Allgemein Gastbeiträge Kultur

Nachbarn in schwierigen Zeiten

Kaiser und Sultan. Nachbarn in Europas Mitte 1600-1700. Im Schloss Karlsruhe

Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden

Mit der Nachbarschaft ist es bekanntlich so eine Sache – ob in der Wohlfühllandschaft eines Zweifamilienhauses oder im Mit- oder vielleicht auch Gegeneinander auf internationaler Basis. Einer sehr speziellen Nachbarschaft, die seit Jahrhunderten sowohl die kulturellen als auch die politischen Entwicklungen maßgeblich beeinflusste, widmet sich die Große Landesausstellung im Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Wer genau hinschaut, erkennt übrigens an der barocken Schlossfassade „Türkenköpfe“. Die „Türkenbeute“ zählt zu den wertvollsten Beständen des Hauses, während der „Türkenlouis“ alias Ludwig Wilhelm von Baden im benachbarten Rastatt residierte und – wiederum in der Nachbarschaft – der Baden-Badener Stiftskirche seine letzte Ruhe fand.

Während nicht zuletzt der türkische Ministerpräsident aktuell für neue Spannungen in der europäischen Nachbarschaft sorgt, untersucht die Ausstellung „Kaiser und Sultan“ das Verhältnis der „Nachbarn in Europas Mitte von 1600 bis 1700“, ein ungeheuer spannendes Jahrhundert voller Hauen und Stechen. Parallel dazu ging aber auch ein Hin und Her des kulturellen Austauschs, was nicht zuletzt an den Flüchtlingsströmen auf der „Balkanroute“ lag.  Es war ein Kommen und Gehen in beiden Richtungen, denn damals versprach gerade in Zeiten der Gegenreformation das Osmanische Reich Zuflucht und gesicherte Existenz.

Sultan Mehmed IV.

Über 350 kostbare Exponate, darunter zahlreiche Leihgaben aus dem In- und Ausland – allerdings nicht aus der Türkei (!) – geben auf zwei Stockwerken Einblick in die Ära der „Türkenkriege“ und ihre Auswirkungen auf Mitteleuropa zwischen Orient und Okzident bis in die Gegenwart. Denn hier liegt ein Schwerpunkt der großen Ausstellung im 100. Jubiläumsjahr des Badischen Landesmuseums: „In Zeiten zunehmender Flucht – und Migrationsströme und eines spürbaren Rechtsrucks in Gesellschaft und Politik zeichnet sich ein Gebot der Stunde: Museen müssen sich den positiven Seiten plurikultureller Gesellschaften zuwenden und ihren Mehrwert für die Entwicklung selbst vergangener Epochen herausarbeiten, wollen sie zeitgemäß sein und langfristig den angestammten Besucherkreis erweitern“, formuliert Kuratorin und Projektleiterin Dr. Schoole Mostafawy das Ziel der bis zum 19. April 2020 dauernden Schau. Das mag etwas verschwurbelt klingen – tatsächlich aber umschreibt es den derzeitig volkspädagogischen Trend…

Eine Ernennungs-urkunde des Sultans

Wenden wir uns also der Ausstellung zu. Zeitgemäß ist schon der Einstieg: In nur drei Minuten erzählt ein etwas anstrengender Animationsfilm der Filmakademie Ludwigsburg gleich einem Online-Video-Zeitraffer die Geschichte des 17. Jahrhunderts, wobei der Schauspieler Christian Tramitz in 16 verschiedene Rollenschlüpft. Wer mit dieser geballten Info-Ladung nicht zurechtkommt, kann den – fiktiven – Dialogen der ungarischen Freiheitskämp-ferin Ilona Zrinyi (1643-1703) und des deutschen Schriftstellers Eberhard Werner Happel (1647-1690) per Storyguide anstelle des üblichen Audioguides dem Gebotenen lauschen. Die wichtigsten Flüchtlingsbewegungen lassen sich an drei Medienstationen verfolgen. Zur Ruhe kommt der Besucher dann aber spätestens bei einem Prunkstück der Ausstellung, dem 1683 vor Wien erbeuteten „Blauen Zelt“, einer Leihgabe aus Krakau. Wie ein blühender Garten wirkt das rund 18 Meter lange und fünf Meter hohe Meisterwerk aus Seide und Leder mit kostbaren  Goldstickereien, in dem sich wahrscheinlich ein hoher Würdenträger vom Schlachtengetümmel erholte.

Einer von uns. Der ‚Türkenlouis‘ als Osmane

Verse des islamischen Mystikers Mevlana (1207-1273) entführen den Zuhörer in eine schönere, friedliche und genussvolle Welt, in der eine Tasse Kaffee zu den weltlichen Freuden zählte. Deutschland war, zumindest in der damaliegn Zeit, ‚türkentrunken’. Das Osmanentum war ‚a la mode’. Es war chic, sich wie ein Sultan zu kleiden, selbst der Herrscher zeigte sich beim Karneval in osmanischer Tracht. Auch der große Mozart hatte die Anregungen der fernen Länder musikalisch aufgegriffen: die ‚Entführung aus dem Serail’ legte noch heute ein wunderbares Zeugnis davon ab, wie Kultur trotz kriegerischen Auseinandersetzungen überschwappen kann, den Komponist ernährt und uns freut!

Und dann erst der „Türkentrank“! Beide, Kaffee und Mokka, seien zwischendurch dringend zur Belebung empfohlen – dabei lässt sich auch in dem ausgezeichneten Katalog zur Ausstellung „Kaiser und Sultan“ aus dem Hirmer Verlag blättern.   Wie im Karlsruher Schloss üblich, ergänzt ein facettenreiches Beiprogramm von wissenschaftlichen bis kulinarischen Veranstaltungen die Große Landesausstellung in der unmittelbaren Nachbarschaft – nachzulesen auf der Homepage des Museums:

http://www.landesmuseum.de

Irene Schröder

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