafür, dass sie im Kleinen das Große und im Großen das Kleine sucht. Ja, bisweilen sucht sie sogar das Wichtige im Unwichtigen. Gut, vielleicht könnte man sagen: ein bisschen viel Umstand, um zum Thema zu kommen. Aber erst jetzt sind wir da, wo wir hinwollten. Beim Hemdkragen und seiner Innenseite. Nicht ganz unwichtig, oder? Neulich hatte ich nämlich zwei Hemden gekauft. Die sind richtig schön, waren aber nicht ganz billig. Ich sage das nicht ohne Grund, denn je teurer das Hemd, desto schwieriger ist der Umgang mit ihm. Dabei spielt das Thema ‚pflegeleicht’ eigentlich keine Rolle mehr. Die Zeiten, wo man Hemden nass aufhängt, trocknen lässt und anschließend im Büro ‚bellafigura’ macht, sind in Zeiten des Hausmanns lang vorbei. Wer schwitzt sich heute noch in einem Nyltesthemd um seine Karriere?

Gerade aus diesem Grund kümmert Mann sich mit großer Leidenschaft selbst um sein Hemd. Bügeln inklusive. Dabei ist der Umgang mit dem Bügeleisen nicht eigentlich das Problem. Was mich echt stresst, sind die kleinen Etiketten unterhalb des Kragens. Das sind diese Stoffdinger, die Marke, Qualität, Größe usw. anzeigen. Das Ekelhafte daran ist, dass diese Teilchen mich beim Tragen des Hemdes furchtbar stören. Hatte ich stören gesagt? Nein: sie machen mich fast wahnsinnig. Das ständige Jucken vergällt mir die Freude am Hemd. Doch das war gestern. Heute stelle ich mich dem Thema. Mit großem Ernst und Eifer. Um das Hemd für den Alltag tauglich zu machen, verhalte ich mich z.B. wie der Tuner eines Autos, der Teile des Motors nacharbeitet, oder etwa Metall entgratet (dieser Artikel wendet sich ausschließlich an Männer, an richtige Männer). Frauen werden das nie verstehen. Jedenfalls muss der Einnäher raus. Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört.20150906_133341

Denn diese kleinen Teile sind derart gemein mit dem Hemd vernäht, dass es für mich immer den Anschein hat, als wär’s für alle Ewigkeit. Auch wenn das Hemd der letzte Mist sein sollte – diese Teile halten bis an den Jüngsten Tag. Mit Gewalt geht da gar nichts. Da ruiniert man sich allenfalls sein Hemd. Deshalb ist es wichtig, dass man sich beim Versuch, das eingenähte Teil zu entfernen, Zeit lässt. Man muss den Alltag vollständig ausblenden. Zweckmäßigerweise tritt man ein in die Phase der Meditation. Man muss voll konzentriert und ganz bei sich sein. Dort, im Inneren des Hemdes, knapp unterhalb des Kragens, übe ich das Handwerk des Mich-Findens in aller Stille aus. 20150825_235010Hier empfiehlt sich ggf eine meditative Musik. Aber auch eine CD kann hilfreich sein, auf der z.B. ein zeitgenössischer Autor aus seinem neuen, sterbens-langweiligen Roman vorliest. All das hilft mir, mich ‚runterzufahren’. So konzentriere ich mich auf das Wesentliche, nämlich mein neuerworbenes Hemd tragbar zu machen. Und das geht so: Nachdem ich die Schreibtischlampe voll auf den Problempunkt auf der Innenrückseite des Hemdkragens gerichtet habe, erkenne ich in aller Klarheit die Komplexität der zu bewältigenden Aufgabe. Überaus behutsam versuche ich mich am ersten Schnitt. Hierzu bediene ich mich am liebsten eines kleinen Teppichmessers. Natürlich gibt es auch andere Werkzeuge. Die bekommt man meist in Handarbeitsgeschäften. Es wäre mir allerdings ein bisschen peinlich, wenn Bekannte mich dabei ertappten, wie ich aus so einem Geschäft komme. Die könnten ja denken, ich hätte mir eben eine Strickliesel gekauft. Nein, nein. Deshalb also das andere Messerchen. Mit ihm setze ich jetzt die nötigen mikroskopisch feinen Schnitte, die es braucht; mit ruhiger Hand, wie ein Augenchirurg sein Skalpell. Aber genug der Details.

