Allgemein Auswärts Essen & Trinken

Leben in Zeiten von Corona

Genießen will gelernt sein. Also raus aufs Land.

Was für ein Hauen und Stechen. Was für ein Hämmern und Sägen. Der Biergarten nebenan rüstet sich für die Zeit der Öffnung. Noch sind die Trennscheiben zwischen den einzelnen Biertischen mit bläulicher Folie beklebt. Noch sieht es aus, als würde der künftige Gast in einem Aquarium trinken. Aber das wird sich demnächst ändern. Dann wird man dem Nebenmann und seine Nebenfrau durch klare Plastikscheiben beim Trinken zusehen  können. Kein schlechter Moment raus aus der Stadt zu fahren, um in einer Ortenauer Winzergenossenschaft Wein zu kaufen.

Man hatte mich per Mail wissen lassen, dass nicht nur in diesen außergewöhnlichen Zeiten, nein auch in Zeiten der Spargelernte der von mir so geschätzte Weißburgunder von € 6,70 auf € 6 reduziert sei. Für den Riesling gälte das gleiche. Also vorgefahren, eingeparkt. Auf die Weinprobe muss ich in diesen Zeiten verzichten. Egal. Ich weiß ja, wie der Wein schmeckt.

Der Eingang war gefährdungsbedingt ziemlich verrammelt. Die Dame, der man in den Krisenzeiten den Verkauf  anvertraut hatte, gehörte allerdings offensichtlich zur Risikogruppe, war also jenseits der gefährdeten Fünfzig. Sollte aber kein Problem sein, denn man hatte sie in eine Art Hochsicherheitstrakt gepackt, wo sie gut geschützt gegen wild marodierende Viren war. Beim letzten Besuch, also zu Normalzeiten, hatte ich drei Flaschen Riesling und drei Weißburgunder bestellt, dann allerdings die Ware nicht kontrolliert, weshalb ich zum ersten mal den dortigen Sauvignon Blanc verkosten musste. Nachdem die drei Flaschen konsumiert waren, hatte ich den Wein begriffen.

Jetzt also neue Bestellung. Aber diesmal ganz deutlich: drei mal Riesling, drei mal Weißburgunder. Die Dame tippte ein. Als sie dann mit der Lieferung aus der Tiefe des Raumes auftauchte, den Wein auf einem Wägelchen, sagte sie: das wären also jetzt sechs Flaschen Riesling und sechs Flaschen Weißburgunder. Als ich sie darauf hinwies, ich hätte nur die Hälfte kaufen wollen, tat ihr das leid. Aber sie könne nun leider nicht mehr rückbuchen. Dasselbe galt offensichtlich auch, als ich sie darauf hinwies, dass ihr Betrieb saisonbedingt die Weine etwas reduziert habe. Davon wisse sie nichts. Ansonsten gälte auch hier, dass das, was gebongt sein, nicht zurückzubuchen wäre. Spätestens jetzt realisierte ich, was es heißt: Risikogruppe. Netterweise schenkte sie mir dann aber noch ein Flasche Grauburgunder. Das war zwar nett, aber ich mag Grauburgunder nicht so. Vielleicht spende ich den Wein für die nächste Weihnachtstombola der Katholischen Frauengemeinde.  Jetzt also erst mal die doppelte Menge zum nicht versprochenen Preis. Schwamm drüber. In diesen Zeiten müssen wir alle zusammenhalten.

Leicht gefrustet gedachte ich dann vor der Heimfahrt einen kleinen Umweg über Appenweier zu nehmen. Dort, an der Hauptstraße, gibt’s ein tolles Eis. Auch dort wieder vorgefahren, Wagen abgestellt und den gefrorenen Traum bestellt. Drei Kugeln im Becher. Mit Sahne. Man kann das Eis ja nicht trocken runterwürgen. War soweit auch alles bestens. Während sich hinter mir eine Schlange vor dem Eiskaffee bildete – hübsch in 1,5 m Distanz voneinander, teils mit, teils ohne Mundschutz – schlenderte ich gemächlich zu meinem Auto, lehnte mich an die Tür und wollte mich dort gerade der zartcremigen Sorte ‚Rumba’ widmen, da drang ein Schrei an mein Ohr.

Der ging von der Chefin der Eisdiele aus, die, hinterm Tresen hervorgekommen jetzt derartig auf mich zuschoss, dass ich situationsbedingt zum ersten mal ein Gefühl dafür bekam, wie es sich im 2. Weltkrieg angefühlt haben muss, wenn ein Kamikazie Jäger auf dem Flugdeck eines Flugzeugträgers einschlägt. Auch dort wurde maximale Zerstörung dadurch erreicht, dass es sich bei so einem Geschoss um eine menschliche Bombe gehandelt hatte. So etwa muss man sich die Wirkung vorstellen, die der Auftritt dieser entfesselten Geschäftsfrau auf mich ausübte. Fragend brüllte sie mich an, ob ich zu blöd sei, das Schild da vorne zu lesen, auf dem doch deutlich – sie sagte es zwei-, ich glaube sogar dreimal – ‚deutlich’ jedenfalls, geschrieben stünde (und dort auch zu lesen sei!): dass man sein Eis erst in fünfzig Meter Entfernung zu essen habe, also keineswegs VOR der Eisdiele!

Meine Gegenwehr war denkbar schwach. Mit der ungebremsten Wucht dieser Eismaschine hatte ich in dieser Situation nicht  gerechnet. Immerhin durfte ich sicher sein, dass die Warteschlange nicht annahm, ich hätte mich der Dame des Hauses unsittlich genähert. Ein schwacher Trost, immerhin. Und so entschloss ich mich – angesichts der vorzüglichen Qualität des Gebotenen – die Eisdiele auch weiterhin zu besuchen. Zum Verzehr würde ich allerdings versuchen, mich ins nahegelegene Renchen durchzuschlagen, um von dort aus, also in weiter Entfernung, zu verfolgen, wie es einem anderen ergehen mag, der sich, wie ich, nicht vorstellen kann, wie es ein Corona Virus schafft, über fünfzig Meter sein Opfer zu finden.

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