Der Badenblogger » 2. Februar 2019

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Allgemein Stadtstreicher

Das Hochamt

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Wie Baden-Baden einmal eine Gemeinderatssitzung abhielt

Foto 1Wer in Baden-Baden ein öffentliches Amt begleitet, kommt an den Brezeln nicht vorbei. Von oben, der Empore aus, betrachtet, stehen sie auf der linken Seite des Ratssaales, zusammen mit dem Hefezopf, der bei der öffentlichen Sitzung des Gemeinderats allerdings nicht übermäßigen Zuspruch findet. Ganz anders als die Brezeln, die von den Gemeinderäten und –rätinnen gern genommen und vorsichtig zum genau bestimmten Sitzplatz getragen werden.
Gottseidank hat der städtische Verpflegungsetat auch noch Mineralwasser vorgesehen. Jedenfalls war vom Besucherplatz aus nicht zu erkennen, ob die Brezeln mit oder ohne Butter gereicht werden. Eher ohne, denn so trocken, wie die Brezel, geriet im Folgenden denn auch die ganze Sitzung.

Was ja irgendwie auch zum Ratssaal passt, dessen Inneres mit seinen schweren braunen Balken stark an ein Jagdhaus erinnert; fehlen nur noch die präparierten Köpfe von Wildschwein, Hirsch und Rehkuh.

Auf einen einigermaßen lebendigen Sitzungsverlauf hatte man anfänglich noch gehofft, vor allem, als man sah, wie ein Stadtrat zwar in Schuhen aber ohne Socken die Staffeln zum Rathaus empor stieg. Und für einen flüchtigen Augenblick lang wähnte sich der an lebendiger Demokratie interessierte Besucher im Vorzimmer eines englischen Parlaments, wo es – um eine Formulierung Johann Peter Hebels zu verwenden – ‚bisweilen ja etwas wunderlich hergehen soll’ (er hatte das nicht über das englische Parlament gesagt).

Aber wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so zeigte sich, dass ein sockenfreier Stadtrat noch lange nicht für eine lebendige Sitzungskultur stehen muss. Die Kamera, die vor Beginn der Sitzung, mit langsamem Schwenk über die vielen gewählten Repräsentanten streift, filmte dann doch eher eine Anzahl von Herren im überwiegend besten Alter, von oben unschwer an der tonsurähnlichen Frisur festzumachen. Doch auch die Stadträtinnen, manche durchaus noch jung an Jahren, gaben sich von ihrer äußerlichen Erscheinung her eher gedeckt. Was freilich daran filmisch für die Nachwelt festzuhalten ist, entzieht sich dem Betrachter, zumal sich eine fröhliche Nachfrage von oben herab verbietet. Besucher werden gebeten, von Zwischenrufen abzusehen. Keine Sorge.

Nun war die Tagesordnung auch nicht – wie man so sagt – der Brüller. Es wurde im Wesentlichen ‚verabschiedet’. Und zwar verabschiedete man zunächst die Foto 2-2‚Haushaltssatzung‘, dann den ‚Wirtschaftsplan der Stadtwerke‘ und daran anschließend den des ‚Eigenbetriebs Umwelttechnik‘. Weiter wurde verabschiedet der ‚Haushaltsplan der Events GmbH‘ und der ‚Wirtschaftsplan der Gemeinnützigen Gesellschaft zum Erwerb und anschließenden Nutzungsüberlassung des Festspielhauses’, allesamt also Sitzungspunkte, die in einer trockenen Brezel ein Maximum an kulinarischer Entsprechung gefunden hatten.

Wohl dem, der jetzt eine Flasche Wasser mit sich führte und ein bisschen Zerstreuung am allgegenwärtigen ‚Tablet‘ fand, über dessen Bildschirm immer dann gestrichen wurde, wenn es galt, herabgefallene Krümel oder die Salzkörner der Brezel von der Oberfläche des Bildschirms zu entfernen.

Wenn Demokratie ein Stück weit auch vom Ritual und dem verlässlichen Wiederholung des Immergleichen lebt, war auch diese Sitzung ein Beispiel dafür, dass gelebte Demokratie nicht notwendigerweise lebendig sein muss. Jeder spielt halt seine Rolle, so etwa, wenn die Grüne, Beate Böhlen, brav die Verwendung von Papier mit dem PEFC Siegel im innerbehördlichen Schriftverkehr anmahnt. Vielleicht hätte man da früher noch gelacht. Aber heute lacht da keiner mehr. Nachhaltiges Schreiben. Nachhaltiges Lesen.

Doch auf einmal wurde es doch noch lebendig. Als Martin Ernst, seines Zeichens Vorstand ‚Freie Bürger für Baden-Baden‘, sich in einem Flugblatt und nicht wie üblich im Haushaltsausschuss zum Schuldenstand der Stadt äußerte, kam unverhofft noch Dampf in den Topf. Jedenfalls verwahrte er sich in der Sitzung, mit seinem Namen mit irgend einem Thema in Zusammenhang gebracht zu werden. Die Oberbürgermeisterin, deren Art, die Sitzung zu führen, sich ebenfalls an der Konsistenz einer trockenen Brezel orientierte, ging unverhofft zum Angriff über und kanzelte ihn bündig ab. Einen Augenblick lang hatte da der Betrachter den Eindruck, eben wäre Butter auf die Brezel gekommen.

Als sich dann ein Großteil des Gemeinderats nach der Sitzung unverzüglich im ‚Amadeus’ am Leo einfand und auch Margret Mergen sich in dieser Rund locker gab, da konnte man den Eindruck gewinnen, alle zusammen hätten anlässlich dieser Gemeinderatssitzung an einem überaus erregenden Experiment teilgenommen, von dem man sich jetzt erst mal erholen müsste.

 Wenn das mal keine Demokratie ist.

 

 

 

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