20150906_133509Ich will Sie hier nicht langweilen. Weder mit der Wiedergabe der einzelnen Arbeitsschritte noch mit dem Inhalt des vorgetragenen Romans. Jedenfalls kommt es dank der Abfolge präziser Schnitte dann endlich doch zu dem angestrebten Ergebnis: der im Krageninneren angenähte Fremdkörper ist entfernt, ohne dabei – und das ist die Kunst! – den Stoff zu beschädigen. Am Ende fusseln sie um mich herum, diese Unzahl kleiner, ja allerkleinster Fadenreste, die ich dem Kragen abgerungen habe und was letztlich dazu führte, dass das Hemd seinen Einnäher FREIGEGEBEN hat. Einmal mehr war es mir gelungen, ein von mir gekauftes Hemd so zu bearbeiten, dass man es tragen kann.

Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich bin. Auf mich und mein Hemd.

 

 

Allgemein Essen & Trinken Gastbeiträge

Auf der Durststrecke durchs Hungergebirge

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Wanderfreunden dringend zu empfehlen: Rucksack und Picknickkorb 
 
Das Wandern ist bekanntlich nicht nur des Müllers Lust, sondern auch Badener und Touristen schätzen die reizvollen Touren rund um Baden-Baden – nicht zuletzt deshalb wurden im Zuge des Welterbe-Zuschlags historische Spazierwege wieder ansprechend hergerichtet. Wer also das Glücksspiel scheut, sich mit Flieger oder Bahn an ein fernes Urlaubsziel zu begeben, hat wunderbare Naherholungsziele unmittelbar vor der Haustür. Eine Wanderung zur Yburg oder zur Burg Alt-Eberstein, gemütlicher Aufstieg zum Alten Schloss, Tagesausflug zur Roten Lache, Abwärtsroute vom Merkur zur Nachtigall, alles gut ausgeschildert und familienfreundlich angelegt – und auch noch sehr figurfreundlich, denn auf zünftige Bewirtung muss mittlerweile an vielen einst schon fast legendären Zielpunkten verzichtet werden.

Ein abendliches Viertele auf der traumhaften Terrasse der Yburg hatte für viele Kurstädter Kultstatus, und von der Erinnerung an die  leckeren Torten auf der „Roten Lache“ zehrt so mancher ehemaliger Stammgast noch heute, während der nüchterne Internet-Hinweis „dauerhaft geschlossen“  (auch die „Nachtigall“!) den Appetit auf eine Wanderung mit kalorienreicher Belohnung dämpft. Ein schöner Ausblick entschädigt ja für manche Anstrengung, aber ein gut gezapftes, kühles Bier ist auch eine Augenweide, die gern durch Gaumenfreuden abgerundet würde.

Kultstatus – nicht nur dank der Fernsehvergangenheit – genoss bis vor einem Jahr auch der „Forellenhof“, dessen schattige Terrasse  auf den Spaziergänger gr0ßen Reiz ausübte. Geschlossen ist nun auch das Restaurant im Alten Schloss, das sich als noble Event-Location zu etablieren versucht. Der Kiosk vor der Ruine hat zwar Getränke, einfache Speisen und Kuchen im Angebot, aber so recht festsetzen mag man sich an dem zugigen Plätzchen jetzt nicht mit. Mehr Glück hat der Ausflügler im „Scherrhof“, der mit dem Dienstag auch nur einen Ruhetag pro Woche hat, aber nur von 12 Uhr bis – laut Homepage – „ Feierabend“ geöffnet hat. „Feierabend“ war kürzlich bei einem Anruf an einem Sonntag bereits um 19.30 Uhr. Vor dem Aufbruch zu einer noch bestehenden Einkehrmöglichkeit wie „Schwanenwasen“ oder „Bütthof“ empfiehlt sich ohnehin die Nachfrage nach den Öffnungszeiten – einige Betriebe decken nur an drei Tagen in der Woche den Tisch, sind dann aber so gefragt, dass eine Reservierung angebracht ist.

