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Reines Zeitproblem

Was machen wir in diesen Corona Zeiten, wenn wir nichts machen?

Heute ist in Baden-Baden wieder einmal ein ausnehmend schöner Tag. Zwar könnte es sein, dass auch hier schon der Corona Virus lauert. Andererseits ist die Stadt in diesen leidgeprüften Tagen so schön, dass es fast etwas Unwirkliches hat. Überall blühen die Magnolien. Die alten stolzen Bürgerhäuser schauen stumm und fast majestätisch auf die wenigen flanierenden Fußgänger hernieder. Diese scheinen sich in der Fußgängerzone fast zu verlieren, bis man sie dann in kleiner Anzahl brav wie befohlen in einem Meter Distanz vor einer Apotheke oder dem Kiosk am Leo warten sieht. Aber statt wie zu DDR Zeiten, steht man hier nicht an für Kopfwehtabletten, Kinderklamotten oder Farbe, sondern man spielt am Kiosk Totto-Lotto oder verlangt gespannt nach der aktuellen Ausgabe der ‚Freizeitrevue’.

Denn auch in diesen Krisentagen glaubt das Blatt nicht ohne Helene Fischer und ihren Ex, Florian Silbereisen, auszukommen. Zunächst war er, kurz nach seiner ein bisschen schmerzlichen Trennung von seiner Helene, in ein ziemlich tiefes Loch gefallen. Aus diesem Loch zog ihn dann aber zum Erstaunen vieler die neue Aufgabe des Kapitäns auf dem legendären ‚Traumschiff’. Die Kritiken der ersten Sendung waren so schlecht nicht.

Was also lag näher, als, nach einem nicht gänzlich unverdienten Rausschmiss von Xavier Naidoo aus der Jury von DSDS, sich mit Florian den nächsten Knaller holen? Das ist insoweit bemerkenswert, als dass man dort nun jemand in der Jury sitzt hat, dessen Hals – man mag uns das nachsehen – um Längen seine Fähigkeiten als Sänger oder Moderator übertrifft. Jetzt urteilt der absolut talentfreie Interpret volkstümlicher Melodien über durchaus begabte Sänger und –innen. Konkret könnte da einer unken: der Blinde spricht vom Licht. Kaum auf Sendung lieferte Florian denn auch prompt, was man von ihm erwarten durfte. Gleich  zu Anfang  gab’s von ihm ein absolutes Highlight. Aus nicht ganz erfindlichen Gründen warf er seine rote Unterhose in den Ring. Mehr war von ihm beim besten Willen nicht tu erwarten.

Wer nun aber dem Flug einer roten Unterhose nichts abgewinnen konnte, hätte während der Sendezeit von DSDS seine alte, vielleicht schon etwas eingerostete Liebe zum Buch entdecken können. Zeit zum Lesen also. Hier fallen uns z.B. die Gedichte des, nun ja, nicht durchgängig lustigen Friedrich Hölderlin ein. Sein Geburtstag jährt sich in diesen Tagen zum 250ten mal. Doch muss man sorgfältig darauf achten, was man sich aus dem umfangreichen Werk des Schwaben herauspickt. So hatte er damals in Unkenntnis des aktuellen Virennotstands noch allen Ernstes gepostet:

„Komm! ins Offene, Freund!“

Dies darf in den Zeiten, da wir traurig aus geschlossenen Fenstern schauen, natürlich nicht  ernsthaft in  Erwägung ziehen. Bei oberflächlicher Betrachtung  bleibt uns derzeit also nur die Wahl zwischen  Florian Silbereisen und dem nicht ganz in die Zeit passenden Friedrich Hölderlin. Irgendwie gehen uns langsam  die Optionen aus.

 

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