Allgemein Kultur

Die Freiheit wohl grenzenlos

 „Die Welt von oben“ – Der Traum vom Fliegen im 19. Jh. im Museum LA 8 in Baden-Baden

Zeppeline am New-Pop-Festival-Himmel, Ballonfahrten an klaren Herbstmorgenden, Drachenflieger rund um den Merkur – der uralte Traum vom Fliegen lässt sich auf viele Arten umsetzen. Während   bei Thomas Cook & Co. sowie bei den Klimaaktivisten dieser Traum derzeit eher albtraumartige Formen annimmt, legt das Museum LA8 in Baden-Baden wieder einmal eine Punktlandung hin: Die „Welt von oben“ eröffnet den Besuchern neue Perspektiven – auch auf prominente Persönlichkeiten des 19. Und frühen 20. Jahrhunderts.

Während die bewundernden oder skeptischen Blicke „nach oben“ den Himmelsstürmern galten, verlieh der Blick „von oben“ automatisch Überlegenheit und entband – zumindest in der Kunst – den Sterblichen von seiner Erdenschwere. Göttergleich entspannt schwebte er über den Dingen, ganz im Sinne von Reinhard Mey, der die grenzenlose Freiheit über den Wolken besang.

In diesen bis dato den Göttern, Engeln, Hexen, Luftgeistern und Vögeln vorbehaltenen Freiraum drang im Jahr 1891 das Multigenie Otto Lilienthal ein. Ungläubig steht der Besucher der Baden-Badener Ausstellung unter der Nachbildung seines ersten Flugzeugs mit Tragflächen aus Tuch und Holz, die nach dem von Lilienthal entschlüsselten Prinzip der Vogelschwingen den Auftrieb nutzten. Dass dieses Wunderwerk der Technik tatsächlich flog, belegen die historischen Aufnahmen mit ihrer ganz eigenen faszinierenden Wirkung. Sie stammen – wie viele andere Leihgaben – aus dem Otto-Lilienthal-Museum in Anklam, dem Geburtsort des Flugpioniers, der 1896 im Alter von 48 Jahren an den Folgen eines Absturzes starb. Bruchlandungen legte auch der Maler Arnold Böcklin hin – der technikbegeisterte Künstler versuchte sich mehrfach als Flugzeugkonstrukteur, konnte aber mit seinen Plänen Otto Lilienthal bei einem Treffen in Berlin nicht überzeugen. Während Böcklin in seinen Gemälden eher erdverbunden blieb, zeugen zahlreiche Grafiken, Gemälde und Zeichnungen sowie Skulpturen im Museum von der Begeisterung der Kunst für den mystischen Luftraum: Zu sehen sind Werke von Francisco de Goya, Honoré Daumier, Hans Thoma, Max Klinger und Georg Kolbe. Es waren übrigens nicht nur Männer, die als „tollkühne Kerle in ihren fliegenden Kisten“ abhoben: Die Ausstellung erinnert unter anderem an das abenteuerliche Leben der Flugpionierin Melli Beese, und auch der Filmstar Tilla Durieux ließ sich medienwirksam als Fluggast fotografieren.

Dass Philipp Kuhn, der Kurator der nicht nur für Technikfans hochinteressanten Ausstellung, aus Berlin stammt, erscheint angesichts der wichtigen Rolle, die die alte Hauptstadt  bei der Entwicklung der heutigen Luftfahrt spielte, nur konsequent – auch wenn sich die Eröffnung des neuen Superflughafens BER eher zum Albtraum entwickelt.  Bis zum 8. März 2020 lässt sich der ursprüngliche Traum vom Fliegen im 19. Jahrhundert noch im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts nachvollziehen. (www.museum.la8.de)

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