„Selbst ist der Wirt“ wäre eine kostengünstige Alternative: Picknickkorb oder Rucksack mit deftiger Wandererkost und Getränken in Kühlflaschen, die an schattigen Plätzchen ausgepackt und genossen werden. Dahin müssen sie allerdings erst einmal transportiert werden … Absolut keine Option ist angesichts der Waldbrandgefahr der Würstchengrill auf einem Rastplatz.
Die Gründe für die Verknappung des kulinarischen Wanderangebots liegen laut Auskunft des Hotel- und Gaststättenverbands – wie so viele anderer Negativentwicklungen – zum großen Teil in der Pandemie: Während des großen Lockdowns sahen sich viele Köche und Servicemitarbeiter nach alternativen Arbeitsplätzen um – händeringend werden nun Ersatzkräfte gesucht, um den Betrieb halbwegs aufrecht erhalten zu können. Nicht zu stemmende Pachtgebühren, aufwändige Umbaumaßnahmen, gesundheitliche Einschränkungen – alles verständlich, aber betrüblich, wenn der potenzielle Gast mit knurrendem Magen und trockener Kehle vor verschlossener Tür steht.
Umso tröstlicher mutet dagegen ein Ort an, den der Fremde wohl nicht gleich mit zünftiger Bewirtung assoziieren würde: Der Baden-Badener Hungerberg trägt seinen Namen zu Unrecht, denn ausgerechnet dort wird im schönsten Biergarten Baden-Badens an sechs Tagen der Woche geschlotzt, gefuttert und gefeiert. Feierabend ? Selten vor Mitternacht.

Irene Schröder

Allgemein Stadtstreicher

Im Niqab zum Entengang

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Wie badische Enten einmal eine Muslima entzückten

Wäre es nicht denkbar unpassend, könnte man sagen: das hält kein Mensch aus.

In den Emiraten herrschen derzeit weit über 40 Grad im Schatten. Weit und breit nichts als Sand und Öl. Da kann man schon verstehen, dass manch einer – seine angestammte Heimat mit ihren klimatisierten Räumen verlassend – das Weite sucht und vorübergehend Quartier in Baden-Baden nimmt. Dort wartet auf ihn ein Flüsschen namens Oos mit klarem Wasser und eine Gastronomie mit nicht immer so klaren Preisen.

islam_abcAuch in Baden-Baden kann so ein Tag ziemlich lang sein. Selbst wenn sich das Mittagessen im Biergarten hinzieht und die Familie bei exzessiver Handynutzung und beim Shoppen ordentlich Zeit verbringt, so bleiben immer noch ein paar Stunden, an denen noch ein bißchen was anderes passieren soll.

Nur zu verständlich, dass diese übrigen Stunden von den Söhnen und Töchtern der Wüste ganz gerne genutzt werden, um z.B. einmal einen Ausflug zu unternehmen. Da die Besucher nun aber innerhalb der Fußgängerzone auf Limousinen sinnvollerweise verzichten und sich auch der Einsatz von Kamelen verbietet, ist der Aktionsradius der Gäste naturgemäß begrenzt. Also bietet sich ein Spaziergang zur nahegelegenen Oos an.  So z.B. – wie kürzlich gesehen – im Falle von zwei tiefverschleierten Frauen, die mit ihren Kindern sich ans Ufer der Oos begaben, um sich dort die Zeit etwas zu vertreiben.

