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Der Bürger allein – auf der Bühne daheim

„Schein oder Sein – der Bürger auf der Bühne des 19. Jahrhunderts“ im Museum LA 8 in Baden Baden

Sie wären ganz schön überrascht, oder vielleicht eher „geflasht“, die Selfie-verliebten Teenies an der Bushaltestelle in der Lichtentaler Straße 8, wenn sie sich die Mühe machten, ein paar Schritte in den Hof in Richtung Museumseingang zu schlendern. Im LA8, dem Baden-Badener Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, inszenieren sich nämlich Herrschaften in Frack und Seidenweste, großer Robe oder strengem schwarzen Seidenkleid samt Spitzenkragen ähnlich wie ihre Nachfahren in Löcherjeans und Skinnytops. Auch sie agieren auf der Bühne des Lebens, spielen ihre von der Gesellschaft verordneten Rollen und präsentieren sich Zeitgenossen und heutigen Betrachtern in ihrer bürgerlichen Welt des schönen Scheins – naja, den heutigen Akteuren geht es meistes weniger um großbürgerliches „Wellbeing“ als vielmehr um Originalität und Veralberung des „good good life“ à la Baden-Baden sowie der Unterstreichung der eigenen Wichtigkeit.

Wichtig nahmen sich allerdings auch die Bürger, die im 19. Jahrhundert nicht länger Zaungäste in den Hoftheatern sondern hochgeschätztes Publikum in den öffentlichen Opernhäusern und Theatern waren. Das Bildungsbürgertum begnügte sich nicht damit, in Loge und Parkett den Künstlern auf der Bühne zu applaudieren – wer es sich leisten konnte, inszenierte für Leinwand oder auch schon Kamera das eigene Wohnzimmer als Bühne, um als Minnesänger oder Gretchen für Zeitgenossen und Nachwelt zu posieren. In „lebenden Bildern“ schlüpften ganze Familien in kostbare Kostüme, um Szenen aus der Mythologie, germanischen Sagen oder beliebten Bühnenklassikern nachzustellen. Auch die Maler schufen ihre Scheinwelten: Das Nobel-Atelier mit Palmen, Triumphbögen und kostbaren Möbeln diente nur als Kulisse für Feste und Kundenfang aus den Reihen der „oberen Zehntausend“ – gearbeitet wurde ganz woanders.

Wer sich ins Rampenlicht – und sei es nur das der heimischen Lampen – begibt, ist vor Kritik nicht sicher, und so machten sich Spötter in Bild und Wort mit Begeisterung daran, an dem schönen Schein zu kratzen – wunderbar ironische Arbeiten sind in der mit viel Liebe gestalteten Ausstellung zu besichtigen. Die unmittelbare Nähe des Museums zum Baden-Badener Theater schlägt sich nicht nur in einigen Exponaten nieder: Das Haus am Goetheplatz kooperiert mit Lesungen und mehreren Veranstaltungen bis zum Ausstellungsende am 8. September mit dem Nachbarn im LA8.

Infos: „Schein oder Sein – der Bürger auf der Bühne des 19. Jahrhunderts“, Museum LA8, bis 8. September, www.museumla8.de

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