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Maßvolles Miteinander

 Das Festspielhaus Baden-Baden geht „scheibchenweise“ in die neue Saison

Betont munter und mit Maske trat Festspielhausintendant Benedikt Stampa vor die coronamäßig weitläufig auseinander platzierte Presserunde, um die Planung für die neue Saison vorzustellen – in kleinen Dosen, immer die Corona-Ungewissheiten im Blick. Die gute Nachricht: Es geht weiter in Deutschlands größtem Opernhaus – und zwar soweit bisher absehbar – am 8. Oktober mit einem Knalleffekt: Hamburgs genialer Ballettchef John Neumeier ließ sich schon zu Beginn der Corona-Krise zu einem neuen Werk inspirieren, das den strengen Abstandsregeln entspricht: „Ghost Light“ ist allerdings kein Totentanz, sondern knüpft höchst lebendig an die amerikanische Bühnentradition an, nach Ende von Proben oder Vorstellungen ein einsames Licht auf den Brettern, die die (Kunst-) Welt bedeuten, brennen zu lassen.

Die Chance, dieses ungeheuer zeitgemäße Stück live in Baden-Baden erleben zu können, sind allerdings nicht groß: Gerademal 500 Zuschauer dürfen statt der üblichen 2500 Personen im Auditorium verteilt sitzen. Vorrang bei der Platzvergabe haben die Inhaber der Karten für die eigentlich geplante „Kameliendame“ in der Version des Hamburg Balletts – und die Vorstellungen waren bereits so gut wie ausverkauft. Wer nicht zu den Glücklichen im Saal zählt, muss aber trotzdem nicht auf dieses mit großer Spannung erwartete Tanztheater verzichten: Arte zeigt die Baden-Badener Premiere live im Internet. Daran anschließend erleben wir sie im Fernsehen.

Die Platzreduzierung ist aber nur eine der vielen Komplikationen, die einem normalen Spielbetrieb widersprechen: Benedikt Stampa und sein Team haben ein Hygienekonzept vor und hinter der Bühne erarbeitet, das von allen Betroffenen auch ein gehöriges Maß an Disziplin erfordert. „Die Kunst ist es, mit Maß und Mitte zu einem neuen Miteinander zu finden. Das beziehe ich auf das physische Beisammensein von Menschen in Foyer und Zuschauersaal, aber auch auf das Miteinander von Veranstaltern und Künstlern.“
Maßarbeit ist auch bei den Finanzen angesagt – ohne Überlebenshilfe von Stadt und Land wäre der Betrieb laut Stampa nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Bekanntlich hatte die Stadt Baden-Baden vereinbarungsgemäß zum 1. Juli das Festspielhaus für 18,4 Millionen Euro erworben. Vier Millionen Euro Finanzspritze kamen aus Stuttgart. Stampa nutzte die Gelegenheit, in seinen Dank auch die Förderer und Freunde des Hauses einzubeziehen: „Ohne die Geduld, die Spenden und die Solidarität der vergangenen Monate wäre es nicht möglich gewesen, an ein Programm im Herbst zu glauben.“
Dass Maß, Mitte und Miteinander keineswegs Mittelmaß bedeuten, beweist das zweite Herbstfestival: Thomas Hengelbrock und das Balthasar-Neumann- Ensemble gestalten ein hochkarätiges Allerheiligen-Wochenende, unter anderem mit dem „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms. Dazwischen gastieren die Bamberger Symphoniker mit Star-Cellistin Sol Gabetta am 23. Oktober und die ukraininsche Geigerin Diana Tishchenko mit einer Matinee am 25. Oktober.
Und wie geht es weiter? „Scheibchenweise“ soll ab Mitte September das weitere Programm bekanntgegeben werden – immer unter der Voraussetzung, dass nicht ein zweiter „Lockdown“ die Hoffnungen zunichte macht. Eines dürfte aber schon heute feststehen: „Schwanensee“ oder „Nussknacker“ werden in diesem Jahr nicht ihren traditionellen Weihnachtszauber entfalten dürfen. Aber: „Das Mariinsky-Ballett ist ungeheuer flexibel und kreativ“, tröstet Benedikt Stampa Ballett-Fans – und wohl auch sich selbst. Vielleicht gibt es ja statt der unglaublich disziplinierten Tänzermassen brillante Soli und Pas de deux – die Vorfreude stirbt zuletzt.

Irene Schröder

Die Fotos mit freundlicher Genehmigung von Kiran West 

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