Es muss für sie ein Festtag gewesen sein. Zum ersten mal, so schien es, erlebten sie kühles Wasser im Überfluss, ein Vergnügen, das die Kinder animierte, die Schuhe auszuziehen und ins klare Nass zu steigen. Von den Frauen freilich war solches nicht zu vermelden. Dafür waren diese aber völlig fasziniert von ein paar Enten, die sich ganz in ihrer Nähe tummelten und sich an der Vollverschleierung offensichtlich nicht störten.

20160814_114239So ergab sich für die fremden Besucherinnen die Gelegenheit, diese für sie offensichtlich hochinteressanten Tiere genauer in Augenschein zu nehmen. Mit dem Handy filmten sie deren Gewatschel, und es schien, als könnten sie sich gar nicht satt sehen an so viel Schönheit.

Nun weiß man nicht, ob im Sandmeer Dubais außer Sandflöhen vieleicht auch noch Enten gedeihen. Doch konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, als resultierte die lang anhaltende Faszination der verschleierten Frauen für die Vögel ein großes Stück weit auch daraus, dass sie erkannt hatten, wie gut weibliche Lebewesen im Grunde doch ausschauen, wenn sie in der Öffentlichkeit ihr Gesicht unverhüllt zeigen.

Allgemein Stadtstreicher

Eine kleine Stadtmusik

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Erst neulich machte Baden-Baden seinem Ruf als Sommerhauptstadt Europas wieder mal alle Ehre. Natürlich war es dieses Jahr ganz besonders heiß, besonders im Zentrum, dort am Leopoldsplatz, der von den Baden-Badenern der Einfachheit halber ‚Leo‘ genannt wird. Wie meist um diese Jahreszeit waren viele Gäste da, z.B. aus Dubai und den Emiraten, die in Erwartung großer Kühle hierher gekommen waren. Zumindest die Frauen waren ganz heiß auf eine mögliche Abkühlung, weshalb sie sich kleidungsmäßig eher bedeckt gaben. An ihrer Seite immer eine vielköpfige Familie, die sich, kaum einer Großraumlimousine entstiegen, ohne erkennbare Wanderabsicht gleich auf den Stühlchen unter den Bäumen der Sophienallee niederließen.
Foto 1-2Bis freilich alle Gäste vorgefahren und ausgestiegen waren, dauerte das eine ganze Weile, vor allem da gerade an diesem Tag weit und breit kein Gemeindevollzugsbeamter zu sehen war. Der hätte aus gegebenem Anlass mal etwas Struktur in die im wörtlichen Sinne verfahrene Situation bringen können. Es war ein ziemliches Hin und Her, vor allem, weil die Fahrzeuglenker unter den Gästen in völliger Verkennung dessen, was eine verkehrsfreie Fußgängerzone ausmacht, sich am Steuer aufführten, als stünde der Leopoldplatz – sagen wir mal – in Bombay.
Noch schwieriger wurde das Ganze, weil es sich bei den Fahrzeugen um sogenannte SUVs handelte, also Porsche Cayenne, Range Rover und die dicken BMWs. Die sind alle vierradgetrieben, groß und schwer. An sich schon unübersichtlich, wird so ein SUV noch unübersichtlicher, wenn hinter ihm zwei weitere SUVs stehen und auf begrenztem Platz genau dasselbe wollen: herfahren, rangieren, parken, ausladen, wegfahren!
Für uns Zaungäste war das ein echter Hingucker. Ganz großes Kino. Na ja, für Baden-Baden jedenfalls.
Zur Erbauung der am ‚Amadeus’ sitzenden Gäste ging das eine ganze Weile so, bis es irgendwann halt eintönig wurde. Dann nahte der nächste Programmpunkt. Es erschien auf der Bildfläche ein Musikant, der eine Gitarre bei sich führte und auf dem Wägelchen einen Verstärker hinter sich herzog und sich neben der abstrakten Skulptur aufbaute. Diese Skulptur hat ein bisschen Ähnlichkeit mit einer von Henry Moore, ist aber wahrscheinlich nur halb so teuer gewesen. Jedenfalls stellte sich der junge Mann – noch ein wenig unsicher – in Positur, schnallte sich ein Headset um, schaltete den Verstärker an und begann zu singen.

