Der Badenblogger » 25. Januar 2015

Daily Archives: 25. Januar 2015

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Ach, die Russen…Teil 1

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IMG_0597Wieso unsere Gäste wieder einmal Iwan Turgenjew lesen sollten

Für die Russen ist die Lichtentaler Allee so etwas wie die Rennstrecke in die Vergangenheit. Täglich machen sich ganze Scharen russischer Besucher auf, um sich spazierend zurück zu träumen in eine bessere Welt, damals, als Russland noch groß und der Zar noch am Leben war. Es hat den Anschein, als liebten die Russen die Allee. Fast noch mehr, als es die dort watschelnden Enten tun.
Wer beim allfälligen Spaziergang jedoch den Blick schweifen lässt, dem wird das Denkmal von Iwan Turgenjew auffallen, das, oft mit Blumen dekoriert, ebenfalls von der glorreichen Zeit berichtet, als Baden-Baden noch die ‚Sommerhauptstadt Europas‘ genannt wurde und der Zarenhof mit Kind, Kegel, Bediensteten und Mätressen alljährlich hier Quartier nahm. Und mit im Gefolge die Creme de la Creme der russischen Dichter, die als Hofpoeten allerdings nicht so recht taugen wollten.
Den Mythos begründet, dass Baden-Baden eine beinahe russische Stadt sei, haben sie allemal. Wer sieht, wie andächtig russische Besuchergruppen Dichterhäusern Referenz erweisen, wie ihre blonden Töchter einen Augenblick lang das iPhone vergessen und die Väter kurz den Blick vom ‚Löwenbräu‘ nehmen, der ahnt, wieviel auch dem einfachen Russen seine Dichter bedeuten. Und doch wäre es der russischen Selbsterkenntnis durchaus zuträglich, nähme man sich Zeit für deren Lektüre. Was ein Stück weit auch mit der derzeitigen Lage zu tun hat.

Es soll hier keineswegs die derzeitige Malaise Russlands mit den durch Putin und den seinen hervorgerufenen Großreichträumen im Detail dargestellt werden. Die Lage scheint nur so zu sein: bedingt durch den Absturz des Ölpreises nebst Sanktionen des Westens gerät das schwere Reich zunehmend ins Wanken, ja, es wird schon spekuliert, ob Putin das Jahr 2016 noch in seinem Amt erleben wird. Der Grund: Russland hat es in all den Jahren großer Einnahmen versäumt, selbst im Ansatz eine eigene produktive Wirschaft aufzubauen. „Je hochwertiger die Technologie, umso schwerer können wir die Importprodukte ersetzen“, erklärt Vladimir Zujev, Professor am Institut für globale Ökonomie der Moskauer Higher School of Economics. Hinzu kommen die riesigen Schäden durch Alkohol am Arbeitsplatz. Kurz: die Lage ist düster. Neu ist sie nicht.

Machen wir jetzt einmal den Russen die Freunde…..

 

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Ach, die Russsen…Teil 2

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Machen wir jetzt einmal den Russen die Freude, ihre Dichter zu lesen Da zeigt es sich, dass das Problem nicht neu ist. Schlagen wir z.B. den Roman auf, den Turgenjew – er wohnte hier von 1863 bis 1870  – 1867 verfasst hat. Er heißt ‚Rauch’ und hat Folgendes zum Inhalt: Litwinow, ein junger russischer Gutsbesitzer stattet Baden-Baden einen Besuch ab, um sich hier mit seiner Braut zu treffen. Hier gerät er in die Kreise verschiedenster Emigrantengruppen. In Gesprächen mit diesen zeichnet Turgenjew im Folgenden ein überaus kritisches Bild der damaligen russischen Gesellschaft, das ihm rückblickend mehr Verehrung einbringen sollte als bloß einen Tulpenstrauß vom nahegelegenen Netto Markt.

Zunächst einmal beschreibt er in einem Romandialog die Ambivalenz der Russen gegenüber dem Westen,  die sicherlich bis heute noch ihre Spur zieht.

