Der Badenblogger » 20. Juni 2021

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SCHÖN & GEFÄHRLICH

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 Das Museum LA8 befasst sich mit der hohen See im 19. Jahrhundert


Unbekannter Künstler: Die Taucherglocke von Charles Spalding (1738–1783), um 1815, Kupferstich, Privatsammlung, Foto: Leo Konopizky, MünchenEmotionen schlagen hohe Wellen, konsequent steuert der Erfolgreiche seinen Kurs, während der Erfolglose strandet oder abtaucht. Moby Dick, Nemo oder die kleine Meerjungfrau tummeln sich neben Seeungeheuern und Geisterschiffen in Literatur und Musik – nur ein paar Beispiele für die enge Beziehung von Seebären und Landratten, die sich durch die Jahrtausende und die Kulturen verfolgen lässt. Diese Faszination bringt die aktuelle Ausstellung im Museum LA8 auf den Punkt: „Gefährliche Schönheit“ lautet der Titel der wegen Corona rund zwei Monate später als geplant eröffneten Schau im Haus für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, die bis zum Jahresende ein breit gefächertes Themenspektrum bietet – und viel Stoff zum Nachdenken über den Umgang mit dem Meer als gigantische Müllkippe für Schrott und High-Tech-Abfall.

Max Klinger (1857–1920): Sirene (Triton und Nereide), 1895, Öl auf Leinwand, Sammlung Villa Romana, Florenz, befristete Leihgabe in der Galleria d’arte moderna, Palazzo Pitti, Florenz, Foto: Gallerie degli Uffizi, Florenz

„Im Weltraum kennen wir uns schon sehr gut aus, das Meer scheint dagegen unergründlich“, meint LA8-Museumsdirektor Prof. Dr. Matthias Winzen und erinnert sich an eigene Erfahrungen mit „Seebeinen“ nach einem Segeltörn. Diese Unergründlichkeit stellte Forschung, Militär und Handel im 19. Jahrhundert vor große Herausforderungen. Während das Festland durch technischen Fortschritt immer berechenbarer wurde, entzog sich die Natur im Wasser diesem Versuch der Entzauberung. Mochten Luxusdampfer und Kriegsschiffe scheinbar über Wogen und Stürme triumphieren, zeugten spektakuläre Unglücke und Schiffsfriedhöfe am Meeresgrund von der Unberechenbarkeit der Meere. Dramatische Berichte von Seeungeheuern ließen sich nicht nur als „Seemannsgarn“ abtun – zieht man die rumgetränkten Übertreibungen der Seebären ab, bleiben durchaus reale Beobachtungen übrig.

 

Das rund acht Meter lange Skelett eines Entenwals im unteren Foyer lässt durchaus an „Monster“ glauben, während die Malereien gelangweilter Matrosen auf Pottwalzähnen eher zum Schmunzeln anregen. Nautisches Zubehör auf dem damals höchsten Stand der Technik und Schätze aus gesunkenen Schiffen haben mehrere Museen beigesteuert, die spektakulärste Leihgabe – zumindest aus künstlerischer Sicht – stammt aus den Uffizien in Florenz. Max Klingers Gemälde „Triton und Nereide“ spiegelt im Liebesspiel der Sagengeschöpfe die unterschwellige Erotik der Ozeane und ihrer realen und mythischen Bewohner für die Menschen des 19. Jahrhunderts wider.

Um in diese von Dr. Philipp Kuhn kuratierte Ausstellung eintauchen zu können, sollten sich die Besucher viel Zeit mitbringen – dieser außergewöhnliche Strandspaziergang in unmittelbarer Oosnähe lohnt sich – ebenso wie ein Blick auf die Mitmachaktion „Strandgut“. Indirekt fordert auch diese Aktion zur Auseinandersetzung mit der Frage des Umgangs mit den Ozeanen auf und korrespondiert mit dem Aufruf des benachbarten Burda-Museums, für die im nächsten Jahr geplante Ausstellung über Korallen ein ganzes Korallenriff zu häkeln (www.museum-frieder-burda.de)

Irene Schröder

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