Allgemein Essen & Trinken

Besuch beim Fürsten

 

Anders als damals, als Deutschland noch nicht wiedervereinigt war und der Staatsratsvorsitzende Honecker sich vom großen Bruder Gorbatschow anmaulen lassen musste („Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“), da ist man heute ja bisweilen ganz froh, wenn man nicht zu früh kommt.

Z.B. mag man sich gar nicht vorstellen, wie vor 1000 Jahren unter Markgraf Herrmann II. das Leben im Alten Schloss hoch über Baden-Baden so war. Ständige Streitereien mit den fürstlichen Nachbarn, dabei Kälte, Durchzug, Dreck und viel Gestank. Das Essen fürs Wochenende, ein junges Schwein, spielte noch mittwochs mit seinen Brüder- und Schwestersauen im Schlosshof Fangen. Kein Russe in Sicht, der das Anwesen kaufen wollte. Dafür unten im Ort eine zunehmend renitente Bürgerschaft, die es leid war, sich vom Fürsten schikanieren zu lassen.

„Gehe nie zu deinem Fürst wenn du nicht gerufen wirst“. So ein Satz kommt ja nicht von ungefähr, aber auch das hat sich in der heutigen Zeit gottseidank geändert. Kein nennenswerter Streit mit den Nachbarn, kein Dreck, und vor allem sind die altbadischen Schweine seit langem zu Wurst verarbeitet. Also Entwarnung auf der ganzen Linie.

Die richtige Zeit also für einen geruhsamen Spätsommerspaziergang hinauf zum ‚Alten Schloss‘, zum Schloss ‚Hohenbaden‘.

Zunächst aber werfen wir – die Geschichte immer mit uns tragend – im Vorübergehen noch einen schnellen Blick auf’s ‚Neue Schloss’. Hat sich dort zwischenzeitlich etwas getan? Erkennen wir einen Baufortschritt, wenigstens ein bisschen? Na, ja, immerhin sehen wir das neue Dach. Das ist ja schon mal was. Also weiter, zum Biergarten am Hungerberg, wo uns freundliche Altbadener und fröhliche Patienten der umliegenden Rehakliniken freundlich zuwinken. Heute aber wollen wir ihren sirenenähnlichen Rufen ausnahmsweise einmal nicht Folge leisten. Wir müssen weiter. Weiter hoch, zum Alten Schloss, denn dort, so hat man uns versprochen, gäbe es etwas ganz besonderes. Und in der Tat. Kaum haben wir den Schlosshof betreten, liegt ein ganz wunderbarer Duft in der Luft.

Es ist Kaffeezeit, und was unserer Nase so gut tut, ist der Geruch von in Fett gebackenen, frischen Apfelküchle. Schon das Ahnen, was jetzt gleich kommt, ist vielleicht nicht eine Reise, aber in jedem Fall ein Aufstieg wert. Und was dann etwas später auf dem Teller liegt, ist genau so, wie man’s sich vorgestellt hatte. Wunderbar gebacken. Nicht zu fett und in Zucker gewälzt. Und Vanilleeis gibt’s gern noch dazu.

Ein kleines Fest auf Porzellan.

Vielleicht wird der eine oder andere ein bisschen traurig sein, dass heutzutage hoch droben im Schloss kein urbadischer Fürst mehr lebt.  Dafür gibt’s dort jetzt  halt Fettgebackenes.

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