Doch handelte es sich bei dem Sänger Gott sei Dank weder um einen russischen Bass, der uns mit dem ‚Einsamen Glöcklein’ taub singt. Noch war der nette Musikant einer von jenen, die vor langer Zeit aus Woodstock zurückgekehrt, seitdem mit ‚Blowing in the Wind‘ ganze Fußgängerzonen entvölkern. Nein, der Sänger kam, wie er später selber zugab, aus Karlsruhe und sang zudem recht schön.
Er hatte eine angenehme Stimme, nicht zu laut und schon gar nicht nervig. Selbst wenn ein Song einmal dramatisch wurde, war aus seinem Mund keine Missstimmung zu vernehmen. Fortan reihte sich ein Lied sozusagen an das andere, wie Perlen an einer Kette. So gesehen könnte man sagen, dass das musiktrunkene Publikum von den musikalischen Perlen den Hals nicht voll genug kriegen konnte. Nachdem der Sänger das Publikum länger mit seiner Darbietung erfreut hatte, brandete zu seinem eigenen und unserem Erstaunen erster Beifall auf, von dem er sich ermuntert fühlte, einfach so weiterzumachen.
Es kam dann aber wie es kommen musste: irgendwann hatte er keine Lieder mehr, die er hätte präsentieren können. Er war sozusagen leer gesungen und wollte mit musikalischem Anstand seinen Abschied nehmen. Das Ganze wäre auch rundum harmonisch geendet, wenn nicht just in diesem Moment die Staatsmacht im Streifenwagen auf den Platz gerollt wäre.
Zwei Polizisten in kugelsicherer Weste stiegen aus und kamen auf den Barden zu. Was im folgenden gesprochen wurde, war nicht zu hören, aber es machte sich bei der versammelten Fanschaft eine leichte Beklommenheit breit, vor allem, da man kurz zuvor den Sänger noch euphorisch verabschiedet hatte, nicht ohne ihn mit Münzen allerlei Art zu bedenken. Jetzt also das böse Ahnen, dass er unter Umständen ohne Genehmigung aufgetreten war. Hier würde Strafe folgen. Die Atmosphäre war dementsprechend angespannt.
Wir alle wurden so Zeugen eines stummen Gesprächs. Hatte er die Lizenz dabei, die übliche Genehmigung des Amtes für öffentliche Ordnung? Offensichtlich nicht, denn er machte keine Anstalten, nach einem Papier zu kramen. Quälend lange Momente. Es war, als würden selbst die vollverschleierten Frauen aus Dubai schweigen. Fortgesetzter Disput. Dabei leichtes Hoffen: vielleicht hatten die Beamten einen Musikwunsch oder trugen sie sich gar mit dem Gedanken, den Sänger anlässlich des Jahresfestes des Polizeisportvereins zu engagieren?
Wäre es nicht übertrieben, möchte man jetzt auf die allseits bekannte Stecknadel verweisen, die man in diesem Moment zu Boden hätte fallen hören können. Dann aber brandete wieder unvermittelt ein kräftiger, den Künstler unterstützender Beifall auf. Die zwei Polizisten gingen zum Auto. Dann wieder Stille. Ein schmerzliches Ahnen: jetzt holen sie das Formular, mit dem man für gewöhnlich Strafmandate erteilt.

Doch nichts geschah. Die Polizisten stiegen in ihr Fahrzeug. Ende des Vorgangs. Kein Formular. Stattdessen gab es kräftigen Beifall vom Publikums für die beiden Polizeibeamten. Entspanntes Lachen der Zuschauer. Ein kurzes Blaulicht als letzter, optischer Gruß, dann ein freundliches Winken durch das geöffnete Fahrzeugfenster.
Als hätten sie beim Wegfahren mit ihrem Winken eine eventuell aufkommende Missstimmung zerstreuen wollen.

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