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Ehre, wem Ehre gebührt

Pierre Boulez erhält die Ehrenbürgerschaft der Stadt Baden-Baden 

fsh_boulez_konzert_1_6N3A2394Am Sonntagabend fand im vollbesetzen Saal des Festspielhauses eine ganz besondere Ehrung statt. Pierre Boulez, der am 26.3. diesen Jahres 90 Jahre alt wird, hat die Ehrenbürgerschaft der Stadt Baden-Baden verliehen bekommen.

Es ist nicht ganz einfach, hier die Fülle all seiner Verdienste aufzuzählen. Zunächst war der  Künstler  als Komponist ein Wegbereiter der Moderne, die er als Schüler von Olivier Messien maßgeblich mitgestaltete. Immer aber auch trat er als Dirigent in Erscheinung, zunächst eigener Werke, dann aber auch als Gastdirigent des SWF Orchesters. Hier rührt seine tiefe Verbundenheit zu Baden-Baden. Weitere Stationen waren Basel und Cambridge; dann Gastdirigent des Cleveland Orchestra. Von 1971-75, leitet er als  Nachfolger von Leonhard Bernstein das New York Philharmonic Orchestra.

Lange, fast allzu lange, haftet ihm der Ruf an, die Opernhäuser in die Luft sprengen zu wollen. Was natürlich aufs Merkwürdigste korrespondiert mit seinem späteren Dirigieren z. B. der Werke Wagners in Bayreuth. In den Inszenierungen von Patrice Chereau und Christoph Schlingensief hatte er dann ja allerdings auch etwas gänzlich Neues gesehen.

Macht man sich denn die Mühe (nein, das Vergnügen!), das  Interview im SPIEGEL 1967 (www.spiegel.de/spiegel/print/d-46353389.html) genauer zu lesen, dann glaubte Pierre Boulez nicht daran, moderne Werke in traditioneller (Opern-) Umgebung präsentieren zu können: „…innen sind sie äußerst altmodisch geblieben“. In eben diesem Gespräch plädiert er vielmehr dafür, dem neuen Repertoire gemäße Spielstätten zu schaffen. In diesem Zusammenhang merkt er dann an, dass das Sprengen der alten Häuser allerdings sowohl die teuerste als auch eleganteste Lösung wäre…

pierre_boulez_c_jörg_reichardt_dgHier erweist sich Boulez, der später ja auch mit Frank Zappa zusammengearbeitet hatte, ganz als ‚Kind seiner Zeit’, der im Geiste der 68er nach neuem suchte und sich nicht scheute, dafür Altes zu opfern. Er war, so gesehen, Zeit seines Lebens ‚d’avant garde‘. Er ging vorneweg.

Dass ihm dieses Interview später noch in der Schweiz Ärger bereiten sollte – wie wir an besagtem Abend erfahren -, als in seinem Hotel in Basel drei Polizisten wohl Jahre später noch anrückten, um einen Strafbefehl wg der Absicht: ‚Sprengen eines Opernhauses’ zu vollstrecken, dürfen wir getrost unter dem Aspekt verbuchen, dass bei der Vergabe von Ironie u. ä. Gaben der Herrgott nicht alle Völker oder besser: Dienststellen gleichermaßen bedacht hat.   

Und so lag es keinesfalls an einem etwa vollzogenen Strafbefehl, dass der Künstler anlässlich des jetzt gegebenen Konzertes des SWR Sinfonieorchesters unter der Leitung von Francoise-Xavier Roth nicht anwesend sein konnte. Pierre Boulez verfolgte das Ereignis von zuhause aus im Livestream. So durfte er erleben, wie große Werke von ihm in wunderbarer Weise einem Publikum nahegebracht wurden, das zu Anfang seiner langen kompositorischen Karriere mitnichten so euphorisch auf das vormals doch so fremd Empfundene reagiert hätten.

Es scheint, als wäre Pierre Boulez jetzt endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Man liebt ihn.

 

Ein kleiner Nachtrag, die Gestaltung der Urkunde betreffend.

Wenn wir wollen, dass unsere Ehrenbürger die ihnen verliehene Urkunde auch aufhängen, dann sollten wir uns ernsthaft überlegen, ob ein Dokument, das in der Ästhetik des 19. Jahrhunderts gehalten ist, das dafür entsprechende Aussehen hat…    

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