Stadtstreicher

Tour de Leiden

Jogger am Sonntagmorgen

Letzten Sonntag habe ich wieder mal dem Schmerz ins Auge gesehen. Er begegnete mir in der Bäckerei am Leo, und zwar in der Gestalt all jener Männer, die sich im sogenannten ‚besten Alter‘ wähnen. Allsonntäglich verspüren sie das Bedürfnis, sich durch Joggen fit zu halten. So, als wollten sie sich ein langes gesundes Leben erlaufen. Dabei vermitteln sie den Eindruck, als seinen sie durch die Hölle gegangen…

Der eine sieht aus, als hätte er eben den Merkur bezwungen, der andere, als hätte er erst innegehalten, als der Mummelsee nebelig vor seinem verschwommenen Blick auftauchte. Jetzt sind sie zurück in der Zivilisation und weisen schwerste Spuren körperlicher Qual auf. Totenbleich im Gesicht, das Auge fahl, klebt die Joggingmütze auf ihrem verschwitzten Haupt. Die Haut spannt über den Backenknochen. In ihrem leidvollen, hageren Schatten drohen die Bilder von frischem Gebäck, von ‚Urkrusties‘, Brezeln, Mandelschnecken und Streuselkuchen zu verkümmern. Jetzt stehen sie dort am Tresen und ordern, schwer atmend, 10 Joggingbrötchen für die Familie. Auch das noch!

Freilich muss hier dem Eindruck entgegenwirkt werden, es solle hier ein Plädoyer für eine ungesunde Lebensform gehalten werden. Mitnichten! Wer wollte nicht das heitere läuferische Durchmessen der Lichtentaler Allee als eine sportlich sinnvolle Herausforderung sehen? Mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper! Gazellengleich durchmessen zur gleichen Zeit blonde Livestyleelven das gepflegte Gelände. Läuferisch vermitteln sie uns den Eindruck, so müsse man es anstellen, wenn man ewig leben wollte. Ihr leichter Schritt lässt Schwerkraft und Mühe vergessen.

Ganz anders aber das, was uns ins hier ins Auge sticht! Wer, bitte, erlöst uns heiter gestimmte Genussbürger am Sonntagmorgen vom Anblick der sich körperlich gänzlich überfordernder agiler Junggreise? Männer, die meinen, sie könnten durch exzessive sportliche Betätigung am Wochenende die Sünden der vergangenen sieben Tage ungeschehen machen? Männer, die sich derart unter Druck setzen, dass der Sonntag für sie im wahrsten Sinne des Wortes ‚gelaufen‘ ist? Wer erlöst sie von ihrem Anspruch auf immerwährende Jugendlichkeit? Als sei das Leben eine fortwährende Agility – Prüfung!

Am Tisch im Cafe sitzend rühre ich in meinem Kaffee, denke an den Flug der Elfen und genieße mein Croissant. Dann schlage ich entspannt die Sonntagszeitung auf und es kommt mir ein Satz von Friedrich Nietsche in den Sinn: „Wenn die Erlösten nur etwas erlöster ausschauen würden“.

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