Der Badenblogger » 11. August 2017

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Mehr Heimat war nie Teil 1

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Der ‚BUND HEIMAT & VOLKSLEBEN‘ sorgt sich ganz viel um die Vergangenheit und ein bisschen um die Zukunft

Von Offenburg kommend, schiebt sich die Fahrzeugkolonne langsam durch das satte Grün des Kinzigtals. „Sehnen wir uns nicht alle nach Entschleunigung?“, fragt der Prospekt des ‚Schwarzwald Tourismus’. Ganz bestimmt. Im vorliegenden Fall liegt der Grund für unser Sehnen allerdings im gesperrten Tunnel bei Haslach und der Umleitung des Verkehrs quer durch das schmucke Städtchen. Doch auch das schärft unsere Sinne.

So registriert die Nase ein nach Holz duftendes Sägewerk, das Auge entdeckt Andenkenläden mit Postkartenauslagen, und auf einer überdimensionierten Werbefläche begrüßt uns Hansy Vogt, der als „Schwarzwaldbotschafter“ den Freunden des Schwarzwaldmädels Boxspring-Betten empfiehlt. „Schwarzwald trifft Schlafkomfort“, steht da zu lesen. Doch hält die Entschleunigung an, bis man das Freilichtmuseum ‚Vogtsbauernhof’ erblickt, wo nach endlos langen Bemühungen es endlich gelungen ist, einen Bahnhalt zu bekommen. Außerdem freut man sich über die demnächst anstehende große Erweiterung der Museumsfläche.

Mittlerweile meldet das Thermometer im Fahrzeuginnern eine Außentemperatur von 31 Grad, was allerdings klar übertroffen wird von der Temperaturanzeige vor der Gutacher Sparkasse, die heiße 41 Grad vermeldet, ein Thermometerstand, der sich – nur laut Anzeige – im Laufe des Gesprächs mit dem Bürgermeister allerdings noch bis 51 Grad steigern wird. Im Rathausinneren ist es erfreulicherweise etwas kühler.

 

Dort residiert Bürgermeister Siegfried Eckert, der sich zuvörderst um die Amtsgeschäfte, dann aber auch noch um Traditionen und die Schwarzwälder Tracht kümmert. Gutach ist die „Heimat des Bollenhutes“, ein Markenzeichen, das weltweit für die Ferienregion Schwarzwald steht. Da trifft es sich ganz gut, dass der Bürgermeister zudem noch als 1. Vorsitzender eines Verbandes fungiert, der sich ganz der Tradition und dem Bewahren verschrieben hat: der „Bund Heimat und Volksleben“. 1948 gegründet hat er heute 13 000 Mitglieder, die sich in 210 Vereinen für „Erhaltung, Pflege und Förderung des bodenständigen Volkslebens“ einsetzen. Dazu zählt man „Tracht, Lied, Musik, Tanz, Mundart, Sitte und Brauchtum“. Das Mittel dazu ist die allfällige Präsenz. Dazu zeigt man sich in der Öffentlichkeit, etwa beim Kreistrachtenfest in Auggen und auf der Oberrheinmesse in Offenburg. Weiter ist man dabei beim ‚Tanzsunntig’ in Gurtweil, ‚Albabtrieb’ in Simonswald, und beim ‚Hördöfelfäscht’ der Trachtenkapelle Rickenbach. Weiter verschönert man mit seiner Anwesenheit den „Speckeierhock“ beim Musikverein Kirnbach. Und dann kommen natürlich noch die Lichtgänge gegen Ende des Jahres, z.B. in Zell im Wiesental.

„Wir gehen zu den hohen Herren“, sagte der 1. Vorsitzende Eckert, womit er aber keineswegs andeutet, dass er – wie er’s vielleicht in den Bauernkriegen getan hätte – die aufrührerischen Bauern gegen die Herrschaft in Hornberg zu führen gedenkt. Vielmehr weiß er wohl, wie wichtig es für so einen Verband ist, sich politisch zu vernetzen, sich des Rückhalts derer zu versichern, die im Lande halt so das Sagen haben, seien es der jeweilige Landrat, die Regierungspräsidentin, der Bischof oder der Ministerpräsident. Letzter zwar der grünen Partei zugehörig, aber irgendwie doch nicht. Das geht. Bei der Jahreshauptversammlung des Verbandes in diesem Jahr hat z.B. der Baden-Württembergische Innenminister Strobl seine Aufwartung gemacht. Und am Neujahrempfang durfte man sich auch schon mal der Anwesenheit des Prinzen Bernhard von Baden erfreuen, der das Amt eines Protektors begleitet. Weitere Wucht verschafft man sich durch schmückende Auftritte anlässlich des Besuchs von Obama. Aber auch beim Papstbesuch ging es nicht ohne. „Da waren wir in der vordersten Reihe“.

