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Zeitgeist in Brillanten und Eisen

Im Schmuckmuseum Pforzheim:  Künstlerjuweliere der 1960er und 1970er Jahre

Courtesy of the Cincinnati Art Museum, Sammlung Kimberly Klosterman, Foto Tony Walsh

Schwere Goldketten, Perlen gleich pfundweise, schlichtes Goldmedaillon am Samtbändchen oder cooler Platinschmuck mit erlesenem Solitär – der Zeitgeist greift jeweils in eine eigene Schatulle, um seinem Lebensgefühl und/oder Reichtum Ausdruck zu verleihen. Schmuck bedeutet immer mehr als reine Deko des aktuellen Modestils, und so verstehen sich auch kreative Juweliere und Goldschmiede als Künstler, die ihrer Epoche Ausdruck verleihen. In einer eigenen Liga spielt dabei der Modeschmuck internationaler Designer, der in erster Linie kollektionsbezogen entworfen und nicht auf Langlebigkeit ausgelegt wird.

Im Schmuckmuseum Pforzheim lagerte in den vergangenen Wochen eine Sammlung unter Corona-Verschluss, die wohl zu den hochkarätigsten ihrer Art weltweit zählt: „Simply brillant“ sind Dutzende von Exponaten und ein selbst für Schmuckdesign ungewöhnlich „brillant“ gestalteter Katalog betitelt – und noch bis zum 26. Juni besteht hoffentlich die Chance, sich nicht nur beim virtuellen Rundgang von der Schönheit dieser Kunstwerke bezaubern zu lassen. „Kunstwerk“ ist das Stichwort für die Philosophie der amerikanischen Sammlerin Kimberly Klosterman aus Cincinnati, die gemeinsam mit dem Cincinnati Art Museum diese Ausstellung in Pforzheim ermöglicht hat.

Sie sammelt grundsätzlich nur Schmuck, der sie persönlich berührt – auch wenn er gerade nicht „in“ sein sollte. „Außerdem ist das wie in der Mode, irgendwann kommt alles wieder“, meinte sie humorvoll in einem Interview, das im Katalog nachzulesen ist. Als junge Frau begann sie vor rund 30 Jahren Schmuck zu kaufen, die den Modetrends ihrer Zeit entsprachen: Die Designer der 1960er und 1970er Jahre waren inspiriert von Rock’n’Roll, Vietnamkrieg, den

Zierkamm-Diadem mit Weinblättern Eisen Johann Conrad Geiss Berlin, um 1825/30 Sammlung Klaus-Peter und Judith Thomé

Kennedy-Attentaten, den Beatles und den Hippies. Sie entwickelten neue radikale Ausdrucksformen, Schmuck, der nicht unbedingt eine Trägerin brauchte, um zu „glänzen“, oder aber gerade die Persönlichkeit viel stärker in Szene setzt als ein traditionelles Perlencollier oder eine klassische Diamantbrosche. Die Schönen und Reichen griffen begeistert zu – ein typisches Beispiel war die britische Prinzessin Margaret: Bei offiziellen Anlässen trug die jüngere Schwester von Queen Elizabeth zwar brav Kronjuwelen, privat bevorzugte sie die teilweise für sie persönlich entworfenen Schmuckstücke von Andrew Grima oder John Donald, den übrigens auch ihre Mutter, Queen Mumm, in Mode brachte. Exzentrisch, unkonventionell, manchmal auch witzig, klotzig oder filigran – diese Sammlung lässt eine Epoche geprägt von gesellschaftlichen Umbrüchen nachvollziehbar werden. Schon diese Tatsache macht sie unschätzbar wertvoll.

Courtesy of the Cincinnati Art Museum, Sammlung Kimberly Klosterman, Foto Tony Walsh

In eine ganz andere Zeit mit völlig anderen Wertvorstellungen entführt die im Anschluss geplante Pforzheimer Schmuckschau: „Gold gab ich für Eisen“ unter diesem Slogan forderte die preußische Prinzessin Marianne anno 1813 ihre Landsmänninnen auf, ihren kostbaren Schmuck zum Wohl des Vaterlands gegen „Eisenwaren“ einzutauschen. Ob die adeligen Preußinnen wirklich ihre Kostbarkeiten opferten oder nur sicher verwahrten und in der Öffentlichkeit die patriotischen Ersatzstücke trugen, mag dahingestellt sein. Der gleiche Slogan wurde übrigens zur Zeit des Ersten Weltkriegs wieder aufgelegt. In der Zwischenzeit entstanden filigrane Schmuckstücke in preußischen, englischen und französischen Gießereien, die wiederum dem Zeitgeist Rechnung trugen: Das schlichte Material, die klare Formensprache und der etwas spröde Charakter spiegelten Beständigkeit, Bescheidenheit und Zurückhaltung wider.
Die rund 200 Exponate der Ausstellung „Zart wie Eisen“, die ab 16. Juli im Schmuckmuseum gezeigt wird, stammen aus der im Laufe eines Vierteljahrhunderts entstandenen Sammlung Klaus-Peter und Judith Thomé, die als Schenkung in den Bestand des Schmuckmuseums Pforzheim mit seinen Kostbarkeiten aus fünf Jahrtausenden eingehen wird.
Corona-gebeutelten Besuchern drängt sich vielleicht die Frage auf, wie zeitgenössische Designer mit der Pandemie und ihren Folgen umgehen werden. Einerseits verlangte der Home-Office-Schlabberlook nicht gerade nach Edelsteinen und Edelmetall, andererseits lädt die gängige grafische Virus-Darstellung geradezu zur Umsetzung in funkelnde Interpretationen ein. Warten wir es mal ab …

Irene Schröder

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