„Kommen…zehn Russen zusammen“, lässt er da einen Potugin sagen, „so erhebt sich augenblicklich….die Frage nach der Bedeutung und der Zukunft Russlands….Sie kauen an dieser unglückseligen Frage herum wie Kinder auf einem Stück Gummi…Na, und bei dieser Gelegenheit ziehen sie dann natürlich auch gleich über den verfaulten Westen her. Welch ein Rätsel, man bedenke nur: Da schlägt er uns in allen Punkten, dieser Westen – aber er ist verfault! Wenn wir ihn wenigstens noch wirklich verachteten“.

An anderer Stelle scheint es, als hätte er die Faszination, die Ideologien auf Völker ausüben können, allgemeingültig beschrieben.

„…die Sklavengewohnheiten sind viel zu tief in uns verwurzelt, als dass wir uns so bald von ihnen frei machen könnten. Wir brauchen immer und überall einen Herren…“ Oder, wie er es nennt: „eine sogenannte Richtung“. Damit meint er eine Idee, eine Ideologie, und es scheint naheliegend, hier den späteren Kommunismus oder das derzeitige Streben nach Großrussland zu sehen.

Daran anschließend bleibt er aber völlig aktuell, so z.B. wenn er die (damalige) vollständige Abhängigkeit der russischen Wirtschaft vom Rohstoffexport anspricht, der ja ein großes Stück auch heute wieder verantwortlich ist für die wirtschaftliche Misere. So lässt der Dichter seinen Protagonisten sagen: „Ja, Rohstoffe, unverarbeitete Erzeugnisse….Diese Rohstoffe sind größtenteils nur deshalb so gut, weil es in anderer Hinsicht bei uns gotteserbärmlich aussieht“.
Um dann eine weitere Misere anzusprechen, das Ausbleiben jeglicher Innovationsfähigkeit.

„Die russische Erfindungsgabe! Unsere Herren Gutsbesitzer beklagen sich bitter und erleiden große Verluste, weil es keine brauchbare Korndarre gibt…Und warum gibt es sie nicht, weil der Deutsche sie nicht braucht…Wir aber sind nicht dazu imstande (sie zu entwickeln. d.V.)! Sind nicht dazu imstande, und damit basta!“

Interessant in diesem Zusammenhang….

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Ach, die Russen…Teil 3

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Wieso unsere Gäste wieder einmal Iwan Turgenjew lesen sollten

Interessant in diesem Zusammenhang der folgende Vergleich. Im Zeitraum von 2003 bis 2012 erhielten Anmelder aus Deutschland 130.032 Europäische Patente. Die Zahl der Europäischen Patente, die aus Russland stammten, betrug in dieser Dekade gerade mal 462.
Wie aber klingt diese Einsicht im Buch?
„…und Russland hat auch im Laufe von zehn Jahrhunderten nichts Eigenes hervorgebracht,“ lässt da Turgenjew seine Person sagen, „weder in der Verwaltung noch in der Justiz, weder in der Wissenschaft noch in der Kunst, ja, nicht einmal im Handwerk“.
So hart also spricht der so überaus geliebte Dichter zu, nein besser: über die Seinen.
Es scheint, dass sich über all die Jahrhunderte nichts Gravierendes geändert hat. Im jedem Fall aber zeigt sich, dass es der Liebe zu einem Dichter nicht unbedingt abträglich sein muss, wenn man ihn nicht gelesen hat. Aber vielleicht ist es einfach so: was man nicht – lesend – erkannt hat, kann oder will man auch gar nicht ändern.
Ein kleines Zitat sei uns hier noch gestattet. Hugh Thomas fasst in seinem Werk ‚Geschichte der Welt‘ das ganze Übel so zusammen: „Der mittelalterliche Großpflug war – bis zum russischen Roman des 19. Jahrhunderts – der einzige Beitrag der Slawen zum Fortschritt der Menschheit“.
Wie das mit unseren Russen so weitergeht, wissen wir nicht. Immerhin aber haben wir ihren Roman.

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