 

Demnächst mehr. Hier.

Die Bilder wurden mir netterweise und zum Großteil von Michaela Kindle/Freiburg zur Verfügung gestellt.   (www.kindle-photography.de)

 

Auch mal reinschauen bei www.kosmos-schwarzwald.de/

Allgemein

Mehr Heimat war nie Teil 2

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DER ‚BUND HEIMAT & VOLKSLEBEN‘ SORGT SICH GANZ VIEL UM DIE VERGANGENHEIT UND EIN BISSCHEN UM DIE ZUKUNFT

Um das Thema zu vertiefen, sollte man hinaufsteigen in den dritten Stock, dem Arbeitszimmer von Ursula Hülse. Sie ist seit 1974 Geschäftsführerin des Verbandes. Seit nunmehr 43 Jahren kümmert sie sich darum, dass das Herz der Trachten- und Brauchtumsvereinigung zuverlässig schlägt. Man könnte auch sagen: ohne Ursula Hülse geht nichts.

Ihr Arbeitszimmer mit seinen je verschiedensten Ablagestapeln zeugt von der Vielzahl der Baustellen, an denen sie sich täglich zum Wohle der Tradition abarbeitet. Doch wer glaubt, die leicht angestaubte Remington Schreibmaschine oder angefangenen Stickarbeiten an einem ‚Schäppel‘ würden ihren Alltag bezeichnen, dächte entschieden zu kurz. Ihr Reich ist durchaus von dieser Welt. Schon das leise Summen des Rechners verrät, dass sie sich bei der Kommunikation eher auf E-Mail verlässt, als auf das Flitzen des Kugelkopfes oder gar die Sütterlinschrift.

Dort oben, knapp unterm Dach, laufen die Fäden des Verbandes zusammen. Dort werden die Termine gesetzt, die Zeitschrift gestaltet und Beiträge verbucht. Und dann noch die Pflege des Archivs. Das große verwaltungstechnische Allerlei hält sie aber nicht davon ab, ohne zu zögern sich über ihr eigenes Verständnis darüber zu äußern, was ihr die Tracht bedeutet. Jedenfalls sei ihr diese „keine Verkleidung“, um dann hinzuzufügen, für sie sei es das Symbol der „Verbundenheit zur Heimat“, „das Ehrenkleid“, das gänzlich zu akzeptieren sie sich ganze zwei Jahre Zeit gelassen hatte. Und es klingt ein bisschen, als hätte sie die Regel des Hl. Benedikt befolgt: „Man achte sorgfältig darauf, ob der Novize wahrhaft Gott sucht“.

Bei der Suche nach dem Gott des Trachtenwesens ist sie jedenfalls unermüdlich. Sie hilft dabei, wo sie kann. Unzählige Bände, die Geschichte des Trachtenwesens bebildernd, sind ihr dabei eine unverzichtbare Hilfe. Sucht ein Verein etwa eine neue Tracht, taucht sie tief ein in die Historie, ergänzt Vorliegendes, sichtet eventuell noch Vorhandene. Und man stellt sich die Frage: ist Tracht denn tatsächlich so etwas Unabänderliches, etwas, das sich kaum wandelt? Sieht es von außen zunächst so aus, als verstehe sich der Verband als Hüter des Bollenhut-Grals, so entdeckt man jenseits des ersten Eindrucks noch andere Herangehensweisen, Veränderungen (notgedrungen?) zulassend. Etwa Tatoos am Jungvolk. Ursula Hülse, Nachwuchsprobleme durchaus einräumend – „ein Riesenloch zwischen 20 und 45 Jahren“ – will sich da nicht definitiv festlegen. Das überlässt sie den einzelnen Vereinen, und räumt doch ein, dass auch ihr Vater bereits ein Tatoo getragen hatte.

Ist das eine schmale Brücke in die Zukunft?

 

  

Demnächst gibts noch Teil 3 und damit Schluß. Bleiben Sie dran.

 

Die Bilder mit freundlicher Genehmigung des ‚Verbandes Heimat und Volksleben‘. Und http://www.kindle-photography.de

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