Der Badenblogger » 16. September 2019

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Allgemein Menschen

Des Glückes Schmied Teil 1

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Franz Botschek – der Mann am Feuer

Bei der Besetzung des ‚Mime’, des Schmiedes in der Oper ‚Siegfried’, hätte Richard Wagner an einem wie ihm seine helle Freude gehabt. Mächtig steht er da, ein Baum von einem Mann. Mit starken Armen, riesigen vom Rauch geschwärzten Händen und einem Lederschurz, der ihn vor der stärksten Hitze schützt. Schade nur, dass Franz Botschek nicht singen kann und Wagners Opern nicht kennt. Dafür aber liebt er ‚Truck Stop’ und steht auf Büchsenwurst.

Letztere braucht er auch, wenn er an seinen vier verschiedenen Feuerstellen arbeitet, die er sich zwischen seinem ererbten Elternhaus und einem angebauten Holzhaus eingerichtet hat. In Lauf, einem kleinen Dorf in der Ortenau. Dort geht er seinem schweren Handwerk nach, inmitten eines höher gelegenen Wohngebietes, wobei er an der Feuersicherheit seines Arbeitsplatzes nicht den geringsten Zweifel aufkommen lässt. In der Ferne liegt die Rheinebene und ganz unten das gemütliche Dorf. Neben sich hat er Bier und Büchsenwurst, und hinter sich eine Säulenbohrmaschine von 1910. Und für einen kurzen Augenblick lang mag man sich der trügerischen Illusion hingeben, dass diese Vergangenheit doch noch ein Morgen haben könnte, ohne Gedanken an die Globalisierung, ohne Bits und Bytes. Gern möchte man sich noch eine Art Zukunft vorstellen, geschaffen durch eines rechten Mannes Hände Arbeit, übriggeblieben aus einer Zeit, in der hochqualifizierte Arbeitskräfte sich nicht entscheiden mussten, ob sie zum Arbeiten entweder das iPhone oder den Becher Latte Macciato aus der Hand legen sollen.

„Hey Boss, ich brauch‘ mehr Geld“ hört man Gunter Gabriel im kleinen Kofferradio singen, das schwarz, von Ruß, mit scharfkantig abgebrochener Antenne in der Ecke hängt. Gunter Gabriel übt – wenn man so will – ebenfalls eine Art  Handwerk aus: das eines Barden. Auch dieses Handwerk hat einer Art Zukunft, nämlich im RTL Dschungelkamp, in das demnächst der Barde mit Gitarre und Toupet für viel Geld einzieht. So etwas ist Botschek von Haus aus suspekt. Nichts für ihn. Schall und Rauch.

Doch kommt auch das Schmiedehandwerk ohne beides nicht aus….

 

 

 

(sämtliche Fotos mir freundlicher Genehmigung von Samuel Hess. Siehe auch    www.samuelhess.de)

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Des Glückes Schmied Teil 2

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Doch kommt auch das Schmiedehandwerk ohne beides nicht aus. Das sieht die Nachbarin offensichtlich ähnlich, wenn der Rauch der feurigen Esse in ihre Richtung zieht und Wucht und Lärm des Federhammers die Fundamente ihres Nachbarhauses erzittern lassen. Das ist halt so. Das rührt sie nicht. Eher machte sie sich Sorgen, wenn das Gewerbe von Zeit zu Zeit ruht und sie vom Nachbarn nichts hört.

Es sind vielleicht diese stillen Momente, in denen er vom Wilden Westen träumt, wo es ihn in Gedanken immer wieder hinzieht, so etwa, wenn er in einem Buch über Indianer blättert oder über die Cartwrights aus der Serie ‚Bonanza’ ins Schwärmen gerät. Schon der Anblick der massiven, zusammengefügten Balken seines Holzhauses, die sich seit dem Einzug wie berechnet um acht Zentimeter gesenkt haben, befeuert seine Träume. Den Rest erledigt an kalten Abenden der offene Kamin. Im flackernden Licht der offenen Flamme zieht er dann schon mal den Stetson auf, den ihm ein früherer Kollege aus Amerika mitbrachte und den einst John Wayne bei einer Filmproduktion getragen hatte. Das sind dann die Momente, in denen Franz Botschek, der Schmied, durchblicken lässt, dass hartes Eisen auch mal weich werden kann. Es kommt halt auf die Temperatur an.

Doch lasse man sich nicht täuschen: sein Reich ist auch von dieser Welt. Froh, mit einer auskömmlichen Betriebsrente seines ehemaligen Arbeitgebers SWR versorgt zu sein, macht er jetzt nur noch das, was ihm Spaß macht. Auch heute noch bekommt er eine Gänsehaut, wenn er an seinen ersten Hammerschlag aufs rotglühende Eisen denkt. Diese Begeisterung für sein geliebtes Handwerk möchte er weitergeben, in monatlich stattfindenden Schmiedekursen, in denen er fünf Laien in einem sechsstündigen Grundkurs vermittelt, dass das Glück eines Menschen auch auf einem Amboss liegen kann. Rechtsanwälte durften das ebenso erfahren wie ein Strahlentherapeut, Kaminfeger, Steinmetze und, ja, auch Frauen. Unterbrochen nur durch das Auslöffeln der ‚Schmiedesuppe‘, lernen sie bei solch einem Lehrgang, dass das Beherrschen von Grundschmiedetechniken wie das Aufspalten, Spitzschmieden und das Tordieren, unerlässlich ist, will man am Ende eines Samstags mit einem selbstgeschmiedeten Teelichthalter zwar arm- und handlahm, dafür aber glücklich in den Flieger nach Berlin steigen.

So ein Leben hat er sich immer gewünscht…..

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Des Glückes Schmied Teil 3

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So ein Leben hat er sich immer gewünscht. Schaffend und selbstbestimmt, hoch über Lauf, ins Tal blickend. Ein bisschen wie der Türmer aus Goethes Faust, der „zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“ war und endet mit: „Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehen, es sei, wie es wolle, es war doch so schön“. Dass er so weit kommen konnte, verdankt er einerseits seiner guten Konstitution. Anderseits aber auch seiner Disziplin und Arbeitslust.

Ansonsten beharrt er eigensinnig darauf, dass jeder ein gutes Stück weit seines Glückes Schmied sei. All dies zusammen ließ ihn in siebenundvierzig Jahren Arbeit nicht einen Tag arbeitslos sein. Wofür er dem Herrgott im Allgemeinen, Andrea Nahles aber im Besonderen dankt. Letzterer hält er zugute, dass sie ein Gesetz durchgebracht hat, das ihm jetzt ermöglicht, nach fünfundvierzig Berufsjahren mit dreiundsechzig abschlagsfrei in Rente zu gehen. Es war ihm ein tiefes Bedürfnis, sich dafür erkenntlich zu zeigen. So schmiedete er der Ministerin ein Hufeisen mit einem Kleeblatt, fügte dankende Worte hinzu und war fast gerührt, als ihn drei Tage später ihn ein Anruf aus dem Ministerialbüro erreichte. Andrea Nahles würde ihn gern sprechen. Man führte ein zehnminütiges Telefonat, in dessen Verlauf sie sich für das Präsent herzlich bedankte und ihm versicherte, dass ihm ein gebührender Platz in ihrem Büro sicher sei. Und ganz besonders hätte sie sich über das Hufeisen gefreut, weil sie doch selbst Pferde habe.

Und zudem sei auch ihr Großvater Schmied gewesen.

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